Der Homunculus ein Daumenlutscher?

Die Bühne des Gehirns ist der Cortex. Dort, durch einen exklusiven Seiteneingang, erhält man Zutritt zu Inszenierungen eines sonderbaren Theaters bei dem der Preis für Einlass Migräne ist.

Das Stück heißt: „Der Homunculus ein Daumenlutscher?“. Es wird aufgeführt in diesem sonderbaren kartesischen Theater – Migräne mit Aura genannt. Für mich ein Theaterstück mit einer fantastischen Choreografie, die uns lehrt, was wir über das Gehirn wissen können selbst ohne millionenteure Kernspintomographen – nämlich zum Beispiel, dass eine Ikone der Hirnforschung Kopf steht.

Wenn Sie schon mal in diesem Theater waren, wenn Sie unter Migräne leiden, dann kennen Sie es vielleicht: eine somatosensorische Aura. Wenn nicht, seien Sie auf diese sonderbare Theaterwelt gespannt.

Recht gut bekannt – den Lesern dieses Blogs allemale – sind visuelle Auren bei Migräne; man bezeichnet damit flackernde Erscheinungen gefolgt von kurzfristiger Blindheit, also bestimmte Sehstörungen. Dem ähnlich kann es auch zu einem Kribbeln und anschließenden Taubheitsgefühl auf der Körperoberfläche kommen: die somatosensorische Aura. Diese könnte zum Beispiel, das ist nicht untypisch für diese Modalität, im Mund und um die Lippen herum starten und dann plötzlich zu den Fingerspitzen scheinbar springen – ob dies ein Sprung ist oder der Homunculus am Daumen lutscht und warum er dazu kopfstehen oder den Kopf zumindest drehen müsste, sehen wir gleich.

„Soma“ bedeutet Körper, „sensorisch“ die Sinnesmodalitäten (sehen, hören, fühlen etc) betreffend. Bittet man jemanden, der die somatosensorische Aura erlebt hat, seine betroffenen Bereiche in einer Körperkarte einzuzeichnen, bekommt man solche Zeichnungen.


Möglicher Verlauf der Aura, oben Links der Mundraum.

Heute bitte ich Sie, meine Leserinnen und Leser, solche Zeichnnugen anzufertigen, dazu in einem kurzen Addendum mehr und dem nachfolgend ein eigener Beitrag.

Der Verlauf des Kribbeln und der Taubheit für sich genommen scheint gar nicht so exotisch, zumindest auch nicht exotischer als die visuelle Aura. Doch schauen wir uns genauer den modernen Homunculus an, dann wird es wirklich interessant.

Den Homunculus kennen Sie noch nicht? Ich stelle ihn Ihnen gerne vor.

Er ist dem Aussehen nach dem Troll nicht unähnlich. Jeder hat ihn in sich, nicht den Troll, den Homunculus, das kleine Menschlein. Zumindest metaphorisch hat man ihn in sich, das ist ein wichtiger Punkt, zu dem ich noch komme werde. Solange nenne ich diesen metaphorischen Homunculus einfach, wie schon oben geschehen, den modernen Homunculus. Hier ist er.


So einiges ist groß am Menschlein.

Gucken wir ihn uns an. Wird uns nicht fast alles sofort klar?

Seine Körperproportionen entsprechen in ihrer Größe bestimmten Gebieten. Nämlich in der menschlichen Großhirnrinde jeweils den Feldern, die diese Körperteile in den sogenannten somatosensorischen Arealen repräsentieren. Anders gesagt: große Hände, viel Hirnrinde für Hände. Großer … ich glaube Sie haben es verstanden.1

Nun steht der Homunculus aber nicht aufrecht herum, er liegt. Er liegt im Parietallappen entlang der markanten Zentralfurche, die diesen Hirnlappen von dem Frontallappen trennt. Die Hirnlappen sind grobe Unterteilungen des Cortex (Großhirnrinde). Der Homunculus kann sich entlang einer im wesentlichen eindimensional langgestreckten Furche nun aber nicht allzu bequem hinfläzen. Sein Daumen liegt neben dem Augenbereich (roter Pfeil), zumindest zeigen das so alle Bilder, die ich von ihm kenne.

