Ko-Autorenschaft bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen verdienen

“Bewegendes Filmmaterial eines leitenden Wissenschaftlers, der wertvolle Zeit und Energie in ein Projekt investiert und damit Ko-Autorenschaft verdient.” Dies twitterte jemand zu diesem kurzen Filmchen. Wer in der Wissenschaft arbeitet, kann sich sicher ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) schreibt in ihre Denkschrift Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis: „Wegen ihrer Bedeutung als Prioritäts- und Leistungsnachweis sind Veröffentlichungen seit Langem Gegenstand vielfältiger Konflikte und Kontroversen.“

Ich habe mich zweimal an den Ombudsmann der DFG gewandt, als sich Kontroversen nicht so einfach klären ließen. Einmal erfolgreich, der Leiter einer Institution zog seinen angeblichen Anspruch zurück (seitdem haben wir leider nie wieder ein miteinander Wort gesprochen), ein andermal wurde das Verfahren solange verzögert, dass ich entnervt einem anderen Leiter einer Institution die letzte Autorenschaft überlies, obwohl folgende Stellungnahme des Erstautoren (später) kam:

Hallo Markus,

du weisst doch, wie das ist: die Physikprofessoren an der _Deutsche_Hochschule_ stehen üblicherweise mit auf den Veröffentlichungen ihrer Angestellten, auch wenn sie thematisch nichts oder wenig dazu beigetragen haben / beitragen können. Dieses Vorgehen ist notwendig, wenn man große Arbeitsgruppen managen will, da dann keine Zeit für Forschung bleibt, aber ohne Paper auch kein Geld reinkommt. Ob man das gutheißt oder nicht, ist eine andere Frage.

Ich habe entschieden, _Name_Institutsleiter_ mit draufzuschreiben, auch wegen dem letzten Paper, wo ich dich mit draufgeschrieben habe, ohne einen Beitrag zu erwarten.

Dass er zu dem aktuellen Paper nichts mehr beitragen wird, ausser vlt Korrekturlesen, wobei ich finde, die Zeit kann man sich sparen, ist Fakt. …

Bemerkenswert fand ich die völlige Uneinsichtigkeit des Erstautoren, selbst nach mehreren Gesprächen. Für ihn war das System gut so, damit es eben funktioniert. Den indirekten Vorwurf, ich hätte bei seinem letzten Paper auch nichts beigetragen oder zumindest hätte er nichts erwartet, hatten wir ebenfalls mehrfach kontrovers diskutiert, denn natürlich überschätzen Autoren auch schon mal ihre Selbstständigkeit.

Richtlinien der Deutsche Forschungsgemeinschaft

In der Tat hat die DFG in ihren Richtlinien eine klare Empfehlung:

Autorinnen und Autoren wissenschaftlicher Veröffentlichungen tragen die Verantwortung für deren Inhalt stets gemeinsam. Autorin oder Autor ist nur, wer einen wesentlichen Beitrag zu einer wissenschaftlichen Veröffentlichung geleistet hat. Eine sogenannte „Ehrenautorschaft“ ist ausgeschlossen.

Und weiter

Daher reichen, um eine Autorschaft zu rechtfertigen, für sich alleine nicht aus andere Beiträge wie

  • bloß organisatorische Verantwortung für die Einwerbung von Fördermitteln,
  • Beistellung von Standard-Untersuchungsmaterialien,
  • Unterweisung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Standard-Methoden,
  • lediglich technische Mitwirkung bei der Datenerhebung,
  • lediglich technische Unterstützung, zum Beispiel bloße Beistellung von Geräten, Versuchstieren,
  • regelmäßig die bloße Überlassung von Datensätzen,
  • alleiniges Lesen des Manuskripts ohne substanzielle Mitgestaltung des Inhalts,
  • Leitung einer Institution oder Organisationseinheit, in der die Publikation entstanden ist. Solche Unterstützung kann in Fußnoten oder im Vorwort angemessen anerkannt werden.

Mich würde interessieren, wie das andernorts gehandhabt wird?

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo,
    wir schreiben unseren Institutsleiter mit drauf, wenn die Veröffentlichung bei einer Organisation eingereicht wird, wo er bekannt ist und Einfluss hat. Für die Dissertation haben wir normalerweise immer mindestens eine VÖ, wo der Institutsleiter mit drauf steht.
    Maximal liest er sie durch und gibt ein GO oder NO-GO.
    Die Richtlinien kannte ich bisher nicht, sehr interessant.

  2. Diese Regeln sind fast 1:1 auch an die entsprechenden Richtlinien der lokalen Hochschule (momentan im Rahmen der Exzellenzinitiative gefördert) übernommen worden; in meinem Fachgebiet hält sich allerdings keiner dran.
    Wenn es opportun ist, das der- oder diejenige mit draufstehen, dann wird das so festgelegt. Ich habe einmal deshalb eine Diskussion gesucht, die wurde mit denselben Argumenten wie in der Mail oben abgebügelt.
    Ich bin sozusagen per dienstlicher Anweisung dazu gezwungen worden, gegen eine dienstliche Anweisung wissentlich zu verstoßen.
    In weiterem Zusammenhang laufen noch viel krummere Dinge, die ich aber wegen potentieller Identifizierbarkeit der Vorgänge hier nicht nennen kann.

