Voynich-Manuskript migränöse Zungenredeschrift?

Schrieb ein Migräniker das Voynich-Manuskript? Eine erste Spurensuche.

Als Reaktion auf meinen Beitrag „Aedificium der Stadt Gottes im Gehirn“ kam prompt der Hinweis von Dierk Haasis auf den Architekten Leon Batista Alberti, was wenige Stunden später in seinen eigenen Blogbeitrag „Ein wenig Wehrtechnik“ mündete. Am Abend las ich dann auf Twitter dies:

@markusdahlem Wenn Alberti unter Migräne gelitten hat, hat er während seiner Attacken auch das Voynich-Manuskript geschrieben ;)

Zunächst dachte ich an einen recht beliebig konstruierten Zusammenhang, aber das kam immerhin von Twitter und meine Timeline ist in der Regel exzellent (Danke dafür).

Also schnell mal nachgeschaut. Mit Migräne hat die verschlüsselte Handschrift aus dem 15ten Jahrhundert, das Voynich-Manuskript, zwar nichts zu tun, aber es ist auch so faszinierend. Dachte ich. Was hat Leon Batista Alberti damit zu tun, wollte ich wissen?

Als ich durch den deutschen Wikipedia-Eintrag scrollte, sah ich dieses Bild und bekam eine Gänsehaut.

Eine gewisse Ähnlichkeit mit Hildegard von Bingens Zeichnungen des Aedificium, von den Experten ausgehen, dass sie dazu von ihrer Migräneerfahrung inspiriert wurde, springt einem, der sich damit etwas beschäftigt hat, ins Auge. Ingesamt deutlich primitiver ausgeführt, aber einzelne Elemente erinnern unverkennbar an ihr Werk. OK, das Voynich-Manuskript könnte etwas mit Migräne zu tun haben. Nun war ich sozusagen doppelt fasziniert und suchte nach weiteren Informationen.

Nichts davon in dem Wikipedia-Beitrag. Aber das bedeutet nichts. Leider auch keine Suchtreffer für „Voynich migraine“ in PubMed, der medizinischen Datenbank mit mehr als 21 Millionen Artikeln. Was bedeutet das? Ist die These schlichtweg Unfug? Oder ist sie bisher nur niemanden eingefallen? Natürlich mal abgesehen von meiner Timeline bei Twitter. Die weiß sowas.1 Also erst mal googlen, und siehe da, auf Wikipedia gibt es doch was, im englischen Eintrag findet sich der entscheidende Hinweis:

Kennedy and Churchill use Hildegard von Bingen’s works to point out similarities between the illustrations she drew when she was suffering from severe bouts of migraine—which can induce a trance-like state prone to glossolalia—and the Voynich manuscript. Prominent features found in both are abundant „streams of stars“, and the repetitive nature of the „nymphs“ in the biological section.

The theory is virtually impossible to prove or disprove, short of deciphering the text; Kennedy and Churchill are themselves not convinced of the hypothesis, but consider it plausible. (In the culminating chapter of their work, Kennedy states his belief that it is a hoax or forgery, whilst Churchill, acknowledging the possibility of a synthetic forgotten language, as advanced by Friedman, or forgery to be preeminent theories, concludes that if the manuscript is genuine, mental illness or delusion seems to have affected the author). 

Die Autoren sind durchaus selber sehr skeptisch, was die These betrifft, also dass hier Glossolalie (Zungenrede) – im Sinn eines unverständlichen Sprechens – verschriftlicht wurde. Ich weiß nicht, wie gut sich die Autoren Gerry Kennedy and Rob Churchill mit der Migräne mit Aura auskennen. Sie sind Journalisten und keine Wissenschaftler, soweit ich sehen kann [1]. Ich halte ihre These konkret auf Migräne bezogen für durchaus plausibel.

Zunächst: Sprachliches Kauderwelsch kann ein Migränesymptom sein.2 Serene Branson verfiel während ihrer Berichterstattung über die Musikpreise Grammy Awards anfang des Jahres in ein unverständliches Kauderwelsch, bevor ihre Reportage abgebrochen werden musste.

