Diese Woche: ein wirksames Migränemittel, Science-Fiction und die Kosten der Homöopathie

Migräne diese Woche viermal im Netz: ein wirksames Migränemittel geht in die zweite Runde, ein böses Erwachen, Fragebögen und die Techniker Krankenkasse untersucht die Kosten der Homöopathie.

Die „Welt“ berichtet, dass die Pharmabranche nun das Ringen um wirksames Migränemittel ernst nimmt. Eine neue, hochwirksame Wirkstoffgruppe wird von vier Pharmaunternehmen erforscht. Das die forschenden Arzneimittelhersteller Migräne lange nicht ernst genommen haben, lässt sich für mich nicht wirklich allein aus dem Artikel nachvollziehen. Nur weil der Konzern Allergan mit Botox (angeblich) „zweifelhafte Hoffnungen auf Linderung gemacht“ hat, kann ja nicht zur Gruppenhaftung herangezogen werden.  Davon mal abgesehen, ist es ein sehr lesenswerter Artikel. Einige zusätzliche Informationen seien noch kurz zusammengetragen:

Im Vorwort zu „Novel Approaches in Migraine Treatment“ [1] schreibt schon 2013 der deutsche Migräneexperte Hans-Christoph Diener, dass die Akutbehandlung und präventive Therapie der Migräne zum Stillstand gekommen scheint. Die letzte echte Innovation in der Behandlung von Migräneattacken seien die Triptane, die vor 20 Jahren eingeführt wurden. Es sei Zeit, neue Wege in der Behandlung von Migräne zu erkunden.

The acute treatment and preventive therapy of migraine seems to have come to a halt recently. The last real innovation in the treatment of migraine attacks were the triptans, which were introduced 20 years ago. […] [I]t is time to explore new avenues in the treatment of migraine.

Triptane dürften vielen Betroffenen als Wirkstoff bekannt sein und vielleicht auch, dass Triptane – sieben gibt es – selektive Serotoninagonisten sind. Serotonin schnürt als Neurotranmitter die Blutgefäße zu und ein Agonist handelt gleich. Weil Triptane eine gefäßverengende Wirkung haben, würfen sie bei Gefäßerkrankungen, Bluthochdruck, oder während der Auraphase nicht eingenommen werden.

Seit vielen Jahren nun schon wird an einer neuen Wirkstoffgruppe geforscht, den sog. Gepants (der Link führt zu einem Blogbeitrag von 2010). Gepants sind Antagonisten des Neuropeptids CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide). CGRP ist ein Gefäßerweiterer. Als Antagonisten sind Gepants also die Gegenspieler dieser Wirkung.

Die Pharmaunternehmen Merck & Co. (in Europa MSD Sharp & Dohme; kurz MSD) und Boehringer Ingelheim hatten schon 2010 je ein Gepant weit voran in der Pipeline, Telcagepant und Olcegepant. Die klinischen Studien mussten aber wegen Giftigkeit für die Leber aufgegeben werden. Allergan hat Anfang dieses Monats bekannt gegegeben, dass sie von MSD die weltweiten Exklusivrechte an deren Gepants erwarben. Allerdings nicht an dem giftigen Telcagepant, sondern an Molekülen, die zu einer anderen chemischen Serie gehören und keine Lebertoxizität zeigen.

Wie es ansonsten mit monoklonalen Antikörpern weiter ging, wird in der „Welt“ berichtet. (Auch andere haben den Artikel von dem Medienunternehmen Bloomberg gekauft, er findet sich mit anderen Überschriften also häufiger im Netz).

Was gab es ansonsten diese Woche?

cover_natureAllein 19 neue Veröffentlichungen in PubMed über Migräne; zwei davon werden auch noch erwähnt. Vorab jedoch eine Veröffentlichung, die außer Konkurrenz läuft. Sie erschien zwar in der Fachzeitschrift „Nature“. Sie ist jedoch nicht in PubMed gelistet. PubMed? – Das ist die Datenbank aller medizinischen Fachartikel. Nature veröffentlicht in einer regelmäßigen Kolumne Science-Fiction Kurzgeschichten. Und Science-Fiction wird natürlich nicht in die Datenbank aufgenommen, wobei …

Kenntnisreich werden typische Symptome einer Migräneattacke in der aktuellen Kolumne genutzt. Übersetzt fängt es so an:

Outpatient

Ein böses Erwachen.

