ISON: Dramatischer Einbruch der Gasproduktion

Schafft es der Komet ISON noch bis zum Perihel am Donnerstag? Eine Nachricht von heute Nachmittag lässt daran zweifeln. Israel Hermelo (IRAM Granada) and Michal Drahus (Caltech/NRAO) berichten über einen „dramatischen“ Einbruch der Gasproduktion. „Das mag bedeuten, dass der Kern nun bestenfalls marginal aktiv ist – oder nicht mehr existiert“, meint Drahus. Letzteres wäre das Ende des Kometen – und wohl auch der Hoffnungen auf eine spektakuläre Show am Dezemberhimmel.

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Nun haben wir uns an „Todesmeldungen“ zu ISON im Wochenrhythmus gewöhnt – diese hier ist aus zwei Gründen ernster.

Denn erstens ist ISON nun in einer Sonnennähe, in der ein Zerbrechen seines Kern nun wirklich keine Überraschung mehr wäre. Das war bei den vor Monaten (v. a. von Ignacio Ferrín) verbreiteten Zerfallsmeldungen nicht der Fall.

Zweitens haben Hermelo und Drahus mit dem 30-Meter IRAM-Teleskop auf dem Pico Veleta in der spanischen Sierra Nevada den Kometenkern ziemlich direkt im Blick. IRAM ist ein Radioteleskop für elektromagnetische Wellen im Millimeterbereich. Damit ist ISON sogar am Taghimmel beobachtbar – wie Drahus beschreibt, bis zu einem Grad neben der Sonne (dann erst schlägt die Steuerung des Teleskops Alarm). Außerdem stört in dem von IRAM erfassten Wellenlängenbereich das Hintergrundlicht des Taghimmels nicht. Die Beobachtung von „Schwingen“ in der Koma, die erst kürzlich als Anzeichen für eine Fragmentation gedeutet wurden, bezog sich dagegen auf die ausgedehnte Staubwolke um den Kern, war damit also indirekter, und ließ sich zudem auch anders deuten.

Hermelo und Drahus berichten, dass die Ausstoßrate von HCN-Gas in den letzten fünf Tagen um einen Faktor 20 abgenommen habe – das wäre in der Tag ein dramatischer Rückgang. HCN (Blausäure) wird von Kometen in großen Mengen freigesetzt. In der Sonnennähe wird das Molekül aber durch die UV-Strahlung schnell zersetzt – innerhalb einer Stunde im Falle von ISON derzeit. Da das IRAM-Teleskop zudem nur einen engen Bereich um den Kometenkern erfasst, können die Astronomen mit Hilfe des HCN-Moleküls also erfassen, was jetzt, also unmittelbar bei der Beobachtung, mit dem ansonsten unsichtbaren Kern los ist. Wenn man so will: mit der Messung des HCN können die Astronomen ISONs Puls direkt fühlen.

Und ein rapide schwächer werdender Puls bedeutet auch für Kometen nichts Gutes. Dass ISON auf den STEREO-Bildern noch recht proper aussieht, kann eine Täuschung sein: Optische Teleskope sehen nicht den Kern, sondern die Kometenkoma, also die viel größere Wolke aus Staub und Gas, die den festen Nukleus umgibt. Veränderungen des Kerns werden erst mehrere Tage später in der Koma sichtbar. Der eigentliche Komet kann also schon nicht mehr existieren, obwohl die Koma und Schweif noch auf den STEREO-Bildern erkennbar sind. Kurz bevor der Komet den irdischen Beobachtern entschwand, schien er tatsächlich wieder etwas schwächer zu sein, als erwartet (wobei Sichtungen in der hellen Morgendämmerung sehr schwierig zu beurteilen sind).

ISON ein Kometen-Zombie? Wie immer heißt es: Abwarten – und die Entwicklung des Kometen (oder das, was von ihm übrig ist) verfolgen. Die Entscheidung fällt in den nächsten Tagen.

Einen weisen Spruch twitterte heute übrigens Karl Battams vom CIOC-Team: „Noch nie wurde ein derart nah an der Sonne vorbeikratzender Komet so detailliert untersucht. Wir haben daher keine Ahnung, was sein ‚typisches‘ Verhalten ist!“

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UPDATE (26.11. 10:00): Wirklich Neues gibt es nicht, nur ein Für-und-Wider unterschiedlicher Erklärungsmodelle. So vermutet ein TRAPPIST-Mitarbeiter, dass nur ein bislang aktives Gebiet auf dem Kometenkern „leergelaufen“ ist, und wir einen neuen Aktivitätsschub erwarten können, sobald die Sonneneinstrahlung frische Eisreservoirs anzapft. Das erfordert allerdings die Existenz eines einigermaßen stabilen, nicht völlig fragmentierten Kerns, was andere für zweifelhaft halten.

