Russische Raketen: Schon wieder Qualitätsprobleme

Die Moscow Times berichtet in zwei aktuellen Artikeln, dass es in der russischen Raketentechnik zu Vorfällen gekommen ist, die eigentlich eher an die Jelzin-Ära erinnern.

Hier wird auf einen Bericht der russischen Nachrichtenargentur RIA Novosti verwiesen, die Igor Arbuzov, den Chef des staatlichen russischen Triebwerksherstellers Energomash zitiert. Laut Arbuzov bedürfen insgesamt 71 Triebwerke, die für die Zweit- und Drittstufe der Proton-M-Rakete vorgesehen sind, aufgrund nicht näher spezifizierter Qualitätsmängel der „Generalüberholung“.

Die Proton M ist die derzeit leistungsstärkste russische Trägerrakete. Sie kann in ihrer dreistufigen Version rund 20 Tonnen ins niedrige Erdorbit befördern und mit der Biz-M-Oberstufe auch große Nachrichtensatelliten oder wissenschaftliche Nutzlasten starten. Die europäisch-russische Mission ExoMars 2016 wurde am 14.3.2016 mit einer Proton-M / Briz-M zum Mars gestartet.

Obwohl Arbuzov wohl anscheinend nicht explizit diese Verbindung hergestellt hat, verweist Moscow Times auf einen Fall, über den bereits im Januar berichtet wurde. Die russische Polizei geht Hinweisen nach, dass in einer Fabrik für Raketentriebwerke in Woronesh angeblich von leitenden Personen illegalerweise teure Werkstoffe gegen billige, minderwertige Materialen ausgetauscht worden sind. Die Quelle dieser Hinweise ist nebulös. Besagte Fabrik stellt nun aber nicht nur Triebwerke für die Proton M her, sondern auch solche für die verschiedenen Versionen der Sojus.

Diese Rakete, deutlich kleiner als die Proton, wird in der Version 2.1b auch von Kourou aus gestartet. Andere Versionen starten die bemannten, ebenfalls Sojus genannten Raumschiffe sowie die Progress-Versorgungsschiffe zur ISS. Im April 2015 und im Dezember 2016 scheiterten Progress-Starts an Problemen mit der obersten Stufe der Trägerrakete.

Ich hatte eigentlich gehofft, dass die erheblichen Anstrengungen von russischer Seite endlich Früchte tragen und die Proton-M-Rakete nun wieder auf dem aufsteigenden Ast ist. Aber möglicherweise gibt es da noch eien Menge zu tun.

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Den russischen Raketen könnte mittelfristig die Kundenbasis (ILS, ULA) verlorengehen, vor allem auch weil neue Konkurrenz beispielsweise durch SpaceX entsteht. Die jetzigen Qualitätsprobleme, Schlampereien und Unregelmässigkeiten könnten deshalb als Zeichen eines beginnenden Zerfalls interpretiert werden. Zwar hat Putin ein neues Raumfahrtprogramm aufgelegt, doch es scheint niemand so recht daran zu glauben.

    • Ja, mit der Angara geht und geht es nicht voran. Allein der ungehemmte Wildwuchs untereinander inkompatibler Trägerraketen, der Synergieeffekte weitgehend ausschließt, ist ein Indiz für ein außer Kontrolle geratenes System.

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