Insgesamt wirkt er ein wenig zerstückelt. Der Homunculus, d.h. die Somatotopik, ist für mich ein noch recht neues Forschungsgebiet, daher weiß ich nicht ganz genau, wie ortstreu diese schematischen Darstellungen heute noch wirklich gemeint sind. Die Somatotopik ist aber an sich schon lange bekannt und gut erforscht. Die Idee einer Entsprechung von Körperregionen und Hirnrindenfeldern kommt aus der Beobachtung klinischer Symptome, so wie ich es nun wieder vorschlage (s. Addendum). Sie geht zurück auf den englischen Epilepsieforscher John Hughlings Jackson und die Zeichnung oben auf den Neurochirurgen Wilder Penfield.

Bleiben wir bei dem Daumen. Seine Lage in diesem obigen Schema nach Penfield machte für mich eigentlich schon immer wenig Sinn. Denn wo ist eigentlich der Daumen? Genau, im Mund! Zumindest ist er dort sehr oft, bei Kleinkindern, Säuglingen und auch schon ab der 7. Woche beim Embryo. Zumindest ist er dort in schon in der Nähe des Mundes. Es ist ja nicht unwichtig saugen zu lernen. Da fängt man besser früh an.

Es gibt folglich gute Gründe anzunehmen, dass auch die Hirnrindenfelder von Daumen und Mund ganz unmittelbar benachbart und nicht von Augen- und Stirnfeldern getrennt sind.2 Einer dieser Gründe ist, dass genau diese Nachbarschaft Migräniker erleben in diesem sonderbaren kartesischen Theater, der somatosensorischen Aura. Wie oben beschrieben: Es kommt zu einem Kribbeln im Mundbereich und plötzlich springt dieses Kribbeln zu den Fingerspitzen. Dieser Verlauf der Aura belegt, dass der Homunculus am Daumen lutscht, d.h. dass die Hirnrindenfelder dieser beiden Körperbereiche unmittelbar benachbart sind, und eine Übererregung, die sogenannte Spreading Depression, durchwandert beide Bereiche der Hirnrinde während der Migräne und regt Nervenzellen so zu Trugwahrnehmungen an.


Steht der Kopf im Kopf Kopf? Wahrscheinlich liegt er und guckt daumenlutschend nach oben!

Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Kopf des Homunculus im Kopf auf dem Kopf steht. Er könnte auch um etwa 90° gedreht sein,3 damit der Daumen zum Mund findet. Die Zeichnung von Penfield gehört sicher zu Recht zu den Ikonen der Hirnforschung, das heißt aber nicht, dass man sie nicht mehr kritisch hinterfragen sollte.

Zum Abschluss sind noch zwei zusammenhängende Fragen offen. Was hat es mit dem kartesischen Theater auf sich? Und zweitens, warum liegt der Homunculus nur metaphorisch in uns?

Nun, der Begriff kartesisches Theater wurde von Daniel C. Dennett geprägt und geht auf eine alte philosophische Theorie der Wahrnehmung zurück, d.h. eigentlich einem klassischen Fehlschluss. Dieser wurde so wunderbar illustriert, dass man kaum Worte braucht.4

Der klassische – nicht der moderne, metaphorisch gemeinte – Homunculus sitzt gemütlich im Kopf und erlebt die Welt. Das wäre ein Thema für sich. Einsichtig ist schnell, dass selbst wenn dieser klassische Homunculus im Kopf die Außenwelt vorgespielt bekommt, die Frage, wie er dies denn wahrnimmt nur verschoben wurde und so völlig unberüht bleibt.

So wenig also der klassische Homunculus im kartesischen Theater als Theorie erklären kann, die Migräne mit Aura ist in einer sonderbaren Art und Weise wirklich solch eine Theateraufführung. Allein die Tatsache, dass es dieses –  im klinischen Sinne – Theater gibt, erklärt aber noch nichts, sondern es sind die Inszenierungen, die uns in einer faszinierenden Vielzahl5 jeweils eine eigene Geschichte über die Funktionsweise des Gehirns erzählen. Wir können noch viel von der Migräne lernen. Das mag ein Trost für die sein, die den Eintrittspreis zahlen.

 

Addendum

Wenn Sie unter Migräne mit Aura leiden und insbesondere auch somatosensorische Aura schon erlebt haben, können Sie bei meiner Forschung helfen. Dazu werde ich nochmal einen gesonderten Beitrag veröffentlichen. Hier finden Sie zwei PDF-Dateien als Vorlagen, eine für zuhause, eine für unterwegs.  Eine erste kurze Anleitung befindet sich in den Dateien.

