NASA-ESA-Mars-Kooperation besteht Stresstest nicht

Die NASA ist die einzige Weltraumagentur, die in den letzten zwei Jahrzehnten die Marsforschung wesentlich vorangetrieben hat. In weitem Abstand folgt die ESA, die 2003 den Orbiter Mars Express zum roten Planeten schickte.

US-Missionen zum Mars – nicht alle waren erfolgreich – wurden in den Jahren 1992, 1997, 1999, 2001, 2003, 2005 und 2007 gestartet. Für 2009 war der riesige Rover MSL („Curiosity“) geplant, dieser wird allerdings erst im November 2011 starten. 2013 soll die Aeronomie-Mission „Maven“ folgen. Somit haben die Amerikaner fast alle Startfenster zum Mars genutzt und eine gewaltige technische Erfahrung erworben, eine große Wissenschaftsgemeinde aufgebaut und die Datenbasis der Planetologie um Größenordnungen erweitert.

Die ESA ist seit mehr als zehn Jahren mit der Planung ihres Rovers „ExoMars“ beschäftigt. Sie ist aber vom Ziel, einen eigenen Rover auf den roten Planeten zu bringen, der dediziert nach Spuren existierenden oder früheren Lebens suchen soll, weiter entfernt als je. Die Entwicklungsgeschichte des ESA-Marsrovers ist derartig verworren, dass selbst Experten sich darin verlieren.

In den ersten konkreten Studien zu Beginn dieses Jahrhunderts ging man von einem Rover aus, der etwas größer als die damals noch nicht gestarteten NASA-Rover Spirit und Opportunity sein und gemeinsam mit einem Mars-Orbiter von einer Ariane-5-Rakete gestartet werden sollte. Das vorgesehene Startjahr war 2009. Der Orbiter sollte nach dem Aussetzen der Sonde aus dem hyperbolischen Anflug am Mars in eine Bahn um den Planeten gebracht werden und als Datenrelais für den Rover fungieren. Das ganze Projekt war nicht Bestandteil des Wissenschaftsprogramms der ESA, das aus dem gemeinsamen Budget finanziert wird, sondern es war ein optionales Programm, bei dem sich Nationen freiwillig beteiligen konnten. Nur die Industrie der beteiligten Nationen kann bei der Vergabe von Aufträgen aus diesem Projekt zum Zuge kommen.

Den Delegierten der beteiligten Nationen war dieses Missionskonzept aber zu teuer. Also wurde es herunterskaliert, sodass es mit einer viel kleineren (und billigeren) Sojus-Rakete gestartet werden konnte. Das Startdatum rutschte ins Jahr 2011, dann ins Jahr 2013. Auch der Orbiter mit der Datenrelaisfunktion fiel hinten runter – dies war weder im engen finanziellen Rahmen noch im durch die kleine Rakete bedingten knappen Massenbudget unterzubringen. Von vorneherein war das Fehlen eines zuverlässigen Datenrelais ein großer Schwachpunkt dieses Konzepts. Ferner war dieser Rover zu klein für die vorgesehene wissenschaftliche Instrumentierung.

Im nächsten Entwicklungsschritt, dessen Finanzierung allerdings nie auf soliden Füßen stand, wurde der Rover wieder vergrößert, ebenso die Trägersonde. Das Absetzen des Eintrittsmoduls mit dem Rover sollte nun aus einer hochexzentrischen Ellipsenbahn um den Mars heraus erfolgen. Dazu musste eine Trägersonde entwickelt werden, die imstand war, sich selbst und das darauf geschnallte Eintrittsmodul in die Bahn um den Planeten einzuschießen. Das ganze Paket war deutlich größer und schwerer als zuvor und bedurfte damit wieder der Ariane 5. Das Problem des fehlenden Datenrelais war nach wie vor nicht gelöst. Mittlerweile war der Starttermin auf Januar 2016 gerutscht.