In Frage für solche Symptome kommt auch Epilepsie und andere Komplikationen: im Januar erlitt die US-Nachrichtenmoderatorin Sarah Carlson einen solchen, dem oben gezeigten ganz ähnlichen Anfall auch live im Fernsehen.

Einige der seltsamen Spracherlebnisse während der Migräneaura, aus erster Hand geschildert, habe ich im Beitrag „Darüber spricht man nicht“ zusammengestellt.

Weil ich sehr viele solcher Schilderungen kenne, halte ich diese These von Kennedy und Churchill zwar für plausibel. Jedoch nicht unbedingt nur der Art, wie sie es oben im Zitat erklärten, nämlich, dass der Erschaffer des Voynich-Manuskript während der Erstellung durchgängig unter schweren Migräneanfällen gelitten haben könnte – was zu einem tranceartigen Zustand anfällig für Glossolalie führte („suffering from severe bouts of migraine—which can induce a trance-like state prone to glossolalia“). 

Die Aura während Migräne ist eine Pseudohalluzination, das „Pseudo“ ist der Tatsache geschuldet, dass der Betroffene im Moment der Aura eigentlich weiß, dass es eine Halluzination ist und er deswegen diese nicht für real hält.

Wer heute diese Aura erlebt, denkt vielleicht, er würde krankhaft verrückt werden, aber er ist dabei nicht notwendigerweise in einem tranceartigen Zustand. Bewusstseinsänderungen sind allerdings möglich. Gegen die Vermutung, dass das Manuskript während der Auraphase geschrieben wurde, spricht auch, dass die Aura in der Regel nicht lange anhält, oft nur 30 Minuten lang. Persistierende Auren über Wochen und sogar jahrelang sind allerdings auch möglich. So betrachtet ist eigentlich alles möglich und diese Theorie zu beweisen oder zu widerlegen ist praktisch unmöglich, wie Kennedy und Churchill schreiben.

Wer im Mittelalter diese Aura erlebt, war wahrscheinlich schneller mit mystischen Erklärungen zur Stelle, was einen Drang zur Verschriftlichung eine völlig andere Motivation und Bedeutung gibt, als es heute der Fall wäre. Auch das muss Spekulation bleiben, aber vielleicht war es Zungenredeschrift als eine persönliche religiöse Praxis, ein Lobpreis zu Gott ohne konkrete Auslegung inspiriert durch vorherige, kurze aphasische Migräneanfälle. Das scheint mir am plausibelsten.

Ich stütze mich mit meiner Annahme zusätzlich auf die Zeichnungen in Wikipedia, die ich teilweise hier zeige. Dies sind weitere Bilder, die mich an Zeichnungen der Migräne-Aura von Hildegard von Bingen und anderen Betroffenen sehr stark erinnern.

Die Zeichnungen sind somit für mich klar der stärkste Hinweis. Da sind visuelle (Pseudo)Halluzinationen gezeigt, deren Entstehung im Gehirn als Musterbildungsprozeß mathematisch heute sehr gut verstanden ist.

Ob das Voynich-Manuskript wirklich eine verschriftlichte migränöse Zungenrede ist und welche weiteren Argumente das Für und Wider dieser These stärken, weiß ich (noch) nicht. Bisher habe ich nur eine erste Spurensuche am 4. Advent gemacht. Dank Twitter.

Für neue Hinweise bin ich weiterhin dankbar.

Literatur

Gerry Kennedy, Rob Churchill (2004). The Voynich Manuscript. London: Orion.

 

Fußnote

1 Wer jetzt noch nicht versteht, warum Twitter in manchen Aspekten einer reinen Datenbanken überlegen sein kann, sollte sich keinen Account anlegen (und pflegen). Für alle anderen: Twitter hat 300 Million Nutzer und mit  (im Schnitt) vielleicht gerade mal six degrees of separation bekommt man schnell unglaublich viel nützliche Informationen, wenn man ein gutes Netzwerk pflegt.

