Joachim Müller-Jung: Bloggen – Dienst oder Vergehen an der Wissenschaft?

Joachim Müller-Jung ist einer der profiliertesten deutschen Wissenschaftsredakteure. Seit 2003 leitet er das Ressort "Natur und Wissenschaft" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der gebürtige Heidelberger studierte Biologie in seiner Heimatstadt und Köln; seine Diplomarbeit behandelte die Reptilienfauna Madagaskars. Schon vor und während des Studiums schrieb er für diverse Zeitschriften und Agenturen. Er volontierte bei der Kölnischen Rundschau und wechselte im Anschluss zur FAZ. Seit Dezember 2008 ist er zusammen mit Kollegen auch Autor des Wissenschaftsblogs Planckton auf faz.net. Dort bloggt er über biologische Themen ebenso wie über grundsätzliche Fragen der Wissenschaftskommunikation im Netz.

Dieses Wochenende ist Joachim Müller-Jung Gastredner beim SciLogs-Bloggertreff 2009 in Deidesheim, den er vorhin mit seinem Vortrag auch eröffnete. Darin legte er den mehr als 40 versammelten Bloggern und Wissenschaftsjournalisten die Frage vor, ob Bloggen einen Dienst oder doch eher ein Vergehen an der Wissenschaft darstelle. In der Guten Stube wiederholt er die Antworten, zu denen er selbst kommt, noch einmal: 


Bloggen – Dienst oder Vergehen an der Wissenschaft?

Braucht die Wissenschaft wirklich Blogger? Oder ist Bloggen über Wissenschaft vielleicht sogar schädlich? Beides hat man in der jüngsten Zeit öfter lesen können. Und die gleichen Fragen werden  im Hinblick auf den Wissenschaftsjournalismus ebenfalls immer stärker diskutiert. Sollen die Journalisten verstärkt in sozialen Netzen arbeiten – bloggen, twittern und podcasten? Oder unterminiert das leichthändige Schreiben und „Posten“ in offenen Foren nachhaltig die eigene Arbeit und diejenige der betroffenen Wissenschaftler noch dazu, über die man schreibt?

Bei allem kreativen Esprit, den Blogs und Mikroblogs ganz zusehends  zu verbreiten vermögen, herrscht doch bei allen Beteiligten ein sichtliches Unbehagen. Ein sogar ganz rapide wachsendes Unbehagen, scheint mir. Das liegt an zwei gegenläufigen Entwicklungen.

Joachim Müller-Jung in Deidesheim
(Joachim Müller-Jung auf dem SciLogs-Treffen 2009 in Deidesheim; Foto: Richard Zinken)

Das einflussreiche britische Blatt „Nature“ hat den kreativen Trend neulich in einer kleinen Serie von Artikeln und Editorials zusammengefasst – Aufsätzen, die allerdings sämtlich im Zusammenhang mit dem Start einer ganzen Reihe eigener Internetforen und Nature-Blogs gesehen und also wohl auch als Werbung in eigener Sache gewertet  werden müssen. „It’s good to blog“, war da in den letzten Tagen zu lesen, sogar Autoren von noch unveröffentlichten Nature-Papern wurden zum Mitmach-Bloggen aufgerufen.

Das kann man als Chance, als positive Entwicklung, verstehen. Keine Frage, es gibt immer mehr Wissenschaftler und Journalisten, die so etwas wie Aufbruch spüren und genau deshalb in die Blogosphäre eintauchen. Und viel Zeit investieren. Investieren?

Das ist das Stichwort für die destruktive Tendenz im Kommunikationsgeschäft dieser Tage. Wer honoriert das Zeitinvestment und den geistigen Input eigentlich, und wer liefert endlich die Idee, wie diese scheinbar schönste intellektuelle Nebensache der Welt jemals angemessen belohnt und deshalb auch professionalisiert werden kann?  Festzuhalten ist: Blogs, zumal von Forschern und wissenschatflichen Insidern – die wissenschaftlichen Blogs – sind kein geistloser, billiger Infokram, aber sie werden billigst auf dem Wissensmarkt verscherbelt. 

Wissenschaftsblogger auf der anderen Seite, also vorwiegend Journalisten, die gewollt oder gedrängt ihre Zeit in die digitale, mobile Zukunft investieren, werden zwar wenigstens dafür bezahlt – mehr oder weniger zumindest. Aber sie wissen natürlich auch, dass sie mit ihren selbstausbeuterischen Umtrieben in der Kostenloskultur vermutlich kräftig mit an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen. Das ist, wenn kein Wunder geschieht, Kulturkannibalismus pur.

Wir erleben gerade mit, wie der amerikanische Zeitungsmarkt in sich zusammenbricht. Sicher nicht allein des Internets wegen. Aber der beschleunigte Einnahmerückgang um 20 Prozent allein im vierten Quartal 2008, das Zeitungssterben dort, zwingt alle zusammen,  jetzt noch intensiver darüber nachzudenken, was danach kommt.

Gibt es eine Alternative zum professionellen, unabhängigen Journalismus? Können vielleicht tatsächlich Blogs, die sich derzeit am stärksten dafür zu profilieren versuchen, die Lücken füllen? Ich vermute, dass es diesen Wunsch bei den meisten Wissenschaftsbloggern überhaupt nicht gibt, bei Wissenschaftlerbloggern schon gar nicht. Aber vielleicht kann, ja muss, der Journalismus sogar, wenn die Kostenloskultur sich schlußendlich durchsetzt, einiges aus aus der Blogosphäre mitnehmen? 

Mein Eindruck ist, die Grenzüberschreitungen sind schon heute erkennbar, speziell bei den Wissenschaftsblogs. Die Mediennutzung zwingt dazu. Es geht scheinbar unaufhaltsam hin zum flexiblen, bald auch noch mehr zum mobilen  Internet und weg vom statischen Druckerzeugnis. Amerika ist da das schlagendste Beispiel zur Zeit (siehe nachfolgende Grafik). Aber vorsicht: Für Nachrufe ist es immer noch deutlich zu früh. Das Geschäftsmodell der klassischen Medien ist noch nicht tot, und noch wird der professionelle Journalismus gebraucht.

