Ist Google Glass Brückentechnologie zur digitalen Netzhaut?

Mario Sixtus zeichnet in seinem Beitrag „Die neuen Augen des 21. Jahrhunderts“ (Arte) eine Zukunft, in der Menschen sich künstliche Netzhäute implantieren lassen, die mit dem Internet verbunden sind. Die medizintechnische Realisierung wird „nicht mehr allzu lange dauern“ und „niemand kann verhindern, dass Cyborgs-in-spe sich in einen Flieger Richtung China setzen, um sich dort mit Inkörpertechnik auszustatten“, sollte es in Deutschland noch verboten sein. Sixtus spricht hier von normal Sehenden, die eine Leistungssteigerung (Enhancement) sich wünschen.

Da dies unvermeidlich sei – wegen China und überhaupt – mahnt Sixtus eine „realistische, pragmatische, unaufgeregte Debatte über das Dreieck Mensch, Technologie und Gesellschaft“ an. Aha.

Schattensehen

Wir realistisch, wie pragmatisch, wie unaufgeregte ist eigentlich seine Sicht der angeblich nahen Entwicklung?

Es gibt, und Sixtus beschreibt sie, erste Erfolge mit einer künstlichen Netzhaut, die eine sehr schemenhafte Wahrnehmung von Formen ermöglicht. „Sehen“ kann man das kaum nennen, so hilfreich die Wahrnehmung von Schatten für jemanden ist, dessen Sehkraft gänzlich fehlt. Dann fährt er fort:

Das deutsche Unternehmen “Retina Implant” hat einen Sensor im Angebot, der mit 1.500 Pixeln bereits deutlich höher auflöst. Patienten sind damit in der Lage, Gesichter und sogar Gesichtsausdrücke zu erkennen. Wer das Megapixelrennen bei Digitalkameras beobachtet hat, ahnt, dass es nicht mehr allzu lange dauert, bis die digitale Netzhaut die Auflösung des menschlichen Auges erreicht haben wird – und diese schließlich sogar übertrifft.

[Zitat aus „Die neuen Augen des 21. Jahrhunderts“ (Arte)]

Vergleichen wir das mit der Aussage auf der Website von “Retina Implant”. Dort steht:

Aussagen über die erreichbare Sehschärfe können bislang nur auf der Basis der technischen Eigenschaften und der durchgeführten Tierexperimente gemacht werden

Patienten sind also bisher nicht in der Lage, Gesichter und sogar Gesichtsausdrücke zu erkennen. Aus unten genannten Gründen bin ich skeptisch, dass wir in den nächsten zehn Jahren auch nur annähernd den Erfolg sehen, der von Sixtus einer digitalen Netzhaut heute schon beschieden wird.

Eine digitale Netzhaut, die normal Sehenden ein digitales Sehen ermöglicht mit der Auflösung eines (selbst kleinen) Computerdisplays, die, gäbe es sie, zusätzlich wirklich sehr einfach Zusatzinformationen gleichsam Google Glass einblenden könnte, ist nach meiner Einschätzung Technik für das 22. Jahrhundert.

Cyborgs gegen Klimawandel

In eine Diskussion einzusteigen, in dem diese angeblich vor der Tür stehende Vision Made in China skizziert wird, bemüht weder ein realistisches Beispiel noch ist sie pragmatisch und kaum unaufgeregt zu nennen. So wird die Chance wachzurütteln vertan. Das ist schade. Zum einen schwächt das falsche Beispiel realistische Aussagen in Sixtus‘ Artikel, auf die ich hier jedoch nicht eingehe. Zum anderen wird der große und in der Tat unvermeidliche Zusammenhang übersehen.

Es gibt gute Beispiel, die heute längst die Notwendigkeit einer Debatte über den Faktor Mensch in der Technik offensichtlich machen können. Neben dem Klimawandel wäre diese Debatte die mit Abstand wichtigste für die Menschheit. Dabei sind beide Debatten nur zwei Seiten einer Medaille. Die Verschmelzung von Mensch und Technik in Form eines kybernetischen Organismus (Cyborg) wurde in den 1960er Jahren erstmals in die Diskussion gebracht, um zu beschreiben, wie Menschen in lebensfeindlichen Welten mit Hilfe von Maschinen adaptieren und somit überleben können. Cyborgism und der Wandel der Lebensbedingungen auf unserem Planeten hängen also zusammen. Denken wir etwa an Geoengineering, wäre unser lebender Planet ein Cyborg.