Dann – man schrieb das Jahr 2009 – vereinbarten ESA und NASA die gemeinsame Erforschung des Mars. Es sollten ab 2016 in jedem Startfenster Sonden gestartet werden, immer abwechselnd unter US- oder europäischer Ägide mit jeweils erheblichem Beitrag des anderen Partners.

Die erste gemeinsame Mission soll – dies wurde nach einigem Hin und Her beschlossen – ein Orbiter sein, den die ESA bauen und betreiben würde und der im Jahr 2016 auf einer US-Rakete gestartet werden sollte. Dieser Orbiter soll von einer etwa 400 km hohen, nahezu kreisförmigen Bahn beim Ein- und Austritt in den bzw. aus dem Schattenkegel des Mars das Sonnenlicht, das die Atmosphäre durchquert, spektroskopisch untersuchen. Damit könnten selbst in sehr geringen Mengen vorkommende Spurengase und sogar Isotopenverhältnisse detektiert werden. Die wissenschaftlichen Instrumente sollen mehrheitlich von der NASA finanziert und gestellt werden. In Anbetracht des unlängst festgestellten Methanzyklus in der Mars-Atmosphäre, dessen Quelle und Senke vollkommen ungeklärt sind, wird dieser Orbiter mit dem Arbeitstitel „TGO (Trace Gas Orbiter)“ ganz wesentliche Puzzleteilchen liefern.

In der darauf folgenden Startgelegenheit im Mai 2018 sollten die Europäer endlich einen Rover zum Mars starten – 9 Jahre später als anfangs vorgesehen. Geplant war, dass der ESA-Rover gemeinsam mit einem NASA-Rover in einem von der NASA gestellten Eintrittsmodul zum Mars befördert und in die Atmosphäre eintreten würden und mit dem komplexen System „Skycrane“ weich auf der Oberfläche abgesetzt werden sollten. Das Trägermodul für den interplanetaren Flug, das Eintrittsmodul und das Skycrane-System wäre baugleich mit den bei der Mission MSL (2011) verwendeten Systemen und würde von der NASA gestellt, ebenso die Rakete.

Im Frühjahr 2011 kündigte die US-Seite an, dass das Konzept für die Mission im Jahre 2018 nicht durchführbar sei und schlug vor, anstatt zweier nur einen einzigen Rover auf technischer Basis des MSL-Rovers zu bauen. Die Europäer könnten ausgewählte Einzelkomponenten beisteuern und ihre exobiologischen Experimente auf diesem Rover montieren. Somit zerschlug sich jegliche Hoffung der Europäer, dass ihre Industrie Erfahrung mit dem Bau und Betrieb eines ferngesteuerten Roboters für die Erforschung planetarer Oberflächen sammeln könnte. Diese Entscheidung führte zu Verstimmung bei den europäischen Partnerländern und damit zu weiteren Turbulenzen.

Die unilaterale Entscheidung der NASA war sicher von finanziellen Erwägungen getrieben. Es lässt sich nur Geld sparen, wenn alle kritischen Komponenten bereits entwickelt, getestet und sogar flugerprobt sind. Ich muss aber auch sagen, dass, falls es das Ziel der NASA gewesen sein sollte, den eigenen Vorsprung auf unabsehbare Zeit zu zementieren und den Partner in die bloße Juniorrolle zu relegieren, der Ablauf wohl nicht viel anders ausgesehen hätte.

Das Drama ist noch lange nicht beendet. Im Herbst 2011 kündigte die NASA an, keine Mittel für die Wahrnehmung ihrer Rolle in der gemeinsamen Mission TGO im Jahre 2016 zu haben. Damit ist diese Mission in bedrohliche Schieflage geraten. Es sind nur noch gut 3 Jahre für Entwicklung, Bau und Test der Raumsonde, denn der Start ist schon im Januar 2016 und das Jahr 2015 geht für die Endintegration, letzte Tests und die Startvorbereitung drauf und plötzlich ist die Rakete futsch und vier Fünftel der wissenschaftlichen Nutzlast. Selbst wenn jetzt noch auf der politischen Ebene gerungen wird und entweder die Amerikaner ihren Rückzug überdenken oder ein anderer internationaler Partner gefunden wird, könnte es dennoch bereits zu spät für die Einhaltung des Startfensters im Januar 2016 sein. Um das zu schaffen, müsste jetzt konzentriert und unterbrechungsfrei weitergearbeitet werden.