Fußnoten

1 Wer nun neugierig das nicht offensichtliche fragt, ja auch das ist bekannt, siehe: Komisaruk BR, Wise N, Frangos E, Liu WC, Allen K, Brody S. Women’s Clitoris, Vagina, and Cervix Mapped on the Sensory Cortex: fMRI Evidence. J Sex Med. 2011 (druckfrisch!)

2 Ein anderer Grund ist, dass man sich die Entstehung des Homunculus über ein unüberwachtes Lernverfahren durch synchrone Reize trainiert  denkt, im Sinne einer Selbstorganisierende Karte (z.B. Kohonennetz). Dann wäre die räumliche nähe von Baumen und Mundbereich in der Gebärmutter relevant und dies könnte der Somatopik der Gesichtssensorik dienen, wie in der folgenden Fußnote beschrieben. Leider kenne ich dazu nicht den neusten Stand der Forschung genau genug, um zu sagen, ob dies längst belegt oder zu diesem Zeitpunkt noch eine Hypothese ist. Es scheint mir aber mindestens eine plausible Hypothese zu sein.

3 Der dritte Grund, der die These  des Daumenlutschers plausible macht (neben Aura und Fußnote 2), steckt im Nervus trigeminus. Zwei Äste von diesem Drillingsnerv innervieren u.a. den unteren und oberen Mundbereich (Nervus mandibularis und Nervus maxillaris), der Dritte, der Augenast (Nervus ophthalmicus), innerviert, wie sein Name schon sagt, die Augengegend (links in der Mona Lisa von unten nach oben: N. mandibularis, N. maxillaris, N. ophthalmicus). Kurz vor dem Eintritt am Pons (Brücke) in die Gehirnoberfläche wird der nun zu einem Nervenstrang gebündelte Nervus trigeminus medial verdreht (Radix sensoria), so dass der Kopf des Homunculus um 90° gedreht wird und so im Hirnstamm zum  liegen kommt, d.h. im Nucleus spinalis wird nach sogenannten Sölder-Linien sortiert, die die Somatopik der Gesichtssensorik nach einer anderen Koordinate ordnet: von caudal nach cranial (unten nach oben) wie Zwiebelschalen von außen nach innen (rechts in der Mona Lisa).

4 Die Illustration wurde auf Wikipedia als wertvollste Darstellung seiner Art ausgezeichnet (s.u. Bildnachweis 5).

5 Die im Internet vollständigste Liste aller Symptome bei Migräne mit Aura ist hier in der überlangen linken Menüspalte zu sehe.

 

Bildquellen

1. Verlauf der Aura CC BY-NC-SA 3.0 (Bitte beachten, Bildidee inspiriet von einer Abbildung in Egilius L.H. Spierings, Management of Migraine, 1996, vgl. z.B. hier).

2. Homuculus: Linked von dem ScienceBlog.com The Omnibrain.

3. Homunculus im Parietallappen. Die Abbildung geht auf Wilder Penfield zurück (Wikipedia).

4. Embryo WikipediaCC-BY-SA 2.0.

5. Kartesisches Theater: Wikipedia Homuculus, CC-By-SA-2.5.

6. Mona Lisa mit Somatopik (in der Fußnote 3) Wikipedia.


Zitieren

Sie können den Beitrag zitieren.

Dahlem, Markus A., Der Homunculus ein Daumenlutscher?, Graue Substance, 2011-09-26.

Eine archivierte Form (WebCite®) ist hier verfügbar: http://www.webcitation.org/61z9V50Lm), nutzen Sie aber bitte für Links die URL:

http://scilogs.spektrum.de/blogs/blog/graue-substanz/2011-09-26/der-homunculus-ein-daumenlutscher

 

 

© 2011, Markus A. Dahlem

(Der Beitrag kann auf Nachfrage zur Übernahme freigegeben werden.)

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin, am Massachusetts General Hospital und an der TU Dortmund. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

19 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. metaphor

    Das ist interessant, und ein schöner Link zum sciencepunk blog.

    Ich habe aber die Implikationen noch nicht ganz nachvollziehen können.

    „But, look, the morn, in russet mantle clad, walks o’er the dew of yon high eastern hill.“ Hamlet, I. 1.

    Zum Abschluss sind noch zwei zusammenhängende Fragen offen. Was hat es mit dem kartesischen Theater auf sich? Und zweitens, warum liegt der Homunculus nur metaphorisch in uns?

