Ein Stern wird ausgeknipst…

…wenn auch nur für 5 Sekunden. Verantwortlich dafür ist ein 50 Kilometer großer Gesteinsbrocken: Der Planetoid (472) Roma, benannt nach der Hauptstadt des ehemaligen Fußballweltmeisters. Das Beste: Beobachter im Westen und Norden Deutschlands können das seltene Ereignis live und mit bloßem Auge verfolgen.

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UPDATE: Inzwischen gibt es erste Resultate der Bedeckung. 

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Das "Ausknipsen" ist natürlich nicht wörtlich zu verstehen: Der Stern um den es geht, δ Ophiuchi, ist 170 Lichtjahre entfernt, der Hauptgürtelasteroid Roma dagegen "nur" 300 Millionen Kilometer, die beiden kommen sich nicht mal annähernd nahe. Doch am 8. Juli 2010, im Zeitraum zwischen 23:57 und 00:14 MESZ des 9. Juli, zieht der Planetoid auf seiner Bahn um die Sonne von der Erde aus gesehen vor dem Stern vorbei und bedeckt ihn dabei. Das Maximum der Bedeckung wird gegen 00:06:34 MESZ am 9. Juli erwartet. Nachtrag: Deutschland wird aber schon zwischen 23:57:30 MESZ (Ostseeküste) und 23:58:00 MESZ (Grenzgebiet Aachen-Belgien) vom Asteriodenschatten getroffen (siehe Abbildung)!

Die Helligkeit des Sterns und die Pfadlage, die ganz Europa abdeckt bietet die Chance, die Bedeckung von (472) Roma zu eine der am besten beobachteten in der Geschichte der Astronomie zu machen. (Oliver Klös, IOTA-ES

Während der Stern δ Ophiuchi mit 2,7mag normalerweise mit dem bloßen Auge leicht sichtbar ist, verschwindet er für fünf bis sieben Sekunden, um danach wieder aufzublitzen. (472) Roma ist zu diesem Zeitpunkt 13,5 mag hell und daher erst in Teleskopen ab 8 Zoll Öffnung visuell zu sehen. Nur Teleskopbeobachter können somit den gesamten Verlauf der Helligkeitskurve von 2,7mag bis auf 13,5mag und zurück verfolgen.

Der von Steve Preston berechnete voraussichtliche Pfad, in dem die Bedeckung sichtbar sein wird. Unter Verwendung des HIP-2-Sternkataloges würde sich dieser Pfad etwa 35 Kilometer nach Südosten verschieben. Karte Oliver Klös, IOTA-ES

"Mini-Sonnenfinsternis" um Mitternacht

Allerdings ist diese Miniatur-Sonnenfinsternis nur in einem etwa 74 Kilometer breiten Finsternispfad zu sehen, der sich quer über Europa und insbesondere über den Westen und Norden Deutschlands zieht. Für Beobachter außerhalb dieses Pfades wandert der Planetoid knapp am Stern vorbei. Und hier wird es schon kompliziert: Während man die Finsterniszone bei Sonnenfinsternissen sehr genau ausrechnen kann, treten bei dieser Sternbedeckung hohe Unsicherheiten auf. Die Position von δ Ophiuchi ist nicht ausreichend genau genug bekannt, insbesondere gibt es unterschiedliche Angaben seiner Eigenbewegung in den Sternkatalogen. Somit sollte man den in der Abbildung gezeigten Finsternisverlauf nicht allzu genau nehmen. Sie wurden auf Basis der Daten des FK6-Sternkatalogs erstellt. Die Daten des Hipparcos-2-Katalogs ergeben einen Pfad, der etwa 30-35 Kilometer nach Südosten hin verschoben ist.

Erschwerend kommt hinzu, dass δ Ophiuchi Mitglied eines Mehrfachsternsystems ist, und daher einen engen Begleiter besitzen könnte. Steve Preston von der IOTA epfiehlt Beobachtern daher, sich über die gesamte 2-Sigma-Umgebung des berechneten Pfades (also innerhalb der roten, gestrichelten Linien) zu verteilen, wobei die südöstliche Seite zu bevorzugen ist.