Mediennutzung im Wandel. Beispiel: USA 2008 im Vergleich zu 2007 (Quelle: The State of the News Media 2009)

(Quelle: Bericht "The State of the News Media 2009")

Was bedeutet es aber nun für die Wissenschaften, wenn der reißende Strom der digitalen Welt die einen, die gelernten Rechercheure, in die Tiefe zieht, und die anderen, die Blogger, auf versprengten Inselchen darben lässt? Nebenbei gesagt: Der Begriff „soziales“ Netz ist in den Zusammenhang durchaus zynisch, weil es nämlich Urheber und Nutznießer einer gewaltigen sozialen Krise – die nämlich im Journalismus – ist. Das Bild vom reißenden Strom ist zugegeben schwarz gemalt, trotzdem muss es uns nicht schrecken. Denn es ist lediglich das Bild des Übergangs. Die Wissenschaft vor allen Dingen sieht sich längst selber in dem Zwang, aus dem Kommunikationsautismus herauszufinden. Und der Boom der Wissenschaftlerblogs ist meines Erachtens das klarste Indiz dafür. Wenn die Blogs tatsächlich die Nutznießer der Massenabsetzbewegung aus klassischen Medienformen werden, dann muss am Ende aber auch Sorge dafür getragen werden – und dafür sind zuerst andere als Wissenschaftler zuständig –,  dass genügend Kommunikatoren da sind, die vor allem eines haben: Distanz. Solche, die die Öffentlichkeitsrolle und Wächterfunktion nicht nur nebenbei einnehmen.

Unter dem Strich sind es für den Journalismus wie für die Wissenschaften die Inhalte, weniger die Formen, die zählen. Gute seriöse Blogs können besser sein als schlechter Zeitungsjournalismus. Sie können mit ihrer Nähe zum Thema kompetenter aufklären, haben kein physisches Reichweitenproblem und können vielleicht sogar das Leserpotential für wissenschaftliche Themen, das in demoskopischen Studien immer wieder freigelegt wird, wegen der leichten Verfügkbarkeit im Netz effektiver mobilisieren – buchstäblich überall und zu allen Zeiten.

Aber nicht Freiheit, sondern Unabhängigkeit ist die zentrale Eigenschaft von gutem Journalismus. Wer mühsam recherchieren muss, mitunter tagelang, und die Leser nicht nur mit subjektiven Erfahrungen, schnellen Analysen, Empfindungen, Überzeugungen, Weltanschauungen beeindrucken will, der muss sich professionalisieren. Die meisten Blogger heute definieren sich, das ist mein Eindruck, hauptsächlich doch über eigene Interessen. Das ist auch legitim, aber es ist auch unjournalistisch. Überspitzt gesagt: Das Netz schluckt jeden Unsinn, und alle laben sich daran. Niemand haftetet dafür. Orientierung ist für den Laien da besonders schwer.

Wie also, ist zu fragen, steht es um eine systematische Selbstkontrolle, wenn jeder vor sich hindichtet und schreibt, was, wie und worüber er will? Sind das die geeigneten Leseanreize für wissenschaftliche Themen, wenn ein professioneller Mainstream wie heute wegfällt?

Ich habe den Verdacht, dass die Dinge, die den Charme der Blogosphäre heute ausmachen – ihre Spontaneität, Freizügigkeit und die starke Subjektivierung – über kurz oder lang bei vielen Bauschschmerzen auslösen werden. Nicht zuletzt den Wissenschaften selbst, in denen Kreativität zwar stets geschätzt und auch gebraucht wird, denen es aber im Grunde ihrer Herzen ausgesporchen konservativ um Sachlichkeit und Objektivität geht. Im „Nature“-Kommentar wird das so formuliert: „Sadly, these activities live on the fringe of the scientific enterprise. Blogging will not help, and could even hurt, a young researcher’s chances of tenure.”

Ob der Forschungsbetrieb bereit ist, sich dem neuen, unkoventionellen Treiben zu öffnen, ist fraglich. Wer Karriere machen will, dem wird schon heute vor allem ungeheure Disziplin abgefordert. Der Betrieb versagt  ja oft schon bei dem Versuch, über die je eigene Disziplin hinweg auf Augenhöhe mit anderen zu diskutieren und zu kooperieren. Ob er sein Glück letztlich also im sozialen Netz, ist vor allem auch deshalb fraglich, weil die besten unter den Forschern (Ausnahmen bestätigen die Regel!!) den Bloggern im heutigen Sinn fremd bleiben. Spitzenforscher forschen, forschen und forschen. Ihre Zeit ist noch kostbarer als die aller anderen. Sie schreiben bestensfalls Förderanträge, ansonsten ist ihnen vor allem daran gelegen, dass ihre Leistungen dort ankommen, wo die Entscheider, Multiplikatoren und Meinungsbilder sitzen.

Ihr Blick ist in die Hauptstädte gerichtet. Und auf diejenigen, die dort Einfluss haben, die Öffentlichkeit repräsentieren und gelesen oder gehört werden, weil sie unabhängig und Profi genug sind, einigermaßen objektiv zu informieren. Wer  in der Blogosphäre wollte in diese Bresche springen, wenn die klassischen Medien ausfallen? Nichts ist unmöglich, gewiss. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, nur sehe ich diese Institution nicht. Ausgang offen.

In diesem Übergang kann es sicher niemandem schaden, weder den digitalen Netzwerkern, noch den Medien oder der Wissenschaft, wenn die Blogger weiter üben und neue Formen ausprobieren. Einige wichtige Funktionen der Blogs, die Kommentarelemente etwa, können online sicher anderweitig besesetzt werden. „Plos“ und „Cell“ beispielsweiseweise nutzen Kommentarfelder bereits unter ihren Veröffentlichungen, „New England Journal“ und „Nature“ testen mit freien Diskussionsforen. Aber ich traue den Blogs schon zu, dass sie noch viel mehr und effektiver als heute ganz eigenständige, und für den Fortgang der Wissenschaften dennoch wertvolle Beiträge und Debatten über die jeweiligen Zirkel hinaus anstoßen – etwa solche um ethische Fragen. Sie können damit noch viel mehr in die Tiefe und in die Breite wirken als. Dieses Potential der Wissenschaftsblogs ist heute nicht ausgeschöpft, es entwickelt sich überhaupt erst. Blogger können sich dabei ungemein nützlich machen. Hoffentlich bald auch nicht mehr nur ehrenamtlich.

 


In der Guten Stube diskutierten zuvor schon die Wissenschaftsjournalisten Volker Stollorz und Katrin Zinkant das Verhältnis von Journalismus und Wissenschaftsblogs.

 

Carsten Könneker

Veröffentlicht von

Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Will Herr Müller-Jung eigentlich vom Bloggen abraten oder lese ich das nur so zwischen den Zeilen raus? Die Frage in dem Text scheint für mich eher „Bloggen – Dienst oder Vergehen am Journalismus“ zu sein.