Vom Cochleaimplantat  zum Netzhautimplantat?

Zurück zum Netzhautimplantat. Für mich liegt es Nahe, dass Sixtus, wie andere vor ihm und sicher nach ihm auch noch, den Erfolg des Cochleaimplantats auf das künftige Netzhautimplant übertragen. Dabei wird übersehen, dass die physiologischen und anatomischen Gegebenheiten sehr verschieden sind. Wer kein Experte ist, bzw. nicht ehrlich von diesen über Unterschiede aufgeklärt wird, wird naiv das eine mit dem anderen vergleichen. Obgleich eins auch Laien schnell klar sein könnte. Das schnelle Megapixelrennen, die Meisterung der Miniaturisierung, legt keinesfalls auch eine gleichfalls zügige Überwindung der völlig anderen Herausforderungen eines Netzhautimplants nahe.

Wo liegt also der fundamentale Unterschied zwischen einem Netzhautimplant (NI) und dem heute schon fantastisch erfolgreichen Cochleaimplantat (CI)?

Um es nicht zu kompliziert zu machen, soll zunächst eine Analogie aushelfen. Wenn man im Prinzip versteht, auf welche Art der Vergleich fehlschlägt, kann man auch ein wenig tiefer in die Physiologie und Anatomie einsteigen. Damit ist man für eine Diskussion gerüstet, um auch zu überlegen, ob meine Skepsis – die ich übrigens seit 1995 hege, als ich aufgrund meiner vorangegangenen Forschungsarbeiten mit Netzhäuten ein Jobangebot bekam, am Retina Implantat mitzuarbeiten – vielleicht doch nicht berechtigt ist. Unter welchen Umständen könnte ich mich irren und Menschen sehen schon im 21. Jahrhundert neuro-digital enhanced?

Technik in der Biologie ist wie Tarzan in Berlin

Wäre das Implantat Tarzan, dann könnte man ihn zuerst einmal in den Grunewald neben einen Holzknüppel setzen (was der Situation des CIs nahekommt) und ihn am nächsten Tag nach Mitte bringen und dort ihm ein Smartphone in die Hand drücken (was ich als die Analogie zum NI sehe). Letzteres in der Hoffnung, er bestellt sich an diesem Tag eine Pizza, die – nehmen wir ruhig an, er lerne schnell zu telefonieren – nach seinem Wünschen belegt ihm kurz darauf angeliefert wird. Diese Hoffnung sei allein durch unsere Erfahrung vom Tag zuvor geprägt, dass Tarzan im Grunewald mit dem Holzknüppel ein Wildschein erlegt hat. Technik in der Biologie ist wie Tarzan in Berlin, es gibt Ecken, wo beide sich schneller annähern und Ecken, wo es es keine Anpassung zu geben scheint.

Treffen unterschiedlichen Kulturen oder sagen wir besser Systeme wie Berlin/Biologie und Tarzan/Technik aufeinander, ist es völlig unklar, ob und wie sie kommunizieren können. Wenn ein technisches System unmittelbar mit einem menschlichen Organsystem kommunizieren soll, ist nicht in erster Linie die Miniaturisierung der Schnittstelle das Problem sondern die gemeinsamen Sprache zusammen mit einen akzeptierten Protokoll. Bezüglich der Schnittstelle ist vor allem dessen Lage zu klären. Vereinfacht gesagt.

Schnittstelle am Nerv

Obwohl auf den ersten Blick ein Netzhautimplant (NI) dem Cochleaimplantat (CI) durchaus ähnlich sieht bezüglich Lage der Schnittstelle (am Seh- bzw. Hörnerv), Sprache (elektrische Pulse) und Protokoll (nur das Implantat sendet, der Nerv empfängt nur), greifen sie doch unterschiedlich tief in das Gehirn ein. Mit der Verschiebung der Lage der Schnittstelle tiefer in ein Organsystem ist zumindest das einseitig gerichtete Protokoll in Form eines Monologes nicht mehr einfach übertragbar und auch die Sprache wird möglicherweise komplexer.

