Bernulf Kanitscheider: Konflikt oder Kooperation? Über das Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften

Bernulf Kanitscheider ergreift heute in der Guten Stube das Wort. Wenn man die Entstehung des Universums und all seiner Teile naturwissenschaftlich stringent nachvollziehe, so sein Statement, entpuppen sich auch alle unsere kulturellen Leistungen – der Gegenstand der Geisteswissenschaften – "als Organisationsformen spontaner Ordnungsentstehung auf einer ontologisch frühen Schicht der Materie". Prof. Kanitscheider lehrt seit 1974 am Zentrum für Philosophie und Grundlagen der Wissenschaft der Universität Gießen Philosophie der Naturwissenschaft. Herzlich willkommen im Salon der zwei Kulturen!

Konflikt oder Kooperation? Über das Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften

Prof. Dr. Bernulf KanitscheiderDie Klage der Geisteswissenschaftler, dass ihnen ihr Forschungsterrain von den Naturwissenschaftlern streitig gemacht werde, reicht weit zurück. Die Auseinandersetzung zwischen den zwei Kulturen begann nämlich nicht mit dem berühmten Essay von C.P. Snow von 1959, in dem im wesentlichen nur die Verständigungsschwierigkeiten zwischen den beiden Wissenschaftsgruppen thematisiert wurden, sondern geht letztlich auf die von Heinrich Rickert und Wilhelm Windelband ins Leben gerufene Methodenkontroverse des 19. Jh. zurück, wonach die Naturwissenschaft nach gesetzesartigen (nomothetischen) Beziehungen in der Natur sucht, wohingegen die Geisteswissenschaften individualisierende (idiographische) Beschreibungen liefern soll.

Die tatsächliche Wissenschaftsentwicklung hat sich aber in der Folge nicht an diese Regionalisierung gehalten, sondern die Naturwissenschaften drangen unaufhaltsam und mit unbestreitbarem Erklärungserfolg mit ihrer Methode in die Domäne der geistig – kulturellen Phänomene ein.

Speerspitze der naturwissenschaftlichen Vorgangsweise war Darwins Evolutionsbiologie, die wie eine Universalsäure (Daniel Dennett) sich in alle Richtungen ausbreitete und vor allem auch die Psychologie und heute sogar das Reich der Werte, die Ethik und Ästhetik erreicht hat. Die Betroffenheit der geisteswissenschaftlichen Puristen ist verständlich. Einmal führen die empirischen Methoden und die Anwendung mathematischer Algorithmen zu einer Entzauberung (Max Weber) der emotiv beladenen Kulturgegenstände, zum anderen lässt der naturwissenschaftliche Zugang wenig Raum für die sehr oft pompöse Imponierprosa der geisteswissenschaftlichen Texte (H. Albert), wie sie von den selbsternannten authentischen Verwaltern des Geistes konzipiert wurde.

Der Brückenschlag zwischen Natur und Geist wurde systematisch im wesentlichen durch neue transdisziplinäre Fächer etabliert. Einer dieser Übergriffe war die 1974 von E.O. Wilson begründete Soziobiologie, in der die orthodoxe Darwinsche Evolutionsbiologie auf soziale Phänomene angewandt wurde und die eine neue Epoche der Betrachtungsweise des gesellschaftlichen Bereiches inaugurierte. Eine andere Brücke formierte sich in den letzten Jahrzehnten durch die analytische Philosophie des Geistes. Von naturwissenschaftlich gut informierten Philosophen auf den Weg gebracht, hatten diese von ihrer Grundeinstellung her wenig Probleme, Theorien und Resultate der Neurobiologie in die philosophische Debatte einzubeziehen. Hier entspann sich auch eine fruchtbare Wechselwirkung von begrifflicher Reflexion und einzelwissenschaftlicher Faktizität, die bis heute eine hohe intellektuelle Dichte erreicht hat. Die analytische Philosophie des Geistes stellt die Dokumentation dar, dass die methodische Gebietsaufteilung, ebenso wie auch der Antagonismus zwischen wissenschaftlicher und literarischer Kultur, unnotwendige Relikte einer idealistischen Tradition bilden, in der der Geist eine primordiale Existenzweise besitzt und die Natur nur als ein Epiphänomen des absoluten Geistes angesehen wird. Aber diese ontologische Position konnte der Entwicklung in den Naturwissenschaften nicht standhalten.

