Den Venustransit sicher beobachten

Der letzte Venustransit des 21. Jahrhunderts naht. Im letzten Blogbeitrag habe ich beschrieben, wann und wo man dieses Ereignis wird beobachten können. Hier geht es um das „wie“. Venustransitbeobachtung bedeutet ja Sonnenbeobachtung, mit all den Risiken, die dazugehören!

Dem Thema „Augenverletzungen durch Sonnenbeobachtung“ wird immer dann eine gewisse Medienaufmerksamkeit zuteil, wenn eine Sonnenfinsternis naht. Dabei ist es in Hinblick auf den Venustransit nicht weniger wichtig. Allenfalls die im Vergleich zu einer Sonnenfinsternis geringere Zahl der Beobachter dürfte dafür sorgen, das Missgeschicke wie dieses 2012 weniger häufig auftreten:

Bild: Dr. Lilly Speicher, Universitätsklinik für Augenheilkunde in Innsbruck

Das Bild zeigt die Netzhaut eines Patienten, der ohne geeigneten Schutz die 1996 in Deutschland sichtbare partielle Sonnenfinsternis betrachtet hat. Am selben Abend kam er wegen einer Sehverschlechterung ins Krankenhaus. Wie man auf der Aufnahme unschwer erkennt, befindet sich in der Netzhautmitte – also dort, wo sich die Stelle des schärfsten Sehens befindet – ein dunkler Fleck. Hier wurde die Netzhaut über vom Sonnenlicht verbrannt. Bei genauerem Hinsehen erkannt man sogar die eingebrannte, sichelförmige Abbildung der teilverfinsterten Sonne.

Das Bild fand ich im SuW-Editorial vom August 1999, dem Monat der letzten totalen Sonnenfinsternis in Deutschland. Dort heißt es, dass 1996 alleine in der Augenklinik Innsbruck 15 solcher Fälle behandelt wurden. Dort steht auch, dass die Verletzung oftmals irreversibel ist. Die Betroffenen müssen dann mit einer permanenten Sehstörung leben. Das mag Abschreckung genug sein. Der Patient hatte übrigens nicht mal ein Teleskop oder Fernglas benutzt – er hat einfach mit freiem Auge in die Sonne geschaut. Leider ereignen sich solche Fälle immer wieder, wie weitere Beispiele zeigen.

Bei einem Venustransit scheint die Sonne praktisch ungeschwächt vom Himmel, das bisschen Licht, dass die Venus abschattet, ist nicht der Rede wert. Ohne geeigneten Schutz ist eine Beobachtung des Ereignisses nicht möglich. Aber was ist ein geeigneter Schutz?

„Hausmittel“? – Finger weg!

Folgende „Hausmittel“ werden immer mal wieder genannt, wenn es um Sonnenbeobachtung geht. Leider (selten) auch von Amateurastronomen. Dennoch gilt: Alle diese Dinge sind zur Sonnenbeobachtung völlig ungeeignet und stellen ein echtes Gesundheitsrisiko dar:

Sonnenbrillen, berußte Glasscheiben, belichtete Diafilmstreifen, Schweißerbrillen, CDs und DVDs, Rettungsfolien aus dem Verbandskasten und was es sonst noch alles gibt: Wer diese Dinge zur Sonnenbeobachtung benutzt, riskiert im Extremfall sein Augenlicht.

