Der Schatten des Lichts

Ende August trafen sich Experten aus ganz Europa in Wien, um die Auswirkungen der Lichtverschmutzung zu diskutieren und über Gegenmaßnahmen zu beraten. Es war bereits das achte Treffen dieser Art. Weil mir scheint, dass selbst unter Amateurastronomen die internationalen Bemühungen zum Schutz des Nachthimmels nicht so recht bekannt sind, veröffentliche ich heute in den Himmelslichtern einen Gastbeitrag. Die Autorin dieses sehr lesenswerten Textes war vor Ort in Wien. Besonders beeindruckt hat sie ein Vortrag, der einen möglichen Zusammenhang zwischen künstlichem Licht und Krebs zum Inhalt hatte.

Von Maria Pflug-Hofmayr

Stephansdom; Credit: schrema / pixelio.deSternfreunden braucht man nicht extra erklären, warum man die Nacht dunkel halten sollte. Sie selbst sind diejenigen, die sich das wünschen, um nächtelang schwache, kaum sichtbare Objekte zu beobachten, was beim Rest der Bevölkerung mitunter gutmütiges Kopfschütteln hervorruft. Ganz klar: bei aufgehelltem Himmel sieht man keine Sterne. Aber deswegen so einen Wirbel machen? Das finden die meisten Leute schon ein wenig überzogen.

Warum also sollte man die Nacht dunkel halten, oder anders ausgedrückt: Lichtverschmutzung vermeiden? Darüber diskutierten Experten aus ganz Europa am 22. und 23. August im Rahmen des 8. Europäischen Symposiums zum Schutz des Nachthimmels auf der Kuffner-Sternwarte. Hochkarätige Vortragende aus ganz Europa legten ihre Argumente zu diesem Thema dar.

Großen Teilen der Bevölkerung ist die Problematik nicht einmal ansatzweise bekannt. Licht vermittelt gefühlsmäßige Sicherheit, ermöglicht höhere Produktivität und macht unternehmungslustig. Licht wird nicht als störend oder gar als “Verschmutzung” empfunden. Nachtschwärmer tauchen immer tiefer in die Nacht ein, der physische Tag-Nacht-Rhythmus scheint bedeutungslos geworden zu sein. Die Realität heute lebender Menschen sind zumeist dämmrige Tage, die in künstlich beleuchteten Räumen verbracht werden, und taghell erleuchtete Nächte. Ortsübliche Straßenbeleuchtung wird als zu dunkel empfunden, weil wir von Geschäftsstraßen gleißende Auslagenbeleuchtung gewöhnt sind, die uns andernorts fehlt.

Die Problematik fehlenden Tageslichts ist mittlerweile zumindest teilweise bekannt. Wir brauchen Tageslicht für die Produktion von Vitamin D, und bestimmte Arten von Depressionen werden mit aufwändigen Lichttherapien behandelt. Vielen Menschen ist die Notwendigkeit sich im Tageslicht aufzuhalten bewusst. Praktisch unbekannt weil neu ist jedoch die Erkenntnis, dass zuviel Licht in der Nacht ebenfalls gesundheitsschädlich ist.

Kugellampe auf der Donauinsel (Wien); Credit: Sebastian Baryli / pixelio.deBeleuchtung in der Nacht verursacht ein umfangreiches Artensterben. Besonders intensiv betroffen sind davon Insekten, die vom Licht angelockt werden und in seiner Nähe zugrunde gehen. Insekten halten helles Licht mit einem starken Blau-Anteil vermutlich für Mondlicht, an dem sie sich orientieren, um lange gerade Strecken zurücklegen zu können. Künstliche Lichtquellen blenden die Insekten, sodass sie, nachdem sie sich ihnen genähert haben, die Orientierung verlieren und meist sterben.

Insekten sind nicht nur ein wichtiges Glied in der Nahrungskette, sondern auch essenziell für die Landwirtschaft. Ohne Insekten ist es nicht möglich Felder zu bestellen, unter anderem weil Nutzpflanzen nicht mehr befruchtet würden.

Die Beleuchtung von Gebäuden ruft aber auch ungebetene Gäste auf den Plan: Stark bestrahlte Objekte sind oft von riesigen Spinnenkolonien bevölkert, auch stärkerer Algen- oder Moosbewuchs kommt vor. Beides verursacht bei zuvor aufwändig renovierten Gebäuden oder Denkmälern hohe Reinigungskosten.

Viele Bäume in der Nähe von Straßenlampen tragen bis spät in den Winter hinein Laub oder treiben zu früh aus. Dadurch sind diese Bäume stärker von Frostschäden betroffen, da diese Blätter mit Wasser versorgt werden. Bäume reduzieren normalerweise ihren Stoffwechsel im Winter auf ein Minimum.

