Doktortitel aberkannt, wir sollten mehr über die Betreuungssituation reden

Was ist faul, wenn Doktortitel aberkannt werden, nur die Betrüger? Ein Kommentar.

Es geht nicht an, wenn jemand wegen gravierender wissenschaftlicher Mängel seinen Doktortitel entzogen bekommt wovon wir im aktuellen Fall von Florian Graf ausgehen dürfen, diesen Vorgang aber nicht mit einem freiwilligen „abgeben“ verwechseln sollten – und dann meint, noch eine Vertrauensfrage stellen zu können. Soweit sind wir also. Vielen Dank an die Wegbereiter.

Allein die Wortwahl „abgeben“ ist ein erneuter Täuschungsversuch. Erneut misslungen, hoffe ich. Fürchten muss ich aber anderes, wenn sogleich ein Kollege beispringt und nicht an der „akademischen Integrität“ zweifelt. Man möchte am Sachverstand zweifeln. Wie könnte die akademischen Integrität schlimmer beschädigt werden?

Zu meinem letzten Beitrag „Wer sichert in Promotionsverfahren die Qualität?“ schrieb ich vorgestern auf facebook in der Gruppe „25% akademische Juniorpositionen“ halb im Scherz:

Ich will mal eine gewagte These in den Raum stellen. Nämlich, dass Karl-Theodor zu Guttenberg heute noch Verteidigungsminister und morgen wohl Kanzler wäre, wäre er von einem Wissenschaftler betreut worden, der auf einer akademischen Juniorposition die volle Verantwortung für das Promotionsgutachten tragen hätte müssen. Jener hypothetische Wissenschaftler hätte die Schlamperei nämlich kaum zugelassen, schon im eigenen Interesse nicht. So wurde KTzG wahrscheinlich schlicht gar nicht ordentlich betreut. Aber das nur am Rande.

Ich will gar nicht sagen, dass dies nun eine gute oder gar tröstliche These ist. Nein, womit ich wirklich richtig lag, ist mit meinem letzten Satz: Aber das nur am Rande.

Denn diese Betrugsfälle sind in der Tat nur Randerscheinungen eines völlig unzureichenden Betreuungsystem, welches mehr Schaden anrichtet, als nur die Tür für potentielle Betrüger weit zu öffnen.

Solange aber an den Universitäten in Deutschland auf einen Hochschullehrer 60 Studierende kommen, lässt sich die individuelle Betreuung der Studierenden nicht realisieren. Es können weder neue Lehr- und Lernmethoden eingeführt noch die Qualität der Lehre verbessert werden. Daher müssen Bund und Länder die Hochschulen zügig ausbauen und mehr Dozentinnen und Dozenten mit stabilen Beschäftigungsverhältnissen einstellen.

So betonte es heute Andreas Keller von der GEW. Das Qualitätssicherung unmittelbare Folgen für optimale bzw. maximale Größe einer Arbeitsgruppe hat und wie es diesbezüglich aussieht, war mein Thema gestern bei der Frage wer in den Promotionsverfahren die Qualität sichert? 

Mein Vorschlag an alle Politiker, die den Doktortitel abgenommen bekommen haben: Nehmen Sie sich doch ein Jahr Auszeit und lenkten Sie die Ihnen nun zuteil werdende Aufmerksamkeit doch noch vorab kurz auf die prekären Beschäftigungsverhältnisse in unserem Wissenschaftssystem (ohne dabei Schuld von sich weisen!). Ein Comeback nach einem Jahr wäre in meinen Augen für jeden eine Option, gegen die dann nichts zu sagen ist.