Die Brille ist ein einfaches Beispiel dafür, dass eine früh an das biologische System ansetzende Schnittstelle Technik harmonisch einbinden kann. Die Brille nutzte zur Platzierung der Schnittstelle Nase und Ohren, die Optik dient als gemeinsame Sprache – da auch die Biologie Linsen erfunden hat, versteht sie Korrekturen diesbezüglich auf natürliche Weise – und das einseitige Protokoll ist so unauffällig, dass man kaum darüber nachdenkt.

Eines therapeutisches Netzhautimplant wird z.Z. vor allem für ein Einsatzgebiet entwickelt, die erbliche Erkrankung Retinopathia pigmentosa, da dort eine mögliche Schnittstelle auch noch sehr weit vorne liegt. Retinopathia pigmentosa ist eine Netzhautdegeneration, bei der die Photorezeptoren der Netzhaut zerstört werden. Das Implantat hat seine Schnittstelle also hinter den Rezeptoren aber noch noch vor dem Sehnerv. Gleichfalls beim Cochleaimplantat, das ebenfalls zerstörte Rezeptoren überbrückt. Dort ist die Schnittstelle genau am Hörnerv. Wie gesagt, es gilt zumindest als Faustregel: je früher die Schnittstelle liegt, desto besser kann Technik mit Biologie kommunizieren.

Überbrückung des zentralen Nervensystems

Beim dem Netzhautimplant liegt die Schnittstelle an der letzten, der dritten der drei Schichten der Netzhaut an, deren Ausgang erst den Sehnerv bildet. Das ist der Unterschied, denn die Netzhaut ist Teil des zentralen Nervensystem (ZNS).

Der Unterschied ist also, dass bis zum Sehnerv schon eine ganze Menge an Datenvorverarbeitung in den drei Schichten der Netzhaut geleistet wird. Diese Vorverarbeitung müsste das Implantat selber leisten, um eine halbwegs nartürliche Sehleistung zu erzeugen.

Das Netzhautimplant ist folglich ein Implantat im zentralen Nervensystem. Das Cochleaimplantat liegt im peripheren Nervensystem und überbrückt allein Rezeptoren. Sinnesrezeptoren sind keine Neurone (mit Ausnahme der Geruchsrezeptoren). Das ist keine belanglose Klassifikation. Sie basiert auf der Tatsache, dass Rezeptoren nur über eine primitive Sprache verfügen, sie reden mittels sogenannter graduierter Potenziale. Neurone im zentralen Nervensystem dagegen kommunizieren durch Aktionspotenziale. Ein Implantat hat es leichter, wenn die biologische Sprache einfacher ist. Der Unterschied im Komplexitätsgrad graduiterter Potenziale und Aktionspotenziale ist durchaus der zwischen Holzknüppel und Smartphone.

Ohne an dieser Stelle detailliert darauf eingehen zu können, liegt eventuell neben der komplexeren Sprache ein weiteres Problem im vom zentralen Nervensystem akzeptierten Protokoll. Dort wird ein Monolog sehr wahrscheinlich nicht aufgenommen werden. Selbst bei dem Cochleaimplantat kann z.B. nicht der Cocktailparty-Effekt gewährleistet werden. Dieser Effekt erlaubt CI-Trägern selektiven Hören, d.h. störende Schallanteile zu unterdrücken und die gewünschten Quelle selektiv zu verstärken. Es gibt Gründe anzunehmen, dass diese Fähigkeit eine Frage des Protokolls ist.

Aus diesen Gründen, der komplexeren Sprache und des komplexeren Protokolls wegen im zentralen Nervensystem, bin ich sehr skeptisch, dass sich in den nächsten Jahren auch nur annähernd der Erfolg des Cochleaimplantat auf ein Netzhautimplant übertragen lässt. Eine digitale Netzhaut für Sehende, die sich ansteuern lässt wie ein Computerdisplay ist Technik für 2114.

Die Verschmelzung von Technik und Mensch zeigt sich in Google Glass wie auch im Cochleaimplantat und nahezu unzähligen anderen Beispielen. Eine gesellschaftliche Debatte dazu hat gerade erst Angefangen. Sie droht jedoch im Keim zu ersticken, wenn sie durch falsche Beispielen utopisch wird, z.B. indem Google Glass als Brückentechnologie zur digitalen Netzhaut dargestellt wird.

