Mars One und die harte Realität

Während aktuelle Neuigkeiten über den Rückzug des Medienpartners Endemol (Ja genau, die von „Big Brother“) aus der Kooperation mit dem Mars One-Projekt (Ja genau, die, die in 9 Jahren Leute ohne Rückfahrkarte zum Mars schicken wollen) Wellen schlagen und der Nobelpreisträger Gerard ‚t Hooft, seines Zeichens „Botschafter“ des Projekts mittlerweile kräftig zurück rudert und das Vorhaben als unrealistisch einschätzt, ist die wirklich aussagekräftige Nachricht gar nicht in ihrer ganzen Tragweite erfasst worden.

Diese ist schon am 18.2.2015 auf Space News erschienen. Jeff Foust zitiert darin Vertreter zweier Industrieunternehmen, die im Auftrag von Mars One „Konzeptstudien“ für die zwei laut aktueller „Roadmap“ im Jahr 2018 zu startenden Missionselemente erstellt haben: einen Landedemonstrator und einen Kommunikationssatelliten im areostationären Orbit.

Der Auftragnehmer für die Landerstudie ist die US-Luft-und-Raumfahrtriese Lockheed Martin. Dessen Konzept basiert weitgehend auf der Phoenix-Landeplattform, die bereits 2008 weit im Norden des roten Planeten erfolgreich niederging und 2016 mit einer anderen wissenschaftlichen Nutzlast unter dem Namen „Insight“ noch ein zweites Mal gestartet werden soll, also durchaus als bewährte Technik gelten darf.

Der Auftragnehmer für die Orbiterstudie ist das britische Unternehmen SSTL, eine Tochter des Airbus-Konzerns und spezialisiert auf kleine Satellitenplattformen, die mit überschaubaren Aufwand an den jeweiligen Einsatzzweck angepasst werden können.

Konzeptstudien sollte man allerdings nicht überbewerten. Ich habe schon an so vielen solcher Studien mitgearbeitet, dass ich sie gar nicht mehr alle aufzählen kann. Wenn aus diesen Studien mehrheitlich oder auch nur zu einem beträchtlichen Prozentsatz Missionen geworden wären, wäre das schön, aber die Realität sieht natürlich anders aus. Sehen wir es mal realistisch: Konzeptstudien gibt’s im Dutzend billiger, viel handfestes Know-How kommt dabei aber nicht unbedingt herum.

Die Aufträge zu den Studien wurden im Dezember 2013 vergeben. Angesichts des engen Zeitplans und der nicht gerade üppigen finanziellen Ausstattung des Auftraggebers (wenn der im Mars One-Webauftritt gelistete Spendeneingang als Messlatte herangezogen wird) ist abzusehen, dass die Herangehensweise der Auftragnehmer sehr konservativ gewesen sein wird. LockMart wird seine Studie um die Annahme eines Phoenix 3 herum gestrickt haben, SSTL seine Studie um die Anpassung ihrer kleinen Comsat-Plattform.

Selbst wenn es jetzt weiter ginge, selbst wenn diese beiden Raumfahrzeuge rechtzeitig zum Startfenster 2018 fertig würden und selbst wenn sie tatächlich funktionieren, was würde das aussagen? Dass LockMart den bereits entwickelten Lander nun noch ein drittes Mal bauen kann, wird wohl kaum jemand bezweifeln. Dass SSTL bei ihrer kleinen Plattform Solargeneratoren, Wärmehaushalt, Transponder und Treibstofftanks an andere Anforderungen als einen GEO-Kommunikationssatelliten oder MEO-Navigationssatelliten anpassen kann, auch nicht.

Aber welche für den Aufbau und sicheren Betrieb einer permanent bemannten Kolonie auf einem fremden Planeten erforderliche Kompetenz würde denn damit demonstriert? Es würde doch noch nicht einmal neues Know-How geschaffen.

Würde … wenn wenigstens diese zwei Missionen über den Status der bloßen Konzeptstudie hinaus gediehen. Jeff Foust führt aber in seinem Artikel auf spacenews.com aus:

However, both companies confirmed with SpaceNews that, since the completion of those study contracts, they have not received additional contracts from Mars One to continue work on those missions.

“SSTL delivered the concept study for the Mars One communications system last year,” SSTL spokeswoman Joelle Sykes said Feb. 16. “There are no follow-on activities underway at the moment.”