Markus A. Dahlem

Vita des Autoren Ich, Markus Dahlem, entwickle seit nunmehr fast 25 Jahren Computermodelle der Migräne. Mehr als mein halbes Leben und dass ganze berufliche habe ich einer Krankheit gewidmet unter der ich nicht leide. Besser so herum, oder? Von Hause aus bin ich Physiker und studierte in Aachen, Göttingen und Magdeburg sowie mathematische Biologie in Salt Lake City, U.S.A. Tätig war ich unter anderem am Max-Planck-Institut für Ernährungsphysiologie in Dortmund, im Department of Psychology, Stirling University, Großbritannien, an der Universitätsklinik für Neurologie der Otto-von-Guericke Universität, am Leibniz-Institut für Neurobiologie, beide in Magdeburg, als Gastdozent für Dynamische Krankheiten an der Technischen Universität Berlin und am Mathematical Biosciences Institute der Ohio State University, Columbus, U.S.A. Zurzeit forsche ich als Gast an der Humboldt Universität zu Berlin und am Massachusetts General Hospital, dem größten und ältesten Lehrkrankenhaus der Medizinischen Fakultät der Harvard University. Wenn ich mal in die Zukunft blicken darf, die Bedeutung bioelektronischer Arzneimittel – sogenannter Elektrozeutika – wird zunehmen, als Beispiel führe ich im neuen Lehrbuch der Migräne (Neurobiological Basis of Migraine, Dalkara und Moskowitz (Hrsg.), John Wiley & Sons Inc, Erscheinungsdatum voraussichtlich 25. Juli 2016.) den Vorteil von Computermodelle gegenüber Tiermodellen der Migräne an, da sie den Weg zu personalisierten Elektrozeutika öffnen. Mal schauen, ob es so kommt. Zusammen mit großartigen Kollegen und Freunden aus den Bereichen Mensch-Technik-Interaktion und Data Science habe ich das Berliner eHealth-Start-up NewsenseLab gegründet, das die Migräne-App M-sense entwickelt, die Betroffenen das Leben erleichtern wird und sei es nur bei der Kommunikation mit den behandelnden Arzt oder Ärztin. Mit über 50 eingeladenen internationalen Fachvorträge über Migräne, über 40 Fachpublikationen sowie mehreren Buchbeiträge bin ich auch ganz klassisch in der Wissenschaftskommunikation aktiv. Aber mit noch mehr Spaß schreibe ich seit 2009 diesen Wissenschaftsblog über Migräne aus der Forschungsperspektive von Gehirnstimulatoren zu mobilen Gesundheitsdiensten. Ich lebe in Berlin zusammen mit meiner Frau, meinem Sohn – und der lieben Schwiegermutter unter einem Dach. Ganz so eng ist es nicht, denn meine Frau arbeitet die Woche über in Zürich als Ärztin. Es kommt immer anders als man denkt.

16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „wissenschaftliche Mängel“

    Eine in der Vergangenheit angenommene Arbeit wegen später festgestellter wissenschaftlicher Mängel nachträglich abzulehnen ist m.W. nicht möglich und wäre wohl auch nicht so sinnvoll. Aber im vorliegenden Fall geht es den Presseberichten zufolge nicht um „wissenschftliche Mängel“, sondern ganz schlicht (wieder einmal) um ein Plagiat.

  2. Wie konnte man Gutachter täuschen?

    Davon, vom Plagiat, dann Mängel, gehe ich auch aus. Bleibt aber abzuwarten. Ich kenne auch weder in diesen Fall, noch in den voran gegangenen die genaue Betreuungssituation.

    Für mich ist es aber kaum vorstellbar, dass sich an die Empfehlung der Hochschulrektorenkonferenz zur Betreuung gehalten wird (z.B. sich über regelmäßige Status- und Betreuungsgespräche zu informieren und dies tatsächlich vom Gutachter persönlich wahrgenommen wurden) und dann ein Plagiat herauskommt.

    Man plaudert ja nicht in diesen Status- und Betreuungsgesprächen. Lege artis zu arbeiten, heißt auch alle Resultate zwischendurch schon zu dokumentieren und die Ergebnisse konsequent selbst anzuzweifeln, also auch mal die zitieren Arbeiten etc. vorzulegen und durchzusprechen.

    Wenn die Führngsspanne zu groß ist, wie es bei dem momentanen unterbesetzten Fakultäten leider der Fall zu sein scheint, wird es schlicht leichter, ohne große eigene Leistung durchzukommen, weil die Betreuer zeitlich schlicht völlig überlastet sind.

    Solche Fälle sollten eigentlich immer auch den Blick auf die betreuenden (Erst)Gutachter richten. Wahrscheinlich kann man seinen Gutachter auch täuschen, selbst wenn man intensiv betreut wird. Aber das ist deutlich schwieriger.