Forschungsprojekt für Amateurastronomen

Natürlich kann das ganze mehr als ein reiner Beobachtungsspaß sein: Diejenigen, die ein bisschen Forschung betreiben möchten, können die genauen Zeiten der Verfinsterung aufzeichnen und dann per Beobachtungsformular an die IOTA schicken. Aus diesen Zeitmessungen können wertvolle Daten über den bedeckenden Himmelskörper ermittelt werden, etwa die Größe und die Form des Asteroiden. Wichtig ist dazu eine gewisse Qualität der Messdaten: Die Beobachtungposition sollte mit GPS genau angegeben werden (bei Gruppen ist es nicht sinnvoll, alle am gleichen Platz zu beobachten!) und die Zeiten sollten mit Hilfe eines DCF-77-Empfängers synchronisiert sein. Wird eine Stoppuhr zur Zeitmessung verwendet, dann ist es wichtig, die eigene Reaktionszeit zu berücksichtigen. Die IOTA-ES (International Occultation Timing Association – European Section) hat ein Merkblatt (auf deutsch) zusammengestellt, das alles Wissenswerte über die Messung dieses Ereignisses enthält!

Ob man die Bedeckung sieht oder nicht, weiß man wegen des unsicheren Bedeckungspfades erst hinterher. Aber auch Nicht-Beobachtungen sind wichtig, und sollten unbedingt weitergeleitet werden! Also: Alle Amateurastronomen, die sich innerhalb oder einige Kilometer außerhalb des angegebenen Bedeckungspfads befinden sind aufgerufen, sich an der Beobachtung zu beteiligen und Zeitmessungen an die IOTA-ES (roma2010(at)iota-es.de) zu schicken. Wer mitmachen will, dem seien diese Links zur Vorbereitung empfohlen:

Anleitung zur Messung (pdf)

Zentrale Seite der IOTA-ES zur Bedeckung durch (472) Roma (mit Karten und weiteren Links)

daraus:

kml-Datei mit dem Pfad für Google Earth

Beobachtungsformular und eine Anleitung dazu

Aufsuchkarten des Sterns δ Ophiuchi

Aktuelle Informationen und Updates (unbedingt mal reinschauen, falls sich an der Berechnung der Zeiten und des Pfads noch etwas ändert (englisch)

Clear Skies und viel Erfolg!

 

Jan Hattenbach

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Abgeschaltete „Sterne“

    Eine Miniatur-Sonnenfinsternis – das ist schon ein interessanter Fall, auch wissenschaftlich.
    Zufällig habe ich 4 „Sterne“ beobachtet, die sich so nicht einordnen lassen. An 4 Abenden habe ich eine besondere Beobachtung gemacht, die ich als „Abgeschaltete Sterne“ bezeichnete. In der Beobachtungszeit (20 – 30 Minuten) gab es keine Wolkenbedeckung oder nur sehr dünne Schleierwolken – und die „Sterne“ gingen nicht wieder an. Hier die Beobachtungsbeispiele – ohne Optik:
    Am 27.09.08 gegen 22:00 Uhr in Gägelow – ich hatte in der Dämmerung noch die ISS beobachtet – schaute ich wieder mal in den Himmel und sah fast über mir 2 unterschiedlich helle eher weiße Lichter, etwa fingerbreit auseinander. Das helle war fast venushell, das 2. deutlich dunkler. Nach einer kurzen Unterbrechung – ca. 1 Minute – schaute ich wieder hoch – beide Lichter waren weg.
    Sichtung am 18.09.09 gegen 20:25 Uhr in Wismar: Es war Dämmerung und ISS-Zeit. Jupiter war sehr gut zu sehen, nach kurzer Zeit fiel mir links etwas höher ein „2. Jupiter“ auf – optisch nicht zu unterscheiden. Nach ca. 20 s Beobachtungszeit verschwand er – wie ausgeknipst.
    Beobachtung am 24.04.10 gegen 22:10 Uhr nahe Nordhausen: In der Nähe des äußeren Deichselsterns des Großen Wagens – fast über mir – fiel mir ein heller Stern auf (vgl. Venus), der sonst nicht da ist. Nach etwa 15 s Beobachtung verschwand er – wie ausgeknipst.
    Am 21.05.10 in Wismar habe ich kurz nach 24:00 Uhr bei klarem Himmel – fast über mir – 2 Sterne sich voneinander entfernen gesehen. Einen konnte ich ausmachen, der in Richtung Westen flog – und immer dunkler wurde. Dann war er aus. Normal wäre, wenn er in Richtung Osten fliegt und dann allmählich im Erdschatten verschwindet, was bei der ISS sehr gut zu beobachten ist. Aber umgekehrt – normal unnormal!
    Solche Erscheinungen lassen sich ev. unter unbekannte Flugobjekte einordnen – oder gibt es eine andere Erklärung? Haben Andere so etwas auch beobachtet?