Es war auf jeden Fall eine Migräne. Die Qual ergriff beide Schläfen und das Licht hinter dem Vorhang schoß Dolche durch meine Augenlider. Ich drehte mich um, meinen Kopf mit einem Kissen abdeckend und fühlte eine plötzliche … (weiter in Englisch)

Mein Lesetipp diese Woche, stammt von Lorenz Adlung.

Fachartikel

Und nun noch zu den aktuellen Fachartikeln. Verglichen wurden bei Patienten mit Migräne die Zuverlässigkeit von Fragebögen gegenüber Tagebüchern bei der Einschätzung von Lebensstil und Triggerfaktoren auf Attacken. Es zeigt sich, dass rückblickende Fragebögen den Lebensstil zuverlässig beurteilen können, während auslösende Faktoren über- und auch unterschätzt werden [2].

Die Techniker Krankenkasse hat nun eine Studie mit 44 550 Patienten mitfinanziert, die auf die Kosten durch zusätzliche homöopathische Behandlung schaute. Untersucht wurden die Krankheitsbilder Depression, Migräne, allergische Rhinitis, Asthma, atopischer Dermatitis und Spannungskopfschmerzen. Frühere Beobachtungen konnten nicht bestätigt werden, nämlich dass es zu Kosteneinsparungen durch den Einsatz von Homöopathie im Gesundheitssystem kommt. Im Gegenteil, die Kosten waren nach 18 Monaten in der Homöopathie-Gruppen höher als in den Kontrollgruppen. Allerdings war der Unterschied bei Migräne und Spannungskopfschmerzen weniger signifikant als bei den anderen Krankheiten.

 

Literatur

 

[1] Hans-Christoph Diener, Novel Approaches in Migraine Treatment,  Future Medicine Ltd
147 pages August, 2013.

[2] Zebenholzer K, Frantal S, Pablik E, Lieba-Samal D, Salhofer-Polanyi S, Wöber-Bingöl Ç, Wöber C. Reliability of assessing lifestyle and trigger factors in patients with migraine – findings from the PAMINA study. Eur J Neurol. 2015 Jul 31. doi: 10.1111/ene.12817. [Epub ahead of print]

[3] Ostermann JK, Reinhold T, Witt CM. Can Additional Homeopathic Treatment Save Costs? A Retrospective Cost-Analysis Based on 44500 Insured Persons. PLoS One. 2015 Jul 31;10(7):e0134657. doi: 10.1371/journal.pone.0134657. eCollection 2015.

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin, am Massachusetts General Hospital und an der TU Dortmund. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Dr. Natalie Grams im Radio und “Bad News” für Homöopathen in Deutschland und Kanada @ gwup | die skeptiker

  2. Die Wissenschaft darf nicht alles erforschen. Es ist z. B. unter Umständen gefährlich, wenn ein Mensch erforscht, ob er einen freien Willen hat. Es ist denkbar, dass ein Mensch gerade durch die Erforschung des freien bzw. unfreien Willens seinen freien Willen verliert. Es ist gut, dass es einen technischen Fortschritt gibt (z. B. 3-D-Drucker). Aber die Technologie darf nur dann weiterentwickelt werden, wenn dadurch die Gefahren nicht größer werden, als sie schon sind. Es ist z. B. unter den gegebenen Umständen falsch, Hochgeschwindigkeitszüge zu bauen. Es ist sinnvoll, Faktor-X-Technologien (z. B. 0,3-Liter-Einsitzer-Autos, Linsermethode gegen Krampfadern) zu fördern. Die Verkehrsprobleme werden wesentlich reduziert, wenn fast jeder Mensch mit einem Motorrad o. ä. fährt, anstatt mit einem (Fünfsitzer-)Auto. Man sollte in eine klimatisch günstige Region (z. B. Süd-Spanien) auswandern. Man braucht dort nicht in einem teuren Haus zu wohnen, sondern kann in einem Gartenhäuschen leben. Man kann sich teilweise von Wildfrüchten ernähren.Es ist gut, an etwas Göttliches zu glauben. Aber die Welt wurde nicht “erschaffen”, sondern existiert von Natur aus (und seit ewig). Das Beten ist sinnlos. Ein Mensch muss u. a. seine Willenskraft und Liebe vergrößern. Und sich dann mit Mystik und Geistheilung beschäftigen. Z. B. mit Nahtoderfahrungen (Selbstmord ist abzulehnen). Und mit Traumdeutung (gemäß C. G. Jung) sowie Ereignisdeutung. Bestimmte esoterische Verfahren (z. B. Hypnose) sind gefährlich.