    Zur ersten Frage: der Artikel von Daniel C. Dennett hätte mich interessiert, steht aber nur Spektrum-Abonnenten zur Verfügung …(ein alter Verkaufstrick).

    Zur zweiten: Ich hab die Stelle nicht gefunden, wo Du auf die angesprochene Metaphorik „Zumindest metaphorisch hat man ihn in sich, das ist ein wichtiger Punkt, zu dem ich noch komme werde.“ eingehst, also, was gerade diesen Punkt so interessant macht.

    Oder war es hier?: „Die Migräne mit Aura ist in einer sonderbaren Art und Weise wirklich solch eine Theateraufführung.“

    Hier frage ich mich:
    1. Welche Art und Weise ist gemeint?
    2. Inwiefern ist diese Art und Weise sonderbar?
    3. Wenn Migräne mit Aura „wirklich solch eine Theateraufführung“ ist, hat damit der klasssische, nichtmetaphorische Homunculus eine ökologische Nische gefunden? Ganz ohne Shakespeare?

  2. Ist klar geworden, dass es zwei ganz unterschiedliche Konzepte gibt, die beide mit Homunculus bezeichnet werden?

    Der ursprüngliche, postuliert als im kartesischen Theater sitzend (s. Wikipedia: Cartesian theater), wobei der Name des Theaters viel später kam, ja die ganze Verhöhnung als Theater kam später, als der Fehlschluss erkennt wurde — wenn ich das richtig sehe.

    Zum anderen der spätere, der corticale Homunculus, gemeint sind Hirnrindenfelder, die wir auch mit Somatotopik bezeichnen, so wie wir es Retinotopie beim Sehen (kann jemand mal ein Wikipedia-Artikel dazu schreiben, danke) und Tonotopie beim Hören nennen.

    Dieser hat seinen Namen von jenem. Mehr haben sie nicht gemeinsam. Die Namensübertragung ist metaphorisch gemeint.

    Da ich eigentlich nur vom corticale Homunculus schreibe, wollte ich das auch so klar stellen (offensichtlich misslungen ….). Nur er lutscht Daumen. (Der andere macht eigentlich nichts als Wahrnehmen an sich. Schöner Beruf.)

    Nun hat die Aura aber für mich etwas von dieser ursprünglichen Idee des — ja höhnischen gemeinten — kartesischen Theater. Wieso das? Ja, das ist auf eine sonderbare Art und Weise so. Sage ich schwammig. Zurecht nachgefragt,

    Also: zunächst ist die Aura eine Trugwahrnehmung, also geht es hier auch um Wahrnehmung. Aber eben um eine, die nicht von Reizen von außen verursacht wurde (in der Tat ist es meist eine (Pseudo)Halluzination, die Aura kann aber auch eine Illusion sein — d.h. Reize von außen werden nur fehlinterpretiert). Das allein, (Pseudo)Halluzination und Illusion, jedes für sich, ist das sonderbare.

    Diese Trugwahrnehmung sehen und hören (und fühlen) Betroffene wie vorgespielt (auch wenn es dieser Begriff vielleicht nicht so gut trifft), daher die Theater-Assoziation von mir („Art und Weise“).

    Zu guter Letzt, statt Wahrnehmung zu erklären, erklärt/offenlegt die Aura uns Bausteine/Funktionsweisen, die zur Wahrnehmung genutzt werden, Konzepte wie die Retinotopie, Somatotopik undTonotopie etc. werden offensichtlich, im wahrsten Sinne.

    Das leistet Theater, oder? Es legt Dinge über die Realität offen, ohne selbst Realität zu sein.

    Klarer ? — ich fürchte noch nicht, warte aber mal auf eine Nachfrage.

  3. Analog zur Empfindungsstörung während ..

    … einer Aura möchte ich hinzufügen, dass das gleiche Empfindungsbild bei einer Nahrungsmittelallergie auftaucht – zumindest in meinem Falle.

  4. Praxis Beispiel

    Ich versuche mal zu beschreiben wie es sich in der Praxis anfühlt eine Aura zu haben. Vielleicht hilft es weiter bei Euren Überlegungen.

    Beginnt eine visuelle Aura, suche die Ursache immer zuerst in meiner Umgebung. Die Aura fühlt sich zunächst als etwas von außen Kommendes für mich an. (Früher habe ich in solchen Momenten oft die Brille abgesetzt und auf Schmutz untersucht.)