    „[…]Die meisten Blogger heute definieren sich, das ist mein Eindruck, hauptsächlich doch über eigene Interessen. Das ist auch legitim, aber es ist auch unjournalistisch.[…]“ Das ist der Knackpunkt, über den sich manche Journalisten schon seit Jahren im Zusammenhang mit Blogs (welcher Art auch immer) aufregen, da sie scheinbar nicht gutheißen, daß Blogs alternative Wege gehen können, da sie eben nicht den Anspruch auf journalistische Arbeitsweise erheben müssen. Dazu möchte ich gern ein Zitat von Zivkovic (a blog around the clock) aufgreifen:“ Bloggers don’t want to be journalists. I want to write on my blog whatever I want. I may write a post about a new circadian paper, but the next eighty posts are about politics or what I ate for breakfast.“ (aus „Supplanting the old media?“ Nature/ Vol 458/ 19.03.09) Wissenschaftsblogs ermöglichen es den Wissenschaftlern von ihren hohen, uneinnehmbaren Türmen herunter zu kommen und sich und ihre Interessen subjektiv einem breiten Publikum zu präsentieren. Plötzlich werden Wissenschaftler, die sich sonst hinter Schreibtischen oder Laborbänken verstecken, berührbar und es entstehen teilweise Diskussionen der verschiedensten Art mit ganz unterschiedlichen Menschen in den Kommentaren, denen die Wissenschaftler vielleicht in ihrem normalen Alltag nie begegnet wären. Der Weg, wie der Blogger sich seiner Leserschaft präsentiert (ob immer absolut fachlich-sachlich, kreativ-phantasiereich oder auch einmal privat und humorvoll), sollte jedem Wissenschaftler selbst überlassen werden, da sich offensichtlich für jede Art ein passendes Publikum findet und jeder Mensch (Wissenschaftler) verschieden ist.

    „Wissenschaftsblogger auf der anderen Seite, also vorwiegend Journalisten, die gewollt oder gedrängt ihre Zeit in die digitale, mobile Zukunft investieren, werden zwar wenigstens dafür bezahlt – mehr oder weniger zumindest. Aber sie wissen natürlich auch, dass sie mit ihren selbstausbeuterischen Umtrieben in der Kostenloskultur vermutlich kräftig mit an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen. Das ist, wenn kein Wunder geschieht, Kulturkannibalismus pur.“
    Mit Verlaub, gut recherchierte Zeitungsartikel werden wegen Blogs nicht überflüssig. Sie dienen im Gegenteil häufig als Quelle von Blogeinträgen. Diese Bemerkung von Herrn Müller-Jung schlägt genau in die Scharte der Journalisten, welche Blogs aus was für Gründen auch immer als Bedrohung ihres Arbeitsplatzes sehen, was aber einmal mehr auf dem Vergleich von Äpfeln und Birnen basiert. Höchstens werden gelegentlich schlecht recherchierte Artikel von Journalisten die Zielscheibe von Bloggern, die es durch ihre Fachkompetenz oder bessere Recherche schlicht besser wissen und die Fehler aufdecken. Vielleicht ist das Problem mancher Journalisten eben diese Art der öffentlichen Kritik an ihrer Arbeit, mit welcher sie sich früher nicht auseinandersetzen mußten.

    Alles in allem scheint für mich der Tenor in diesem Beitrag eher negativer Natur zu sein und ich hoffe, daß ihr euch nicht davon deprimieren oder demotivieren laßt, weitere Berichte von Deidesheim zu schicken. *hust* *Wink mit dem Zaunpfahl*

  2. Früher war alles besser

    Ein ziemlicher verklärter Blick auf den Wissenschaftsjournalismus. Ob ein Scott Reuben in peer reviewten Journalen oder ein Axel Bojanowski, dessen Artikel in der SZ Stefan Rahmstorf im aktuellen Nachbarblog korrekt kritisiert: der Wissenschaftbetrieb ist grauenhaft, um Churchills Ausspruch zu variieren, aber das beste was wir haben. Und seit den Wissenschaftsblogs ist er noch etwas besser.

    Daß Spitzenforscher nicht bloggen sondern höchstens Anträge auf Fördergelder schreiben wollen, mag ja sein. Aber diese Gelder zahle ICH, der Steuerzahler, also bitte nicht nur an die Vergabestellen in Berlin denken sondern auch an den Steuerzahler in Köln oder sonstwo. Leider ist mir der Zugang zu den Originalpublikationen dieser Spitzenforscher, die ich bereits mit meinen Steuern finanziert habe, durch oft 30 Euro Kosten pro Artikel erschwert, mit denen ich noch die Wissenschaftjournalisten finanzieren soll. Ein bißchen wie bei den Billigfliegern.

    Also nichts für ungut, aber ich kann nicht finden, daß der Wissenschaftsjournalismus besonders gut zwischen der akademischen und der öffentlichen Welt vermittelt hat. Mir gefällt scilogs sehr viel besser.

    Ist es wirklich so bedauerlich, daß die Musikindustrie durch die neuen Medien Probleme bekommen hat? Immerhin wurde u.a. das Liveereignis dadurch aufgewertet. Ich vermute, daß Wissenschaftsjournalisten besser beraten wären, die Entwicklung im Blog konstruktiv mitzugestalten, als darüber zu klagen, daß früher alles besser war. Für sie war es das vielleicht, aber für mich als Leser nicht.

  3. Auch ich bin nicht sicher, ob ich die These richtig verstehe. Können Blogs von Wissenschaftlern die wissenschaftsjournalistische Berichterstattung ergänzen oder gar ersetzen? Herr Müller-Jung nennt einige Gründe dafür, dass das nicht geht: Zum einen ist Journalismus ein Handwerk, das man lernen muss – und als Wissenschaftler vielleicht nicht lernen will, weil man andere Ziele verfolgt. Zum anderen ist für guten Journalismus Distanz nötig, die ein Wissenschaftler zur Wissenschaft nun einmal nicht hat. Dieser Analyse stimme ich zu, aber sie führt mich zu der Schlussfolgerung, dass Blogs von Wissenschaftlern für den Zustand des Wissenschaftsjournalismus unerheblich sind. Wenn Herr Müller-Jung das auch so sähe, hätte er es geschrieben. Daher bin ich, wie gesagt, nicht sicher, ob ich die These verstehe.

    PS: Um nicht missverstanden zu werden: Blogs von Wissenschaftlern halte ich für eine echte Bereicherung.