    Obwohl ich auch erwarte, dass Plagiate heute mit Software Unterstützung erkannt werden, würde ich bisher hier den kleinsten Vorwurf machen.

  3. Einzelkämpfer

    Doktoranden sind eben Einzelkämpfer. Sie sollen alles möglichst schnell und möglichst richtig machen, aber wie das geht, das möchte keiner so recht verraten. In deutlicheren Fällen merkt man das leider auch auf Tagungen, wenn nämlich jemand für ganz offensichtliche Schwächen seiner wissenschaftlichen Arbeit vom Plenum kritisiert wird – solche Schlappen hätte ein betreuender Betreuer im Vorfeld abgefangen.

    Das Bizarre ist: Die wenigen Doktoranden, die dann Professor werden, machen es mit ihren Doktoranden wieder genauso. Womöglich liegt hier der Fehler im System, sie können es wohl gar nicht anders machen.

    Viele kommen irgendwann an den Punkt, an dem sie denken: Ich pack das so nicht. Einige kommen auch drüber weg, nur gibt es da verschiedene Lösungen. Warum nicht auch abschreiben? Wenn man seinen Betreuer alle drei Monate sieht, weiß man doch: Das juckt den eh nicht!

  4. Allein quantitatives Maß

    Wo wir über die Systemfehler sprechen – in meinen Tenure Track-Richtlinien steht, dass ich ab einem bestimmten Punkt Doktoranden erfolgreich zur Promotion begleitet haben muss, um weiter aufzusteigen. Doch was heißt hier „erfolgreich“?

    Letztlich wird nur gezählt, wie viele Doktoranden es unter meiner Betreuung zum Abschluss gebracht haben. Ob man das nun besonders gut macht oder besonders schlecht (aber gerade noch gut genug, um die Doktorarbeit und/oder den Doktoranden nicht zu versauen), das spielt keine Rolle; und wenn man so viele unmittelbarere Maßstäbe hat wie die Lehre-Evaluationen und Publikationsanforderungen, dann ist die Verlockung eben groß, an der Betreuung zu sparen.

    Wenigstens gibt es bei uns in Groningen aber regelmäßige Doktorandentreffen und jährliche offizielle Beurteilungsgespräche. Das gab es für uns an der Uniklinik Bonn alles nicht. Eine Antwort auf die Frage, ob es von mir wirklich erwartet werden kann, so viele nicht-forschungsbezogene Tätigkeiten zu übernehmen, habe ich mir dann in einer individuellen Rechtsberatung geholt.

    A propos Einzelkämpfer: Ja, es ist ein System von Einzelkämpfern; und es ist tragisch, dass sich viele nicht dessen bewusst sind, dass sie durch den Kampf aller gegen aller letztlich auch für sich selbst eine nicht so angenehme Umwelt erschaffen.

    Eine Bekannte aus Oxford erzählte mir gerade, dass ihre Kolleginnen ihre Babys genau so planen, dass sie am besten zwischen zwei Evaluationsrunden fallen: Dass man für die erste Evaluation gerade noch genug publizieren kann und nach der Geburt genügend Zeit hat, um für die nächste wieder zu publizieren.

    Wehe dem, dem die Natur einen Strich durch die Rechnung macht…

  5. Wie viele?

    Trügt mich mein Gefühl? Ich schätze es sind 5-10 Doktoranden pro Professor in den Naturwissenschaften.

    Kenne auch Gruppen mit noch mehr, aber dann sind meist schon auch ein oder zwei habilitierte Postdocs dabei, die ja auch betreuen.

    Wie ist das bei Euch in Groningen?

  6. Es ist wahr, dass die Betreuungssituation hierzulande schlechter ist als in den USA oder auch in England und Co. Gleichzeitig bekommt man aber nirgendwo für lau ein so hochwertiges Studium. Insofern greift die Forderung, einfach das Betreuungsverhältnis zu verbessern, zu kurz, denn dazu fehlen häufig schlicht die Mittel. Die Frage sollte aber viel mehr sein, ob man überhaupt so viele Dissertationen zulassen will. Gerade in den so genannten Geisteswissenschaften erfordert das ja besondere Betreuung, damit es nicht aus dem Ruder läuft. „Weniger Doktoranden“ klingt vielleicht zunächst nach verarmendem Wissenschaftsstandort, verbunden mit einer ausgebauten „Qualitätskontrolle“ klingt mir das aber verheißungsvoller.

