Werd‘ erst mal flügge – Karrieremodelle in der Wissenschaft

Der Systemfehler im deutschen Karrieremodell für Wissenschaftler ist schon im Begriff „Nachwuchswissenschaftler“ sichtbar.

Der Beitrag Zur Zukunft der Wissenschaft von Lars Fischer, der im wesentlichen den richtigen Hinweis enthält, dass Forschung oft von jungen Wissenschaftlern gemacht wurde und wird, hat mich motiviert auch zu diesem Thema zu schreiben.

Dabei will ich mich auf die Frage konzentrieren wer oder was ist ein junger Wissenschaftler?

Wenn von jungen Wissenschaftlern die Rede ist, ist der Begriff Nachwuchswissenschaftler nicht weit. In Deutschland zumindest.

Nachwuchswissenschaftler sind es oftmals, die Forschungsthemen unkonventionell angehen. Ihnen wird zurecht geraten „nicht immer auf Autoritäten zu vertrauen und der eigenen Neugier zu folgen“ (Zitat von Gerhard Ertl aus Lars Fischers Blogbeitrag).

Damit ist der Systemfehler im deutschen Karrieremodell in der Wissenschaft schon im Begriff „Nachwuchswissenschaftler“ sichtbar, wenn auch nicht offensichtlich.

Was ist ein Nachwuchswissenschaftler?

Der Aufsatz „Die akademische Juniorposition zwischen Beharrung und Reformdruck“ [1] von Prof. Dr. Reinhard Kreckel (Institut für Hochschulforschung) gibt eine gute Antwort. Kreckel stellt zunächst Karrieremodelle in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und den USA vor. Diese vier Systeme haben die Hochschulen, so wie wir sie heute kennen, geprägt. (Es kommt auch noch die Situation in Österreich und der Schweiz zur Sprache. Ich will diese lesenswerte Lektüre hier nicht detailliert zusammenfassen.)

Schon die Wortwahl im Titel „akademische Juniorposition“ setzt sich vom Begriff Nachwuchswissenschaftler ab. Und muss dies tun, um den international sehr unterschiedlichen Karrieremodellen gerecht zu werden. Das Wort Nachwuchswissenschaftler ist nämlich stark geprägt von dem deutschen Modell. Dieses geht von dem Bild aus, dass Wissenschaftler zunächst noch nicht flügge sind und erst großgezogen werden muss. Nachwuchs eben.

Für mich als Nachwuchswissenschaftler ist der wichtigste Unterschied, dass junge Wissenschaftler als Assitant Professor, Lecture oder Maîtres de Conférences in den USA, Großbritannien bzw. Frankreich schon sehr früh eigenverantwortlich forschen dürfen und müssen. Diese Stellen gelten zwar in der Statushierarchie als junior staff, aber keineswegs als „Nachwuchs“.

In Deutschland steht kein vergleichbares Karrieremodell zur Verfügung*.  Dies muss nicht verhindern, dass junge Wissenschaftler Forschungsthemen früh unkonventionell angehen. Aber es liegt in der Hand des Institutsleiters, ob der Nachwuchs es darf. Da immer mehr Drittmittelfinanzierte Forschung in Deutschland gemacht wird, sind leider durch die im Antrag stehenden Fragen und Methoden meist enge Rahmen für darüber hinaus gehende freie Forschung gesetzt.

Ich hatte das Privileg freier Wissenschaftler vom ersten Tag meiner Forschung zu sein. Offspring-Scientist war ich nie.

Literatur

[1] Die akademische Juniorposition zwischen Beharrung und Reformdruck von Prof. Dr. Reinhard Kreckel

 

Weitere Beiträge in dieser Kategorie hier im Blog.

 

Fussnote

* Die Juniorprofessur ist auch nicht vergleichbar mit den anderen Modellen! Kreckel weißt allerdings zurecht darauf hin, dass  „von Land zu Land ganz unterschiedliche institutionelle Regelungen und kulturelle Selbstverständlichkeiten gelten, und damit auch unterschiedliche Konfliktkonstellationen“. Es gibt also überall Vor- und Nachteile, und das deutsche System soll keinesfalls pauschal hier als ganz und gar schlechtes Karrieremodell gegeiselt werden. Das ist es nämlich nicht.

Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin, am Massachusetts General Hospital und an der TU Dortmund. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Guter Punkt.

    In Deutschland ist die Hauptaufgabe von Nachwuchswissenschaftlern ja eh vor allem, das Auto vom Herrn Professor zu waschen. Dass sie das heute nicht mehr müssen ändert nichts daran, dass die entsprechenden Strukturen nahezu unverändert geblieben sind.

  2. Forschen auf Deutsch

    Die Strukturen in der deutschen Hochschullandschaft und deren Historie sind in „Forschen auf Deutsch: Der Machiavelli für Forscher – und solche die es noch werden wollen“ von Siegfried Bär treffend beschrieben. Das ist noch ein Nachtrag wert.

    In meinen Augen liegt wirklich das Problem in den gewachsenen Strukturen, die nie (auch nicht von Bulmahn) reformiert wurden.

    Zum einen ist der Umgang in Deutschland mit jungen Wissenschaftlern viel respektloser, als anderswo. Vielleicht schlimmer aber noch ist, dass junge Wissenschaftler sich (dadurch) selbst nicht als Wissenschaftler begreifen, sondern als Nachwuchs.

    Zu Nobelpreisträgern wird hochgeguckt und dabei übersehen, dass deren Heldentaten oftmals in einem Alter vollbracht wurden, das geringer war als jenes der Hochguckenden.

    Ich Frage mich, ob Lindau nicht noch diesen Effekt verstärkt?

    Ich habe bei E. Neher Vorlesung gehört und ging Dienstags zu M. Eigens Tee-Seminar, wo meist nur wenige Forscher quer im Raum verteilt saßen und diskutieren.

    So lernte ich diese in ihrer eigentlichen Funktion als Forscher und Lehrer kennen, weniger als Würdenträger. Auch G. Ertl kannte ich schon 15 Jahre vor seinem Nobelpreis.

    Alle drei gingen übrigens immer sehr respektvoll mit jungen Studenten und Wissenschaftlern um.

    Junge Wissenschaftler sollten also gute Forscher in Aktion erleben, nicht als Attraktion!

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