2 Es fällt auch auf, dass eine Ähnlichkeit zum Fremdsprachen-Akzent-Syndrom besteht, was anekdotenhaft immer mal wider mit Migräne in Verbindung gebracht wird, zu dem es aber auch keine Veröffentlichung in PubMed gibt.

 

© 2011, Markus A. Dahlem

Zitieren

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Markus A. Dahlem. Voynich-Manuskript migränöse Zungenredeschrift?. SciLogs. 2011-12-20. URL:http://scilogs.spektrum.de/blogs/blog/graue-substanz/2011-12-20/voynich-manuskript-migraenoese-zungenredeschrift. Accessed: 2011-12-20. (Archived by WebCite® at http://www.webcitation.org/644eJdRQ9)


Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin, am Massachusetts General Hospital und an der TU Dortmund. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Achtung Chronolog-Kommentar

    Dass ich mal der Anlass für einen Lobgesang auf Twitter sein würde, hab ich ja auch nicht gedacht. Umso mehr freut es mich, dass ich Markus offenbar auf eine verfolgenswerte Spur gebracht habe. Wobei man beim Voynich Manuskript natürlich immer vorsichtig sein muss – Kennedy & Churchill bemerken nämlich (in der deutschen Übersetzung, die es mal bei 2001 gab, S. 282) auch, dass die Kunst des Manuskripts vor allem darin besteht, „jedem Forscher den Spiegel vorzuhalten, so dass er anstelle der Wahrheit, die der Handschrift zugrunde liegt, ein Abbild der eigenen Vorurteile und Überzeugungen erblickt.“

    Bei meiner Auseinandersetzung mit dem Text (die ich demnächst – wenn auch etwas versteckt – veröffentlichen darf) ist mir Leon Battista Alberti auch begegnet, schließlich war er nicht nur Architekt, sondern als echter „Uomo Universale“ auch der Vater der westlichen Kryptologie (David Kahn in seinem monumentalen Werk „The Codebreakers“). Da das Voynich Manuskript inzwischen auf das 15. Jahrhundert terminiert wird, bliebe er auch als einziger bekannter Kryptograph als möglicher Verfasser übrig, wären die Zeichnungen von etwas besserer Qualität. Als ich dann auf Twitter den Austausch zwischen @markusdahlem und @evo2me über Alberti, Migräne und Festungsanlagen mitbekam, hab ich halt mal meine wilde Assoziation zum Voynich-Manuskript auf offenkundig fruchtbaren Boden fallen lassen.

    Mich wundert übrigens nicht, dass in Fachzeitschriften relativ wenig zum Thema zu finden ist – das VM ist nach wie vor ein relativ heißes Eisen, das auch schon wissenschaftliche Reputationen beschädigt hat. Da lässt man lieber die Finger von. Erfreulich, dass das Ding es jetzt trotzdem auf die scilogs geschafft hat.

  2. Die Inspiration der Kryptographen

    Das Problem mit dem Abbild der eigenen Vorurteile hatte ich auch gesehen. Mir war es fast schon peinlich.

    Aber es gibt ja auch über 10% Prävalenz der Migräne, da muss unsere Geschichte durchsetzt sein mit blogtauglichen Geschichten.

    Also nochmals herzlichen Dank für den Wink.

    Ich denke darüber nach, einen Kommentar in einer Fachzeitschrift zu schreiben, dann aber über die Zeichnungen, Alain Turing und den komplexen Logarithmus.

    Turing war übrigens auch ein berühmter Kryptograph, jedoch sehe ich hier den Zusammenhang (bisher …) allein zur Turing-Instabilität; vielleicht bekomme ich da etwas fertig zu einem Satellite Meeting in Oxford „Pattern Formation: The inspiration of Alan Turing“ aus Anlass des Alain Turing Year 2012.

  3. Supertwitter will follow Twitter…

    Wer jetzt noch nicht versteht, warum Twitter in manchen Aspekten einer reinen Datenbaken überlegen sein kann, sollte sich keinen Account anlegen (und pflegen).