“Lockheed Martin has concluded the initial contract with Mars One in which we performed mission formulation studies and developed payload interface specifications to support the selection of a payload suite for the 2018 Mars robotic lander,” the company said in a statement Feb. 17. “We continue to maintain an open channel of communications with Mars One and await initiation of the next phase of the program.”

Und noch eine Aussage von Lockheed Martin wird zitiert, die man sich bei Mars One einrahmen und über den Schreibtisch hängen sollte:

“we would have to start construction very soon to launch an InSight clone in the 2018 window.”

Dieses Statement ordnet schon einmal den technischen Stellenwert der „Lande-Demonstrationsmission“ eindeutig ein: Ein bloßer Klon einer NASA-Mission, mehr nicht.

Aber selbst unter dieser Voraussetzung brauchen Beschaffung, Integration, Komponenten- und Systemtests sowie Startvorbereitung ihre Zeit. Solche Sachen gehen nicht beliebig schnell; sie können auch nicht beliebig komprimiert werden. Wernher von Braun formulierte es sehr treffend: Neun Frauen können nicht in einem Monat ein Kind austragen.

Wenn nicht schon sehr bald Vollgas gegeben wird, kann man sich 2018 von der Backe putzen. Nur: solange nicht richtig Geld auf den Tisch gelegt wird, gibt auch keiner Vollgas. Industrielle Prozesse sind industrielle Prozesse – das gilt für Mars One genau so wie für den Rest der Welt.

So sieht’s mal aus.

Mich würden ja noch viele andere Fragen interessieren.Hier nur eine kleine Auswahl:

  • Wie wird denn das Bodensegment aussehen und wo wird das Kontrollzentrum stehen?
  • Wann wird der Personalstamm aufgebaut oder werden die Operationen komplett outgesourcet? In diesem Fall erwirbt aber Mars One keine eigene Kompetenz und auch keine wirkliche Entscheidungsbefugnis.
  • Wie soll denn die Kommunikationsinfrastruktur aussehen und wo werden die erforderlichen Bodenstationen erstellt?
  • Was ist denn mit den Sendefrequenzen? Für eine Mission, die schon 2018 gestartet wird, müssten die ja eigentlich schon reserviert sein. Ist das geschehen?

Tja, also bei Licht betrachtet hat eigentlich das Projekt noch außer der Kandidatenvorauswahl und ein paar Vorstudien nicht gar so viel vorzuweisen. Kein Demo-Habitat auf der Erde, das demonstriert, wie das Lebenserhaltungssystem funktionieren soll. Keine Sequenz von Landern, die demonstrieren, dass man das schwierige Problem beherrscht, nacheinander gestartete Habitate auch am selben Ort auf dem Mars zu platzieren. Wenn die jeweils 15 oder 20 km voneinander entfernt sind, mit schwierigem Terrain dazwischen, dann wären die jeweiligen Bewohner auf sich allein gestellt.

Na, reden wir das mal nicht alles schlecht. Vielleicht überraschen uns die Leute von Mars One ja jetzt noch kräftig. Das würde ich dann auch anerkennen und meine jetzige Skepsis widerrufen, Aber vielleicht überraschen sie uns auch nicht – dann hätten wir hier den Fall, dass ein Vorhaben von kolossaler technischer Schwierigkeit in geradezu epischem Maße unterschätzt wurde.

Dann sollten sie sich schnellstens Hilfe von höherer Stelle holen. Vielleicht finden sie ja überirdische Ressourcen schon unter ihren Bewerbern. Schön zu wissen, dass Stanisław Lem auch bei Außerirdischen Anklang findet. Das hätte den Meister sicher gefreut.

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

28 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. In 9 Jahren eine permanente Mondkolonie einrichten wäre an der Grenze des Realisierbaren. Beim Mars dagegen ist das ausgeschlossen, denn nur schon die Landung einer so grossen Kapsel, wie sie für eine bemannte Landung nötig wäre, ist auf dem Mars schwierig und wurde bis jetzt noch nie durchgeführt. Und selbst wenn sie landen könnten,würde der erste Defekt wohl das Aus bedeuten. Unvorhergesehene Schwierigkeiten sind eher die Regel als die Ausnahme und kommen auch im Orbit, beispielsweise auf der ISS, immer wieder vor. Die ISS kann aber jederzeit mit einem Versorgungsflug mit dem Nötigen versorgt werden, eine Marskolonie aber nicht. Eines stimmt sicher: Es wäre eine Reise ohne Wiederkehr. Wenigstens dieses Missionsziel kann in jedem Fall erfüllt werden.