Gute Stube

 

 

 

 

 

 

 


Allein schon aus der Geschichte des Universums,
die heute – mit Ausnahme der ersten 10-43 s – zufriedenstellend rekonstruiert werden konnte, ergibt sich eine klare Abfolge der Entwicklung komplexer Strukturen. Die primordiale Materie kann wegen ihrer hohen Temperatur keine hochorganisierten Strukturen tragen. Leben, Bewusstsein, Geist und Erkenntnis sind an ein moderates ökologisches Ambiente gebunden, das sich erst im Laufe der Entwicklung aufgrund der Expansion des Universums einstellte. Die Natur liefert somit aufgrund ihrer Eigendynamik die Basen für die Etablierung der geistigen Organisationsformen der Materie. Es ist nicht schwierig, sich eine leichte Variation der kosmischen Randbedingungen vorzustellen, bei denen mit Sicherheit keine komplexen Trägersubstanzen für die Entwicklung bewusster und kulturproduzierender Materieformen zur Verfügung stehen. Die Verfechter kultureller und geistiger Autonomie vergessen stets, wenn sie nicht gerade einen expliziten Platonismus verteidigen, dass die Fundierungsrolle von Geist und Materie sich nicht umdrehen lässt – es sei denn, man wollte sich in direkten Widerspruch zur Naturgeschichte des Kosmos setzen. Die planetaren, biologischen und neurologischen Entwicklungsstufen der Materie haben eine feste zeitliche Reihenfolge. Damit ergeben sich alle Kulturprodukte als Organisationsformen spontaner Ordnungsentstehung auf einer ontologisch früheren Schicht der Materie.

Auch den thermodynamischen Aspekt darf man nicht außer acht lassen. Erst die Sonnenenergie, die in niedrig entropischer Form uns zur Verfügung steht und die ihren Ursprung in der gravitativen Zusammenballung der Sonnenmaterie hat, erlaubt uns, unsere gedanklichen Aktivitäten auf der Erde zu verfolgen. Wenn einige Vertreter der geisteswissenschaftlichen Fraktion unzufrieden sind, mit den Strukturentstehungskonzepten der naturalistischen Wissenschaftstheoretiker und die Synergie-Emergenz- oder Supervenienz-Modelle als ungenügend empfinden, dann mögen sie sich daran machen zu erklären, wie denn sonst der Geist in die Welt gekommen ist, der die Kulturprodukte hervorbringt. Der ontologische Status der kulturellen Realität kann jedenfalls nicht von der Existenzform des Trägers dieser Schicht abgekoppelt werden, ohne dass ein Hiatus übrig bleibt, den niemand versteht. Viele Details in diesem gewaltigen Stufenprozess der Selbstorganisation des Universums, von der Hadronen-Ära bis zur Epoche der kulturschöpferischen Tätigkeit, mögen noch im Dunkeln liegen, aber umdrehen lässt sich das Fundierungsverhältnis nicht.
 



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Veröffentlicht von

Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zustimmung!

    Womöglich würde es Herrn Prof. Kanitscheider etwas überraschen: Doch als Religionswissenschaftler stimme ich ihm völlig zu. Auch Religiosität und Religionen lassen sich zunehmend präzise „als Organisationsformen spontaner Ordnungsentstehung auf einer ontologisch früheren Schicht der Materie“ beschreiben. Als biologisch sehr erfolgreiche Organisationsformen, übrigens.

    Geisteswissenschaftliche Freiheiten und Relevanz sehe ich damit in keiner Weise beeinträchtigt, im Gegenteil. Schon erkenntnistheoretisch können wir empirisch stets nur vorläufiges (immer falsifizierbares) Wissen über Vergangenheit und Gegenwart produzieren, weder zukünftige Evolutions- und Emergenzprozesse absolut vorhersehen noch abschließend entscheiden, ob die Selbstorganisationsprozesse einem höheren Prinzip, Sinn oder Ziel unterliegen oder nicht. Für z.B. philosophische oder auch theologische Reflektionen wird es also stets Bedarf geben! Prof. Kanitscheider ist ja auch Philosoph.
    Die Geisteswissenschaften werden durch die Naturwissenschaften m.E. auch nicht aufgelöst, sondern erhalten eine neue und zunehmend weniger spekulative Fundierung. Psychologie ist m.E. doch eher noch faszinierender und auch relevanter geworden, seitdem sie auch ihre biologischen und entwicklungsgeschichtlichen Grundlagen zu entdecken begonnen hat!