    Ohne auf die naheliegenden und interessanten Aspekte der vorgestellten Thesen eingehen zu können/wollen (das macht nicht wirklich Freude, weil Blogs nunmal diesen volatilen Charakter haben: heute Hölzchen, morgen Stöckchen, nächste Woche: finde den Ball), finde ich es ausgesprochen offensiv, Twitter als unverzichtbares Instrument der Erkenntnisbildung zu propagieren.

    Mag sein, wir nähern uns durch die diversen hippen Internetdienste einer Maximalisierung der Verbreitungsgeschwindigkeit von Information. Aber wird das auch zu einer maximalen Auswertung/Abbildung von Information führen? Ich glaube nicht.

    Für alle anderen: Twitter hat 300 Million Nutzer

    Schön. Aber was bedeutet das genau? Wieviele Nutzer muß ein Twitter haben, damit es, sagen wir, zu einer Singularität kommt? Und was passiert dann?

    Ich wäre dankbar, wenn du den propagierten erkenntnistheoretischen Benefit von Twitter et al. anhand eines mathematischen Modells erläutern könntest. Damit man sieht, daß das nicht bloß behauptet ist.

  4. Twitter goes migraine

    Ich vergaß, noch eine weihnachtlich durchaus ernstgemeinte Frage: Besteht ab einer kritischen Zahl n von Twitter-Nutzern die Wahrscheinlichkeit, daß Twitter selbst migräneartige Effekte zeigt, oder kann man das ausschließen?

  5. Volatilen?

    Volatilen? Ja. Sind Zeitungen aber nicht auch in diesem Sinne volatil?

    Und es bleibt auch was hängen, volatil hin oder her, was ich, um damit auf die andere Sache zu kommen, mal mit einem Tweet verdeutliche:

    „@markusdahlem [link zu diesem Beitrag] äusserst interessant was Sie zu Migräne schreiben. Vieles kann ich nun besser einordnen. Aura, etc.“

    Wie immer es sich mit dem Voynich-Manuskript verhält, der Beitrag (und andere ähnliche) kann hoffentlich das leisten: die Aura besser einordnen zu können. Wenn das Bestand hat, ist alles gut.

    Twitter. Ich schrieb ja: „in manchen Aspekten einer reinen Datenbanken überlegen“, das sich klar zu machen, ist schon gut.

    Ich glaube diese Art der Massenkommunikation ist gut. (Wir wollen jetzt keine Diskussion, ob die Pistole böse ist, oder der der sie nutzt, oder?)

    Hier mal der Hinweis zu Beatrice Beitrag. Dort sind weitere Ideen dazu verlinkt.

  6. Migräne?

    Eher nicht. Es gibt jahrelange tranceähnliche Zustände. Man kann dabei durchaus ein normales Leben führen. Auch H. von Bingen war dazu in der Lage. Die Zeichnung würde ich deuten als eine Vision über die Stadt Gottes. Eine ähnliche Vision hatte ich auch schon. Es ist eine Art großer Glücksmoment. Wer solche Manuskripte deuten will, sollte mit dem Mystizismus vertraut sein.

  7. Mystizismus ist fehl am Platz.

    Das könnte immer noch Migräne sein, jahrelange tranceähnliche Zustände widersprechen dem nicht sondern sind klinisch gesehen evtl. persitierende Auren.

    Wobei es mir nicht darum geht, überall eine Migräne zu sehen, eher schon getreu dem Eid von
    Du Bois-Reymond „Brücke und ich, wir haben uns verschworen, die Wahrheit geltend zu machen, daß im Organismus keine anderen Kräfte wirksam sind, als die gemeinen physikalisch-chemischen; daß, wo diese bislang nicht zur Erklärung ausreichten, mittels der physikalisch-mathematischen Methode entweder nach ihrer Art und Weise der Wirksamkeit im konkreten Fall gesucht werden muß, oder daß neue Kräfte angenommen werden müssen, welche, von gleicher Dignität mit den physikalisch-chemischen, der Materie inhärent, stets auf nur abstoßende oder anziehende Componenten zurückzuführen sind“

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