  2. Einer vom JPL verweist auf einen (weiteren) gravierenden Showstopper: Es sei keinerlei Mars-Landetechnologie auch nur am Horizont erkennbar für Nutzlasten der erforderlichen Größe. Der von ihm verlinkte Artikel ist zwar schon von 2007, aber die angeführten physikalischen Probleme (die hauptsächlich mit der viel zu dünnen Mars-Atmosphäre zusammen hängen) sind natürlich geblieben. Oder?

    • Der Effekt ist nicht nur beim JPL bekannt, sondern war auch eine der Schlussfolgerungen einer Serie von ESA-CDF-Studien zu bemannten Marsmissionen.

      Man kann ansetzen, und damit liegt man gar nicht so falsch, dass die Masse mit der dritten Potenz des Radius eines Objekts steigt, der aerodynamische Querschnitt aber nur mit dem Quadrat des Radius. Das setzt natürlich ähnliche Bauweisen in allen Fällen voraus. Dies bedeutet in der Tat, dass man bei einer herkömmlichen Kapselbauweise wie bei den Eintrittsmodulen aller Mars-Landesonden bis heute, mit einem richtig großen Landegefährt gar nicht ausreichende aerodynamische Bremswirkung erreicht, um noch in ausreichend sicherer Höhe den Fallschirm ausfahren zu können.

      Dem kann man zumindest teilweise dadurch begegnen, dass man einen tiefer gelegenen Landeort auswählt, also entweder nur auf der Nordhalbkugel, wo es im Schnitt 4 km tiefer ist als auf der Südhalbkugel und deswegen mehr dichte Atmosphäre zur Verfügung steht. Irgendwann ist aber auch da Ende der Fahnenstange. Man kann ja nicht immer nur die Mannschaften ins Hellas-Becken schicken.

      Zwangsläufige Konsequenz ist, dass man schon für die Aeroshell der Hyperschallphase ein komplexeres System braucht als eine ungesteuerte oder meinetwegen auch gesteuerte Kapsel.

      Es muss entweder mehr Auftrieb her, damit man flacher eintauchen und dadurch länger bremsen kann, wobei man durch den aerodynamischen Auftriebskraft das Vehikel erst nach unten drückt und später, wenn maximaler Wärmestrom und maximale Abbremsung durchlaufen sind, es länger auf Höhe hält. Einen Fallschirm braucht man immer noch, und der muss immer bei einigen km Höhe raus, sonst reicht es nicht.

      Oder aber, man macht das nach wie vor mit wenig bis gar keinem Auftrieb, vergrößert aber massiv den Widerstand. Da man aus Gründen der aerodynamischen Stabilität nicht einen beliebig flachen, großen Hitzeschild bauen kann, sondern immer noch eine deutlich konische Form braucht, muss man hier einen Weg finden, den Durchmesser massiv zu vergrößern. So kann man auch flacher eintreten, schafft es aber dennoch, ausreichend abzubremsen, bevor die Trajektorie wieder hinauf und damit raus aus der Atmosphäre führt.

      Im ersten Fall (mehr Auftrieb) läuft es entweder auf einen gestreckten Bikonus hinaus, der schon mal deutlich mehr Auftrieb liefert als ein einfacher Konus. Oder aber, einen geflügelten Gleiter.

      Im zweiten Fall (mehr Widerstand) kommt man um eine aufblasbare Struktur, die hinterher abgesprengt werden kann, wohl nicht herum. Das war zumindest die Schlussfolgerung, zu der wir damals kamen.

      Die Schlüsselfrage ist die nach dem TRL (Technology Readiness Level). Diese ist in beiden Fällen niedrig, das Problem erscheint mit „inflatable aeroshell“ etwas lösbarer. Aber Off-the-Shelf und flight-proven Hardware kann man natürlich knicken.

      Entweder, die Mars-One-Leute haben das Problem sauber durchgerechnet. Sollte man eigentlich erwarten, wenn es da um Menschenleben geht. Dann haben sie entweder einen Weg gefunden, die Masse der Eintrittsmodule so zu deckeln, dass es noch mit verfügbarer Technologie geht. Vielleicht ist das ja drin, wenn die keine Stufe für den Rückstart brauchen.