    Solange die Aura andauert bleibe ich Beobachterin, sie ist etwas das genauso gut irgendwo anders passieren könnte, nicht etwas das ich erlebe.

    Bestimmt kennen viele das Geräusch wenn das Ohr für einige Sekunden pfeift – da kämme mir nie der Gedanke mich nach einem Geräusch umzuschauen – es ist ganz klar mein Ohr. Die Aura aber ist nicht mein Auge, ich sehe sie aber sie ist nur Gast, nicht Teil von mir.

  5. Verständnisfrage

    Das ist ein spannender Beitrag. Vor allem deshalb, weil ich gerade merke, dass ich mir über die Diskontinuität der somatosensiblen Repräsentation des Körpers (also das „Herausgelöstsein“ z.B. des Gesichtes und der Eingeweide) noch gar keine rechten Gedanken gemacht habe. Immer nur konstatiert, nie bedacht…

    Bevor ich weiterdenke, habe ich aber eine Frage. Es folgt ein Zitat:

    „Dem ähnlich _kann_ es auch zu einem Kribbeln und anschließenden Taubheitsgefühl auf der Körperoberfläche kommen: die somatosensorische Aura. Diese _könnte_ zum Beispiel, das ist nicht untypisch für diese Modalität, im Mund und um die Lippen herum starten und dann plötzlich zu den Fingerspitzen scheinbar springen..“

    Das _kann_ und _könnte_ irritiert mich sprachlich. Soll das nun heissen, dass diese Auren sich tatsächlich (empirisch) so ausbreiten, oder ist es ein Hypothese über die Ausbreituung?

  6. kann wie in anekdotenhaft

    Die somatosensorische Aura ist sehr vielfältig. ich zitiere mal einen Verlauf aus dem Buch von Egilius L.H. Spierings (s. Bildquelle 1, von Seite 8).

    „In consists of a feeling of numbness and tingling that starts in the fingers of one hand“, he wrote in his 1996 monograph Management of Migraine. „Subsequently, the numbness gradually extends upwards into the arm and, at a certain point, also involves the nose-mouth area on the same side. The progression of the numbness, like that of the scintillating scotoma, is slow and usually takes from 10 to 30 minutes.“
    (Zitat von hier.)

    Wie herum die Symptome laufen kann variieren. Ich will auch gar nicht zu viel beschreiben, um nichts vorzugeben was typisch sei, denn mir ist bewusst, dass ein Crowdsoucing in diesem Fall, bei dem ich vorab den gewünschten Ausgang erkläre, einen methodischen Bias bekommt.

    (Letztlich brauchen wir aber sowieso unterstützende fMRI-Daten, um diese Hypothese zu belegen.)

    Kurzum: „kann“ im Sinne: ist mal so mal so. Es gibt fast nichts, was nicht schon mal anekdotenhaft berichtet wurde — und gleichzeitig wenig gute Studien.

    Aber sag: dass die Radix sensoria medial torquiert und wir darin das Daumenlutschen vielleicht erkennen ist doch fantastisch, oder? Ich habe dabei an Dich gedacht und dass Du hier ebenso Spaß daran haben könntest.

  7. @ Markus

    „Dieser hat seinen Namen von jenem. Mehr haben sie nicht gemeinsam. Die Namensübertragung ist metaphorisch gemeint.“

    Ah, so, das ist klar und deutlich ausgedrückt (der Artikel, den mir ein befreundeter Abonnent zur Verfügung gestellt hat, hat ebf. zur Klärung beigetragen). Ich kannte bisher nur den corticalen Homunculus – daß man diesem den Namen von jenem gegeben hat, ist vielleicht keine wirklich gute Idee gewesen.

    Daumen im Mund: „Es ist ja nicht unwichtig saugen zu lernen. Da fängt man besser früh an. Es gibt folglich gute Gründe anzunehmen, dass auch die Hirnrindenfelder von Daumen und Mund ganz unmittelbar benachbart und nicht von Augen- und Stirnfeldern getrennt sind.“

    Das ist ein interessantes Konzept. Was veranlaßt bereits einen 7 Wochen alten Fötus, diese Nachbarschaft der Hirnrindenfelder über den Umweg Daumen-Hand-Arm-Kopf-Mund (Muskulatur?) noch einmal „explizit“ abzubilden (Im Theater würde man sagen, „zu doppeln“)? Das ist ja schon etwas komplizierter als eine „bloße“ zelluläre Nachbarschaft – aber durch die Anatomie offenbar (nachbarschaftlich) begünstigt.