Die NASA-Entscheidung bringt aber auch die Mission 2018 in Schwierigkeiten, denn der 2016 zu startende Orbiter sollte als Datenrelais für den großen Rover 2018 dienen. Es ist keine zuverlässig vorauszusetzende Alternative bekannt. Diese Mission ist somit in einer ähnlichen Situation wie das Konzept, was die ESA verfolgte und dann zugunsten der Kooperation mit der NASA aufgab.

Es wird nun fieberhaft an diversen Alternativszenarien gearbeitet, auf die ich hier nicht eingehen möchte. Für mich kleinen dummen Ingenieur bietet sich – was sicher an meiner verzerrten Wahrnehmung liegt – ein Tableau dar, bei dem auf höchster Ebene beschlossen wird, zu sparen, koste es was es wolle. Ein koordiniertes, durchdachtes Programm zur planetaren Forschung, bei dem die einzelnen Schritte miteinander verzahnt sind und in logischer Folge stattfinden und von dem alle beteiligten Partner und auch die Wissenschaft gleichermaßen profitieren, stelle ich mir anders vor.

Weitere Information

(Wahrscheinlich reicht es, die folgenden Überschriften zu lesen, um das Ausmaß des Fiaskos zu ermessen.)

Peter de Selding in Space News, 17. Dezember 2009: ESA Members Approve Two Joint Mars Missions With U.S. 

Peter de Selding in Space News, 20. April 2011: ESA Halts ExoMars Work

Peter de Selding in Space News, 22. April 2011: ESA Halts ExoMars Work to Rethink Red Planet Plans with NASA

Peter de Selding in Space News, 21. Juni 2011: French Concerns Throw ExoMars Plan into Doubt 

Peter de Selding in Space News, 22. Juni 2011: Despite French Objections, ESA Seeks to Press Ahead on ExoMars 

Peter de Selding in Space News, 24. Juni 2011: France, Britain Reluctant to Commit to Revised by ‚Risky‘ ExoMars Mission 

Peter de Selding in Space News, 30. Juni 2011: ESA Forced to Defer Full-Scale Work on 2016 ExoMars Orbiter

Amy Svitak, Aviation Week & Space Technology,  3. August 2011: Europe Could Downsize Mars 2016 Mission

Jonathan Amos auf BBC News, 20. September 2011: ESA-NASA Mars Missions‘ Race Against Clock 

Peter de Selding in Space News, 30. September 2011: NASA Cannot Launch 2016 ExoMars Orbiter

Jason Rhian auf Universe Today, 1. Oktober 2011: ESA’s ExoMars Mission in Jeopardy

Frank Morring in Aviation Week & Space Technology, 4. Oktober 2011: NASA, ESA: No Agreement on Mars Mission

 

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hoffentlich riskiertst du als kleiner Ingenieur nicht dienen Job mit solchen Posts. Wobei – wir sind wahrscheinlich einfach wirklich zu klein und dumm, um die großen Masterplan hinter all dem zu erkennen!

