Migräneprophylaxe am Arbeitsplatz – Post it

Die kuriosen Tricks mit denen der ein oder andere Migränetrigger erfolgreich umgangen wird. Heute: Werbeblocker oder „Post-it“ gegen Migräne.

Ich höre immer wieder Anekdoten, wie Menschen, die unter Migräne leiden, mögliche Triggerfaktoren umgehen. Der eine vermeidet das China-Restaurant um die Ecke (Glutamat!), die andere entsorgt die neu gekaufte Jalousie sofort wieder (Streifenmuster!) und und und. In einer neuen Serie „Migräneprophylaxe – post it“ rufe ich die Betroffenen auf: veröffentlicht dies! Gerne will ich hier im Blog kurze Beiträge schreiben, in denen ich dann – soweit bekannt – auch den neurowissenschaftlichen Hintergrund der Strategie erkläre.*

Heute: „Post-it“, die kleinen gelben Klebezettel. Man findet Sie überall, auch und besonders gerne am Bildschirmrand. Aber auf dem Bildschirm?  Nein, keine virtuellen Zettel sondern so etwas:

Zu dem letzten Beitrag über ein Musikvideo bei YouTube, das durch ständige Lichtblitze und flackerndes Licht ein klassischer Migräneauslöser ist und das auch passend „Migraine“ heißt, bekam ich diesen Kommentar.

… bei mir kann eine Aura [Migränesymtom, Anmerkung M.A.D.] allein durch sich rhythmisch bewegende Icons ausgelöst werden. Darum beppen bei mir auf der Mattscheibe gern gelbe Zettel, um das Bewegungsmuster auszuschalten. – Die alten PC-Bildschirme hatten auch den Effekt, je nach Hertz Rate. Fein, dass es mittlerweile Flachbildschirme gibt, die eine andere Technik benutzen. So geht es mir schon besser.

Ich bat um ein Foto, denn ich hatte schon von vielen Tricks zur Migräneprophylaxe gehört, von den Klebezetteln bisher aber noch nicht. Das Foto soll noch kommen, es muss zunächst noch gemacht werden und zwar weitgehend anonymisiert. Wohl niemand will seinen Arbeitsplatz gerne hier zeigen. Ürigens, glauben Sie mir, nicht nur Migräniker finden flackernde Icons doof.  Wenn Sie also selbst so etwas bei der Kollegin sehen, ich würde die Migränediagnose nicht stellen. Migräneprophylaxe oder nicht, es geht sogar noch leichter als mit Klebezettlen. Aber zunächst zum neurowissenschaftlichen Hintergrund.

Hintergrund: Es ist bekannt und gehört zu den möglichen diagnostischen Kriterien einer Migräneerkrankung, dass Menschen, die unter Migräne leiden, besonders Licht- und Lärmempfindlich sind. Visuelle Trigger können sowohl flackerndes Licht sein, als auch Streifenmuster, d.h zeitlich bzw. räumlich sich abrupt ändernde Lichtverhältnisse [1].  Dies war schon Thema in den beiden vorangegangen Beiträgen über das Musikvideo und mein Video bei YouTube.

Kurz erklärt: unsere Gehirnzellen in den frühen sensorischen Großhirnarealen sind spezialisierte Detektoren für etwas, was ich als elementare Bausteine der Wahrnehmung bezeichne. Zum Beispiel Kanten, also abrupte Änderungen der Beleuchtung entlang gerader Linien, werden von Kantendetektoren detektiert. Diese elementaren Bausteine der Wahrnehmung nennt man auch rezeptive Felder. Gehirnzellen mit entsprechenden rezeptiven Feldern werden durch sich abrupt ändernde Lichtverhältnisse in Raum und Zeit besonders intensiv aktiviert und können so zur neuronalen Übererregung beitragen.

Mein Rat: Werbeblocker. Die meisten flackernden Bilder sind in den kleinen (und manchmal nicht so kleinen) Werbeflächen. Es gibt Programme, die Werbung auf einer Webseite ausblenden. Es gibt sie als Erweiterung für alle Browser, einer der bekanntesten Werbeblocker ist Adblock Plus. Gerne können hier in den Kommentaren Hinweise zu anderen guten Werbeblockern gegeben werden. Oft hilft auch das Ausschalten von JavaScript, dann funktionieren aber vielleicht auch nützliche Anwendungen nicht mehr. Bei anderen flackernden Bildern, wie die oben beschriebenen Icons, die immer einen festen Platz auf dem Bildschirm haben, kann in der Tat ein kleiner gelber Klebezettel Wunder wirken und die einfachste Abhilfe schaffen.

Literatur

 

[1] Harle DE, Shepherd AJ, Evans BJ. Visual stimuli are common triggers of migraine and are associated with pattern glare. Headache. 2006 Oct;46(9):1431-40.