  4. Haftet wirklich niemand?

    „Überspitzt gesagt: Das Netz schluckt jeden Unsinn, und alle laben sich daran. Niemand haftetet dafür.“

    Das ist eine schöne Überspitzung. Aufgefallen ist mir das natürlich auch und es ist der Grund, warum ich im Netz als Webautor, Blogger und meistens auch in Foren meinen echten Namen verwende.

    Selbstverständlich hafte ich für meine Beiträge und das gilt für die meisten Blogger hier bei SciLogs. Vielleicht können wir von SciLogs gerade in dem Punkt einen Unterschied machen. Im Gegensatz zu der wohl beliebtesten und umfangreichsten Wissensquelle im Netz, der Wikipedia, lässt sich bei uns jeder Satz eindeutig einem Autor zuordnen. Ist das nicht schon ein Schritt in die richtige Richtung?

    Die Kritik an das WWW als ganzes trifft zu. Das Netz schluckt tatsächlich jeden Unsinn. Aber sie trifft nicht jede Seite des Webs gleichermaßen. Die Homepage der FAZ schluckt sicher nicht jeden Unsinn. Ich hoffe, das gilt auch für SciLogs.

  5. Ich verstehe auch hier wieder mal nicht, warum Bloggen Journalismus ersetzen sollte. Diese These ist so alt wie das Bloggen und wird durch ständige Wiederholung nicht besser. Beides kann in meinen Augen gut coexistieren. Die meisten Blogger wollen auch gar keine Journalisten sein, schon gar nicht wenn sie im Hauptberuf Wissenschaftler sind.

    Was das alles bringt? Im heutigen Wissenschaftsbetrieb mit seinen Drittmittelanträgen und dem Sammeln von Impactpunkten wahrscheinlich wenig. Wenn wir aber zum grundsätzlichen Sinn der Wissenschaft zurückkehren – dem Erforschen der Natur zum Nutzen der Menschheit -, dann bringen bloggende Wissenschaftler sehr viel. Weil sie die Öffentlichkeit informieren, ihr einen anderen Zugang zu Informationen bieten.

  6. Antwortversuche

    Liebe Blogger,
    präventiv gewissermaßen, damit sich die Diskussion nicht im Kreise dreht (was sie bisher erfreulicherweise noch nicht tut, aber der Punkt kommt irgendwann immer) will ich die Mißverständnisse ausräumen, die hier beklagt werden:

    1. Ich sehe das Bloggen gerade nicht in Konkurrenz zum Journalismus. Und abraten will ich davon schon gar nicht. Ganz im Gegenteil. Ich habe versucht deutlich zu machen, dass Wissenschaftlerblogs (also vor allem wissenschaftliche Blogs wie Scilogs) eine wichtige Funktion und wahrscheinlich sogar eine zunehmende wichtigere Funktion einnehmen – eben wegen der Krise der klassischen Medien und der Redaktionskürzungen. Vielleicht trifft es der biologische Begriff Koexistenz ja einigermaßen. Das führt mich zu…

    2. Blogs sind für die Lage der Medien natürlich ganz und gar nicht verantwortlich. Völlig d’accord. Dass aber wir Journalisten nun das Gefühl haben könnten, die Blogger nehmen uns die Butter vom Brot oder, dass sie am Ende vielleicht sogar die besseren Journalisten sein könnten und sich eigentlich nur an den Kritiken der Blogger stören, diese These halte ich, mit Verlaub, für einigermaßen entrückt. Wir werden ja quasi mit der Milch der Kritiken aus dem Wissenschaftsbetrieb aufgezogen: Leserbriefe, böse Anrufe, Beschwerden – alles dagewesen, und das wird auch keineswegs unterdrückt, wenn es Substanz hat.
    Gerne nochmal etwas deutlicher: Aus meiner kleinen Standortanalyse großartige Konkurrenzszenarien zwischen Bloggern und Journalisten herleiten zu wollen, trifft die Sache wirklich nicht. Da gibt es keinen Spielraum für Interpretationen. Zumindest hiermit nicht mehr.
    3. Nach Nostalgie ist mir übrigens ganz und gar nicht. Füher war nicht viel besser. Vor allem ist vieles heute und morgen wohl nicht mehr so wichtig, was früher gelehrt wurde. Aber mir liegt schon einigermaßen viel daran, dem leidenschaftslosen, professionell recherchierenden, unabhängigen Journalismus ein möglichst langes Leben zu wünschen. Sicher, viele würden ihn nicht vermissen, aber das ist ja heute nicht anders (in dem einen Kommentar ja auch erkennbar). Was wir vermissen ist das Geschäftsmodell. Das ist für Blogger nebensache, aber das nagt zur Zeit halt arg an uns. Und wer uns, die wir von dem Geschäft leben (und Familien ernähren) müssen, dies nicht zugesteht, der hat einfach gesagt kein Herz. Verlange ich auch nicht.

    4. Viele Journalisten und speziell Wissenschaftsjournalisten versuchen sich ja durchaus konstruktiv auf die neuen Möglichkeiten einzustellen (siehe Planckton-Blog der F.A.Z.), aber – dito -das ist eine inhaltliche, keine berufsständische und professionelle Lösung.

    Und 5. schließlich würde ich deshalb gerne mit dem Chef des erfolgreichen Scilog-Bloggers Rahmstorf schließen, der sich jüngst im Zeit-Dossier als „Innovationsoptimist und Implementationspessimist“ beschrieben hat. Ich lege gerne nach und oute mich als Implementationsoptimist, wenn es um die Wissenschaftskommunikation geht. Die Lösung kommt, wir kennen sie jetzt nur noch nicht. Zimelichsicher bin ich nur, und da teile ich gerne die herrschende Euphorie, dass die Blogs eine wichtige Rolle spielen werden.

  7. @joachim müller-jung

    Vielen Dank für Ihre Klarstellung. Es freut mich zu lesen, daß es nur ein Mißverständnis meinerseits war. Nichts für ungut!

    Allerdings finde ich, daß Sie eher Journalismus mit Bloggen anstatt Bloggen und Wissenschaft in Verbindung gesetzt haben, was daran liegen mag, daß Sie Wissenschaftsjournalist und -blogger sind.

    Mich persönlich würde eine Einschätzung der Bedeutung des Bloggens für den wissenschaftlichen Betrieb interessieren, aber vielleicht ist es für eine solche Gegenüberstellung in Deutschland noch zu früh, weil wissenschaftliche Blogs in Deutschland (noch) nichts Alltägliches sind.