Markus A. Dahlem

Vita des Autoren Ich, Markus Dahlem, entwickle seit nunmehr fast 25 Jahren Computermodelle der Migräne. Mehr als mein halbes Leben und dass ganze berufliche habe ich einer Krankheit gewidmet unter der ich nicht leide. Besser so herum, oder? Von Hause aus bin ich Physiker und studierte in Aachen, Göttingen und Magdeburg sowie mathematische Biologie in Salt Lake City, U.S.A. Tätig war ich unter anderem am Max-Planck-Institut für Ernährungsphysiologie in Dortmund, im Department of Psychology, Stirling University, Großbritannien, an der Universitätsklinik für Neurologie der Otto-von-Guericke Universität, am Leibniz-Institut für Neurobiologie, beide in Magdeburg, als Gastdozent für Dynamische Krankheiten an der Technischen Universität Berlin und am Mathematical Biosciences Institute der Ohio State University, Columbus, U.S.A. Zurzeit forsche ich als Gast an der Humboldt Universität zu Berlin und am Massachusetts General Hospital, dem größten und ältesten Lehrkrankenhaus der Medizinischen Fakultät der Harvard University. Wenn ich mal in die Zukunft blicken darf, die Bedeutung bioelektronischer Arzneimittel – sogenannter Elektrozeutika – wird zunehmen, als Beispiel führe ich im neuen Lehrbuch der Migräne (Neurobiological Basis of Migraine, Dalkara und Moskowitz (Hrsg.), John Wiley & Sons Inc, Erscheinungsdatum voraussichtlich 25. Juli 2016.) den Vorteil von Computermodelle gegenüber Tiermodellen der Migräne an, da sie den Weg zu personalisierten Elektrozeutika öffnen. Mal schauen, ob es so kommt. Zusammen mit großartigen Kollegen und Freunden aus den Bereichen Mensch-Technik-Interaktion und Data Science habe ich das Berliner eHealth-Start-up NewsenseLab gegründet, das die Migräne-App M-sense entwickelt, die Betroffenen das Leben erleichtern wird und sei es nur bei der Kommunikation mit den behandelnden Arzt oder Ärztin. Mit über 50 eingeladenen internationalen Fachvorträge über Migräne, über 40 Fachpublikationen sowie mehreren Buchbeiträge bin ich auch ganz klassisch in der Wissenschaftskommunikation aktiv. Aber mit noch mehr Spaß schreibe ich seit 2009 diesen Wissenschaftsblog über Migräne aus der Forschungsperspektive von Gehirnstimulatoren zu mobilen Gesundheitsdiensten. Ich lebe in Berlin zusammen mit meiner Frau, meinem Sohn – und der lieben Schwiegermutter unter einem Dach. Ganz so eng ist es nicht, denn meine Frau arbeitet die Woche über in Zürich als Ärztin. Es kommt immer anders als man denkt.

16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Aus diesen Gründen, der komplexeren Sprache und des komplexeren Protokolls wegen im zentralen Nervensystem, bin ich sehr skeptisch, dass sich in den nächsten Jahren auch nur annähernd der Erfolg des Cochleaimplantat auf ein Netzhautimplant übertragen lässt.“

    Das glaube ich Ihnen, denn Sie sind der Experte. Für mich bleibt die Frage, warum man ein solches Protokoll nicht analysieren, verstehen und simulieren kann, bzw. warum das 100 Jahre dauern sollte. Ist es so, dass man mehr oder weniger das ganze Gehirn „verstanden“ haben muss, um das Protokoll verstehen zu können?

  2. Markus A. Dahlem

    Zunächst: die Trennung in Protokoll einerseits und Informationsübertragung andererseits stammt natürlich aus der Technik und das so zu trennen ist für biologische Systeme wohl vereinfacht gedacht (aber hoffentlich hilfreich).

    Ob eine Implantat nur eine System treibt („external forcing“) oder aktiv mit ihm wechselwirkt („closed feedback loop“) ist ein fundamentaler Unterschied. Die ganze Physiologie baut auf geschlossenen Regelkreises auf, während wir überwiegend in (tier)experimentellen Studien ein Design des offenen Regelkreises, also ohne Rückkopplung, vorfinden. Daher liegt noch sehr viel im Dunklen.