  7. Doktoranden

    Man könnte auch Doktoranden über ein Stipendium-System zahlen (was dann, wenn es aus Bundesmitteln geschieht, auch ein anderes Problem löst, nämlich wie Geld an die Landes-Unis kommt).

    Das wird mit Drittmitteln ja schon so gemacht, so entsteht aber oft eine sehr unglückliche Verquickung von Drittmittelinteressen mit dem Promotionsvorhaben, was bei Stipendien nicht der Fall wäre.

    Das wäre ein Vorschlag. Grundsätzlich können sicher die Promotionszahlen auch abgesenkt werden.

  8. Qualitative Betreuung

    @Markus: Stipendien für eine Promotion halte ich für eine schlechte Idee. Zu viele StudentInnen der Geisteswissenschaft leben nach dem Studium schon erst mal von Hartz4. Wer ein Stipendium hat, zahlt nicht ins Sozialsystem ein, dann kommt nach dem Doc, oder wenn man länger braucht, ggf. erst mal der Absturz. (Ja, Hartz4 ist ein Absturz, das sollte nicht sein, aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls darf man als Hartz4-Empfänger nicht weiterpromovieren und auch – das ist wirklich wahr – seinen Landkreis ohne Sondergenehmigung nicht verlassen.) Ich bin jedenfalls froh, dass ich eine halbe Stelle habe und damit auch Ansprüche im Falle eines Falles.

    Die Qualität der Betreuung an der Quantität der Promotionskandidaten fest zu machen, halte ich für zu oberflächlich. Es hängt doch auch sehr davon ab, wie sich jemand einsetzt und wie talentiert er im Fördern und Fordern ist. Es ist wie eben so oft in der Lehre, ob Student oder Promovent: Der Prof wird nach anderen Maßstäben gemessen, nämlich wie viele Projekte er ranschafft und wie viele Euro Drittmittel reinkommen, was er erforscht und in welchen bekannten und als relevant angesehenen Foren er das Erforschte publiziert. Und eben nicht, wie gut er sein Team, seine Studenten und seine Promovenden anleitet.

    Qualitätssicherungsmaßnahmen, die ich persönlich erlebe, empfinden alle Beteiligten, ob Doktorand oder Betreuer, vor allem als zusätzliche Arbeitsbelastung in einem eh schon vollgestopften Arbeitsalltag. Progress reports und der ganze Kram – da schreibt man doch rein, was die hören wollen. Durch die Unabhängigkeit der Lehrstühle und permanentes Konkurrenzdenken ihrer Inhaber sollte man doch auch als Doktorand aus innenpolitischen Gründen eher die Fresse halten. Wer mal sagt, was Sache ist, riskiert nur Zoff unter den Chefs, und das geht selten gut aus.

  9. Studienstiftung

    Das Problem ist die Stellung der Doktorandinnen und Doktoranden. Sind sie Studenten oder hauptberufliche wissenschaftliche Mitarbeiter? Oder beides, dann sind sie aber in einer Zwickmühle.

    Da wir in Deutschland eh eine lange Ausbildung haben, wird es sicher Zeit in die Rentenkassen einzuzahlen etc.

    Ein Stipendium erlaubt aber Unabhängigkeit, die ich nicht unterschätzen würde. Natürlich sollte es ein allein personengebundenes Stipendium sein.

    Wenn z.B. die Studienstiftung des deutschen Volkes in ihrer Kapazität mit Bundesmitteln ausgebaut wird und jährliche ein ein bis zwei Tausend Bewerber mehr auf nimmt, dann würde Sie kaum Ihren Anspruch aufgeben, elegant wäre Finanzmitten vom Bund in die Länder geflossen und Studenten mit einem Standing, das auch mal erlaubt Betreuen die Grenzen aufzuzeigen hätten wir obendrein.

