Führt der Weg zu Kopfschmerzen durch den Magen?

Kopfschmerzen, Refluxkrankheit und Magengeschwüre sind Volkskrankheiten. Besteht eine Verbindung zwischen ihnen? Was hat es mit der Kombination von Migräne mit Schwindel sowie mit Gleichgewichtsstörungen auf sich? Zwei Themen in der aktuellen Ausgabe von Cephalalgia, der Fachzeitschrift der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft.

cephalalgiaCover Es ist bekannt, dass bei Magen-Darm-Beschwerden die Kopfschmerzhäufigkeit zunehmen kann. Allerdings haben Studien, die Volkskrankheiten vergleichen, ihre Tücken. Scheinkorrelationen müssen mit bestimmten statistischen Verfahren bei der Analyse kontrolliert werden. Denn wenn die Krankheit große Teile der Bevölkerung betrifft, kann es leicht zu falschen Wechselbeziehungen kommen.

In der neuen Ausgabe von Cephalalgia ist eine Studie veröffentlicht, die die Auswirkung bestimmter Medikamente auf Kopfschmerzen untersucht. Nämlich die Einnahme sogenannter Protonenpumpenhemmer. Das sind Medikamente, die die Säureproduktion im Magen vermindern.

Die Studie liefert erste Hinweise auf eine spezifische Verbindung von Protonenpumpenhemmer mit Kopfschmerzen. Doch – so ein zusätzlich veröffentlichter redaktioneller Kommentare in Cephalalgia – bleiben viele Aspekte dieser möglichen Verbindung unklar.

In einen zweiten Artikel geht es um die 1% der Bevölkerung, die an der vestibulären Migräne leiden, eine Krankheit, die noch weitgehend unbekannt und vor allem auch unterdiagnostiziert ist. Langsam erst werden die diagnostischen Kriterien für vestibulären Migräne von allen medizinisch fachkundigen Seiten anerkannt.

Zu Schwindel und Übelkeit gesellen sich leicht auch Bauchschmerzen, was wiederum den Zusammenhang zu der ersten Studie aufzeigt. Schmerzmittel und mit Migräne assoziierte Magenbeschwerden erhöhen die Wahrscheinlichkeit einen Protonenpumpeninhibitor verschrieben zu bekommen. Solche Faktoren machen es sehr schwierig, eine Verbindung von Kopfschmerzen und Refluxkrankheit oder Magengeschwüre epidemiologisch nachzuweisen. Gleichzeitig wird zurecht in dem redaktionellen Kommentare in Cephalalgia darauf hingewiesen, dass auch nur eine moderate Beziehung einen großen Einfluss auf die öffentliche Gesundheit haben könnte, weil es eben Volkskrankheiten betrifft.

Beide Themen sind Beispiele von wissenschaftlichen Zusammenhängen, die ich zukünftig gerne nicht nur hier im Blog sondern auch nochmal besser aufgearbeitet auf „Migräne Sichtbarmachen“ kommunizieren will.

Wie ich bei Sciencestarter, wo das Projekt gecrowdfundet werden soll, schreibe: Es geht um Wissenschaftskommunikation im Bereich der Migräneforschung. Die Migräneforschung hat enorme Fortschritte in den letzten 15 Jahren erzielt. Zwar stehen diese Ergebnisse den Fachkreisen zur Verfügung. Doch gleichzeitig wurde es versäumt, auch Betroffenen und deren Mitmenschen diese Forschung verständlich und nachvollziehbar näherzubringen.

Der Weg zu Kopfschmerzen mag auch durch den Magen führen, der Weg zu mehr Aufklärung führt nur über gute Wissenschaftskommunikation. Darum bitte ich, das Projekt hier zu unterstützen.

Zunächst muss man sich anmelden und „Fan“ werden. Nur wenn noch etwa 50 Fans in den nächsten zwei Wochen zusammenkommen, geht das Projekt in die nächste Runde. Bitte auch weiter sagen!

scilogsSciencestarter

Markus A. Dahlem

Vita des Autoren Ich, Markus Dahlem, entwickle seit nunmehr fast 25 Jahren Computermodelle der Migräne. Mehr als mein halbes Leben und dass ganze berufliche habe ich einer Krankheit gewidmet unter der ich nicht leide. Besser so herum, oder? Von Hause aus bin ich Physiker und studierte in Aachen, Göttingen und Magdeburg sowie mathematische Biologie in Salt Lake City, U.S.A. Tätig war ich unter anderem am Max-Planck-Institut für Ernährungsphysiologie in Dortmund, im Department of Psychology, Stirling University, Großbritannien, an der Universitätsklinik für Neurologie der Otto-von-Guericke Universität, am Leibniz-Institut für Neurobiologie, beide in Magdeburg, als Gastdozent für Dynamische Krankheiten an der Technischen Universität Berlin und am Mathematical Biosciences Institute der Ohio State University, Columbus, U.S.A. Zurzeit forsche ich als Gast an der Humboldt Universität zu Berlin und am Massachusetts General Hospital, dem größten und ältesten Lehrkrankenhaus der Medizinischen Fakultät der Harvard University. Wenn ich mal in die Zukunft blicken darf, die Bedeutung bioelektronischer Arzneimittel – sogenannter Elektrozeutika – wird zunehmen, als Beispiel führe ich im neuen Lehrbuch der Migräne (Neurobiological Basis of Migraine, Dalkara und Moskowitz (Hrsg.), John Wiley & Sons Inc, Erscheinungsdatum voraussichtlich 25. Juli 2016.) den Vorteil von Computermodelle gegenüber Tiermodellen der Migräne an, da sie den Weg zu personalisierten Elektrozeutika öffnen. Mal schauen, ob es so kommt. Zusammen mit großartigen Kollegen und Freunden aus den Bereichen Mensch-Technik-Interaktion und Data Science habe ich das Berliner eHealth-Start-up NewsenseLab gegründet, das die Migräne-App M-sense entwickelt, die Betroffenen das Leben erleichtern wird und sei es nur bei der Kommunikation mit den behandelnden Arzt oder Ärztin. Mit über 50 eingeladenen internationalen Fachvorträge über Migräne, über 40 Fachpublikationen sowie mehreren Buchbeiträge bin ich auch ganz klassisch in der Wissenschaftskommunikation aktiv. Aber mit noch mehr Spaß schreibe ich seit 2009 diesen Wissenschaftsblog über Migräne aus der Forschungsperspektive von Gehirnstimulatoren zu mobilen Gesundheitsdiensten. Ich lebe in Berlin zusammen mit meiner Frau, meinem Sohn – und der lieben Schwiegermutter unter einem Dach. Ganz so eng ist es nicht, denn meine Frau arbeitet die Woche über in Zürich als Ärztin. Es kommt immer anders als man denkt.

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