    Weitere Probleme existieren, von denen ich nur noch eins hervorheben nennen will, das ethisch wie technisch Schwierigkeiten macht: hilfreiche Experimente können nicht unter Anästhesie gemacht werden.

    Trotzdem: es gibt Ansätze dies zu verstehen auch Computersimulationen und vielleicht irre ich mich ja im Zeitfenster. Wobei die 100 Jahre ja im Text nur für den Einsatz bei normale Sehenden genannt wird, die ihre völlig intakte Netzhaut sich ersetzen lassen. Mir scheint das wirklich utopisch in diesem Jahrhundert.

    • „Weitere Probleme existieren, von denen ich nur noch eins hervorheben nennen will, das ethisch wie technisch Schwierigkeiten macht: hilfreiche Experimente können nicht unter Anästhesie gemacht werden.“

      Mit der Erwähnung dieses Umstandes wird aber nicht etwa eine methodologische Grenze klipp und klar skizziert, nein, es handelt sich lediglich um „Probleme“, die „Schwierigkeiten“ machen.

      Ethische zu technischen „Schwierigkeiten“ zu erklären und sie damit lösbar zu machen, ist ein herausragendes Leistungsmerkmal der Wissenschaft. Und was brauchen wir an der wissenschaftlichen Front? Genau: „hilfreiche Experimente“. Wenig hilfreiche Experimente sind was für Geisteswissenschaftler. Also muß und wird Anästhesie hier und da, weil der Erkenntnis hinderlich, wegfallen müssen. Dazu gibt es dann aber wieder nette Bilder von Mäuseschnurrhaaren.

      • Markus A. Dahlem

        Es ist nicht „klipp und klar“ eine methodologische Grenze. Das China-Argument hat Sixtus ja schon gegeben. Es ist sicher ganz und gar kein Argument dafür, was auch immer zur Frage steht, selber gleich zu machen. Aber die Erkenntnis aus solchen Experimenten nicht zu verwerten, ist schon eine andere Frage.

        Was die Moral gebietet, ist die immer Frage hinter dem ganzen (Cyborgism, Klimaziele, etc). Dies als „klipp und klar“ hinzustellen reicht nicht.

  3. Der beste Ersatz für Biologie ist Biologie. Ein natürliches Ersatzauge wäre das optimale. Allerdings ist auch dieser Zugang noch sehr weit von einer erfolgreichen Realisierung entfernt und eine Züchtung eines Auges aus körpereigenem Material (Stammzellen?) wäre selbst noch kein Erfolg. Entscheidend ist die Einbidnung des Ersatzauges in das Nervensystem.

    Die Plastizität des menschlichen Nervensystems hilft übrigens bei der Einbindung eines Colchleaimplantants und würde wohl auch bei einem technischen Retinaimplantat helfen. Die Signale des Retinaimplantats müssten also nicht 1:1 denjenigen des menschlichen Auges entsprechen. Es würde wohl schon helfen, wenn die gelieferte visuelle Information nahe an diejenige des menschlichen Auges herankäme. Das Gehirn würde sich vielleicht so weit „morphen“, dass es diese Information voll ausnützen könnte. Ein gutes Beispiel für die Plasitzität des Sehsystems der Primaten ist die Fähigkeit die Information eines weiteren Farbrezeptors zu verarbeiten. So scheinen 2 bis 3% aller Frauen über einen weiteren Farbrezeptor (im Orangen) zu verfügen (sind als Tetrachromaten), so dass sie theoretisch 100 Millionen verschiedene Farbtöne unterscheiden können. Allerdings – aber auch immerhin – scheinen nur wenige Tetrachromaten tatsächlich von ihrem 4. Farbrezeptor zu profitieren. Jay Netz hat per Gentherapie dichromatische Totenkopfäffchen zur Trichomatrie verholfen und konnte beobachten wie sie innert kurzer Zeit diese zusätzliche Farbe wahrnehmen konnten.

    • Markus A. Dahlem

      Der Charme (oder für den anderen der Horror) ist natürlich die weitere Anbindung an das Internet. Ich würde mir ja eher Infos vorlesen lassen also statt Google Glass ein winziges Hörgerät tragen, das mit nützliches ins Ohr säuselt.