Vögel reagieren auf beleuchtete Gebäude ähnlich wie Insekten. Bei schlechter Sicht orientieren Zugvögel sich am Licht des Mondes, um ihren Weg zu finden. Ist jedoch die Lichtquelle, an der sie sich orientieren, eine Stadt oder ein Gebäude, irren sie im Kreis und verlieren Zeit und Energie, die sie für die Reise brauchen. Doch auch bei Kollisionen mit Gebäuden oder Gebäudeverankerungen wie Stahlseilen verlieren viele Vögel ihr Leben. Gelegentlich gelangen Meldungen von Massensterben in die Medien. Tatsache ist, dass bislang nur bei sehr wenigen Gebäuden überhaupt untersucht wurde, wieviele Vögel dort sterben. Die Zahlen der wenigen Gebäude, bei denen dies systematisch untersucht wurde, sind erschreckend.

Parlament, Rathaus (Wien); Credit: Jutta Markl
Parlament, Rathaus und Votivkirche; Bild: Jutta Markl

Doch es kommt noch dicker: Auch Menschen sind durch direkte gesundheitliche Folgen von Lichtverschmutzung betroffen. Dazu hielt Itai Kloog von der Universität Haifa (Israel) einen beeindruckenden Vortrag. Kloog untersuchte eine große Gruppe Brustkrebspatientinnen sowie eine Kontrollgruppe auf mögliche Risikofaktoren, darunter Ernährungs- und Lebensgewohnheiten, biografische und familiäre Belastungen und unter anderem auch Lichtbelastung in der Nacht. Das Ergebnis ist ziemlich eindeutig: Licht steht in einem hochsignifikanten statistischen Zusammenhang mit dem Auftreten von Brustkrebs. Bei den Frauen in lichtverschmutzten Regionen traten etwa 37% mehr Brustkrebsfälle auf als in normal beleuchteten Gebieten. In den am stärksten beleuchteten Regionen war die Rate sogar um weitere 27 % höher im Vergleich zu den dunkelsten Gebieten. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass Licht, das nachts auf die Retina (Netzhaut) trifft, die Produktion von Melatonin stoppt. Eine zweite Studie zum Thema Prostatakrebs ist in Arbeit.

Es gibt auch noch andere praktische Gründe Licht zu sparen: in Zeiten steigender Energiepreise amortisiert sich Investition in Energie und Licht sparende Lampen schneller. Genaue Informationen dazu und zum Thema Lichtverschmutzung generell findet sich auf www.hellenot.com.

Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die Stadt Wien am 1. Februar 2007 begonnen, das Licht um eine Stunde früher – um 23 Uhr statt wie früher um Mitternacht – zurückzuschalten. Jede zweite Lampe wird zu dieser Zeit abgedreht. Dieser kleine Eingriff spart zirka 220.000 Euro pro Jahr. Ein “Masterplan Licht für Wien” soll in naher Zukunft für moderne, energie- und lichtsparende Beleuchtung in der Donaumetropole sorgen.

In Deutschland wird im Oktober eine Petition eingereicht, die von 8000 Menschen unterstützt wird. Die größten Ambitionen sind derzeit wohl in Slowenien zu beobachten, wo light pollution ein Wahlkampfthema war. Schutz vor Licht wurde dort im Gesetz verankert, und große Teile der alten Lampen werden sukzessive ausgetauscht.

Eine vollständige Liste der Vortragenden und Vorträge befindet sich hier.

Die International Dark-Sky Association IDA hat Mitglieder in vielen Ländern Europas, die jeweils versuchen die Situation in ihrem Land zu verbessern. Das nächste Symposium wird 2009 in Irland stattfinden – schätze mal ich werde dort sein!

Wie auch immer. Wir sind die Generation, die “den Weltraum erobert hat”, die ins All aufgebrochen und auf dem Mond gelandet ist.

Und gleichzeitig sind wir jene Generation, die den Sternenhimmel, den Blick ins All, verloren hat. Unsere Kinder kennen die Milchstraße nur aus Erzählungen. Wäre das allein nicht schon Grund genug um endlich zu handeln?

Der Artikel erschien am 27. August in Marias Pflug-Hofmayrs Blog, den man hier findet!

Bilder: Stephansdom; © schrema / PIXELIO; Kugellampe auf der Donauinsel (Wien); © Sebastian Baryli / PIXELIO; Parlament, Rathaus und Votivkirche (Wien); © Jutta Markl / www.majuma.at

Links zum Thema Brustkrebs und LAN (Light At Night):
Artikel in Chronobiology International
www.frauenaerzte-im-netz.de
www.israswiss.ch
The Seattle Times
The Jerusalem Post

 

Jan Hattenbach

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

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