Fußnote

*Ich werde keine Zusendungen berücksichtigen können, die in irgendeiner Form die Einnahme von Medikamenten beschreibt oder anderweitig neue Migränetheorien mit Hilfe dieser Serie unter die Leute bringen wollen. Aber Vermeidungsstrategie, die einen klaren neurowissenschaftlichen Hintergrund haben, erkläre ich gerne. Es ist sicher gut, mir zunächst in den Kommentaren oder per Email (dahlem(at)physik.tu-berlin.de) einen Hinweis auf die eigenen Vermeidungsstrategie zu geben. Ich kann mich dann zurückmelden, ob ich eine neurowissenschaftliche Erklärung habe und die Veröffentlichung in meinem Blog für sinnvoll halte. Hinweis: Ich habe keine medizinische Ausbildung und weder darf noch will ich medizinischen Ratschläge veröffentlichen, insbesondere kann ich auch keine Hinweise zu Medikamenten geben.

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Kurze URL zu diesem Beitrg:

http://goo.gl/hyT9v

Markus A. Dahlem

Vita des Autoren Ich, Markus Dahlem, entwickle seit nunmehr fast 25 Jahren Computermodelle der Migräne. Mehr als mein halbes Leben und dass ganze berufliche habe ich einer Krankheit gewidmet unter der ich nicht leide. Besser so herum, oder? Von Hause aus bin ich Physiker und studierte in Aachen, Göttingen und Magdeburg sowie mathematische Biologie in Salt Lake City, U.S.A. Tätig war ich unter anderem am Max-Planck-Institut für Ernährungsphysiologie in Dortmund, im Department of Psychology, Stirling University, Großbritannien, an der Universitätsklinik für Neurologie der Otto-von-Guericke Universität, am Leibniz-Institut für Neurobiologie, beide in Magdeburg, als Gastdozent für Dynamische Krankheiten an der Technischen Universität Berlin und am Mathematical Biosciences Institute der Ohio State University, Columbus, U.S.A. Zurzeit forsche ich als Gast an der Humboldt Universität zu Berlin und am Massachusetts General Hospital, dem größten und ältesten Lehrkrankenhaus der Medizinischen Fakultät der Harvard University. Wenn ich mal in die Zukunft blicken darf, die Bedeutung bioelektronischer Arzneimittel – sogenannter Elektrozeutika – wird zunehmen, als Beispiel führe ich im neuen Lehrbuch der Migräne (Neurobiological Basis of Migraine, Dalkara und Moskowitz (Hrsg.), John Wiley & Sons Inc, Erscheinungsdatum voraussichtlich 25. Juli 2016.) den Vorteil von Computermodelle gegenüber Tiermodellen der Migräne an, da sie den Weg zu personalisierten Elektrozeutika öffnen. Mal schauen, ob es so kommt. Zusammen mit großartigen Kollegen und Freunden aus den Bereichen Mensch-Technik-Interaktion und Data Science habe ich das Berliner eHealth-Start-up NewsenseLab gegründet, das die Migräne-App M-sense entwickelt, die Betroffenen das Leben erleichtern wird und sei es nur bei der Kommunikation mit den behandelnden Arzt oder Ärztin. Mit über 50 eingeladenen internationalen Fachvorträge über Migräne, über 40 Fachpublikationen sowie mehreren Buchbeiträge bin ich auch ganz klassisch in der Wissenschaftskommunikation aktiv. Aber mit noch mehr Spaß schreibe ich seit 2009 diesen Wissenschaftsblog über Migräne aus der Forschungsperspektive von Gehirnstimulatoren zu mobilen Gesundheitsdiensten. Ich lebe in Berlin zusammen mit meiner Frau, meinem Sohn – und der lieben Schwiegermutter unter einem Dach. Ganz so eng ist es nicht, denn meine Frau arbeitet die Woche über in Zürich als Ärztin. Es kommt immer anders als man denkt.

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wunschzettel

    An Tips habe ich leider wenig zu bieten, außer dem, was meinen Mitleidenden vermutlich auch jenseits der Arbeit bekannt sein dürfte: Das direkte Sonnenlicht (und vor allem Reflexionen) meiden wie Graf Dracula. Da man die Leute im Haus gegenüber nur schlecht bitten kann, ihre Fenster nicht mehr zu putzen, heißt das vor allem: bei „schönem“ (grummel) Wetter Gardinen zu oder Jalousien runter und den sonnenhungrigen Kollegen genau erklären, warum.
    Womit wir bei eher den eher unerfüllbaren Wünschen wären. Meine Chefin wäre sicher nicht begeistert, wenn ich sie bitten würde, all die schönen glänzenden Schreibtische rauszuwerfen und durch mattlackierte zu ersetzen …
    Und wenn ich mir noch was Unrealistisches wünschen dürfte: Ein Verbot von sehnervzerfetzend bunten, flackernden & flimmernden Websites, wie sie insbesondere Kunstschaffende aller Gattungen immer noch gerne den Besuchern zumuten, dürfte alle erfreuen, die um solche Homepages nicht herumkommen, auch, wenn sie nicht unter Migräne leiden. 😉