Denn um das Licht der Sonne gefahrlos betrachten zu können, muss es auf wenige tausendstel Prozent geschwächt werden. Das schaffen diese Gegenstände meist nicht. Und wenn doch, dann täuscht der Eindruck: nicht nur das sichtbare Licht, auch und vor allem die unsichtbaren ultravioletten und infraroten Anteile müssen gefiltert werden! Auf sein „Gefühl“ sollte man sich nicht verlassen: Die Netzhaut ist schmerzunempfindlich, daher merkt man unter Umständen erst viel zu spät, wenn sie gegrillt wird…

Preiswert und sicher: Sonnenfilterfolie

Es gibt auch keinen Grund, am eigenen Augenlicht zu sparen: Im Astronomiehandel gibt es sichere und preiswerte Sonnenfilterfolie, die man sich passend fürs Teleskop, Fernglas oder eben für das freie Auge zuschneiden kann. Ein DIN A4-Bogen kostet um die 20 Euro. Die Folie besteht meist aus einem Trägermaterial aus Polyester und ist aluminiumbedampft – und zwar so, dass eine gefahrlose Sonnenbeobachtung möglich ist. Ich verzichte hier auf Links zu Händlern, denn Google funktioniert ja auch und in den einschlägigen Astronomiezeitschriften finden sich genügend Inserate.

Selbstgebauter Objektivsonnenfilter aus Sonnenfilterfolie. Zwei Papprollen, passgenau ineinandergeschoben, halten den Filter in Position. Die Folie muss nicht perfekt glatt gespannt sein und sollte etwas locker bleiben. Damit der Filter nicht versehentlich herunterfällt, sollte er mit Klebestreifen fixiert werden.

Wichtig ist , dass man Folie kauft, die zur visuellen Beobachtung geeignet ist. Es gibt nämlich auch auch so genannte fotografische Folie. Diese ist durchlässiger, um kürzere Belichtungszeiten zu erlauben. Für das Auge ist fotografische Folie aber ohne zusätzliche Filter nicht sicher. Übrigens dürfte damit klar sein, dass auch ein Kamerachip das ungefilterte Sonnenlicht nicht klaglos verträgt…

Sonnenfinsternisbrille als Venustransitbrille

Für das bloße Auge gibt es die Folie in der bekannten Form als „Sonnenfinsternisbrille“. Die sollte man am 6. Juni unbedingt bereitliegen haben, denn die Venus ist auch ohne weitere Hilfsmittel als kleiner schwarzer Fleck auf der Sonne sichtbar. Die Venus erscheint etwas kleiner als die große Sonnenfleckengruppe Nr. 1429, die vergangene Woche ebenfalls mit einer Sonnenfinsternisbrille leicht zu erkennen war (siehe Bild ganz unten). Vielleicht hat man ja noch eine solche Brille zu Hause herumliegen, ansonsten hilft der Astrohandel weiter. 

Sieht sie nicht auch modisch aus? Die „Sonnenfinsternisbrille“ eignet sich auch als „Venustransitbrille“.

Für Ferngläser und Teleskope bastelt man sich am besten passende Filter selbst. Dazu ist ein wenig Kreativität, einigermaßen passende Papprollen oder Konservendosen und vielleicht ein wenig Moosgummi o. ä. erforderlich. Wichtig ist ein sicherer Sitz, damit der Filter nicht bei einer Windböe davonfliegt.

Und noch wichtiger: Der Filter gehört vorne auf das Teleskop! Das ungefilterte Licht darf gar nicht erst in das Objektiv fallen, denn die Wärmeentwicklung kann je nach Objektivöffnung enorm sein! Aus diesem Grund gehören auch Okularsonnenfilter, wie sie manchen Billigteleskopen beiliegen, besser in den Müll.

Es geht auch teurer…

Natürlich gibt es auch Glasfilter, die man ebenfalls in passenden Größen im Handel erstehen kann. Die sind aber deutlich teurer. Noch extravaganter sind Herschelkeile, die nach einem anderen Prinzip funktionieren. Hier wird ein Teil des Lichts aus dem Strahlengang des Teleskops ausgelenkt. Benutzen sollte sowas nur, wer sich damit auskennt. Für „Profis“ gedacht sind auch spezielle Sonnenteleskope, die nur einen bestimmten Teil des Sonnenlichts durchlassen und spektakuläre Bilder der Sonne und ihrer Chromosphäre fabrizieren. Für Einsteiger sind solche Gerätschaften aber schon alleine des Preises wegen eher uninteressant.

