Kleine Kritik der Wissenschaftssprache

Valentin Groebner diagnostiziert „Luhmannieren“, „Habermasen“ und andere „akademische Tröpcheninfektionen“ in den Geisteswissenschaften

Valentin Groebner ist Professor für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern. In seinem just erschienenen Büchlein „Wissenschaftssprache. Eine Gebrauchsanweisung“ schreibt er sich Ärger von der Seele. Berechtigten Ärger – über allerlei Untugenden akademischer Schreibpraxis.

Groebner: Wissenschaftssprache (Cover)

Das Büchlein ist ein Plädoyer für gutes wissenschaftliches Schreiben, wie man es z.B. für eine geisteswissenschaftliche Dissertation braucht. Solchem Schreiben stehen jedoch zwei Probleme im Weg: Autor und Leser. Die wichtigsten Leser jener Texte, um die es Groebner geht, das sind die Professoren, allen voran Doktorväter und -mütter. Und diese wollen in einer soliden akademischen Arbeit bitteschön das vernehmen, was Groebner treffend „Theoriesound“ nennt. Die Autoren begehen den Fehler, den Sound eilfertig zu erzeugen.

Seminar-, Magister- und vor allem Doktorarbeiten müssen Atmosphäre erzeugen. Damit meint Groebner: Um in den erlauchten Kreis der Eingeweihten eines Fachs aufgenommen zu werden, haben sich junge Autoren bestimmten Ritualen zu unterwerfen. Überkommenen Ritualen. Dazu gehören etwa das Setzen der „Superfußnote“ (welche in der Einleitung ALLE einschlägigen Vorgängerarbeiten zusammenhanglos aufführt, nur damit sie da stehen) oder das Einbauen von „Sprechautomaten“ (Begriffe auf „-ivität“, „-isierung“, „-isierbarkeit“ usw., gern von Autoren bemüht, die ungern selbst Klartext schreiben wollen). Von Passivsätzen und Nominalkonstruktionen ganz zu schweigen.

Groebners Essay ist eine leidenschaftlich vorgetragene Empfehlung, derlei Pfade zu verlassen. „Schmücken Sie sich nicht mit fremden Worten, sondern mit Ihren eigenen“, ruft er seinen Lesern zu, die sich im Wesentlichen in den Haupt- und Oberseminaren geisteswissenschaftlicher Institute wiederfinden dürften. Aussieben, Position beziehen, „ich“ sagen. Darum geht es. Dass ganze Fachbereiche diese Tugenden guter Kommunikation verlernt haben und stattdessen Unarten des „akademischen Stils“ pflegen, hat seinen Ursprung im 18. Jahrhundert, erklärt der Historiker. Damals radierten die Aufklärer alles Subjektive aus ihren Texten aus, um dem Ideal einer objektiven Wissenschaft Bahn zu brechen. Mit der Folge, dass man heutige Autoren vergeblich in ihren Texten sucht.

Groebners Buch berührt ausschließlich die Geisteswissenschaften, macht gegen die dort vorherrschende „Sound“-Kultur manch guten Punkt – und besticht bisweilen mit bissigen Sätzen wie diesen, die rhetorischen Bücklinge vor den kanonischen Größen eines Fachs betreffend:

„Die so entstandenen akademischen Texte lassen sich auch als Informationspansen beschreiben. In ihnen werden bereits gewonnene und hinuntergeschluckte Wissensbestände beharrlich wiedergekäut.“ (S.51)

Allerdings: Eine „Gebrauchsanweisung“, die der Untertitel in Aussicht stellt, ist das Buch mitnichten. Dazu müsste es konkrete Beispiele aus der Praxis von Doktor- und Magisterarbeiten auftischen, negative wie positive. Man lernt bei Groebner zwar, wo das Problem liegt. Doch Lösungen liefert er lediglich in Form von Appellen. Der auf dem Umschlag abgebildete Werkzeugkoffer entpuppt sich als nahezu leer.

Valentin Groebner: Wissenschaftssprache. Eine Gebrauchsanweisung. Konstanz University Press. 143 S., EUR 16,90.

Veröffentlicht von

Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Werkzeugkoffer

    Dann machen Sie doch mal ein paar Vorschläge, womit man den Koffer füllen könnte. Oder sammeln Sie hier entsprechende Beispiele und machen Sie Herrn Groebner dann bei Zeiten mal darauf aufmerksam, sofern er diesen Blog nicht schon liesst.

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