  8. @ Joachim Müller-Jung

    Danke für Ihren Besuch, Ihren Beitrag in Deidesheim und jetzt hier in der „Guten Stube“!

    Ich war, als treuer FAZ-Leser (der sowohl die Wochen- wie die Sonntagsausgabe vor allem wegen der Wissenschaftsseiten kauft!), zunächst auch überrascht ob des vermeintlichen Pessimismus!

    Im Deidesheim-Statement gestern Abend hatte ich auch versucht, die m.E. absehbaren Chancen auszuformulieren:
    http://www.chronologs.de/…dank-f-r-scilogs-preis

    Ihre Schlußsätze gefallen mir sehr gut, die kommen in den Zitateschatz!

    „Die Lösung kommt, wir kennen sie jetzt nur noch nicht. Ziemlich sicher bin ich nur, und da teile ich gerne die herrschende Euphorie, dass die Blogs eine wichtige Rolle spielen werden.“

    Amen! 🙂

  9. @joachim müller-jung

    Vielen Dank für die Klarstellung. Vielleicht darf ich meine eigene anschließen:

    1. „Sicher, viele würden ihn nicht vermissen, aber das ist ja heute nicht anders (in dem einen Kommentar ja auch erkennbar).“ Ich vermisse ihn jetzt schon!

    2. Geschäftsmodell: Bin ich völlig einverstanden. Ich habe und bezahle übrigens ein Abo von Spektrumdirekt und bezahle auch gerne die Arbeit von Wissenschaftsjournalisten, wenn mir ihr Angebot gefällt. Tut es aber leider oft nicht. Ich darf vielleicht noch einmal auf Stefan Rahmstorf und seine in der von mir geschätzten FAZ auszugsweise veröffenlichte Medienkritik verweisen:

    http://www.pik-potsdam.de/…an/klimahysterie.html

    Daß man einen Wissenschaftsblog, mit dem jetzt so etwas wie ein wissenschaftlicher Mittelstand angesprochen wird, langfristig nicht nur mit Idealismus betreiben kann, ist mir klar. Ich werde die Arbeit der Blogger oder Journalisten gerne honorieren, wenn ich als „Mittelständler“ zu ihrer Zielgruppe gehöre. Aber da finde mich bisher zwischen den Lagern der Experten und der wissenschaftlich minimal gebildeten ein bißchen unterrespräsentiert.

    Am Ende, scheint mir, sind wir eigentlich weitgehend einer Meinung. Und so schließe auch ich mit einem (atheistischen): Amen.

  10. 2 zentrale Aufgaben

    Alexander Mäder kommentierte, dass „für guten Journalismus Distanz nötig [ist], die ein Wissenschaftler zur Wissenschaft nun einmal nicht hat. Dieser Analyse [von Joachim Müller-Jung] stimme ich zu, aber sie führt mich zu der Schlussfolgerung, dass Blogs von Wissenschaftlern für den Zustand des Wissenschaftsjournalismus unerheblich sind.“
    Ich teile diese Ansicht: Wer wollte Wissenschaftlern, die (z.B. über Blogs) sich zu Themen der Wissenschaft öffentlich äußern, im Ernst vorwerfen, dass diese Art der Kommunikation den Wissenschaftsjournalismus ursächlich bedrohe? Richtig ist freilich, dass allein das erhöhte Verkehrsaufkommen in den Wissenschaftsinfokanälen des Web zu Aufmerksamkeitsengpässen führt bei einzelnen Angeboten. Und das können eben auch redaktionelle Angebote sein, die von Wissenschaftsjournalisten erstellt wurden: Texte, Kommentare, Interviews, was auch immer.
    Daraus ergeben sich zwei Aufgaben für uns Wissenschaftskommunikatoren, ob wir nun Journalisten, Wissenschaftler oder „Verlagsmenschen“ sind. Zum einen müssen wir klipp und klar transparent machen, von welcher Machart die Information jeweils ist, die bereitgestellt wird. Ein Blog von einem Wissenschaftler – darauf machte bereits Joachim Müller-Jung in seinem Beitrag zurecht aufmerksam – ist niemals unabhängig. Kann er gar nicht sein. Brauch er auch nicht(!), möchte ich hinzufügen. Insofern ist die Information eine andere als die z.B. von spektrumdirekt, wo Redakteure täglich über Wissenschaft berichten. Die Macharten der Informationen sind in gewisser Weise komplementär. Beides ist – wenn gut gemacht – spannend für die Leser, weitet Horizonte, gibt Einsichten, schärft die Kritikfähigkeit usw. Um den Unterschied zwischen Redaktion und Blogs sofort augenfällig zu machen, haben wir uns bei Spektrum der Wissenschaft dafür entschieden, das Blogportal nicht etwa unter http://www.spektrum.de laufen zu lassen, sondern als unabhängige Marke mit eigenen Seiten zu etablieren. Die SciLogs sind nicht „Spektrum“! Das kommt – ich hoffe es jedenfalls – optisch klar heraus. Die Seiten sehen einfach anders aus als typische redaktionelle Seiten. Wesentlich trägt dazu z.B. unser Markenzeichen bei, die Köpfe ins Bild zu rücken, nämlich die Blogger. Hier sehe ich andere Blogportale, die nicht sauber in der Anmutung zeigen, was sie sind, durchaus kritisch. Tatsache ist aber auch bei uns: Die redaktionellen Angebote und die Blogs, wenn auch eindeutig schon auf den ersten Blick voneinander unterscheidbar, hängen zusammen – im Zuge einer Verlagsstrategie! Es stecken ja auch dieselben „Macher“ oder „Initiatoren“ dahinter.
    Transparenz ist also das eine, das wir gewähren müssen. Das andere ist: Wir Wissenschaftskommunikatoren, seien wir im konkreten Einzelfall Blogger oder Journalisten, müssen das, was wir jeweils machen, gut machen! Und hier sehe ich eine Chance für den in manchen auch deutschen Redaktionen vermutlich leider bereits angezählten Wissenschaftsjournalismus: sich angesichts von Wissenschaftler-Blogs zu profilieren! Die eigenen Stärken – Unabhängigkeit, Kritik, die „zweite Stimme“, solide Recherche usw. – noch mehr pflegen und herausstellen.
    In einer idealen Welt, in der Ressourcen wie Zeit und Geld keine Rolle spielen für Wissenschaftsjournalisten, müsste die steigende Zahl von Blogs von Wissenschaftlern zwangsläufig zu einer Qualitätsverbesserung des Wissenschaftsjournalismus führen. Leider leben wir nicht in einer idealen Welt. Ich hoffe aber, dass auch auf lange Sicht zumindest hinreichend viele unabhängig agierende Wissenschaftsredaktionen in den verschiedensten Medien erhalten bleiben. Aber ich bin Realist genug zu prognostizieren, dass ihre Anzahl auch in Deutschland vermutlich kleiner sein wird als heute. Dafür werden sie vielleicht profilierter sein, was immerhin ein Gewinn wäre!