      Oder sie haben eine andere Technologie in petto, von der so einer wie ich nichts weiß. Kann ja sein. Wenn die so eine anspruchsvolle Mission vorhaben, kann ich nur hoffen, dass die da einen schlaueren Missionsanalytiker in ihrem Team haben als mich. Sonst gute Nacht. Dann frage ich mich aber, was die mit dem Landedemonstrator 2018 eigentlich demonstrieren wollen.

  3. Ich starte übrigens demnächst „Pluto One“ – eine Mission zur Errichtung einer bemannten Plutobasis mit Schnellimbiss und Solarium. Freiwillige (natürlich one-way) können sich schon mal melden. Finanziert wird das Ganze von der Crowd, mit Verkäufen von Aufkleber und Kaffeetassen mit dem Missionslogo (einem Plutobärchen-Astronauten mit auffallend langer Nase) und von Milliardären, die nicht gerade selbst zu irgendwelchen Planeten fliegen wollen. Das wird eine Riesen-PR-Sache, insbesondere in der Endphase des Kandidatencastings, wenn allerhand Medien Porträits von etwas aus der Norm geratenen Menschen veröffentlichen, die gerne auf Pluto erfrieren wollen (deren Tod also irgendwas außergewöhnliches darstellen soll). Ist alles seriös – unser 1-köpfiges Missionsteam (ich) kümmert sich um das Management, die Details werden von hochkompetenten Firmen und Raumfahrtorganisationen (Nasa oder so) ausgearbeitet. Dazu geben wir Konzeptstudien in Auftrag, finanziert vom Anschubcrowdfunding auf indidodo oder so. 50000 Ocken sollten da reichen. Los gehts 2019 (das ist sehr viel Zeit, ist klar, aber ich mache ja auch noch Urlaub und die ganzen Interviews). Achso: auf dem Weg zu Pluto stoppen wir noch am Mond (Powerdrill bis in den Kern – noch nie dagewesen) und am Mars (komplettes Terraforming, ist in 2-3 Wochen locker erledigt) und schürfen Gold auf Asteroiden. Alles in Kooperation mit der Lügenpresse(TM), mit der wir uns gut verstehen. Irgendein Astronaut unterstützt uns bestimmt auch – denen glaubt man ja alles (kennt jemand wen)?

      • Wenn du mir einen Arbeitsvertrag anbietest und ich meine aktuelle Stelle kündige und bei deinem Projekt einsteige, steigt der vorhandene missionsanalytische Sachverstand gleichermaßen bei meinem alten wie auch meinem neuen Arbeitgeber.

        • Missionsanalytischer Sachverstand ist keine Jobbedingung bei uns – aber du hast doch auch TV- und Medienerfahrung? In dem Falle kannst du gleich anfangen über unser Projekt zu bloggen zB. Zahlen können wir leider nichts, aber das ist doch auch Werbung für dich(TM)!

    • Ich mach mit! Aber 2019 ist mir zu spät. Geht´s auch eher? Hab kein Bock mehr auf Schule. Solarium brauch ich nicht auf Pluto, aber funktioniert da mein Smartphone? Sonst komm ich nicht mit. Denn ohne Smartie kann ich nicht leben.

  4. Ich sehe bei der ganzen Mars-One-Geschichte nach wie vor kein wirkliches Problem.

    Entweder die kriegen was gebacken, dann haben sie’s den ganzen Zweiflern gezeigt, auch mir.

    Oder sie kriegen nix gebacken, dann ist die Kohle von Spendern und freiwilligen Geldgebern weg, aber erstens auch nicht so viel und zweitens nicht meine.