    [Antwort: Ich habe hier schon peinlich darauf geachtet, nichts zu schreiben, was nicht bereits in öffentlich zugänglichen Quellen steht. Würde ich hier irgendwelche Interna ausplaudern, dann ginge das wahrscheinlich nicht ohne Schimpfwörter ab. Ehrlich, nach 10 Jahren Arbeit ohne erkennbaren Fortschritt steht’s mir bis oben. MK]

  2. „Ein koordiniertes, durchdachtes Programm zur planetaren Forschung, bei dem die einzelnen Schritte miteinander verzahnt sind und in logischer Folge stattfinden und von dem alle beteiligten Partner und auch die Wissenschaft gleichermaßen profitieren, stelle ich mir anders vor.“

    Ich mir auch. Au weia…

  3. Ein Bild, dass

    Hallo Herr Khan,

    als Ingenieurskollege kann ich mich Ihrem Fazit nur anschließen. Letztlich zeigt sich ein weiteres Mal, dass der Effinzienzdruck auf derartige Programm nach wie vor nicht groß genug ist, um politische Scharaden und deren Folgen so unattraktiv zu machen, dass die Sacharbeit eine Chance hat, sich Raum zu verschaffen.

    Leider – ich arbeite in der Verlehrsbranche, sieht das nicht nur in der Raumfahrt so aus. Ich erinnere an die Dauerdebatte Autobahn-Maut.

    Ärgerlich ist, dass durch derlei Unfug der Wissenserwerb, der angesichts des immer noch viel zu oberflächlichen Verständnisses unseres eigenen Planeten dringendst geboten wäre, auf der Strecke bleibt.

  4. Keine Allianzen mit den USA

    Interessant in der Situation auch: Alle 2016er ExoMars-Verträge sind bereits in der Industrie am Laufen (und das müssen sie auch, um den Starttermin zu schaffen und Bauteile mit langen Lieferfristen zu bestellen). Wenn das jetzt alles knirschend zum Stillstand kommt und die Verträge rückabgewickelt werden oder sich das Vorhaben weiter verschiebt, dann kostet das richtig viel Geld. Für null Resultate.

    Europa sollte die Zusammenarbeit mit den USA wirklich ein für alle Male überdenken. Die lange Liste gescheiterter Projekte in dieser Zusammenarbeit (oder der Mittelbindung zugunsten der US-Interessen)ist jetzt nur um ein neues Vorhaben erweitert. Europa braucht entweder auf allen wesentlichen Gebieten eigene Fähigkeiten (und das ist kein Luxus für ein derart großes und im Prinzip wohlhabendes Gemeinwesen) oder neue und zuverlässige Allianzen. Aber nicht mit den USA.

    [Antwort: Da bin ich zumindest in Teilpunkten etwas anderer Meinung. ExoMars war ja schon immer eine kränkelnde Mission, und das Problem war hausgemacht. Es gibt doch keinen Grund, warum bei uns immer alles so lange dauern muss, außer dem, dass in Projekten und Industrie viel Zeit mit dem vergeblichen Versuch verschwendet wird, mit zu geringen Ressourcen klarzukommen. Es ist doch nicht so, als wären wir auf gutem Weg gewesen, und nur mit Beginn der Kooperation mit den Amerikanern ging alles den Bach ‚runter.

    Ich habe nicht den Eindruck, dass die NASA die Europäer als gleichwertige Partner auf Augenhöhe betrachtet, zumindest nicht in der Marsforschung. Aber damit haben sie ja leider Recht. Versetzen wir uns doch mal in die amerikanische Warte. Da kommen die in ein chaotisches programm, das von der Einstellung bedroht ist. Binnen kurzem ist das Programm dank amerikanischer Impulse neu ausgerichtet und macht Sinn. Aber dennoch geht das Gezänk und Querschießen bei den europäischen Partnernationen munter weiter und es ist ja auch keineswegs so, dass diesseits des Atlantiks die Finanzierung ausreichend bzw. zumindest die nicht ausreichende Summe gesichert gewesen sei, siehe die verlinkten Presseartikel. Wie wirken wir denn dann auf die NASA? Wie Musterbeispiele verlässlicher Partner wohl eher nicht. MK]

  5. Teure Projekte auf ‚freiwilliger‘ Basis?

    ‚Das ganze Projekt war nicht Bestandteil des Wissenschaftsprogramms der ESA, das aus dem gemeinsamen Budget finanziert wird, sondern es war ein optionales Programm, bei dem sich Nationen freiwillig beteiligen konnten.‘

    Ich denke, da liegt der totgeborene Hund begraben. Ohne verbindlich finanzierte Konzepte wird jedes Raumfahrtprojekt scheitern. Die bekannte Binsenweisheit lautet: Wenn’s drauf ankommt sollte man schon wissen, ob man will und was man will.