  11. Was wäre das Netz ohne Journalisten?

    Leider hatte ich keine Gelegenheit, in Deidesheim persönlich mit Ihnen zu sprechen, von einer Wortmeldung im Plenum abgesehen.

    Als Journalist (Wissenschaftsredakteur beim Handelsblatt) teile ich natürlich Ihre Sorge ob des Fehlens eines Geschäftsmodells für den Journalismus im Internet. Mit Wissenschaft und Blogs hat das eigentlich gar nichts besonderes zu tun. Es geht um den Journalismus als gesellschaftliche Institution, der in seinem Bestand gefährdet ist, alle Ressorts übergreifend.

    Ich vermisste in Ihrem Vortrag wie in den meisten Diskussionen zum Thema Journalismus und Internet konkrete Ideen zu einem Geschäftsmodell für die Zukunft. Man erscheint unter Kollegen oft als Utopist oder blauäugig, wenn man irgendwelche Maßnahmen vorschlägt, wie Zeitungsverlage ihre Internetaktiväten monetarisieren könnten.

    Unser kollege Hans-Jürgen Jakobs von sueddeutsche.de hat im letzten Kapitel seines interessanten Buches „Geist oder Geld. Der Ausverkauf der freien Meinung“ einige sehr bedenkenswerte Vorschläge gemacht. Leider wurde das Buch kaum wahrgenommen.

    Wir Journalisten (und noch mehr die Verleger und Verlagsmanager) sind völlig ratlos und starren in den Malstrom Internet, der uns zu verschlingen droht. Dabei liegt es doch in unserer Hand: Wir liefern doch die Informationen, den Geist (in Internet-Sprech „content“), ohne den die Informationsbearbeitungs und Verbreitungsmaschinerie stillstehen muss. Wir stellen das alles kostenlos zur Verfügung und lassen uns von Google und anderen Technikern einreden, das sei unverkäuflich.

    In Wirklichkeit sind google und Konsorten von denen abhängig, die den Geist liefern. Das können Freizeitblogger alleine nicht. Ein Großteil des Internet-Gezwitschers in twitter, in Blogs und in anderen Untiefen des Netzes beruht auf Recherche von redaktionell bezahlten Journalisten. Ohne die würde den Zwitscherern ganz schnell langweilig. Das Internet parasitiert den Journalismus. Aus der Biologie ist bekannt, dass der Parasit evgolutionär erfolgreicher ist, wenn er den Wirt nicht umbringt, sondern ihn am Leben lässt, ihm vielleicht sogar in gewisser Weise hilft.

    Wenn wir Journalisten nur ein wenig solidarischer, kollektivistischer handeln würden! Uli Höneß fordert allen Ernstes eine Abgabe für den Profi-Fußball. Warum fordert niemand ein gesellschaftliches Sicherungsprogramm für den Journalismus? Banken werden mit Billionen gestützt, weil ihr Zusammenbruch ein „systemisches“ Risiko wäre. Was für ein Risko ist denn bitteschön der Zusammenbruch des Journalismus? Die Pressefreiheit steht nicht umsonst in Paragraf 5 des Grundgesetzes. Der Gesellschaft sind Banken und Fußball wichtiger als die Publizistik. Aber die zu Content-Lieferanten herabgewürdigten Schreiber sind auch selbst schuld. Wir, die Profis des Wortes und der Meinungen nehmen unsere eigene Enteignung hin, klagend, aber ohne uns zu wehren.

    Stellt euch vor, das Internet müsste nur einen Tag lang auf alle Beiträge von Journalisten verzichten! Stellt euch vor, Verleger und Journalisten täten sich zusammen und verträten gemeinsam ihr Interesse gegen Google und Konsorten: Es wäre das Ende der Wertlosigkeit des Geistes im Internet.

  12. @Ferdinand: Der Wert des Journalismus

    Lieber Ferdinand,

    es tut mir nicht nur leid, dass wir in Deidesheim keine Gelegenheit hatten, uns über das Thema „Geschäftsmodell Onlinejournalismus“ zu unterhalten, sondern dass ich die aufkeimende Diskussion dieses wichtigen Themas dann auch noch abgewürgt habe. Ich war – und bin – aber der Meinung, dass das Thema nicht zum Bloggertreffen passte.

    Die SciLogs sind zwar ein Projekt unseres Verlags, sie unterliegen aber ganz anderen Gesetzen als unsere journalistischen Inhalte. Die Blogger verdienen kein Geld – und der Verlag auch nicht. Und ich denke, es dient den SciLogs, das Geld keine Motivation darstellt.

    Ganz anders sieht das mit unseren redaktionellen Onlineangeboten – allen voran http://www.spektrumdirekt.de – aus. Hier arbeiten Menschen daran, die von dieser Arbeit leben müssen, die vom Verlag Geld dafür bekommen. Und dieses Geld muss irgendwo her kommen. Gemeinhin kommt dieses Geld im Internet (wenn überhaupt) nur von den Werbenden. Ich halte dies in in dieser Absolutheit für fatal. Deshalb betreiben wir unser journalistisches Onlineangebot (und unsere Printarchive) vom ersten Tag (das heißt seit zehn Jahren) an größtenteils kostenpflichtig, genauer abonnentenfinanziert. Ich bin – zugegeben – stolz darauf, dass wir treue Leser haben, die mit uns der Meinung sind: Wer zahlt, bestimmt. Und deshalb sollte auch der Leser mitzahlen.

    Mir ist klar, dass wir damit ziemlich allein dastehen – und ich komme mir oft wie Asterix der Gallier vor, nur ohne Zaubertrank. Dennoch gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass die großen Verlage einmal in einer konzertierten Aktion den Unsinn des „alles umsonst“ aufgeben, der im wesentlichen Google und Co reicht macht.

    Würde mich freuen, wenn wir das demnächst mal persönlich diskutieren könnten.