    Was sich hier zeigt, ließe mich dann spontan vermuten, daß ein Phänotyp (eben) selbstähnlich ist. Nicht, daß ich philosophisch werden will.

  8. Henne-Ei-Problem

    Was veranlaßt bereits einen 7 Wochen alten Fötus, diese Nachbarschaft der Hirnrindenfelder über den Umweg Daumen-Hand-Arm-Kopf-Mund (Muskulatur?) noch einmal „explizit“ abzubilden …?“

    Ich könnte mir vorstellen, dass zu diesem Zeitpunkt die Karte erst gelernt wird und die Nähe ist durch die 3D Form des Embryo gegeben. Wird vielleicht auch ein Henne-Ei-Problem sein. Doch denke ich, dass erst der Daumen vor dem Mund war. Dann hat sich die Radix sensoria medial torquiert. Ich muss mir mal die Lage des Daumen im Hirnstamm angucken.

    Lese aber vorab (und mit nicht minderem Interesse) „Women’s Clitoris, Vagina, and Cervix Mapped on the Sensory Cortex: fMRI Evidence“. Da könnte sich mal jemand an einem Modell aus Knete des weiblichen Homunculus probieren. Im Paper sind nur fMRI-Bilder. Eine Aufgabe für eine Bühnenbildnerin, denke ich.

    Was sich hier zeigt, ließe mich dann spontan vermuten, daß ein Phänotyp (eben) selbstähnlich ist. Nicht, daß ich philosophisch werden will.

    Das habe ich nun nicht verstanden.

    Nachtrag: Zum Zeitpunkt der 7. Wochen ist wohl noch nicht viel Cortex da, um überhaupt von einer Karte zu reden.

  9. @ Markus

    „Henne-Ei-Problem“, daran dachte ich auch.

    „Was sich hier zeigt, ließe mich dann spontan vermuten, daß ein Phänotyp (eben) selbstähnlich ist. Nicht, daß ich philosophisch werden will.“

    ‚Das habe ich nun nicht verstanden.‘

    Ich wollte mich auch um nähere Erläuterungen herumdrücken, weil mir momentan Muße und Zeit fehlen.

    Kurz der Gedanke: Die 3D Form des Embryo begünstigt außerordentlich das Phänomen, daß schon in der 7. Woche am Daumen gelutscht wird; nicht etwa am Ellenbogen. Der Ellenbogen kommt als Daumenersatz nicht in Frage. Offenbar ist der Phänotyp zumindest in diesem Fall so beschaffen, daß sich die hier angesprochene corticale Nachbarschaft auch in der Anatomie wiederfindet, insofern diese es erlaubt, daß die corticale Nachbarschaft auch äußerlich sichtbar durch das Daumenlutschen „stattfindet“.

    Ich habe aber zu wenig Kenntnis davon, was wo abgebildet wird (z.B. rechte Hand, linke Hand, die sich bequem die Hand reichen können und es entsprechend oft tun), um mir selbst da ein Licht zu entzünden zu können.

  10. Reichen wir uns die Hand — selbst

    Das sich Embryos ihre Hände selbst reichen und halten, wusste ich nicht. Dazu passt aber ein Resultat, dass ich eben in dem Paper las:

    Two unexpected observations
    were that (i) although the participants were all using just their right hand to apply the selfstimulation, both the contralateral and ipsilateral hand areas were activated, a highly reliable effect;
    and (ii) in the case of investigator-applied toe stimulation, the participants’ hand areas were also activated. These findings are addressed in the Discussion.
    Another unexpected finding was that nipple
    self-stimulation, which we had selected as a reference
    point on the homunculus, also activated the
    medial paracentral lobule, in the region activated
    by genital self-stimulation (Figure 3B, C).

    Das zweite ist nicht nach diesem Schema zu erklären.

  11. Penfield und die Nachbarschaft

    Der Artikel von Komisaruk et al. in „The Journal of Sexual Medicine“ zitiert auch nochmal aus einer der Arbeiten von Penfield über die somatosensorische Aura (allerdings die der Epilepsie, wobei … das führt zu weit). Ich will das aber hier auch noch anführen:

    One patient, Case E.D., a woman of 27 years who had a small glioma in the right postcentral gyrus next to the falx [i.e., the dura mater in the midline, separating the two cerebral hemispheres], experienced spontaneous sensory seizures that involved the left labium and left breast. At times . . . [the sensation] began in the left labium, spread to the left breast and continued to tingle in the labium and nipple. On one occasion, this sensory aura was followed by twitching of the left foot . . . there was nothing in the sensation that resembled sexual excitement. But the description does suggest that the labium and nipple have a neighboring localization in the contralateral sensorimotor area near the motor representation for foot.