    Offenbar hat sich das noch nicht in allen Chefetagen von Politik und Wissenschaft herumgesprochen.

  6. Der Modus Operandi der ESA ist scheint auch weniger der einer Raumfahrtbehörde zu sein, als viel mehr einer Wirtschaftsförderungsgesellschaft. Vom meinem Eindruck her kommt es ihrem Selbstverständnis auch näher. Solange die Haushaltsmittel in der Industrie (meist bei einem großen Konzern der aus E anfängt und auf S ended :)) ist der Auftrag erfüllt. Ob nun tatsächlich (sinnvolle) Missionen geflogen werden scheint blosse Nebensache. Ein Grundübel scheint mir da die zu Enge Verflechtung mit der Politik zu sein. Wenn ein Ministerrat (!) über Raumfahrtprojekte entscheided, grauts einem da echt. ExoMars ist ja bei leibe nicht das erste ESA-Projekt das so einen Weg nimmt.

    Das CERN liefert da als Gegenbeispiel eine bessere Bilanz ab – und muss sich technologisch sicher nicht vor der ESA verstecken. Das liegt vielleicht dadran, das die Experimente von Instituten gebaut werden und die Industrie die Rolle eines Auftragsnehmers hat.

    [Antwort: Die ESA ist in der Tat mit dem Zweck gegründet worden, Europas Wirtschaft in der als Schlüsseltechnologie erkannten Branche Raumfahrttechnik auf Vordermann zu bringen. Das ist überhaupt kein Geheimnis und auch keine besonders profunde Erkenntnis. Kernpunkte des ESA-Mandats, beispielsweise das Gebot, dass Aufträge gemäß den eingezahlten Beiträgen an die Industrien der jeweiligen Mitgliedsländer erteilt werden müssen, sind ein klares Indiz für diese Ausrichtung. Auch das ist keinesfalls neu oder unbekannt.

    Mit Ihrer Behauptung der Bevorzugung des Konzerns EADS unterstellen Sie Dinge, die zu belegen Ihnen schwer fallen dürfte. Hauptauftragenehmer für ExoMars ist übrigens nicht EADS.

    Das grundlegende Problem in der gesamten planetaren Forschung der ESA ist auch nicht die Verflechtung mit der Politik, die im Übrigen anderswo auch nicht wirklich geringer ist, denn am Ende entscheiden immer Politiker über Mittelzuteilungen. Wer sollte denn sonst darüber entscheiden?

    Gerade im Fall der planetaren Forschung ist das Grundproblem aber ein Anderes, nämlich die Diskrepanz zwischen vorgegebenem Auftrag und bereitgestellten Mitteln. ExoMars ist so ein Fall. Am wissenschaftlichen Wert der Spurengassuche der Mission TGO 2016 oder des exobiologischen Rovers habe ich keinerlei Zweifel. Aber die Politik muss sich auch darüber im Klaren sein, dass es so anspruchsvolle Wissenschaft nicht für lau gibt. Insbesondere dann nicht, wenn man noch nicht mal bereit ist, Mittel für Vorbereitungsmissionen bereitzustellen, mit denen grundlegende Techniken wie Aerobraking oder die weiche Landung erst einmal erlernt werden können und wenn in der Konsequenz Marsmissionen nur alle 15-20 Jahre durchgeführt werden können. Das ist der Kern des Problems, und das war früher anders, obwohl die Struktur der ESA damals nicht anders war. Es dauert viel zu lange, bis endlich mal eine Mission steht, und das liegt daran, dass die Projekte Jahre mit dem letztendlich sinnlosen Versuch verschwenden, mit unzulänglichen Finanz- und Massenbudgets klarzukommen.