    Herzlich und vielleicht naiv,
    grüßt

    Richard

  13. @Ferdinand: Nachtrag

    Hallo Ferdinand,

    vergessen habe ich in meinem vorhergehenden Kommentar natürlich den Punkt, warum überhaupt unsere journalistischen Beiträge vom Leser bezahlt werden sollen, während wir hier lustig Blogbeiträge (meist) von Wissenschaftlern auch weiterhin frei zur Verfügung stellen wollen. Die Antwort ist so einfach wie gestrig: Weil wir Journalisten für das, was wir melden – oder auch nicht melden – voll in der Verantwortung stehen. Wir müssen gerade für die Relevanz und die Richtigkeit dessen, was wir publizieren. Wenn wir das online nicht mehr tun oder wollen (und es gibt Tendenzen in diese Richtung), dann verlieren wir allerdings jede Berechtigung, Geld vom Leser für das zu verlangen, was wir ihm oder ihr bislang(!) an Arbeit abnehmen.

    beste Grüße

    Richard

  14. Lob und Erscheinungsbild

    Lieber Herr Könnecker,
    ich finde „Ihre“ Blogs einfach klasse. Das möchte ich an dieser Stele einfach mal loswerden. Solche Texte, die mich so nah an die ForscherInnen und ExpertInnen heranbringen, finde ich sonst nicht. Und ich wäre beim ersten Besuch nie auf die Idee gekommen, dass hier eine Redaktion schreibt wie bei süddeutsche.de oder spiegel.de. Denn die Seiten sehen einfach anders aus, wie Sie ja auch schreiben. Das trennen andere Blogs nicht sauber (Ich kann mir schon denken, wenn Sie meinen 😉 Diese optische Irreführung ist es vielleicht auch, was den Redaktionen schadet. In diese Falle laufen die scilogs aber nicht.

  15. Gut gebrüllt Löwe

    @Müller-Jung
    Es gibt tausend moegliche Gruende, um als Wissenschaftler zu bloggen. Für mich ist es insbesondere ein Anlass, mich mit Themen zu beschaeftigen, die gerade nicht mein Spezialgebiet sind.

    Aber eine andere wichtige Motivation ist gerade die, die manchen Journalisten nicht gefallen wird: sie machen (auch mal, anchmal, oefters?) ihre Arbeit schlecht. Die Zahl der „schlechten“ Artikel in meinem Arbeitsgebiet (Klimaforschung) scheint mir bald rekordverdaechtig.

    Hier zwei Beispiele (und leider eines an dem auch Sie, Herr Mueller-Jung, beteiligt waren:
    http://www.scienceblogs.de/…eute-welt-online.php

    http://www.scienceblogs.de/…fs-falsche-pferd.php

    Ich ackzeptiere voellig, dass ein Journalist nicht einfach „nachsingt“ was ihm die Wissenschaftler erzaehlen. Aber was ist mit schlichten Fakten? Die muessen einfach stimmen und notfalls auch mal in einem corrigendum erwähnt werden.

  16. Zur Diskussion

    Zur Uhrzeit: Der frühe Wurm fängt den Haken – oder so.

    Zur Sache: Ich möchte einen Kommentar loswerden, der mir bereits nach dem Vortrag in Deidesheim schwer auf dem präfrontalen Cortex lag: Herr Müller-Jung behauptete, dass Wissenschaftler nicht unabhängig, d.h. frei von Interessen, seien.

    Richtig. Aber Journalisten sind auch nicht unabhängig! Journalisten arbeiten für ein Verlagshaus, für einen Sender, irgendeine Redaktion etc., die ein Interesse und eine politisch-ideologische sowie ökonomische Ausrichtung haben. Oder es handelt sich um freie Journalisten, die jedoch für einen Auftraggeber oder ihre Ideologie handeln. Die wirklich unabhängigen Journalisten, die ihre investigative Reportage frei von allen Interessen abliefern, sind schlichtweg Wunschdenken. Ich sehe daher keine Unterschiede im Charakter der (Un-)Abhängigkeit von Journalisten vs. Wissenschaftlern.

    Ein zweiter Aspekt: Was die Wissenschaftler den Wissenschaftsjournalisten eindeutig voraus haben, ist Fachkenntnis beim Schreiben ihrer Artikel. Der nachlässige Umgang mit der „scientific correctness“ ist übrigens eine Erscheinung, die mich besonders in der Berichterstattung über Wissenschaft stört. Qualität sollte niemals zugunsten von Quantität und Schnelligkeit geopfert werden.

    Ich meine, dass sich hier die SciLogs positiv gegenüber anderen Blogs abheben (was auch die Frequenz der posts ein Stück weit erklärt). Das liegt zum einen daran, weil Wissenschaftler selbst schreiben; zum andern sind die Blogger recht sorgfältig bei ihrer Recherche.

    In der ganzen Diskussion sollte man aber kein Konkurrenzverhältnis zwischen Wissenschaftsjournalisten und Wissenschaftlern heraufbeschwören wollen – manchmal erscheint mir das so. Könnte das vielleicht darin begründet sein, dass Wissenschaftsjournalisten mit ihren die Wissenschaft popularisierenden Werken (noch) Geld verdienen, während Wissenschaftler das in der Regel ehrenamtlich „nebenher“ oder zumindest mit geringer monetärer Entlohnung machen?

    So oder so meine ich bereichern die Blogs von Wissenschaftsjournalisten und Wissenschaftlern die Berichterstattung im Internet. Gerade die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Wissenschaft, sozusagen „von innen“ (aus dem Wissenschaftsbetrieb heraus) und „von außen“ (von einem Verlagshaus, Sender, einer Redaktion), machen den Reiz für eine breite Leserschaft aus. Eine diversifizierte Berichterstattung formt doch gerade den mündigen Leser. Dass das wertgeschätzt wird, sieht man bei den SciLogs.

    Ich wünsche mir daher, dass diese Autorenvielfalt ausgebaut wird. Insbesondere wären mehr bloggende Wissenschaftler ein Zugewinn, weil ein Blog post durch die persönliche Note des Autors, seine Meinung oder seine Einordnung des Themas in einen größeren Kontext besticht. Das haben Blogs den Artikeln in Fachjournalen, Tageszeitungen (bis auf das Feuilleton) und Sachbüchern voraus.

    Und ich hoffe, dass sich ein Geschäftsmodell finden lässt, das sowohl die Journalisten, als auch die Wissenschaftler ihre Familien ernähren lässt. Ich hoffe auch, dass dieses Modell nicht auf Werbung basieren wird. Dass Journalisten kein Geld mehr mit Printmedien verdienen können und noch keines im Internet, ist ein selbstgemachtes Problem. Dass aber beispielsweise eine Art GEMA-Gebühr verlangt werde, sobald ein Artikel im Internet einen in einem Printmedium publizierten Artikel zitiert, halte ich für den falschen Weg. Ich weiß: Keine Werbung, keine Gebühr,… – da bleibt nicht mehr viel zum Geld verdienen.