    Das ist aber sicher nur ein Baustein, der weg von den jetzigen Problemen führt.

  10. @DrNi

    „Stipendien für eine Promotion halte ich für eine schlechte Idee.“

    Natürlich ist es ein erheblicher Nachteil, daß ein Stipendiat nicht sozialversichert ist. Aber es gibt auch Vorteile. Markus Dahlem hat auf die Unabhängigkeit der Stipendiaten hingewiesen. Nicht weniger wichtig dürfte sein, daß es etwas zählt, Stipendiat gewesen zu sein. Die meisten Stipendiengeber tragen es vor sich her, daß sie nur „Hochbegabte“ fördern. Und in der Tat: Man muß in der Regel erheblich mehr vorweisen, um ein Stipendium zu bekommen, als um eine Projektstelle zu bekommen. Bei der Studienstiftung reichte es, wenigstens bevor sie finanziell aufgestockt wurde, im allgemeinen nicht, „Jahrgangsbester“ gewesen zu sein. Und schließlich: Ein Stipendium erlaubt im allgemeinen, eigenen Forschungsinteressen nachzugehen z, während man beim Promovieren auf einer Projektstelle ein Angebot annehmen muß, das sich andere ausgedacht haben.

    „Der Prof wird nach anderen Maßstäben gemessen, nämlich wie viele Projekte er ranschafft [usw.] … Und eben nicht, wie gut er sein Team, seine Studenten und seine Promovenden anleitet.“

    Vielleicht ist das ja in manchen Fächern so, aber meiner Erfahrung entspricht es nicht. Das Allerwichtigste sind natürlich die Publikationen. Aber was an Publikationen zuwege gebracht wird, hängt im allgemeinen von der Gruppe ab und damit auch, wie sie angeleitet wird bzw. sich selbst organisiert. Es ist nicht so, daß der Professor publiziert und außerdem Nachwuchs anleitet. Sondern es arbeitet eine Gruppe und was publiziert wird, sind Produkte der Gruppe, selbst da, wo nur ein einziger Name draufsteht. Selbst in Fällen, in denen die Doktoranden alle isoliert nebeneinander herarbeiten, ist das aus der Sicht des Professors eine Gruppe – denn bei ihm fließt alles zusammen – und seine Leistung hängt von dieser ab.

  11. Team

    Sehe ich auch so. Eine gute Gruppe — ein Team — ist und bietet viel mehr als man für gemeinhin sieht an Äußerlichkeiten. Aber oft fehlt es an den für so ein Team erforderlichen Zusammenhalt und ab einer gewissen Größe, braucht man Zwischenebenen, die auch Verantwortung tragen und zwar auch nach außen sichtbar.

  12. @ Markus Dahlem

    „Sind [die Doktoranden] Studenten oder hauptberufliche wissenschaftliche Mitarbeiter?“

    Das ist in der Realität, von der Sozialversicherung abgesehen, die natürlich auch etwas sehr Reales ist, eine Frage des Institutsklimas. Ich habe es noch nie erlebt, daß man zwischen Stipendiaten und angestellten Doktoranden unterschieden hat. Sie waren immer Wissenschaftler und nicht Studenten, so ist das in der deutschen Tradition.

    In letzter Zeit habe ich es allerdings öfter erlebt, daß Doktoranden als „Studenten“ angesprochen wurden. Vielleicht ist das ein amerikanischer Einfluß, ich weiß es nicht. Jedenfalls halte ich das für höchst bedenklich. Es ist eine gewaltige Abwertung der Mehrzahl der Wissenschaftler an den Universitäten, denn das sind die Doktoranden.

  13. Wissenschaftler und frei.

    Doktoranden sind Wissenschaftler. Und wer sich selbst noch nicht als ein solcher sieht, ist falsch am Platz.

    Dass Doktoranden auch viel Lehre machen (und dafür bezahlt werden), kann sie in ihrem Feld weit bringen. Man nutzt sie aber evtl. auch als billige Arbeitskräfte aus, wenn sie z.B. nach der dritten Wiederholung eines Tutorenjob nicht viel Neues mehr dazu lernen.