    Der Artikel von Komisaruk endet dann mit:

    While the present study mapped the primary
    sensory field of genital input to the sensory cortex, it would be of interest in future studies to extend this analysis to brain fields beyond the sensory cortex that are activated when genital stimulation is perceived as “erotic” vs. when it is perceived as “just pressure”.

    Ich will damit aber dann auch gleich wieder zur Migräne und die etwas verfängliche Frage stellen, wie es denn damit aussieht?

    In dem Buch „Neurology and general medicine“
    von Michael Jeffrey Aminoff (Editor) las ich mal:

    On occasion, particularly in women, sexual arousal forms part of the aura of migraine.

    Aber auch dazu gibt es, soweit ich weiß, nur sehr anekdotenhaft Daten.

    Jetzt wäre es interessant, zu sehen, ob dies mit sensorischen Erleben Kribbeln etc. in den Beinen korreliert (was ich nicht glaube). Das ist vielleicht mal ein Blogthema für sich. Aber wie gesagt, solide Daten kenne ich kaum, eigentlich gar nicht.

  12. @MAD

    „Dass sich Embryos ihre Hände selbst reichen und halten, wusste ich nicht.“

    Ich auch nicht. Ich wollte nur andeuten, daß die 3D Form des Embryos gewisse Begegnungen begünstigt, andere dagegen fast bis unmöglich macht. Wie nun diese Beziehungen untereinander jeweils gemapped sind, würde ich gern mal sehen.

  13. pränatales Handschütteln

    Ich hatte Dich so verstanden, als ob das bekannt sei oder zumindest aus persönlicher Erfahrung (pränatale Erinnerungen unter Hypnose?) Dir bekannt.

    Wie dem auch sei. Corticale topographische Karten wie der Homunculus, die Retinotopie, die Tonotopie und weitere cortical feature maps im allgemeinen, (demnächst kommt hier noch ein Bericht über eine andere, die pinwheel map) sind ziemlich sicher erlernt.

    In den Genen stecken sicher die Lernregeln aber nicht die ganze Karte. Dazu gibt es auch Arbeiten von Kaschube, Wolff und Löwel (müßte ich jetzt suchen). Das heißt aber auch, dass Erfahrung hier mit eine Rolle spielt und sei es pränatales Handschütteln, so es denn vorkommt.

  14. neuer Aufgabenbereich

    Was geschieht wenn jemand einen Sinn verliert, zB. durch eine Erkrankung erblindet. Könnten die arbeitslosen Sehzellen auch einen anderen „Job“ übernehmen, vielleicht die Wahrnehmung des Ohrs unterstützen, den Tastsinn?

  15. kortikale Reorganisation

    So eine kortikale Reorganisation findet wirklich statt, also Vorausgesetzt im Kortex ist alles in Ordnung und der Schaden ist vorgeschaltet.

    Zum Beispiel bei der Retinopathia pigmentosa, eine durch Vererbung oder spontane Mutation entstehende Netzhautdegeneration, fallen die Fotorezeptoren aus. Ob bei dieser Erkrankung wirklich die Sehrinde andere Aufgaben übernimmt und in welchen Umfang, weiß ich aus dem Stegreif nicht. Je früher der Schaden, desto wahrscheinlicher die Übernahme anderer Funktionen. Wer von Kindheit an blind ist, hat trotzdem einen „visuellen“ primären Kortex (das Areal sollte ich vielleicht nicht mehr visuell nennen?) der arbeitet.

    Schwieriger und zugleich viel wünschenswerter ist die kortikale Reorganisation wenn einige kortikale Gebiete ausfallen. Neue Aufgabenteilung. Das ist das Ziel bei der chronischen Schlaganfalltherapie. Leider kaum von Erfolg gekennzeichnet bisher.

  16. @Tresko

    Ja.

    Der Homunkulus für die rechte Körperhälfte liegt in der linken Großhirnrinde und umgekehrt. Der sensible Homunkulus liegt im Parietal-, der motorische im Frontallappen. Es gibt in der Großhirnrinde also eigentlich vier halbe Homunkuli.

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