  3. Hallo,

    mich würde interessieren, ob die Vergabe der Positionen in der Autorenliste irgendwie offiziell geregelt ist. In den Naturwissenschaften ist es ja meist so, dass der Erstautor für die experimentellen Arbeiten hauptverantwortlich ist und der Letztautor für die Projektplanung. Nur, wer entscheidet darüber, wer Letztautor ist, wenn mehrere Autoren diese Position für sich beanspruchen? Ein Projekt kann ja mehrere Väter bzw. Mütter haben. Ich war letztens in der unangenehmen Situation, als Erstautor ein Manuskript verfasst und den Fehler gemacht zu haben, eine Autorenliste vorzuschlagen. Ein (leitender) Mitarbeiter unseres Instituts sah sich selbst besser an letzter Stelle platziert als den Institutsdirektor und hat die Positionen prompt getauscht. Nur, wer entscheidet darüber, ob dies legitim ist? Normalerweise macht meiner Erfahrung nach der Letztautor die endgültige Autorenliste, aber hier beißt sich eben die Katze selbst in den Schwanz.

    • Das ist auch vom Fach abhängig. Letztlich ist in einer offenen Umgebung immer die Möglichkeit gegeben, die Situation anzusprechen und zu diskutieren. Sollte ja ein für Wissenschaftler nicht unübliches Verfahren sein. Leider fürchten sich einige vor so einer Diskussion und blockieren ein Gespräch.

  4. Hallo Markus,

    Du bist nicht allein mit Deinen Erfahrungen, gerade in der Medizin und den Naturwissenschaften ist dies relativ weit verbreitet, wie einige der wenigen empirischen Studien zeigen, die dies analog „Dunkelfeldstudien“ in der Kriminalistik untersuchten (URL: http://www.researchgate.net/publication/303945901). Dass es aber stärker an den Drittmittelgebern liegen würde, weil „ohne Paper auch kein Geld reinkommt“, lässt sich aus den Daten nicht ablesen. Vielmehr sind Forschungsförderer, auch staatliche wie z.B. das BMBF, inzwischen dazu übergangen, anders als früher nicht mehr die Unterschrift der Institutsdirektoren als Antragsteller zu fordern. So kann man auch als einfacher Promovierter dort Anträge einreichen – die nach Einschätzung aus Gutachterkreisen nicht unbedingt schlechter, sondern oft innovativer sind als die der Institutsdirektoren…

  5. Ich denke, das haengt stark von der Arbeitsgruppe ab. Mein Chef will gern ueberall mit drauf sein, sieht aber durchaus ein, dass er dafuer was machen muss. Da er dafuer wenig Zeit hat verzoegern sich Publikationen in der Regel.

  6. Mal anders herum gefragt: Wie sollte man Tätigkeiten wie die erfolgreiche Führung einer Forschungsgruppe sichtbar machen und honorieren? Eine Umgebung und ein soziales Gefüge zu schaffen, die zu publizierbaren wissenschaftlichen Ergebnissen führen, ist ordentlich Arbeit ein wesentlicher Baustein des Erfolgs und das Delegieren von Verantwortung und Arbeit ist Teil jedes guten Managements. Wie, wenn nicht durch Mitautorschaft, kann die Führungsarbeit belohnt werden?

    • Das ist die richtige Frage, finde ich auch. Den hinter dem Problem mit der Autorenschaft steckt ein größeres strukturelles Problem.

      Aus meiner Sicht geht es bei Autoren um einen direkten Leistungsnachweis der veröffentlichten Inhalte und zu den Leistungen gehören nicht dass zur Verfügung stellen der Infrastruktur und administrative Aufgaben.

      Das Lehrstuhlprinzip – das eine kleine Anzahl von Ordinarien riesige Einzelgebiete in Forschung und Lehre verantwortlich vertritt – ist längst überholt. Wie nahezu alle anderen Länder sollten wir auch in Deutschland zu einem Department-Modell übergehen. Honoriert wird dann der Dean des Department durch seine größere Machtfülle und auch durch mehr Gehalt. Der Dean steht aber ebensowenig wie die Ministerin für Bildung und Forschung auf jeden Paper drauf.

      Der Sonderweg des Ordinariats

  7. Vielleicht kann die ganze Thematik auch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden. Schlussendlich ist der Erstautor immer Teil einer Arbeitsgruppe oder eines Instituts, das innerhalb der wissenschaftlichen Community ein gewisses Standing hat. Für die Aufmerksamkeit, die eine Publikation erzielt, ist wohl nicht selten das Renommee des Letztautoren entscheidend, da dies eine Veröffentlichung überhaupt lesenswert erscheinen lässt. Diese Voreinschätzung mag zwar häufig nicht zutreffend sein, führt aber im Umkehrschluss dazu, dass es für den Erstautoren durchaus sinnvoll ist, den Chef immer in die Autorenliste aufzunehmen, auch wenn er inhaltlich nichts beigetragen hat.

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