    Beste Grüße,
    Andreas Müller

    p.s.: Zustimmung an Ferdinand Knauß und Georg Hoffmann.

  17. Journalistische Unabhängigkeit

    Lieber Andreas, lieber Herr Hoffmann, danke für Eure/Ihre Kommentare. Sie beklagen, dass der Wissenschaftsjournalismus die „schlichten Fakten“ nicht immer korrekt darstelle (Hoffmann) bzw. einen „nachlässige(n) Umgang mit der ‚scientific correctness’“ pflege (Müller). Andreas, Du urteilst darüber hinaus, dass ein (Wissenschafts-)Journalist nicht minder abhängig sei von eigenen und fremden Interessen als ein Wissenschaftler, und führst als Argumente Loyalität zum eigenen Medium, ökonomische Zwänge usw. ins Feld. Das ist auch unbestreitbar so. Trotzdem haben die Kollegen, die hier eine Lanze für die Unabhängigkeit der Wissenschaftsjournalisten brechen, Recht mit ihrer Forderung. Denn wir sprechen nicht von ein und derselben „Unabhängigkeit“. Ich komme gleich darauf zurück.

    Beim ersten Punkt – Fachkenntnis sowie korrekte Darstellung – gilt es zunächst einmal zu differenzieren: Es gibt natürlich sehr viele harte wissenschaftliche Fakten: der mittlere Monddurchmesser beträgt 3.276 km, Mikrogliazellen sind die Makrophagen des Gehirns, und rund 800.000 Menschen in Deutschland leiden heute an Alzheimer. Wer bei solchen Basisinformationen Unsinn verzapft als Journalist, hat schlicht nicht ordentlich gearbeitet, d’accord. Wissenschaftler liefern ja noch ganz andere Aussagen, mit mehr Interpretationsbandbreite. Gerade vorgestern war ich auf dem Neuroforum der Hertie-Stiftung in Frankfurt/Main. Auf dem Podium sprach sich mehrfach Prof. Niels Birbaumer von der Uni Tübingen dafür aus, dass Kindern mit der Diagnose ADHS statt mit Medikamenten (und bislang unbekannten Langzeitnebenwirkungen) mit Neurofeedback geholfen werden solle, die Methode sei mindestens ebenso effektiv, auf lange Sicht, ein ganzes Leben gerechnet, sogar nachhaltiger. So, das sagt der Fachmann nun. Ein anderer schwört auf die Unbedenklichkeit und hohe Wirksamkeit von Ritalin&Co.

    Es gibt sogar Themen, zu denen sich Vertreter einer Minderheitsinterpretation vielfach zu Wort melden, während die Mehrheit der Wissenschaftler, welche die Befunde ganz anders deutet, betreten schweigt. Das ist etwa beim schönen Thema Willensfreiheit der Fall. Auf der Basis von etlichen Einzelgesprächen mit Wissensschaftlern, die ich z.B. am Rande irgendwelcher Tagungen geführt habe, schätze ich, dass vielleicht 70% aller deutschen Neurologen und Neurobiologen, in jedem Fall aber die satte Mehrheit, die einschlägigen empirischen Befunde, die gern für die Nicht-Existenz eines freien Willens ins Feld geführt werden (Stichwort Libet-Experimente) nicht als Belege oder gar Beweise für eben diese Interpretation ansehen. Von diesen Forschern hört man in der Öffentlichkeit aber quasi nichts zu der Frage. Die wenigen, die das Wort führen und ihre Sache vertreten, verzerren also das Bild. In solchen Fällen ist es essenziell, dass es IN DER SACHFRAGE UNABHÄNGIGE Berichterstatter gibt, die sorgsam recherchieren, mit vielen Menschen sprechen, die „zweite Stimme“ einholen, einordnen, Abhängigkeiten aufzeigen, Transparenz schaffen. Das können die Wissenschaftler nicht leisten, es ist auch nicht ihre Aufgabe. Sondern eine klassische Aufgabe für Wissenschaftsjournalisten. (Nebenbemerkung: Ich glaube, dass diese dieser Aufgabe bei weitem nicht immer gerecht werden, habe aber – siehe mein Kommentar weiter oben – die Hoffnung, dass gerade die Ausbreitung von Wissenschaftler-Blogs dies fördert.)

    Dass ein (Wissenschafts-)Journalist bei seinem Tun abhängig ist von seinem Brötchengeber, dass er – etwa was den Stil oder die Dramaturgie seiner Beiträge angeht – den Bedürfnissen des Mediums, für das er tätig ist, Genüge tun muss, dass er von seiner eigenen Eitelkeit gefangen ist usw. – geschenkt! So ist es! Andreas weist zurecht darauf hin. Aber es ist eben eine andere Art von Abhängigkeit: Journalistische Unabhängigkeit ist keine absolute Unabhängigkeit in jeder Hinsicht, sondern vor allem eine hinsichtlich der SACHFRAGEN und den möglicherweise daran geknüpften Forscherinteressen oder Interessen von Dritten, z.B. Drittmittelgebern.

    Und wenn diese spezielle Unabhängigkeit einmal nicht mehr finanzierbar ist, weil den Journalisten die Ressourcen zusammengestrichen werden, dann wird uns etwas Entscheidendes fehlen! Da bin ich ganz bei Joachim Müller-Jung und Ferdinand Knauß. Denn dann würden sich gerade in den heißen wissenschaftlichen Fragen diejenigen mit ihrer Sicht der Dinge durchsetzen, die sich am besten / lautesten / pfiffigsten / gekonntesten / nachdrücklichsten dafür ins Zeug legen.

    PS: Ebenso wie „journalistische Unabhängigkeit“ nicht gleich „Unabhängigkeit in jeder Hinsicht“ bedeutet, ist die Transparenz, welche Journalisten eben dank ihrer „Unabhängigkeit in der Sache“ schaffen, nicht dieselbe wie die Transparenz, die Wissenschaftler-Blogs schaffen. Das habe ich in einem Kommentar zu dem Besuch von Volker Stollorz in der Guten Stube bereits ausgeführt. Beide Transparenzen sind eine Bereicherung für die Leser. Aber sie sind voneinander zu unterscheiden!

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