    Es ist wirklich ein Problem der planetaren Forschung. Beim Infrarotteleskop Herschel war klar, was es kosten würde, und das hat man auf den Tisch gelegt. Weil ebenso klar war, dass man nicht gleich einen herschel bauen kann, gab es erst einmal das Infrarotteleskop ISO. Ähnliches in der Erdbeobachtung: Auf ERS-1 und -2 folgte der riesige Envisat, und zwar in zeitlich vernünftiger Folge. Bei der planetaren Forschung macht man es aber anders, da lässt man Erfahrungen versanden und ist nicht bereit, Geplante Missionen ausreichend zu finanzieren. Das Ergebnis sehen wir jetzt. MK]

  7. @Michael Khan

    In der deutschen Wirtschaftszeitung las ich: „NASA-Chef Charles Bolden und ESA-General Dordain konnten, wie schon seit geraumer Zeit zu befürchten stand, keine Übereinkunft zur gemeinsam geplanten ExoMars-Mission treffen.“ Weiter heißt es: „Trotz aller angeführten Bugetprobleme startet die NASA Ende des Jahres ihre eigene Marsmission mit dem Rover „Curiosity“, der zudem entgegen allen Protesten in den USA mit rund zehn Kilogramm Plutonium an den Start geht. Zu den möglichen weltweiten Folgen einer Startkatastrophe mit dieser Ladung im Gepäck vgl. Artikel der DWZ vom 26. Juli 2011.“

    Quelle: http://www.deutsche-wirtschaftszeitung.de/…d=304

    Und Artikel vom 26. Juli 2011:

    http://www.deutsche-wirtschaftszeitung.de/…d=304

    Die Sache mit den zehn Kilogramm Plutonium hat mich etwas irritiert, da ich dachte die Dinger würden mit Solarenergie angetrieben. Hat er Plutoniumdioxid in den Batterien? Vielleicht könnten Sie etwas dazu sagen?

  8. @Mona: Zum MMRTG an Bord von MSL

    Eigentlich geht es in meinem Artikel um das ExoMars-Programm, nicht um den 2011 zum Start anstehenden NASA-Rover MSL („Curiosity)“, auf den Ihre Frage zielt. Da aber die NASA, entgegen den ursprünglich vereinbarten Plänen, im Jahre 2018 einen erneuten Flug des MSL-Moduls vorsieht, der je ein europäisches und ein NASA-Nutzlastpaket mitführen soll, ist ihre Frage in Bezug auf meinen Artikel relevant.

    Die Energieversorgung von MSL erfolgt – im Gegensatz zu den 2004 gelandeten MER-Sonden, aber we bei den Viking-Landern der 1970er – mittels einem RTG („Radioisotope Thermoelectric Generator“). Dort ist eine gewisse Menge eines Radionuklids oder Radionuklidoxids, im Fall von MSL Plutoniumdioxid, in einer hochwarmfesten keramischen Matrix eingebettet. Bei MSL sind es 4.8 kg Plutoniumdioxid, deren Zerfall etwa 2 kW thermischer Energie erzeugt. Die anfallende Wärme wird über Radiatoren abgestrahlt und fließt dabei durch thermoelektrische Elemente, also Halbleitereinheiten, die aus Wärme elektrischen Strom erzeugen.

    Ein RTG enthält keine beweglichen Teile und ist kompakt, robust und hitzeresistent. Allerdings ist er nicht besonders effizient – die thermoelektrische Umwandlung hat nur einen Wirkungsgrad im einstelligen Prozentbereich. Es handelt sich nicht um einen Kenspaltungsreaktor, und das verwendete Isotop ist nicht spaltbar. Das gewählte Isotop hat eine Halbwertszeit von knapp 88 Jahren. Die Einbettung des Radionuklidinventars in eine keramische Matrix ist ein wesentlicher Sicherheitsfaktor, der im Fall die Einbringung feinverteilten Staubs in die Umgebung verhindern würde.