  5. Ich verstehe Projekte wie Mars-One oder Elon Musks Absicht in 15 bis 20 Jahren eine Marskolonie aufzubauen. Dieser Wunsch wurde aus Enttäuschung geboren, aus Enttäuschung darüber, dass die NASA weniger als nichts unternommen hat um überhaupt in absehbarer Zeit eine bemannte Marslandung zu ermöglichen. Wenn die NASA nämlch tatsächlich die Absicht hat irgendwann auf dem Mars zu landen, dann hätte sie bereits viele sinnvolleVorbereitungsschritte unternehmen können. Dazu würde etwa die Einrichung einer unbenannten, aber regelmässig mit Versorgungsflügen versehenenen Phobos oder Deimos Beobachtungs- und Kommunikationsstation gehören. Von solch einer vorübergehend mit Bemannung versehenen Station aus könnte beispielsweise Teleoperationen ausgeführt werden, was die Steuerung von Rovern etc. in Echtzeit ermöglichte. Doch das ist nur ein Beispiel für den Fakt, dass es kaum Vorbereitungsoperationen für eine bemannnte Marslandung von seiten der NASA gibt und dass somit die NASA keinerlei Absicht erkennen lässt, einen bemannte Marsmission irgendwann in den nächsten Jahrzehnten durchzuführen – auch wenn man immer wieder Gegenteiliges hört.

    • Ich kann Ihre negative Einschätzung überhaupt nicht teilen. Gerade die NASA erstellt doch an verschiedenen Fronten die erforderliche Infrastruktur, die bemannte Operationen über das erdnahe Orbit hinaus erst möglich macht, mehr als jede andere Stelle. Wie sollte das denn ohne die Schwerlastrakete SLS und das zu hohen Wiedereintrittsgeschwindigkeiten fähige Raumschiff MPCV gehen? Genau diese beiden kritischen Elemente werden schon gegen Ende dieses Jahrzehnts im operationellen Betrieb sein.

      Die NASA macht nicht den Fehler, laufen zu wollen, bevor sie gehen kann. Selbsverständlich geht es erst einmal zum Mond und zu Asteroiden. Was denn sonst? Alles andere wäre doch bloße Science Fiction. Aber mit jedem Stück gewonnener Erfahrung im tatsächlichen Betrieb rückt eine Marsmission, die allerdings noch beträchtlicher Schaffung neuer Technologien erfordert, weiter in den Bereich des technisch Machbaren.

      Es macht einen sehr großen Unterschied, ob man in Konzeptstudien, wo immer diese Klötzchen hin und her geschoben werden, die Bauelemente eines Systems repräasentieren, diese Klötzchen reine Fantasieprodukte darstellen, oder tatsächliche, flugerprobte Hardware.

      Ich sehe da eine Parallele zur Polarforschung. Als vor etwas mehr als 100 Jahren das Rennen zum Südpol erfolgte, unter Nutzung der damaligen Ressourcen und der damaligen technischen Mittel, war das ein schwieriges, hochriskantes Unterfangen von limitiertem wissenschaftlichem Wert. Heute, mit wesentlich weiter entwickelter Technik, mit Eisbrechern, Hubschraubern, GPS, Flugzeugen, globalen Funknetzen, Kettenfahrzeugen usw., ist das alles viel weniger ein Problem. Es sind zahlreiche Stationen in Betrieb, und Wissenschaftler arbeiten dort in relativem Komfort und in einer Sicherheit – und vor allem mit einer Produktivität! – die den Teilnehmern der Expeditionen von Scott und Amundsen vollkommen utopisch erscheinen würden. Die interplanetare Forschung wird einen ähnlichen Verlauf nehmen. Ich sehe das ganz gelassen.

      • Vielleicht ist die NASA jetzt unterwegs zum Mars, doch das hat lange gedauert: 1969 die Mondlandung und erst jetzt im Jahr 2013 /14 ist eine Rakete bereit, die eventuell für einen bemannte Marsmission in Frage käme.

        Es gibt eben einige, die von anbeginn den Mars als nächste Missionsziel nach dem Mond sahen. Doch die NASA hat lange Zeit überhaupt keine überzeugende Vision für neue bemannte Missionen gehabt und selbst jetzt scheint der Mars noch in weiter Ferne.
        In den Augen vieler hat die NASA ihren Kompass verloren. Und das war für diese Leute der Grund um selbst etwas anzustossen um den Phönix aus der Asche wiederauferstehen zu lassen.

        • Für bemannte Mars-Missionen kommt die SLS nicht direkt infrage, aber sie ermöglicht den Start großer Komponenten, aus denen dann im LEO mit einer überschaubaren Anzahl von Starts große Komponenten zu einem Mars-Schiff zusammengefügt werden können. Oder nman startet damit andere große Komponenten für orbitale Anwendungen, die nicht smit dem Mars zu tun haben.

          Genau das meine ich mit der Schaffung diverser Infrastrukturelemente, die gar nicht unbedingt mit dem Ziel einer Mars-Mission entwickelt werden, aber von deren Verfügbarkeit auch die bemannte Exploration profitiert.