Eine alle derzeit für ein Zerbrechen sprechende Anzeichen enthaltende „Liste des Schreckens“ findet sich hier. Neben der Abnahme der HCN-Produktion ist laut TRAPPIST auch die Wasserproduktion um einen Faktor 3 gefallen. Die genannte Staubproduktionsmessung von CARA wird gerade neu analysiert, offenbar gab es systematische Fehler. Und wie man liest hat Terry Lovejoy eine systematische Abweichung der Kometenposition festgestellt, solche nicht-gravitativen Effekte wären ein starkes Signal für einen Kernzerfall. Leider wurde die Info dazu hinter einer Facebook-Mauer verborgen.

Das letzte CIOC-Update klingt auch nicht mehr so optimistisch.

Allem zum Trotz schaut ISON auf den STEREO-Bildern (seit heute morgen auch auf dem COR2-B) immer noch gut aus, aber warum das nichts heißen muss, ist oben erklärt.#

UPDATE (27.11. 00:15): Aller schlechten Nachrichten zum Trotz gibt es zumindest die Behauptung einer Tageshimmelsichtung aus der Dominikanischen Republik. Mit Hilfe einer Blende und zweier unabhängiger Kameras wollen die Kollegen dort einen hellen Fleck an der Position des Kometen fotografiert haben. Allerdings sind keinerlei andere Objekte (Sterne, Planeten) auf den Aufnahmen sichtbar, wie auf Nachfrage erklärt wurde. Somit bleibt die Behauptung erst mal was sie ist: eine Behauptung.

Jan Hattenbach

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Allgemeines Live-Blog vom 23. bis 27. 11. 2013 | Skyweek Zwei Punkt Null

  2. Hallo Jan,

    das wären in der Tat schlechte Nachrichten für die Amateubeobachter. Häufig leben totgesagte länger, drücken wir die Daumen, dass das auch diesmal der Fall ist.

    Grüße,
    André

  3. Pingback: Überlebt Komet ISON die Sonnenpassage? | Astrofan80s Blog

  4. Hallo locke,

    die leichtflüchtigen Anteile des Kometen, wie zum Beispiel Wasser, Ammoniak und Methan, können durch die Sonnenwärme verdampfen.

    Im Vakuum des Weltraums gehen diese Verbindungen schon bei sehr niedrigen Temperaturen direkt vom festen in den gasförmigen Zustand über.

    In unserem Sonnensystem liegt diese sogenannte Eislinie mit ungefähr minus 130 Grad Celsius, ungefähr beim 4 bis 5 fachen Sonne-Erde-Abstand.

    Der Komet ISON kommt der Sonne viel näher, und könnte auf mehr als 2000 Grad Celsius erhitzt werden.

    Wenn die Anteile von festen Materialien, wie zum Beispiel von Gesteinen oder von Nickeleisen, nicht fest aneinander haften, dann werden sie entweder von den Dämpfen, oder von den Gezeitenkräften auseinander getrieben.

    Kometen haben eine sehr geringe Masse, und daher eine sehr geringe Oberflächengravitation, die sie zusammen hält.

    Die Gezeitenkräfte entstehen durch die Unterschiede der Sonnengravitation und der Trägheitskräfte entlang des Durchmessers des Kometen, einfach deshalb, weil immer einige Teile des. Kometen der Sonne näher liegen als andere Teile.

  5. Pingback: Mysteriös: Adventskomet ISON am niedersächsischen Himmel gesichtet › Himmelslichter › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  6. Nachtrag:

    Ausserhalb der Eislinie unseres Sonnensystems können durch die UV-Strahlung der Sonne auf den Oberflächen der Kometen verschiedene chemische Reaktionen ausgelöst werden, bei denen auch kompliziertere organische Verbindungen entstehen können.

    Leider gehen diese organischen Verbindungen auf dem Kometen ISON gerade durch die Hitze der Sonne kaputt.

    http://articles.adsabs.harvard.edu/full/1976Ap%26SS..39….9G

    http://adsabs.harvard.edu/abs/1976Ap&SS..39….9G

    http://www.spektrum.de/alias/astronomie/kosmischer-staub/827319

    http://www.spektrum.de/alias/dachzeile/brachten-kometen-das-leben-auf-die-erde/588935

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