    Bei MSL hat man einen RTG statt prinzipiell auch möglicher Solargeneratoren gewählt, weil dadurch ein breiteres Band von Landeorten und wesentlich erweiterte Operationen ermöglicht wurden. Der neue RTG ist der erste einer neuen Baureihe namens MMRTG („Multi-Mission RTG“), der im Gegensatz zu früheren RTGs mit geringeren Mengen an Radionukliden auskommt.

    Der meines Wissens jüngste Start eines mit einem RTG ausgestatteten
    Raumfahrzeugs war im Januar 2006, als eine Atlas V die Plutosonde New Horizons auf den Weg brachte.

    Der Artikel in der „Deutschen Wirtschaftszeitung“, auf den Sie verweisen, ist die übliche Panikmache und zeichnet sich nicht durch sorgfältige Recherche aus. Das Environmental Impact Statement der NASA zum Start der Mission MSL, auf das sich der Artikel angeblich bezieht, findet man hier: Volume 1 und Volume 2.

    Zum den angesprochenen ungeklärten Folgen eines Unfalls zwischen zwei Mars-Rovern: Da die Maximalgeschwindigkeit von MSL 90 Meter pro Stunde (2.5 cm/s) betragen wird (die normale Geschwindigkeit liegt wahrscheinlich deutlich darunter und dürfte 30 Meter pro Stunde nicht übersteigen), wären die Folgen einer Kollision wohl nicht besonders dramatisch. Mal angenommen, die Zahl der Mars-Rover erhöht sich in absehbarer Zukunft dergestalt, dass ein solcher Fall überhaupt in Erwägung gezogen werden muss.

  9. @Michael Khan

    Danke für die Antwort, auch wenn die Frage etwas off-topic war. Ich finde es schön, dass Sie die Sachlage so ausführlich erklärt haben. Als normaler Zeitungsleser ist man ja auf die Recherche der jeweiligen Journalisten angewiesen und die sind in der Regel keine Fachleute für so spezielle Fragen.

    Ich hoffe, die besagten Journalisten schauen hier auch einmal vorbei 😉

    [Antwort: Ich fand Ihre Frage schon on-topic und auch relevant. Ich finde es auch gut, dass Sie Artikel hinterfragen. Wer sich auf die Recherche von Journalisten verlässt, der ist leider nur zu oft verlassen. Im gegebenen Fall wäre es den Journalisten kein Zacken aus der Krone gefallen, hätten sie einfach mal jemanden, der sich auskennt, angerufen und um Hintergrundinformationen zum Thema Environmental Impact Statement und nukleare Energieversorgung gebeten. Wäre es um ein Wirtschaftsthema gegangen, hätten die das mit Sicherheit auch getan. Aber bei technischen Themen wird das meist nicht für notwendig erachtet. MK]

  10. Russland als Retter von ExoMars?!

    Die ExoMars-Saga hat ja nun diese Woche eine dramatischen Wende genommen mit der formellen Einladung der ESA an Roskosmos, doch bitte eine Proton für den Trace Gas Orbiter vorbei zu bringen. Als Gegenleistung darf dann russische Technik 2016 und/oder 2018 an Bord – wobei der verlinkte BBC-Artikel gute Fragen stellt, wie das eigentlich gehen soll (Orbiter quasi schon im Bau, Rover voller ESA- und NASA-Instrumente). Wie sehen Sie denn das …?

  11. @Daniel Fischer

    Ich denke, da wo das Projekt heute steht, ist der Starttermin Januar 2016 nur bei konzentrierter Weiterarbeit ohne Ablenkung zu halten. Selbst das ist schon eine Herausforderung.