          Um beim zuvor gebrachten Beispiel zu bleiben: das ist so, wie ja auch Eisbrecher, Langstreckentransportflugzeuge und Snow-Cats nicht ursprünglich entwickelt wurden, um Antarktisforschung zu ermöglichen. Aber weil es diese ganzen technischen Mittel nun gibt, wird die Antarktisforschung ein ganzes Stück unproblematischer bzw. vieles wird dort überhaupt erst möglich.

          Sicher ist man in der Weltraumforschung Irrwege gegangen, und man wäre jetzt weiter, hätte man schon vor Jahrzehnten an das angeknüpft, was Apollo auf den Weg gebracht hat. Hätte, Hätte, Fahrradkette. Ich denke, die NASA macht jetzt eine ganze Menge richtig (ich wäre froh, wenn die Europäer mithalten würden) und wir stehen vor einer neuen Phase der Exploration des Sonnensystems.

          Ich habe Musk auch nie als so missionarisch aufgefasst wie Mars One. Nach meinem Verständnis sieht er die Kolonisiering des Mars durch die Menschheit als Megatrend, und als erfolgreicher Unternehmer will er natürlich mit seinem Unternehmen SpaceX diesen Megatrend mitgestalten und daran verdienen. Im Gegensatz zu Mars One hat SpaceX aber auch etwas vorzuweisen. Ein funktionierendes, konkurrenzfähiges, vielleicht sogar wegweisendes Raketensysten. Eine für bemannte Flüge geeignetes Raumschiff. Bald auch noch eine Schwerlastrakete. Das ist schon mal die halbe Miete.

          Wer Musk jetzt sagt, er will ein interplanetares Raumschiff bauen, wohlgemerkt nicht für den Einsatz in 9 oder 10 Jahren, dann messe ich dem schon etwas mehr Gewicht bei als wenn ein Vertreter einer Organisation das sagt, die bis jetzt bei Licht betrachtet noch gar nichts Konkretes auf die Beine gestellt hat, noch nicht einmal ein Habitat, das autark unter ähnlichen Bedingungen funktioniert, wie sie auf dem Mars vorherrschen werden.

          Man sollte einfach mal einen Musk-Vortrag mit einem Lansdorp-Vortrag vergleichen. Beide findet man im Web. Bei Musk geht es immer um eins: Technik! Technik! Technik! Bei Lansdorp geht es um alles Mögliche. Motivation, Medien, Vision. Bloß ja nie um Technik. Ich weiß, wem ich da mehr Vertrauen schenke und mehr zutraue. Andere mögen das anders sehen.

      • Ich weiß ja nicht, ob man schneller am Ziel ist, wenn man den Gaul am Schwanz aufzäumt. Für eine Infrastruktur zu bezahlen, die man noch gar nicht braucht, weil man die technischen-wissenschaftlichen Voraussetzungen für den bemannten interplanetaren Flug noch gar nicht besitzt, finde ich jetzt nicht unbedingt die richtige Herangehensweise an das Problem. Lösungen für ein regeneratives Lebenserhaltungssystem und das Antriebs-Energie-Problem sind notwendig. Aber stattdessen werden Flugshows wie der EM-2 Circumlunar-Flug veranstaltet. Sollten nicht vielmehr Forschungsprojekte wie MELiSSA forciert werden?

    • Hm… also die NASA ist doch finanziell zu 100% vom Kongress abhängig, wenn ich mich nicht irre, d.h. die kann nur das machen, wozu der Kongress auch das Geld bereit stellt. Und das reicht doch vorne und hinten nicht so richtig, denn sonst müssten inzwischen doch eigentlich die Ares I und Ares V – Raketen fliegen und die damit verbundenen Transporter.
      Oder anders: Als mit dem Apollo-Porgramm die erfolgreiche Landung auf dem Mond gelungen war, das Wettrennen also gewonnen, sank das Interesse dramatisch und auch die Finanzierung wurde stark zurück gefahren, so das die ursprünglich noch geplanten Missionen Apollo 18 bis Apollo 20 letztlich gestrichen werden mussten. Die dafür vorgesehenen Raketen liegen jetzt in diversen Museen herum oder wurde für Skylab verwendet.
      Und vom derzeitigen Kongress und auch auf Grund der öffentlichen Stimmung ist kaum zu erwarten, dass die mehr Geld für die NASA locker machen, als sie unbedingt müssen. Da wird wahrscheinlich eher das Pentagon eine weit reichende Mission durchführen, als die NASA, vermute ich jetzt mal.