  3. Ich litt mehr als 30 Jahre unter Migräne. Zum Schluss mit allem was so auftritt, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Gleichgewichts- und Sehproblemen. Kein einziger Arzt konnte oder wollte mir helfen.

    Also sprech ich hier aus leidvoller Erfahrung, wenn ich hier kritisiere, daß wieder nur an den Symptomen herumgedocktert wird, um Geld von den den Geplagten zu ergaunern, anstatt das vorhandene Wissen der Alten zu nutzen und die Migräne zu „heilen“.

    Heilen deswegen in Anführungszeichen, weil dieses Mittel nur die körpereigene Chemiefrabrik auf Touren bringt.

    Und man kann es in jedem Supermarkt für nicht mal 2 Euro kaufen…
    …also kein Geschäft für Pharmakonzerne.

    Ich bin jetzt seit 4 Jahren migränefrei.
    Nihilus

  4. „Nur weil der Konzern Allergan mit Botox (angeblich) „zweifelhafte Hoffnungen auf Linderung gemacht“ hat, kann ja nicht [der Rest der Branche] zur Gruppenhaftung herangezogen werden.“

    Volle Zustimmung. Die Pharmaindustrie ist in erster Linie dem Gedanken des Heilens verpflichtet, leistet, gegen geringe Unkostenbeiträge seitens der Profitierenden, Umwälzendes für das Wohlergehen der Menschen und sieht sich nichtsdestotrotz Anfeindungen und Verdächtigungen ausgesetzt. Das ist Undankbarkeit wie sie sonst nur die Energiewirtschaft und die Nahrungsmittelindustrie erfährt. Die Industrie sollte sich nicht scheuen, offensiver für ihre Anliegen (die unsere Anliegen sind!) zu werben, vielleicht direkt in Brüssel oder in Berlin, aber die Verbraucherlobby ist mächtig.

  5. Hallo Nihilus,

    auch ich leide schon seit 30 Jahren an Migräne und bin mittlerweile abhängig von Triptanen.
    Deshalb wäre ich dir dankbar, wenn du verraten könntest, was dir geholfen hat. Ist es evtl. Magnesium? Damit habe ich gerade wieder eine Prophylaxe gestartet.
    Danke und Grüße
    Dana

  6. Als langjährige Migränikerin verfolge die Entwicklung der CGRP-Mittel gespannt. Verstehe ich es eigentlich richtig, dass Telcagepant, Olcegepant und die Mittel, die Allergan übernommen hat, CGRP-Antagonisten sind und die CGRP-Rezeptoren blockieren wohingegen die Mittel, die von anderen Herstellern (Alder, Amgen etc.) erforscht werden CGRP-Antikörper sind, die im Gegensatz dazu die Rezeptoren oder das CGRP selber zerstören? Oder wo ist der Unterschied zwischen „Antagonist“ und „Antikörper“?

    Vielen Dank übrigens für den sehr informativen, wenn auch als medizinischer Laie manchmal nicht ganz einfach zu verstehenden Blog 🙂

    Viele Grüße, Fran

    • Antikörper nennt man vom Immunsystem gebildete Moleküle (es bezeichnet also die Herstellung). Die nun genutzten monoklonalen Antikörper haben eine hohe Spezifität (also weniger Nebenwirkungen). Die Antikörper binden an den CGRP-Rezeptor als Antagonisten (eine andere Bindung wäre im Prinzip nach aber denkbar).

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