Auf Crashkurs: ein Satellit stürzt ab – UPDATE

Schon gehört? Am Wochenende wird ein ausgedienter Satellit zur Erde stürzen und dabei nicht vollständig verglühen. Dennoch kein Grund zur Panik, wir haben Sonnenstürme und Meteoritenregen überlebt, dann überstehen wird das auch. Hier ein paar Fragen und Antworten zum Thema.

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Update, 27.9.: Alleine aus Zeitgründen habe ich mich nicht am Rätselraten über den Verbleib des Satelliten beteiligt, bringt eh nichts und irgendwann wird man schon wissen, was Sache ist. So ist es denn auch jetzt. UARS, oder das, was von ihm übrig blieb, landete am Samstagmorgen, den 24. 9. um 6 Uhr MESZ im Pazifischen Ozean, fernab von Land und Leuten, bei den Koordinaten 14,1° südlicher Breite und 189,8° östlicher Länge. Warum man offenbar so gewaltige Schwierigkeiten hatte, den Eintritt eines immerhin wohlbekannten Satelliten vorherzusagen, wo man ja auch den Absturz erst kurz zuvor bekannter Asteroiden genauer eingrenzen kann, ist eine Frage, die wohl nur die NASA selbst beantworten kann.

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Was ist das für ein Satellit?

UARS (Bild: NASA) ist ein US-amerikanischer Forschungssatellit, der am 12. September 1991 vom Space-Shuttle Discovery in eine Erdumlaufbahn gebracht wurde. Das Akronym UARS bedeutet Upper Atmosphere Research Satellite, zu deutsch etwa: Forschungssatellit für die obere Atmosphäre. UARS ist etwa 10 Meter lang und 4,5  Meter breit, er wiegt knapp sechs Tonnen. Am 14. Dezember 2005 endete seine Mission, seither nimmt seine Orbithöhe stetig ab. Nach Angaben der NASA enthält UARS keine gefährlichen – etwa radioaktiven oder toxischen – Stoffe.

Der trudelnde Satellit UARS von der Erde aus gesehen – im Amateurteleskop (Bild: Thierry Legault und Emmanuel Rietsch)

Warum stürzt UARS ab?

Alle Satelliten im Erdorbit stürzen irgendwann ab. Der Grund dafür ist die Restatmosphäre der Erde: Die wenigen Moleküle, die selbst noch in Höhen von einigen 100 Kilometern über der Erdoberfläche vorhanden sind, bremsen jedes sich dort bewegende Objekt ab. Satelliten in niedrigem Erdorbit „überleben“ deshalb ohne Bahnkorrekturen nur ein paar Jahre, weiter entfernte Satelliten immerhin mehrere Jahrhunderte. Nur Sonden, die das Schwerefeld der Erde verlassen haben, bleiben für immer im All, sofern sie nicht zurück gesteuert werden. Die ISS, in Höhen um 380 Kilometer kreisend, muss regelmäßig durch Raketenmanöver „angehoben“ werden.

Übrigens stürzen seit Beginn des Raumfahrtzeitalters ständig ausgediente Satelliten und Raketenteile zur Erde zurück. Einige von ihnen erreichen auch den Boden, verletzt wurde dabei noch nie jemand.

Was passiert beim Absturz von UARS?

UARS ist zu groß, um beim Wiedereintritt in die Atmosphäre komplett zu verglühen. Einige seiner Einzelteile werden daher auf der Oberfläche aufschlagen. Man geht davon aus, dass es rund 500 Kilogramm bis auf die Erde schaffen und sich über hunderte Kilometer verteilen. Der Rest verglüht in der Atmosphäre – und dürfte einen Feuerball auslösen, ähnlich wie die Raumstation Mir im Jahr 2001.

Ist das nicht gefährlich?

Die NASA beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass es beim Absturz von UARS zu Personenschäden kommt, mit 1:3200. Das klingt nach gar nicht so wenig, es handelt sich aber nur um 0,3 Promille. Und diese Zahl gibt ja nur die Wahrscheinlichkeit dafür an, dass irgendwo auf dem Globus einer von sieben Milliarden Erdbewohnern zu Schaden kommt. Anders formuliert: Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen (oder mir) ein Satellitentrümmer auf den Kopf fällt, liegt bei 1/(3200 * 7000000000) =  22400000000000, das sind 1 zu 22,4 Billionen. Dieser Blogger wird sich jedenfalls an diesem Altweibersommer-Wochenende todesmutig vorwiegend an der frischen Luft aufhalten.

Warum steuert man den Satelliten dennoch nicht einfach ins Meer?

Das geht nicht – aller Treibstoff ist bereits 2005 aufgebraucht, um den Satelliten in eine niedrigere Umlaufbahn zu bringen und seinen Absturz damit zu beschleunigen.