      • Ja, die NASA hat (lange Zeit) weder überzeugende neue Missionen lanciert noch die Weltraum-Technolgien grundlegend weiterentwickelt. Ganz anders als das Verteidigungsministerium, welches über die DARA auch im Forschungsbereich eine wichtige Rolle spielt.
        Grundlegende neue Weltraumtechnologien werden bei der NASA zwar im NIAC-Programm verfolgt, doch dort tröpfeln die neuen Ergebnisse eher heraus anstatt dass sie wie aus einem Füllhorn fliessen. Dabei muss die Weltraumtechnologie weiterentwickelt werden, wenn sie an Bedeutung gewinnen soll. Der Transport in den Orbit beispielsweise muss sehr viel billiger werden. Ein Ansatz wäre der Schuss ins All, was vor allem den Transport von Versorgungsgütern und Konstruktionsmaterial ins Alltag radikal verbilligen würde .Doch ein entsprechendes Programm gibt es nicht von der NASA, sondern es wurde von der DARPA aufgelegt:
        The Launch Ring: A Magnetic Satellite Launch System

        As part of a $500,000 Phase II contract awarded from the U.S. Department of Defense Small Business Technology Transfer Program, LaunchPoint engineers, under the direction of Jim Fiske, evaluated an innovative magnetically-levitated space launch system.

        Die rein privat finanzierte Firma Escape Dynamics verfolgt einen anderen Ansatz. Sie will die chemische Rakete durch die Beam-Powered Propulsion Rocket ersetzen. Dabei wird der Treibstoff im Startvehikel durch einen von aussen eingestrahtlen Mikrowellenstrahl auf die nötigen Temperaturen aufgeheizt. So sollen Nutzlasten bis 10% des Startgewichts möglich werden und ein wiederverwendbares Single-Stage-to-Orbit Vehikel möglich werden.

        Das gibt doch zu denken: Die NASA ist seit Jahrzehnten die weltweit wichtigste Wetlraumfirma/behörde. Doch wirklich Neues und Durchbrechendes hat sie ausser ganz zu Beginn (Mondprogramm) bis jetzt kaum geschaffen.

        • Der Einschätzung, dass die NASA keine überzeugenden neuen Missionen gebracht und die Weltraumtechnik nicht entscheidend voran getrieben hat, teile ich überhaupt nicht. Vielleicht ist einfach auch nur meine Erwartungshaltung niedriger (manche würden sagen: realistischer) als Ihre.

          Mit Missionen wie Voyager, Viking, Galileo, Cassini, MER und MSL im interplanetaren Bereich oder Hubble und dem JWST bei den Teleskopen hat die NASA wirklich gezeigt, dass sie es ist, die in der Weltraumtechnik die Maßstäbe setzt.

          • Einverstanden: Die NASA hat im gegebenen Rahmen sehr viel gemacht. Sie hat aber wenig wirklich neue Wetlraum-Technologien geschaffen oder erprobt. Und wenn – dann war es immer sehr spät. Beispiel: Kommunikation im Weltraum mit Laser, was wesentlich höhere Übertragungraten ermöglicht, sinnvoll beispielsweise um Daten von Teleskopen in L2 zur Erde zu übertragen. Stand der Dinge: The first gigabit laser-based communication was achieved by the European Space Agency and called the European Data Relay System (EDRS) on November 28, 2014.[4] The initial images have just been demonstrated, and a working system is expected to be in place in the 2015-2016 time frame.

            Die Technologie, die die optische Datenübertragung im Weltraum ermöglicht, gibt es mindestens schon seit 10 oder gar 20 Jahren.