    Kommen dann noch handfeste Drittmittelinteressen dazu, die ihre eigene Forschung einengen, dann finde ich eine Besinnung auf die Tatsache gut, dass die Promotion eine Phase der Ausbildung ist; sprich: sie sind schon auch Studenten. Und sie müssen dafür kämpfen als Wissenschaftler anerkannt zu werden, gleichzeitig aber viel „Narrenfreiheit“ zu bekommen und nicht nach der Nase des Chefs zu tanzen.

    (Das erwarte ich auch von meinen Leuten, wobei ich gar nicht weiß, ob sie hier mitlesen …)

  14. @Markus

    „Doktoranden sind Wissenschaftler. Und wer sich selbst noch nicht als ein solcher sieht, ist falsch am Platz.“

    Das sehe ich nicht so. Doktoranden sind eben doch beides – Wissenschaftler und Studenten. Genau diese Haltung, Doktoranden seien Wissenschaftler, führt dazu, dass viele meinen, sie müssten gleich alles können. Das kann aber natürlich niemand, die wenigsten Leute haben zum Beispiel ein angeborenes Talent, passable Veröffentlichungen zu erarbeiten. Schnell führt der Anspruch, Wissenschaftler zu sein, zum Gefühl, permanent zu versagen. Und das nur, weil man eben doch irgendwo auch Student ist und das was man da tut erst lernen muss. Wenn da dann auch noch dazu kommt, dass man als Doktorand für die Fehlversuche zuständig ist, dann kommt gerne mal Frust auf. Wie Harald Lesch sagt: „Wir irren uns empor.“ – das ist Wissenschaft, aber in der Praxis ist das mühselige Irren oft den Doktoranden überlassen. Die Profs/Betreuer sind dann für die Vermarktung der wenigen Erfolge zuständig.

    Zurück zum Doktorand als Wissenschaftler: Es ist ein Übergang. Ganz am Anfang ist der Doktorand mehr Student, mit der Zeit immer mehr Wissenschaftler.

    Vielleicht ist es einfach so, dass es kein einheitliches Bild gibt. Ich kenne Doktoranden, die pro Woche durch zahllose Veranstaltungen (Lesegruppen, Vortragsreihen, blah tröt) gescheucht werden und trotzdem keine Betreuung haben und auch nicht vorwärts kommen. Ich kenne welche, die sich jede Woche mit ihrem Betreuer treffen und solche, die ihren nur alle drei Monate sehen. Ich kenne welche, deren Diss stagniert, die aber regelmäßig projektrelevante Veröffentlichungen raushauen. Einzig gemein scheint: Für alle ist es ein Kampf – und oft am wenigsten ein fachlicher sondern am ehesten ein menschlicher.

  15. @ DrNI

    „“Doktoranden sind Wissenschaftler. Und wer sich selbst noch nicht als ein solcher sieht, ist falsch am Platz.“ (M. Dahlem). Das sehe ich nicht so. Doktoranden sind eben doch beides“

    Es kommt hier nicht darauf an, was sie de facto tun und können, sondern als was sie gelten. Natürlich ist ein Doktorand, wenn er anfängt, von dem, was er vor einigen Wochen als Student war, in seinen Fähigkeiten noch kaum verschieden. Und wenn Sie meinen: „Die wenigsten Leute haben zum Beispiel ein angeborenes Talent, passable Veröffentlichungen zu erarbeiten“: Das können die meisten auch nach Beendigung der Dissertation noch nicht.

    Aber, wie gesagt: als was haben die Doktoranden zu GELTEN? Da bahnt sich offenbar eine gewaltige Veränderung an, eine Herabsetzung im Status der meisten an den Universitäten arbeitenden Wissenschaftler, also der Doktoranden (die ARBEITEN ja als Wissenschaftler, wenn auch noch nicht so gut und selbständig, wie es zu wünschen wäre), wie sie größer nicht sein könnte: Sie sollen nun als Studenten betrachtet werden, kommen also mit Erstsemestern in eine Gruppe. Bisher war es dagegen so, daß sie Wissenschaftler waren, wenn sie auch unter diesen, als Anfänger, naturgemäß den untersten Rang hatten.

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