Hundert Sternschnuppen in drei Stunden

Wer eine Sternschnuppe sieht, darf sich etwas wünschen. Wer seine Sichtung der Internationalen Meteor-Organisation meldet, kann darüber hinaus der Wissenschaft einen Dienst erweisen. Letzte Woche habe ich gleich 105 Schnuppen auf einmal gemeldet: Der Meteorstrom der Eta-Aquariden war aktiv!

Die Eta-Aquariden sind ein eher unbekannter Strom, doch ihr Ursprungskörper ist um so bekannter: der gute alte Komet Halley. Auf seiner 76 Jahre dauernden Reise um die Sonne hinterlässt er Abermilliarden kleiner Staubpartikel, die auf seiner Bahn zurückbleiben. Zweimal im Jahr, im Oktober und im Mai, durchquert die Erde diesen Staubgürtel. Die Teilchen verglühen dann als Sternschnuppen in der Erdatmosphäre. Wer den Halleyschen Kometen 1986 verpasst hat, kann sich also zumindest seine Reste anschauen!

Dass die Eta-Aquariden so unbekannt sind hat zwei Gründe: Normalerweise ist ihre Anzahl wesentlich geringer als die der Perseiden im August oder der Leoniden im November. Zweitens liegt ihr Radiant sehr weit südlich, im Sternbild Wassermann. Beobachter auf der südlichen Halbkugel sind daher besser dran. (Der Radiant ist der Ort am Himmel, von dem scheinbar alle Meteore herzukommen scheinen.)

Die Beobachtung von Meteorströmen ist für Amateurastronomen eine prima Gelegenheit, "echte Wissenschaft" zu betreiben. Verteilung und Zusammensetzung der Staubgürtel der Kometen ist längst noch nicht vollständig bekannt, und den Profis fehlt meist die Zeit für die regelmäßige überwachung der Meteorströme. Hier können Amateure wertvolle Beobachtungsarbeit leisten. Viel braucht man dazu nicht, nur ein paar Stunden Zeit und einen dunklen, mondlosen Himmel.

Auf unserer Astroreise durch Südamerika haben wir die Eta-Aquariden selbstverständlich nicht ausgelassen. Im Nordwesten Argentiniens, in einer Salzwüste auf rund 3500 Metern Meereshöhe hatten wir dazu perfekte Beobachtungsbedingungen. Der Himmel war so klar, dass wir ohne Schwierigkeiten Sterne der 7. Größenklasse sehen konnten; Wolken – Fehlanzeige. Wir konnten auch die vielen schwachen Meteore sehen, die unter einem von der Lichtverschmutzung aufgehellten Himmel nicht wahrnehmbar sind. Insgesamt 105 Eta-Aquariden haben wir registriert, dazu nochmal einige Dutzend sporadischer Sternschnuppen. In Spitzenzeiten waren es fast zwei Meteore pro Minute, und das alles in gut drei Stunden.

Natürlich darf ich meine ganzen Wünsche hier nicht verraten! Um meinen Dienst an der Wissenschaft zu leisten, habe ich unsere Beobachtungen ein paar Tage später der IMO gemeldet. Dazu muss man zunächst einige wesentliche Daten festhalten: die Koordinaten des Beobachtungsorts, die Güte des Himmels, die effektive Beobachtungszeit und die Anzahl der gesichteten Sternschnuppen. Man unterteilt dazu die Beobachtungszeit in sinnvolle Intervalle – etwa 10 oder 15 Minuten während der maximalen Aktivität – und notiert die pro Intervall beobachteten Meteore. Ist die Fallrate nicht allzu hoch, kann man die Helligkeit der Meteore anhand bekannter Sterne abschätzen und gleich mit dazu schreiben.

Die Beobachtungsdaten habe ich sodann auf der Homepage der IMO in ein elektronisches Formular eintragen. Den Einfluss meines Beitrages bekomme ich sofort angezeigt, mitsamt der Ergebnisse aller weltweiten Beobachtungen. Die mittlere Zenitstundenrate der Eta-Aquariden lag demnach am Morgen des 6. Mai 2008 bei etwa 74, das deckt sich ganz gut mit unseren Beobachtungen. (Die Zenitstundenrate ist die hochgerechnete Anzahl der Meteore, die bei idealen Bedingungen sichtbar wären, wenn der Radiant direkt im Zenit steht. Die tatsächlich beobachtbare Anzahl ist immer geringer.)

Bislang haben 34 Beobachter aus 12 Ländern ihre Ergebnisse eingetragen. Ein bisschen stolz sind wir schon, dass wir von allen Beobachtern mit Abstand die meisten Schnuppen gesehen haben! Keine Kunst bei unserem Beobachtungsort: Die Weltkarte zeigt, dass wir bislang die Einzigen sind, die eine Beobachtung von der Südhalbkugel beigesteuert haben. Das rote Sternchen in Südamerika, das sind wir. Die meisten Amateurastronomen leben halt auf der Nordhalbkugel der Erde.

Auf den Internetseiten der IMO erfährt man eine ganze Menge über Meteorströme und wie man selbst an ihrer Erforschung mitarbeiten kann. Vielleicht eine Anregung für die nächste laue Sommernacht!

Dafür einen klaren Himmel! 

Jan Hattenbach  

Jan Hattenbach

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das Blog-Teleskop #1

    Hallo!

    Das erste „Blog-Teleskop“ mit Berichten über die deutschsprachigen Astronomieblogs ist heute erschienen. Über deine Mitarbeit würde ich mich freuen – mehr Informationen gibt es hier.

    vg Florian

  2. Sehe Wolken – suche Schnuppen-WEBCAM
    Suche wegen Regenwolken am Hmmel eine Webcam zum Schnuppen schnuppern?

    Wer hat einen Tipp??

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