Viel Smarties wenig Kaugummi heilen Migräne. Nicht.

Könnte man eine Krankheit mit Smarties und dem Verzicht auf Kaugummi heilen, würde ich verstehen, warum diese ein schlechtes gesellschaftliches Ansehen hätte. Leider ist es bei Migräne umgekehrt. Schlechte Presse sorgt auch diese Woche für falsche Vorstellung auf dem Niveau von „Schatz, heute nicht, ich habe Migräne“.

Gleich zweimal. Am 10 Januar titelt die Hamburger Morgenpost: „Auch süße Smarties machen Migräne weg“.

smartiesMigräne

Eine Woche später, also gestern, dann in der F.A.Z.:

Wenn Kinder unter ständigen Kopfschmerzen leiden, kann das mit dem Kauen von Kaugummi zusammenhängen, schreiben Neurologen, die ihre Patienten durch ein Kaugummiverbot von Migräne heilten.

Diese Schlagzeilen bzw. Anreißer gehen auf Kosten der Menschen, die unter Migräne leiden. Beide Zeitungsberichte sind nicht frei erfunden sondern beziehen sich auf zwei (mehr oder weniger) aktuelle Veröffentlichungen in Fachzeitschriften. Statt nun aber den Kern der neuen wissenschaftlichen Erkenntnis herauszuarbeiten und diesen in eine Schlagzeile zu gießen, werden lieber zusammenhangslos Klischees bedient.

In der ersten Studie geht um einen neuen Nachweis, dass Placebos selbst dann Symptome lindern, wenn die Behandelten darüber aufgeklärt werden, dass sie keine echten Medikamente einnehmen. Dabei ist der Placebo-Effekt immer noch schlechter als die Wirkung des Medikaments. Als Erkrankung wurde in dieser Studie Migräne gewählt, weil ihre Symptome sich in episodischen Attacken äußern. Dadurch sind selbst Vergleiche der Effekte bei einer Person in aufeinanderfolgenden Attacken möglich. Es gab und gibt jedoch keinen Grund anzunehmen, dass die Ergebnisse in ihren Kern spezifisch für Migräne sind. Es ging in erster Linie um Placebo-Forschung und nicht um Migräne-Forschung.

Bei dem Artikel in der F.A.Z. ist es noch einfacher aufgeklärt.  Die wissenschaftliche Veröffentlichung ist vom 4. November 2013, also nicht gerade hochaktuell. Es ging in dieser nicht um Migräne sondern wahrscheinlich um Kopfschmerzen, die in ihren Symptomen einer Migräne ähnlich sind, aber durch Kaugummikauen ausgelöst werden. Die Autoren spekulieren auch darauf, dass Kaugummikauen ein Trigger für Migräne sein könnte. Wofür es keine Belege gibt. Wenn aber, würden Betroffene nicht „geheilt“ sondern vermeiden nur einen Trigger. Das steht genau nicht im Anreißer.

Würden Journalisten ähnlich ihre Schlagzeilen ummünzen, um Klischees zu bedienen, wenn es um eine andere ernsthafte Erkrankung ging? Wahrscheinlich ja, denn um Klischees zu bedienen, müssen Klischees erstmal entstehen. Das eine bedingt das andere. Deswegen ist die eigentliche Frage, wo diese herkommen?

Eine Besonderheit der Migräne ist, dass sie in einem extrem breitem Spektrum an klinischen Bildern verläuft. Viele Erkrankungen verlaufen zum Glück milde. Es liegt für mich daher nahe, dass vor allem solche Verläufe das öffentliche Bild der Migräne prägen. Die Prävalenz der Migräne von 12-14% bedeutet aber, dass in Deutschland allein eine Million Menschen leben, die zu den 10% der schwersten Verlaufsformen zählen.

Es mag daher durchaus sein, dass selbst Menschen, die an Migräne erkrankt sind und doch das Glück hatten sich an dem anderen, dem leichten Ende des Spektrums zu befinden, über solche Schlagzeilen schmunzeln. Für die anderen ist es eine weitere bittere Erfahrung.

 

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin, am Massachusetts General Hospital und an der TU Dortmund. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für diesen Beitrag, Herr Dahlem! Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass es solche Beiträge nicht gäbe, hätte einer der Autoren selbst Migräne. Also richtige Migräne, nicht nur Kopfschmerzen. 😉

  2. Der aktuelle gedruckte Spiegel hat als Thema den Kopfschmerz und unter anderem auch die Migräne. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Schmerz, besonders intensiv bei Clusterkopfschmerzen. Migräne wird auch kurz angeschnitten wobei die Pathophysiologie ebenfalls nur angeschnitten wird, aber immerhin nichts eindeutig falsches über Migräne zu lesen ist.

  3. … aber… Smarties sind keine Placebos 😉 Okay, nur Spaß, dennoch ist was dran, wenn ich versuche einen Anfall oder die Spitze eines Anfalls noch ein bisschen hinauszuzögern, esse ich Süßes in großen Mengen! Ich weiß nicht ob es sich verallgemeinern lässt, aber ich kenne einige Migräniker die es so handhaben.

  4. Ich habe auch Heißhungerattacken im Zuge eines Migräneanfalls, aber das ist Teil des Anfalls. Der Anfall lässt sich nicht hinauszögern.

    • Hm… ich bin nicht sicher ob hinauszögern die richtige Wortwahl gewesen ist, dieser Anfall wegen dem ich esse kommt allemal, aber ich kann es eine Weile auf einem erträglicheren Niveau halten oder anders gesagt, es wird schneller richtig schlimm, wenn ich nicht esse. Ich habe es probiert.

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