Gehirnerschütterung im Fußball – Was sagen die Vereine?

Werden Gehirnerschütterungen im Fußball heruntergespielt? Eine Folge könnte die chronisch traumatische Enzephalopathie sein, die ein migräneähnliches Krankheitsbild aufweist. Fünf Vereine der Bundesliga und der DFB haben mir auf Nachfrage geantwortet. Mein Fazit: Eine Regel, die niemand zu beachten scheint, schützt auch niemanden. 

Offensichtlich ist gestern abend im DFB-Pokal Halbfinalspiel von der recht neuen und noch weitgehend unbekannten „Drei-Minuten-Regel“ kein Gebrauch gemacht worden. Damit hat die Regel ihren Zweck verfehlt.

Ob diese Regel überhaupt schon einmal in den 200 Tagen ihres Bestehens in der Bundesliga angewandt wurde und wie mit ihr umgegangen wird, wollte ich wissen – konnte es aber bisher nicht in Erfahrung bringen. Schon letzten Freitag habe ich alle Vereine der ersten Bundesliga sowie den Deutschen Fußball-Bund zum Thema Gehirnerschütterungen angeschrieben.

Ich wollte wissen, ob die Drei-Minuten-Regel bekannt ist und wie sie umgesetzt wird. Diese Regel soll Spieler vor massiven gesundheitlichen Folgeschäden schützen. Eine mögliche Erkrankung nach wiederholten Gehirnerschütterungen ist die chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE). CTE weist ein migräneähnliches Krankheitsbild auf. Auch eine bestehende Migräne kann sich durch Gehirnerschütterungen verschlimmern und lässt sich danach schlechter behandeln.

Die ersten fünf Vereine und der DFB haben mir bisher geantwortet.

Die schnellste Antwort schien mir die ehrlichste gewesen zu sein. Sie kam von Borussia Mönchengladbach

… vielen Dank für Ihre Mail.

Aktuell haben wir uns mit diesem Thema noch nicht beschäftigt. Daher können wir Ihnen leider diesbezüglich keine Informationen mitteilen.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Wünsche Ihnen einen schönen Tag und verbleibe

Mit freundlichen Grüßen
Christiane Böckels
Service-Center

Borussia VfL 1900 Mönchengladbach GmbH

Mainz 05 antwortete genauso schnell, vertröstet mich aber. Die Anfrage sei weitergeleitet worden und „bei Interesse“ wird man sich mit mir in Verbindung setzen.

Der FC Augsburg sieht die Regel wohl gar nicht als notwendig an, denn die Sorgfaltspflicht ist sowieso gewahrt.

… unsere Mannschaftärzte gehen sehr sorgsam mit diesem Thema um, unabhängig von Regeln und Vorgaben der FIFA und UEFA.

Spezielle Erfahrungen können wir aber nicht dazu beitragen.

Mit freundlichen Grüßen

Dominik Schmitz
Leiter Medien- und Öffentlichkeitsarbeit

FC Augsburg

Der TSG 1899 Hoffenheim ist zumindest dankbar für die Regel. Wie oft der Bedarfsfall in den letzten 200 Tagen eintraf, verriet er mir aber auch nicht:

… vielen Dank für Ihre Anfrage.
Die Regel wird durch die Schiedsrichter und unsere Ärzte im Bedarfsfall umgesetzt.
Diese sind auch sehr dankbar für diese Regel.

Mit freundlichen Grüßen

Christian Fornoff
Koordinator Sport

TSG 1899 Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH

Bayer Leverkusen antwortet ausweichend und macht nur auf die Besonderheit der Regel aufmerksam:

… selbstverständlich kennen wir die 3-Minuten-Regel und nutzen sie. Dies wird vom DFB und den Schiedsrichtern sehr unterstützt. Probleme bei der Ausführung gibt es keine. Das Besondere an der 3-Minuten-Regel ist, das nicht der Schiedsrichter den Zeitpunkt des Fortganges des Spieles bestimmt, sondern der Arzt, sofern die 3 Minuten eingehalten werden.

Sportliche Grüße
Dirk Mesch
Pressesprecher Sport

Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH

Dem DFB fehlt bisher Erfahrungen zum Thema „Gehirnerschütterung“:

… es gibt in Ergänzung zur Regel 5 die UEFA-Anweisung, dass eine dreiminütige Spielunterbrechung möglich ist, wenn der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung besteht. Darüber hinaus ist der Wiedereintritt eines Spielers nach einer Kopfverletzung nur möglich, wenn der Mannschaftsarzt dem Schiedsrichter die Spielfähigkeit dieses Spielers bestätigt.

Wir haben im DFB-Bereich bisher noch keine Erfahrungen zum Thema „Gehirnerschütterung“ gemacht. Bei den Kopfverletzungen läuft das bei beim Wiedereintritt der betroffenen Spieler in dem beschriebenen Sinne problemlos.

Um weitergehende Erkenntnisse zu erhalten, empfehlen wir, sich an die UEFA zu wenden, um die Erkenntnisse zu dieser Anweisung bei den internationalen Spielen nachzufragen.

Beste Grüße

Deutscher Fußball-Bund e.V.
Lutz Fröhlich
Abteilungsleiter Schiedsrichter/ Head of Referee Department

Dass bei Kopfverletzungen der Wiedereintritt der betroffenen Spieler problemlos läuft, hat sich ja gerade bei Robert Lewandowski nicht bestätigt. In der Antwort des DFB ist mit „Kopfverletzung“ wahrscheinlich auch eher eine sichtbare Platzwunde gemeint, die evtl. getackert wird. Das Problem sind hingegen die nicht direkt sichtbaren Gehirnerschütterungen, für deren Diagnose ein Arzt eben einige Minuten Zeit braucht.

Aufklärung tut Not. Ich habe habe über zehn Beiträge zu dem Thema Sport und Kopfschmerzen geschrieben (viele davon auf Englisch). Die Aufarbeitung dieser Beiträge soll auch auf der neuen Website eine Rolle spielen. Wenn das Verantwortliche, Profispieler und Interessierte lesen, möchte ich Ihnen ein Crowfunding-Projekt ans Herz legen: Helfen Sie mit, Migräne sichtbar zu machen. Die chronisch traumatische Enzephalopathie weist ein migräneähnliches Krankheitsbild auf und kann durch wiederholte Gehirnerschütterungen entstehen. Eine bestehende Migräne kann durch Gehirnerschütterungen sich verschlimmern und lässt sich danach schlechter behandeln. Wenn sie Fragen haben, können Sie mich auch per Email dahlem@physik.hu-berlin.de direkt kontaktieren.

scilogsSciencestarter

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin, am Massachusetts General Hospital und an der TU Dortmund. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

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