    Wir haben jetzt Ende 2011. Wenn die Auslieferung an den Startort und die Vorbereitungen für den Startin der zweiten Hälfte 2015 stattfinden, und die Vorbereitungem für den Transport davor, dann ist bereits ein gutes Stück des Jahres 2015 verplant. Wir haben also eigentlich nur noch gut drei Jahre für Entwicklung, Bau, Komponententests, Integration und Systemtests.

    Selbst wenn die Russen jetzt die Proton bereitstellen (Warum sollten sie? Aber nehmen wir mal an, sie sagen „Da! Da!“). Dann ist der Austausch von Atlas zu Proton noch nicht ganz problemfrei.

    Es gibt andere Belastungen beim Start. Es ist also eine Delta-Qualifikation notwendig, damit nachgewiesen ist, dass die Struktur damit klarkommt. Dann vergeht, weil die Proton-Oberstufe Breeze-M nur ein relativ kleines Triebwerk hat und deswegen die Erdflucht über mehrere Umläufe auf Erdellipsen vollzieht, jeweils mit Manövern am Perigäum, viel mehr Zeit von Start bis Abtrennung – das hat Auswirkungen auf Batterieauslegung und das thermische verhalten. Kann man alles lösen, wenn man Zeit und Geld hat. (Und genau das sind auch schon die zwei Probleme von ExoMars).

    Dann ist da das Problem, dass die Proton und ihre Nutzlast waagerecht integriert werden, westliche Raketen senkrecht. Wieder ein neuer Belastungsmodus für die Struktur –> Delta-Qualifikation —> das führt wieder auf die leidigen zwei Probleme, besonders dann, wenn sich herausstellt, dass etwas geändert werden muss.

    Nun ja, und die Rakete ist ja nach der US-Entscheidung auch nicht das einzige, was fehlt. Ein Orbiter sollte auch eine Nutzlast haben, ein so großer und teurer Orbiter eine umfangreiche und anspruchsvolle Nutzlast. Ziel der Mission ist ja nach wie vor die Analyse der Spurengase in der Marsatmosphäre. Die Auslegung des Gesamtsystems ergibt sich aus den Anforderungen der dafür definierten Instrumente. Woher sollen die kommen, wird es – selbst wenn es ausreichend Kohle gäbe – für neu aufgestellte wissenschaftliche Konsortien zu schaffen sein, die Instrumente rechtzeitig zu entwickeln und startferig bereitzustellen? Es wird immer nur über die Rakete geredet, aber mir ist nicht bekannt, dass die Finanzierung der Instrumente in trockenen Tüchern wäre. Falls nicht, ist das genau so ein todsicherer Show-Stopper wie eine fehlende Rakete.

  12. Erstes Echo aus Russland

    Laut einer russischen Nachrichtenagentur freuen sich zumindest die russischen Planetenforscher über die Einladung, den Trace Gas Orbiter zu retten. Bin mal gespannt, ob einen auch mal die ESA selbst über die neuen Entwicklungen informiert oder ob die Infohäppchen weiter nur über Space News & Co. (de Selding = ESA-Sprecher für schlechte Nachrichten?) lanciert werden …

    [Antwort: Ich bin natürlich kein Prophet, aber mir schwant da Übles. Wenn jetzt erst noch Überlegungen laufen müssen, was eigentlich an Nutzlast nützlich wäre und wie man diese Raumsonde in irgendein anderes Forschungsprogramm integrieren kann, dann kann es nicht mehr lange dauern, bis jemand die Reißleine zieht. Ich vermute, das wird noch im Winter geschehen. Mir wurde gerade gesagt, ich solle mich um ein Visum für die russische Föderation kümmern. Ich hoffe allerdings, die Entscheidung, wenn sie denn fallen soll, fällt schon vorher. Eine Winterreise nach Moskau fehlte mir jetzt wirklich gerade noch … MK]

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