Auch das noch: Bricht ISON nun auseinander?

Die Experten meinen, dass da nichts dran ist. Dennoch hat ein kurzer Aufsatz eines kolumbianischen Astronomen für ein wenig Aufsehen gesorgt, denn seine Prognose ist dramatisch: Ignacio Ferrín von der Universidad de Antioquia in Medellín behauptet, Komet ISON werde auseinanderbrechen – nicht etwa an seinem Perihel am 28. November (das ist weiter möglich und auch nicht unwahrscheinlich) sondern jetzt. Dann wäre es das mit dem „Jahrhundertkometen“ – aus und vorbei.

Unter Zuhilfenahme dreier unabhängiger Datensätze fand Ferrín in der Helligkeitskurve des Kometen ein sogenanntes Slope Discontuinity Event (SDE), also einen sprunghaften Rückgang der Helligkeit, gefolgt von einer weniger starken Zunahme im weiteren Verlauf seiner Annäherung an die Sonne. Dieses SDE fand schon vor Monaten statt, als der Komet noch 5,1 Astronomische Einheiten (AE) von der Sonne entfernt war. Inzwischen sind es nur noch rund 1,5 AE.

Die Helligkeitskurve von C/2012 S1 ISON zeigt eine deutliche Diskontinuität bei einer Sonnendistanz von 5,1 AE (rote Linie). Danach steigt die Helligkeit weniger schnell an. So etwas sieht man bei vielen Kometen. Ob aber, wie behauptet, der Komet jetzt auseinanderbricht, wird von Experten stark bezweifelt. Aufgetragen ist die reduzierte Helligkeit des Kometen (bei der die sich ändernde Erdentfernung berücksichtigt ist) gegen den (logarithmisch aufgetragenen) Sonnenabstand (Quelle: I. Ferrín).

Laut Ferrín zeigten bereits zwei andere Kometen ein ähnliches Verhalten: C/2002 O4 (Hönig) und C/1996 Q1 (Tabur), und beide brachen kurz darauf auseinander. Auf nicht weniger als „100 Prozent“ beziffert Ferrín die Wahrscheinlichkeit, dass ISON deren Schicksal teilt. Schließlich steige seine Helligkeit nicht weiter an, wie man es aufgrund seiner Annäherung an die Sonne erwarten würde. Dann würde es nichts mit einem Kometenspektakel im Dezember.

Das Echo auf das bei keiner anerkannten Zeitschrift eingereichten Papier ist überwiegend negativ. „Zusammengepickt“ und „praxisfremd“ waren zwei Adjektive, mit denen zwei deutsche Experten Ferríns Analyse beschrieben. Erster Kritikpunkt: Die SDEs von Hönig und Tabur ereigneten sich beide bei Sonnendistanzen von etwa 1,2 AE, das von ISON bei 5,1 AE. Dieser Unterschied ist bedeutsam: Erstere befanden sich innerhalb der Frostgrenze, ab der die Energie der Sonne ausreicht, Wassereis zu sublimieren, letzterer außerhalb. Bei ISONs SDE müssen also andere physikalische Prozesse am Werk gewesen sein als bei Hönig und Tabur.

Zweitens: Ferrín behauptet, innerhalb der letzten drei Septembertage habe der Komet einen dramatischen Helligkeitsabfall von 0,5mag erlebt (siehe die letzten drei Messpunkte in der Grafik). Der Zerfall des Kometen stehe damit kurz bevor. Seltsam nur, dass andere Beobachter eine Zunahme der Helligkeit beobachten, satte 1,0mag seit dem 23. September. „Die visuellen Beobachtungen sagen: Alles OK mit ISON!“, meint dazu der Kometenexperte Burkhard Leitner.

Dank des guten Wetters konnte ich ISON am 2. Oktober nochmals ablichten. Der Vergleich mit meiner Aufnahme vom 28. September zeigt kein Anzeichen für eine Helligkeitsabnahme, eher das Gegenteil. Die frühere Aufnahme entstand allerdings unter erheblich schlechteren Bedingungen, so dass ich hier keine allzu qualitativen Schlüsse ziehen möchte.

Vergleich ISON am 28.9. vs. ISON am 2.10. Aufgenommen jeweils mit einem 200mm Newton und einer Canon EOS 450Da, Stacks von Einzelaufnahmen zu je 120s auf 1600 ASA, Astronomik CLS-Filter zur Reduzierung der Lichtverschmutzung.

Das Gute an Ferríns Analyse: Bereits in wenigen Tagen entscheidet sich, ob er recht hat oder nicht. Als ein an einem schönen Kometen zum Jahresende interessierter Amateurastronom hoffe ich, dass er falsch liegt!

In der Zwischenzeit kann man sich übrigens auch noch anderen Schweifsternen zuwenden. Hier einmal ein Vergleich von C/2012 S1 ISON mit C/2013 R1 Lovejoy, aufgenommen mit identischem Equipment am 2. Oktober:

Wie man sieht: 11mag-Kometen sehen keineswegs immer gleich aus!

Jan Hattenbach

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Der Fall Hönig

    Was Ferrin standhaft ignoriert ist, dass Komet Hönig überhaupt nur dank eines gewaltigen Ausbruchs sichtbar (und dabei von dem deutschen Amateur entdeckt) worden war – der ihm dann zugleich das Ende bereitete. Für ISON gibt es zwar auch eine Outburst-Hypothese, aber von völlig anders gearteter und v.a. nicht-destruktiver Natur: Dass dem Kern nichts Schlimmes passiert ist, beweisen die Bilder (inklusive der „Nahaufnahmen“ des MRO vom Mars aus) der letzten Wochen, die einen ‚gesunden‘ Kometen zeigen.

  2. Komet ISON

    Hallo Jan,
    ein sang- und klangloses Verschwinden von ISON hätte uns gerade noch gefehlt…
    Bei mir liegen 100 Broschüren „Komet ISON – Alles zum Großen Kometen 2013“ die unter das Volk gebracht werden wollen 😉
    Kurt

  3. Großsprecherische Schlussfolgerung …

    … im Ferrin-Paper auf Seite 9:

    This dispels the notion that comets are not predictable.

    Na, da schenkt aber einer ganz schön ein. Vor allem, wenn er gleich auf der nächsten Seite im selben Paper selbst schreibt:

    There is some fundamental physical process that goes on here that we do not understand.

    Dann sollte man sich aber doch vorsichtshalber etwas bedeckt halten.

    Just in case.

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