  2. Neue Bahnbestimmung

    Die Bahnberechnung und damit die Berechnung der Subspur auf der Erdoberfläche wurde in den letzten Tagen immer wieder verfeinert. Das ist wichtig fur Beobachter nicht nur in Deutschland, sondern auch in typischen Urlaubsorten wie den kanarischen Inseln. Mehr dazu in den von Jan genannten Links oder auch hier:

    http://www.poyntsource.com/New/Global.htm

    Da sich doch nicht unbeträchtliche Aenderungen ergeben haben, empfiehlt sich, wie von Jan angemerkt, das zeitnahe Checken unbedingt.

  3. Beobachtungstechnik

    Inzwischen haben wir uns auf folgende Beobachtungstechnik zur Aufzeichnung der Bedeckung und zur Zeitmessung festgelegt. Evtl auch für andere Beobachter interessant:

    Das Bedeckungsereignis soll am Teleskop mit Hilfe eines Videomoduls aufgenommen werden: http://www.lechner-cctv.de/…3-lux-.25.27.de.html

    Dieses Modul zeigt bei 8″f/7 Sterne bis 11mag im Livebild und ca. 15mag im Summenbild.
    Die Aufnahme erfolgt mit dem Program wxAstroCapture. Dieses Programm erlaubt es, die genaue Zeit Frame für Frame in das Video einzuspielen (unter Settings->In-Frame Timestamp): http://arnholm.org/astro/software/wxAstroCapture/

    Zusätzlich wir noch „analog“ per Stoppuhr mitgemessen.

    Die Synchronisation der Rechnerzeit mit dem Zeitserver der PTB in Braunschweig erfolgt mit dem Programm TWAtomTime: http://www.wenzlaff.de/twatomtime.html

    Alles, was und jetzt noch stoppen kann, ist das Wetter… (wie immer)

  4. delta oph, 472 Roma

    Hallo Jan,

    es gibt noch eine negative Meldung südlich von Münster (51.841260°, 7.586661°) was interessant ist, weil ich an meinem Standort -nördlicher Stadtrand- die Verfinsterung fotografisch festhalten konnte (52.025010°, 7.660967°). Die „Kante“ verlief anscheinend durch die Stadtmitte.

    clear skies
    Michael

  5. Streifende Bedeckung(?)

    Hallo Michael,

    danke für die Info. Offenbar gab es auch Beobachter, die eine streifende Bedeckung festgestellt haben. In diesem Forum gibt es ein Video dazu (letzter Beitrag auf der Seite): http://www.meteoros.de/…storder=asc&start=10

    Vll. hat ja auch in Münster jemand so etwas gesehen?

  6. @Michael

    Ja, evtl. sollte man sich die vermeintlichen „Nicht-Beobachtungen“ (sofern auf Video) nochmal genauer ansehen. Möglicherweise ist ja doch was darauf.

    Es gibt wohl ein Tool zur Erzeugung von Lichtkurven (hab ich eben erst im astrotreff erfahren, daher kenne ich es selbst nicht), das könnte hilfreich sein!

    http://www005.upp.so-net.ne.jp/…/limovie_en.html

  7. Pingback: Chariklo und ihre Ringe - was man aus Sternbedeckungen lernen kann › Astronomers do it at Night › SciLogs - Wissenschaftsblogs

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