  2. Ja, so sieht mein Flachbildschirm aus!

    Fein, das Foto erübrigt sich! Danke Herr Dahlem!
    Eine Antiwerbungsoftware ist natürlich installiert. Leider sind slebt Betroffenseiten gern mal mit lustig blinkenden Icons versehen – da muss man dann halt zu sich stehen und mal drauf hinweisen, dass es durchaus Migräniker mit Aura gibt, die …
    Ein Trick ist noch, die Seite so zu verschieben, dass die blinkenden Lichtlein und Icons einfach hinter den Seitenrändern verschieben, was natürlich mit dem Aufbau der Seite und des erwünschten Seiteninhalts zu tun hat. – Man wird bescheiden und findig! 😉
    Autofahren mit Lichtschattenmuster oder entgegenkommende Lichterkolonnen bei Nacht auch sehr gemein. Gelbbrillen können helfen.

  3. Chip Tan

    Ich habe einen neuen Auslöser gefunden…das Chip-TAN Verfahren, die neue Methode beim online Banking die TANs zu generieren. Die Erfinder haben ganz sicher nicht unter Migräne zu leiden!

    Kürzlich habe ich herausgefunden das ich die Zahlen auch per Hand in mein „Kästchen“ eingeben kann und Dank Frau Falters guter Idee werde ich während ich das tue den flirrenden Streifen einfach abkleben, so geht es ganz gut.

    Werde ich immer empfindlicher oder nehmen die Belastungen tatsächlich immer weiter zu?

  4. @Alex Chip Tan

    Ja, das Verfahren scheint offenbar wie gemacht dafür, Migräne auszulösen. Wie aber werden die Daten vom Server zu Ihnen übertragen, wenn Sie die Streifen abkleben?

  5. Demo Filmchen

    Unten ist der Link zu einem kurzen Filmchen der die Bedienung demonstriert:

    Video

    Das flackert sehr unangenehm, vor allem weil es immer mehrere Versuche braucht bis der Generator und das Flimmerdings so übereinander liegen dass das Einlesen klappt.

    Antwort:
    Danke für den Hinweis. Das war mir neu. Ich füge mal ein Bild hier ein. Für alle die es auch nicht kennen, es flackern die grau und weißen Balken oben im Bildausschnitt, halb abgedeckt durch ein Lesegerät.

  6. @ Herrn Schütze

    Hallo Herr Schütze, danke für die Nachfrage.

    Es ist möglich das Verfahren des Einlesens durch eine manuelle Eingabe zu ersetzen. Das ist ein bisschen aufwendiger weil ich alle Informationen die normalerweise eingelesen werden mit der Hand in den Tan-Generator eingeben muss, aber schwierig ist es nicht und während dessen klebe ich jetzt ab 😉

    Bei meiner Bank steht der Hinweis auf die manuelle Eingabemöglichkeit sehr klein, sehr weit unten links… aber ich gehe davon aus das es bei allen Banken möglich sein muss.

    Manuelle Eingabe
    1. Bitte legen Sie die Karte in Ihr chipTAN-Gerät und drücken Sie die TAN-Taste.
    2. Übertragen Sie den unten stehenden Startcode in Ihr Kartenlesegerät.

    Startcode 104

    3. Geben Sie Ihre Auftragsdaten in das Kartenlesegerät und bestätigen Sie Ihre die Eingabe mit OK.

    4. Geben Sie bitte die TAN ein, die auf Ihrem chipTAN-Gerät ausgegeben wurde.

  7. Farbige Kontaktlinsen bei Migräne?

    Danke für den Hinweis. Links zum Thema sind immer willkommen.

    Kritisch kann höchstens mal ein medizinisch fragwürdiger Rat sein, den ich dann aber ja immer noch kommentieren könnte. Ob farbige Kontaktlinsen bei Migräne wirklich helfen und ob nicht andere Schäden zu erwarten sind, ist mir bisher nicht bekannt.

    Ich habe mal auf die schnelle nachgeschaut und fand nur eine Publikation, in der solche Kontaktlinsen bei Kindern angeblich halfen [1]. Dort heißt es:

    „The results suggest that it is possible to measure objective correlates of the beneficial subjective perceptual effects of colored lenses, at least in some children who have a history of migraine or severe headaches.
    [Die Ergebnisse legen nahe, dass es möglich ist objektive Korrelate zu messen, der vorteilhaften, subjektive wahrgenommenen Auswirkungen von farbigen Linsen, zumindest bei einigen Kindern, die eine Vorgeschichte von Migräne oder starken Kopfschmerzen haben.]
    Übersetzung M.A.D.