      Daher gebe Ihnen recht, es besteht eine Wahrscheinlichkeit, dass Technik *im* Körper nur eine Brückentechnologie ist, bis wir in der Biologie weiter sind. (Hinweis: Ich habe diese Antwort nach 5 Minuten editiert, da sie etwas missverständlich war)

    • Markus A. Dahlem

      Anbei eine aktuelle Pressemitteilungen, die in diese Richtung geht:

      Behandlung von Augenkrankheit am Computer simuliert

      Eine Tübinger Studie zeigt die Möglichkeiten der Optogenetik bei der Behandlung von Netzhautdegenerationen auf (Januar 2014).
      Die sogenannte Optogenetik gilt seit einigen Jahren als vielversprechender Therapieansatz bei fortschreitender Erblindung, wie sie beispielsweise durch eine Degeneration der Netzhaut ausgelöst wird. Um diesen Therapieansatz weiterentwickeln zu können, haben Marion Mutter und Dr. Thomas Münch vom Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) und vom Bernstein Zentrum für Computational Neuroscience (BCCN) an der Universität Tübingen nun ein Computermodell entwickelt, mit dem sich das „optogenetische Sehen“ simulieren lässt.

      Die Retinitis pigmentosa ist eine Netzhautdegeneration, bei der die Fotorezeptoren im Auge absterben. Um dem damit einhergehenden Verlust des Augenlichts entgegenzuwirken, werden in einem optogenetischen Verfahren lichtempfindliche Eiweißstoffe, sogenannte Kanal-Rhodopsine, in die Netzhaut eingebaut. Jede Zelle, die Kanal-Rhodopsine in sich trägt, kann durch Licht aktiviert werden. Nach optogenetischer Behandlung können dann benachbarte Zellen im Auge die fehlende Funktion der Fotorezeptoren übernehmen. Tatsächlich konnten damit bereits Erfolge zur Wiederherstellung der Sehfunktion bei blinden Mäusen erzielt werden. Allerdings stößt man mit dieser Methode auch an Grenzen. Vor allem in Hinblick auf mögliche künftige Anwendungen beim Menschen wäre es wünschenswert, die Eigenschaften der Kanal-Rhodopsine weiter zu verbessern. Wie diese Verbesserungen erreicht werden könnten, haben die Tübinger Forscher an dem eigens entwickelten Computermodell untersucht. Dieses Modell ermöglicht es, verschiedene Varianten der Kanal-Rhodopsine daraufhin zu bewerten, wie gut sie die Wiederherstellung der Sehfähigkeit unterstützen.

  4. Die Idee der Verschmelzung von Mensch und Technik mag neueren Datums sein, die Idee aber, dass der Mensch und seine Götter in eine andere, nicht unbedingt menschliche Gestalt schlüpfen können findet sich sowohl bei den alten Ägyptern als auch in den griechischen Sagen. Und hier gibt es durchaus eine Verbindung zum heutigen Begriff des Cyborgs. Dem falkenköpfigen Gott Horus der alten Ägypter werden eben auch die Eigenschaften zugeschrieben, die ein Falke hat, wie die ein guter Jäger zu sein, Weit- und Überblick. Genau die gleichen Vorstellungen der Erweiterung und Potzenzierung der menschlichen Sinne und menschlichen Fähigkeiten verbinden viele mit dem Cyborg-Begriff. Der erste von einer Regierung anerkannte Cyborg Neil Harbisson nutzt Technik um seine angeborene Achromatopsie zu kompensieren, wobei er auch Ultraviolett und Infrarot als Töne wahrnehmen kann. Der AI-Pionier Marin Minsky äusserte bereits früh er wäre froh um ein Chip-Implantat,das seine mathematischen Fähigkeiten verbesern würde. Diese Denkrichtung mündet im Transhumanismus, wo der Mensch durch Technik oder gar durch Verschmelzung mit Technik zu einem gottähnlichen, unsterblichen Wesen
    wird (Zitat)“ is possible and desirable for humanity to enter a transhuman phase of existence, in which humans are in control of their own evolution. In such a phase, natural evolution would be replaced with deliberate change“

  5. Markus A. Dahlem

    In einem Kommentar zu dem Beitrag „Die neuen Augen des 21. Jahrhunderts“ werden weitere Probleme skizziert. Ich kann nicht beurteilen, wie realistisch diese Angaben zu der eigentlichen Operation bei einer Implantation einer künstlichen Netzhaut sind, der Kommentar ist aber interessant. Daher hier kurz der Hinweis auf die Diskussion dort.