    Was unter Druck gerät, ist ein quasi geisteswissenschaftlicher Kreationismus im theistischen, agnostischen und auch atheistischen Gewand, der seine jeweiligen (sozialen, psychologischen, weltanschaulichen o.ä.) Phänomene als von der Natur völlig unableitbar behaupten will. Dessen Überwindung würde ich doch eher als Fortschritt bezeichnen.

  2. lesenswert

    Dank an Carsten Könneker, der uns immer wieder lesenswerte Gastautoren beschert.
    Bernulf Kanitscheider ist es besonders. Selbst wenn man seinen Thesen nicht zustimmt, muss man wohl die Klarheit seiner Sprache und seiner Argumentation anerkennen. Selten liest man in diesem Zusammenhang so wohlformulierte Sätze wie „umdrehen lässt sich das Fundierungsverhältnis nicht“. Die Aufforderungen, andernfalls zu erklären „wie denn sonst der Geist in die Welt gekommen ist“, mag zwar grob klingen, trifft aber den Kern.

  3. Natur- und „Geistes“wissenschaften

    Diese Klassifikation der Wissenschaften, die man Dilthey „verdankt“, war und ist an sich eine intellektuelle Katastrophe; allein schon die Benennung „Geisteswissenschaften“ – mit all dem ideologischen Müll, mit dem sie historisch behaftet ist – wäre wegzuwerfen und – z.B. – etwa analog zu franz. „sciences humaines“ durch „Humanwissenschaften“ zu ersetzen. Ich denke, daß für alle Wissenschaften dieselben logischen und wissenschaftstheoretischen Normen gelten müssen: daß folglich von allen intersubjektive, nachweisbare Ergebnisse verlangt werden können. Der sozialee Niedergang der Humanwissenschaften in den letzten Jahrzehnten basiert nicht zuletzt darauf, daß allzu viele Vertreter unserer Humanwissenschaften solche normalen Anforderungen an Wissenschaftlichkeit ignoriert haben. Gemeinsame Normen für Wissenschaftlichkeit sind natürlich auch die notwendige Bedingung für die wünschenswerte Kooperation von Natur- und Humanwissenschaften.

  4. Anforderungen an Wissenschaftlichkeit

    Moin Herr Titzma,

    ich stimme Ihnen durchaus zu, dass eine Art reality check über Plausibilität und Konsistenz hinaus auch in den Geisteswissenschaften wünschenswert wäre.

    Allerdings sehe ich nicht, wie man strenge Nachweisbarkeit umsetzen kann. Es ist ja gerade der Fluch der Geisteswissenschaften, dass man nicht einfach losgehen und nachmessen kann.

  5. Antwort auf Prof. Titzmann

    Ich stimme Ihnen völlig zu, darf aber nochmals auf die Hintergründe der Spaltung hinweisen. Die Analytische Philosophie, speziell der Kritische Rationalismus, hat sich gerade bemüht, die Universalität der Methode der kritischen Prüfung zu verteidigen, ist aber bei den Vertretern der Heidegger – Gadamer – Schule auf erbitterten Widerstand gestoßen; diese möchten die Methode des Verstehens für die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften reserviert wissen. Die philosophische Hermeneutik – nicht zu verwechseln mit der linguistischen Methode der Textauslegung – avancierte in dieser Denkrichtung zu einer universalen Ontologie mit autonomer Methodik. Die Rolle des Verstehens wurde von einem Modus der Subjektivität in eine Form von Faktizität umgewandelt. Deshalb kommt dieser Denkschule der empirischen hypothetisch – deduktiven Methode des Erklärens nur eine regionale Bedeutung zu. Die gesellschaftlich – geschichtliche Welt läßt sich aus der Sicht der Hermeneutiker nicht mit gesetzesartigen Regeln erfassen, weil hier das Einzelne nicht Sonderfall einer Regel sein kann. Diese Regionalisierung ist völlig überzogen und bewirkt eine sterile Sprachlosigkeit zwischen den Wissenschaftsbereichen. Auch historische Prozesse und sprachliche Entwicklungen laufen in der alle Ereignisse umfassenden Raumzeit ab, sind mit den materialen Faktizitäten verschränkt und nehmen deshalb Teil am naturhaften Geschehen der Realität. Die Ausgrenzung eines Teiles dieser Gesamtwirklichkeit als analyseresistente regularitätsfreie Zone ist deshalb eine unfruchtbare Strategie, die nur den Erkenntnisfortschritt in den Wechselwirkungszonen von Natur, Geist und Geschichte behindert.

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