    Obwohl es durchaus plausibel klingt, hier mein üblicher Rat:

    Risiken und Nebenwirkungen

    Also nochmal, vielen Dank für den spannenden Hinweis, wenn ich doch noch mehr dazu finde, werde ich hier noch darüber schreiben

    [1] Riddell PM, Wilkins A, Hainline L.
    The effect of colored lenses on the visual evoked response in children with visual stress.
    Optom Vis Sci. (2006) 83:299-305.

  8. Druckfrisch (Nachtrag)

    Ich fand nun auch die Arbeit, die oben im Link erwähnt wird, druckfrisch:

    Jie Huang, Xiaopeng Zong, Arnold Wilkins, Brian Jenkins, Andrea Bozoki, Yue Cao
    fMRI evidence that precision ophthalmic tints reduce cortical hyperactivation in migraine,
    Cephalalgia 26 May, 2011.

    Das pdf ist sogar frei erhältlich. Ich habe es schon heruntergeladen. Das klingt spannend und ich werde mir diese Arbeit bald genauer angucken. Da fängt der Tag doch gleich gut an!

    • … und war es eigentlich spannend? Ich habe gerade in alten Beiträgen gestöbert und gedacht, wie schade, dass wir den Faden an dieser Stelle haben fallen lassen.

      • Markus A. Dahlem

        Danke, dass Du Dir die „alten“ Beiträge vornimmst. Das Thema nehme ich gerne wieder auf! Es interessiert mich auch — und ich hatte es vergessen. Es macht wirklich viel mehr Freude, wenn man weiß, jemand interessiert es!

  9. Sonnenbrille

    Über die farbigen Kontaktlinsen habe ich auch schon gelesen? Obs da nicht die gute alte Sonnenbrille auch tut, frage ich mich allen Ernstes?

    Sonnenbrille ist sowieso der beste Tipp gegen die Lichtüberempfindlichkeit bei Migränikern. Ich laufe fast rund um die Uhr mit Sonnenbrille herum und kann damit viele für mich „schädliche“ Reize abfiltern.

    Ganz schlimm finde ich übrigens das Fahren durch eine Allee bei strahlendem Sonnenschein. Da hilft dann nicht mal mehr die Brille. Am besten man schließt die Augen unter der Sonnenbrille komplett, sofern man nicht der Fahrer ist.

    Schwimmen im See oder Meer geht leider auch nur noch mit Sonnenbrille und Hut. Sieht dann sehr sportlich aus. 😉

    Einen Werbeblocker zu installieren ist bei jedem neuen Computer meine erste Aktion.

  10. @ Alex HowTo

    Danke für die Antwort, aber das folgendes:

    4. Geben Sie bitte die TAN ein, die auf Ihrem chipTAN-Gerät ausgegeben wurde.

    überraschte mich.

    Wie kommt es zur Übereinstimmung der generierten TAN mit einer validen TAN auf dem Server? Offensichtlich existiert bereits eine TAN-Liste auf dem Server, aus welcher bei jedem Transkationsvorgang eine zufällig ausgewählt wird. Ich bin bisher davon ausgegangen, daß für jeden Geschäftsvorgang eine neue TAN serverseitig generiert würde. Dem ist wohl nicht so. Das ist nicht uninteressant.

  11. @Jörg Schütze, Mathe oder Magie?

    Hallo Herr Schütze,

    ich denke es mir so, die TAN kann sich doch eigentlich nur aus den jeweiligen Auftragsdaten, also Betrag, Konto + Bankleitzahl des Empfängers, in Zusammenhang mit den Daten die meine Bank über mich weiß, also den Informationen die auf meiner Girokarte gespeichert sind errechnen. Mehr weiß das Kästchen, also der TAN Generator ja nicht über mich und mein Vorhaben. Die Bank ermittelt ihrerseits aus den aus dem Server eingegebenen Daten unabhängig eine TAN. Ich gebe die vom Generator ermittelte TAN ein, stimmen die beiden TANs überein kann ich überweisen.

    Falls das so ist wie ich vermute, dann kommt mir das nicht sicher vor, irgendjemand kann doch sicher herausfinden wie sich die TANs aus den Daten errechnen – das ist doch keine Hexerei sondern Mathe, irgendeine Formel – oder etwas ähnliches 😉

  12. Pingback: Faktor Mensch in der Technik, eine Multiplikation mit Rest › Graue Substanz › SciLogs - Wissenschaftsblogs

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