    • „Eine Auflösung von über 100 MPx (entspricht der Untergrenze von Rezeptoren im Auge) einzeln an Nervenzellen zu schalten dürfte selbst mit fortschrittlichster Technologie ein Ding der Unmöglichkeit sein“

      Ja, das klingt überzeugend. Die Komplexität des ZNS kann man ja nur vage erahnen.

  6. Ist es nicht so, dass es einen Unterschied gibt der in der
    Technologie der künstlichen Netzhaut „obligatorisch“
    übersehen wird? Ganz unabhängig von den hier
    geschilderten biologischen Kompatibilitätsproblemen.

    Die natürlichen Feinstrukturen der
    echten Retina sind an einem Stoffwechsel gekoppelt
    um solche Feinstrukturen ein Leben lang zu erhalten.
    Nun kommt die hochauflösende Pixeltechnik ohne
    diesen Mechanismus dahergetanzt. Sicher wird es ihr
    gelingen eine irgendwie funktionierende Retina in
    Mikroformat herzustellen. Aber solche Feinstrukturen
    sind immer wesentlich anfälliger gegen Zerstörung wie
    eine Filmkamera . Genau darum hat der Körper eines
    jeden Lebewesens ein System entwickelt die diese
    Feinstrukturen einem ständigen Reparaturmechanismus
    unterwirft. Die Entwickler solcher Wundertechnik
    sollten sogleich eine Selbstreparaturtechnik entwickeln
    welche mit der Entwicklung Feinstruktur der
    künstlichen Retina einhergeht. Eine solche
    Entwicklung voranzutreiben ohne Beachtung dieser
    regenerativen Eigenschaften ist schwerer zu entwickeln
    wenn sie auf bereits fertigentwickelte System
    aufpfropft.

    Ich halte mehr davon eine solche Retina biologisch zu züchten obgleich das Gelingen eines solchen Projektes
    fraglich ist, wenn ich mir vorstelle was die natürliche
    Retina an Signalverarbeitungsfähigkeiten besitzt. Aber
    vielleicht ist dier Weg eben doch richtiger?

    Beispiel:
    Mit dem Wissen das Blut auch bei entsprechender
    Technik ein Lieferant von Strom für Herzschrittmacher
    sein kann wurde diese Technik trotzdem mit
    auswechselungsbedürftigen Lithium-Batterien
    betrieben. Nun erst kommt man auf eine Idee das Blut
    als Stromquelle für Herzschrittmacher nutzbar zu
    machen .
    Hans-Werner Joswig