Für meinen 80/400er Reiserefraktor habe ich mir einen Glasfilter gegönnt. Das Sonnenbild ist schön gelb-orange und sehr kontrastreich (insbesondere mit einem Kontrastbooster-Filter, der störende Farbränder bei Fraunhofer-Obketiven entfernt). Allerdings kostet der Filter auch deutlich mehr als die Folienlösung. Der Filter kommt vor das Objektiv – und der Sucher ist verschlossen, fehlt ganz oder bekommt seinen eigenen Filter.

Projektionsmethode – einfach, aber nicht ohne

Schließlich gibt es auch noch die gute alte Projektionsmethode. Dabei wird das Licht der Sonne auf ein Blatt Papier, einen Schirm oder ähnliches projiziert. Man schaut also nicht direkt ins Teleskop, sondern gefahrlos auf das Bild auf dem Schirm. Ein Vorteil dieser Methode ist, dass auch mehrere Personen gleichzeitig das Bild betrachten können.

Ganz ohne ist diese Methode aber nicht. Denn das Licht muss dazu ungefiltert ins Teleskop fallen. Die Teleskopöffnung darf nicht zu groß sein, sonst kann schnell etwas zu kokeln anfangen. Auch sind nicht alle Okulare dafür geeignet sondern nur solche, die auch etwas warm werden können. Und die Gefahr, dass jemand zufällig mal in den ungefilterten Lichtstrahl blickt, ist auch nicht zu verachten! Das Instrument muss also ständig beaufsichtigt werden. Diese Methode sollten daher auch nur erfahrene Sonnenbeobachter anwenden. Nebenbei bemerkt: Die Bildqualität ist im Vergleich zum gefilterten Teleskopbild sehr bescheiden.

Eine Bauanleitung für einen einfachen, und dennoch recht sicheren Sonnenprojektionsschirm hat Rick Fienberg entwickelt.

Welches Instrument ist das Richtige?

Sonnenfilter hin oder her – was für ein Instrument ist denn nun das richtige für den Venustransit? Um überhaupt etwas zu sehen reicht ja schon das bloße, sonnenfinsternisbebrillte Auge. Ein Fernglas mit 6-10facher Vergrößerung, am besten stabil auf einem Stativ montiert, zeigt aber schon deutlich mehr. Um aber die interessanten Phänomene wie den „schwarzen Tropfen“ oder den Lichtring sehen zu können, sollte es aber schon ein kleines Teleskop sein. 60-100fache Vergrößerung ist ausreichend.

Zum Schluss ein Tipp: Wer sich nicht unbedingt ein Teleskop kaufen und dennoch den Venustransit sicher betrachten möchte, der wende sich an die nächste Volkssternwarte oder den nächsten amateurastronomischen Verein. Sicher werden am 6. Juni viele öffentliche Beobachtungen anbieten. Einen Anhaltspunkt, welche Vereine und Instititionen es in der Nähe gibt, liefert der Astronomietag am 24. März: Dort sind bereits 172 Veranstalter eingetragen. Viele davon werden bestimmt auch am 6. Juni ein Angebot bereit halten. Im Zweifelsfall: einfach mal nachfragen!

Die Sonne vergangene Woche, aufgenommen mit einer fotografischen Sonnenfolie. Der Weißabgleich wurde später noch geändert, die Sonne erscheint auf dem Originalbild blass-grau. Oben die Sonnenfleckengruppe 1429. Canon EOS 450Da, 500mm, 200 ASA, f/11, 1/4000s.

Jan Hattenbach

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. FAZ vom 23. Mai 2012

    Glückwunsch, Herr Hattenbach, für Ihren Beitrag heute in der FAZ. Eine ganze Seite! So geht es auch. Er wird viele Menschen auf das Thema aufmerksam machen. Vielleicht stellt sich doch der eine oder andere einen Wecker oder geht später zur Arbeit.

    Grüße
    Horst Arndt

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