Wann und wo kommt er denn runter?

Tja – die Frage aller Fragen. Niemand weiß das im Moment genau, und bis ganz kurz (etwa 2 Stunden) vor dem Eintreten in die Atmosphäre wird diese Frage auch keiner exakt beantworten können. Das liegt daran, dass Absturzzeitpunkt und -ort von den genauen Eigenheiten der Atmosphäre wie Dichte, Druck und Temperatur abhängen. Und die kennt niemand so genau, bzw. sie verändern sich laufend. So wurde der voraussichtliche Absturzzeitpunkt vor wenigen Tagen noch einmal vordatiert, weil die derzeit erhöhte Sonnenaktivität dazu führt, dass sich die Atmosphäre ein wenig weiter ausdehnt und den Absturzprozess beschleunigt.

Den offiziellen Angaben zufolge soll der Absturz am 23. September um 20 UTC (22 Uhr MESZ) erfolgen – plus oder minus 20 Stunden. Das ist ein gewaltiger Unsicherheitszeitraum! UARS umrundet die Erde etwa alle 90 Minuten und überfliegt dabei eine Zone zwischen 57° nördlicher und 57° südlicher Breite, die somit als mögliche Absturzzone in Frage kommt. Anders formuliert: Außer in den höchsten Breiten kann er überall herunterkommen, auch in Deutschland.

Wo kann man genaueres erfahren, Updates, etc.?

Hinter diesem Link. Die NASA wird bis zum Absturz in immer kürzeren Intervallen Updates zu den Bahndaten anbieten. Ich selbst werde an diesem Wochenende ja wie gesagt unter freiem Himmel und meist ohne Internet sein, so dass ich nicht unbedingt dazu komme, hier zu updaten. Mehr zum Thema gibt es auch bei Sterne und Weltraum.

Kann man nicht etwas Konkreteres zur Situation in Deutschland/Mitteleuropa sagen?

Doch – wenn man sich die enormen Unsicherheitsmargen bei allen Angaben stets vor Augen hält. So versuchen einige Raumfahrtenthusiasten, den Absturzzeitraum einzugrenzen. So soll er sich diesen Berechnungen vom 20. 9. zu Folge zwischen dem 23. 9., 15:33 UTC (17:33 MESZ) und dem 24 9. 06:48 UTC (08:48 MESZ), also zwischen Freitagnachmittag und Samstagmorgen, abspielen. Während dieses Zeitraums überfliegt UARS fünfmal Mitteleuropa, und zwar am

23 Sep um 21:45 von Südwest nach Ost
23 Sep um 23:17 von West nach Nordost
24 Sep um 00:49 von Nordwest nach Nordost
24 Sep um 02:20 von Nordwest nach Nordost
24 Sep um 03:52 von Nordwest nach Südost

(Zeiten in MESZ, und sehr unsicher. Gerechnet für Aachen, auf heavens-above.com lassen sich die Zeiten und Himmelsrichtungen für beliebige Orte berechnen!)

Die Chancen, dass der Satellit ausgerechnet während einer dieser Überflüge abstürzt, sind natürlich ebenfalls gering. Andererseits dürfte ein solcher Absturz für ein hübsches Himmelsspektakel sorgen! Sollten Sie Satellitentrümmer übrigens bei sich im Garten finden, unbedingt Ihre zuständige Weltraumschrottbehörde informieren!

In diesem Sinne, ein ereignisreiches Wochenende!  

Jan Hattenbach

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. UARS

    Spaceweather.com hat bringt regelmäßig Upadtes zum Reentry.

    http://www.spaceweather.com/

    Hier heißt es auch:

    [blockquote]NASA has issued an update on the condition of the decaying UARS satellite: „As of 1:30 p.m. EDT Sept. 21, 2011, the orbit of UARS was 120 mi by 130 mi (190 km by 205 km). Re-entry is expected sometime during the afternoon of Sept. 23, Eastern Daylight Time. The satellite will not be passing over North America during that time period. It is still too early to predict the time and location of re-entry with any more certainty, but predictions will become more refined in the next 24 to 48 hours.
    […]
    Satellite tracking expert Ted Molczan has used USSTRATCOM’s orbital elements of UARS to predict a decay time „late on Sep 23, roughly between 18:00 and 22:00 UTC.“
    [/blockquote]

    Der letzte Transit des UARS von Deutschland aus findet am 23.9. um 21:35 Uhr statt.

    P.S. Wir sehen uns auf dem HTT…

  2. ist das nicht gefährlich?

    „Dieser Blogger wird sich jedenfalls an diesem Altweibersommer-Wochenende todesmutig vorwiegend an der frischen Luft aufhalten.“

    oder in einem Flugzeug durch den glühenden Schrotthagel reisen und aus „ungeklärter Ursache“ unsanft landen.

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