  7. Was mich selbst immer wieder erstaunt ist die hohe Bereitschaft eines gewissen, aber nicht unbeträchtlichen Teils der Menschheit ihren Körper modifizieren zu lassen. Zur Körpermodifikation rechne ich schon Tattoos, dann natürlich Schönheitsoperationen, sicher Manipulationen an den primären Geschlechtsorganen (was wir hier im Westen als Genitalverstümmelung bezeichnen), im Grunde gehört aber schon das Durchstechen des Ohrläppchens dazu. Jede dieser Eingriffe, selbst scheinbar so harmlose wie das Durchstechen des Ohrläppchens ist mit Risiken verbunden und kann medizinische Komplikationen verursachen. Das geschieht zwar nur selten aber doch so häufig, dass in unserer risikoaversen Gesellschaft eigentlich eine grössere Zurückhaltung zu erwarten wäre.
    Diese Bereitschaft zur Körpermodifikation scheint im Menschengeschlecht angelegt: Bei vielen indigenen Völkern ist es beispielsweise üblich, sich zu tätowieren oder gar sich Ziernarben verpassen zu lassen. Und hier bei den indigenen Völkern, die sich über „Körperschmuck“ definieren, finden wir dann auch das Phänomen des sozialen Zwangs, wo das Inviduum sich der „Behandlung“ nicht entziehen kann ohne sein Mitgliedsrecht zu verwirken. Diesen Zwang gibt es auch in Gegenden, wo „Genitalverstümmelung“ verbreitet ist, allerdings meist auf Minderjährige durch ihre Eltern ausgeübt.
    Vor diesem Hintergrund würde es nicht überraschen, wenn cyborgartige Körpermodifikationen sich ebenso stark verbreiten würden, vor allem wenn sie kompetitive Vorteile bieten und dem Träger mehr Karrierechancen eröffnen. Wird Arbeiten aber in Zukunft die Ausnahme, weil nach der Automatisierung der Güterproduktion auch die Automatisierung/Robortisierung des Dienstleistungssektors kommt (bis zu den Sexdienstleistungen), dann würde sich wohl eine freizeitdominierte Gesellschaft entwickeln, in der viele aus Langeweile mit sich selbst herumexperimentieren würden und andere sich in Gruppen zusammenschliessen würden, die sich eventuell über bestimmte „erweiterte“ Fähigkeiten definieren.. Erweiterte Fähigkeiten, die sich nur in der Existenz als Cyborg realisieren lassen. Vieles spricht dafür, dass wir auf dem bisherigen Entwicklungspfad in einer sehr bunten Zukunft landen. In einer Zukunft in der der Mensch mit Technik verschmelzen kann, wo es aber auch rein technische Geschöpfe gibt und wo Leben selbst für viele – und nicht nur für wenige wie heute – eine Form des Gaming wird.
    Das kann eine friedliche Welt sein, aber auch eine gefährliche, denn wenn Grenzen fallen kann vieles möglich werden und die Grenzen des Vorstellbaren verschieben sich.

  8. Marius Sixtus Thema ist nicht die digitale Netzhaut, sondern das Brain-Computer-Interface: damit könnte man instantan auf beliebige Informationen im Internet zugreifen. Tatsächlich wurde das in einem Interview mit dem Chefentwickler von Google Glass als der enscheidende Beitrag von Google Glass herausgestellt: Web-unterstützte Entscheidungen ohne Zeitverzögerung oder auch die Möglichkeit jederzeit ein Bild zu schiessen z.B. vom eigenen Kind, das gerade etwas macht, was man festhalten möchte. Ein Brain-Computer-Interface über eine digitale Netzhaut zu realisieren ist allerdings etwas weit hergeholt. Ein Brain-Computer-Interface der fernen Zukunft, welches das feinskalige Auslesen von Hirnaktivitäten ermöglichen würde wäre die Verwendung von „Neural Dust“, also einer Vielzahl von Nanodetektoren im Hirn wie hier vorgestellt:
    http://nextbigfuture.com/2013/08/neural-dust-could-make-long-duration.html

  9. Marius Sixtus verlängert in seinem zwischen Technooptimismus/Technohype und Kassandrasicht liegenden etwas aufgeregtem Artikel Tendenzen, die sich heute schon in der sich digitalisierenden Gesellschaft zeigen. Beispielsweise die durch das Internet und die neuen sozialen Medien zu beobachtende Aufweichung des Privaten, die bei vielen – vor allem Jungen – bis zum Verzicht auf Privatheit geht oder gar zur Pflicht zur Offenlegengung selbst Privatester Dinge wird (Privatester Dinge: Dieser Ausdruck ist so „gestern“!). Aufbauend auf dieser Grundlage entwirft er eine Zukunft gefertigt aus den Träumen der Cornucopians, die diese heutige „Deprivatisierung“ und Informiertheit über alles auf die Spitze treibt und sie als unvermeidlich aufzeigt.
    Um die vorgestellte Vision interessant für den Leser zu machen nimmt er eine ungeheure Beschleunigung des technischen Fortschritts an, denn die 40 bis 80 Jahre, die es mindestens noch geht bis zur Erfüllung seiner Visionen geht wären länger als das Leben vieler seiner Leser und damit für die meisten nicht von drängendem Interesse. Dieser Artikel offenbart also auch eine journalistische Technik wie man etwas für seine Leser interessant macht. Der Kampf um die Leser wird ja immer wichtiger, denn es gibt immer weniger Leser und eher mehr als weniger Redaktoren, Journalisten und Blogger.

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