            Generell habe ich den Eindruck, dass die NASA, natürlich aber auch die anderen Raumfahrtorganisationen, neben spektakulären Einzelmissionen, wenig unternommen haben um die Weltraumfahrt generell weiterzubringen. Es wurden auch wenige systematische Untersuchungen unternommen. Naheliegend wäre beispielsweise die systematische Erforschung der Mondoberfläche und zwar nicht nur mit Satelliten, die den Mond aus ihrem Orbit beobachten sondern auch mit automatischen Vehikeln, die den Mond abfahren. Der Aufwand dafür scheint mir nicht allzu gross. Zudem könnten die Erfahrungen für alle anderen Himmelskörper – wie den Mars – genutzt werden. Für den langen Zeitraum, den die NASA schon aktiv ist, hat sie in meinen Augen wenig erreicht: Der Zugang zum Weltraum, Kosten und Aufwand haben sich kaum geändert. Eher ist alles teurer geworden.
            Es verhält sich etwa so wie wenn nach der Entdeckung von Amerika durch Kolumbus weiterhin die gleichen Schiffe verkehrt hätten und nicht spezielle Transatlantikschiffe gebaut worden wären.

          • @Webbaer:
            Es muss ja auch nicht unbedingt immer gleich en „Mehrwert“ dabei heraus springen. Das Wesen der Grundlagenforschung ist ja gerade, dass ein solcher Mehrwert absolut Zweitrangig oder noch niedriger priorisiert ist. Und da die Raumfahrt in vielen Bereichen noch Grundlagenforschung ist, wird das mit dem Mehrwert so schnell nichts werden.

      • @Herr Holzherr:
        Ich glaube, Sie haben meinen hauptsächlichen Einwand nicht richtig verstanden, oder übersehen. Der Punkt bzw. das Problem ist doch, das die NASA, aber auch den ESA am Tropf der Politik hängen und nebenbei auch von der öffentlichen Meinung abhängig sind. Und solange die sowohl in der Politik als auch in der öffentlichen Wahrnehmung und Meinung nur eine begrenzte Aufmerksamkeit bzw. Daseinsberechtigung haben, werden die auch nicht soo viel Innovatives hervor bringen, wie sie könnten. Und solange sich daran nichts wesentlich ändert, werden die auch nicht sehr viel mehr an Innovationen hervor bringen, als sie es bis jetzt tun. Wenn sich das gesellschaftliche Klima mal wieder wandelt, werden sicher auch die Chancen grösser, dass es in der Raumfahrt wieder mehr Innovationen gibt.

        • Die mangelnde Finanzausstattung der NASA ist auch ein Grund, dass sie lange Zeit nichts Innovatives hervorbrachte. Aber nicht nur. Die NASA war auch zusehr auf die konventionelle Technologie fixiert – und ist es immer noch oder wieder so, nachdem das Space-Shuttle solch ein Misserfolg war. Jetzt baut sie wieder Raketen, die an die gute alte Saturn erinnern.

          Mein Eindruck: Die vielen privaten Weltraumunternehmen, die in den USA (aber auch anderswo) gegründet wurden und werden, machen dies teilweise, weil sie glauben, selber die Raumfahrt weiter voranbringen zu können als es die NASA getan hat. Bigelow-Aerospace will mit expandable space station modules bessere und kostengünstigere Wohnmodule im Orbit und auf dem Mond ermöglichen, SpaceX wiederverwendbare Raketenstufen bauen, Reaction Engines ein SSTO spaceplane bauen, Planetary Resources Ressourcen aus Asteroiden gewinnen, Shackleton Energy Company Treibstoffdepots im Orbit errichten, und so weiter und so fort. Keine dieser Firmen hat auch nur im Geringsten das Budget der NASA, aber viele haben Pläne, die über das hinausgehen was die NASA vorsieht.

          • Die Finanzausstattung der NASA war nie mangelhaft (im Vergleich zu den Raumfahrtausgaben anderer Nationen) und ist es auch heute mit etwa 0.5% des US-Bundeshaushalts immer noch nicht, obwohl es natürlich so ist, dass sowohl relativ wie auch absolut durchaus eine erhebliche Kürzung im Vergleich zu noch vor 15 oder 20 Jahren eingestellt hat.

            Die Ziele der bemannten Mondexploration oder das Einfangen eines Asteroiden, wie sie sich die NASA vorgenommen hat, sehe ich durchaus als weitreichende Vision.

  6. NBC News am 24.2.2018;

    In an email exchange with NBC News, Bas Lansdorp, Mars One’s chief executive and co-founder, insisted that the schedule was doable. He said the 2018 robotic missions were „still Mars One’s top priority, and we’re spending most of our efforts on them.“

    Das ist dann allerdings bedenklich. Wenn diese zwei Missionen tatsächlich oberste Priorität haben, obwohl sie eigentlich keine Aussagekraft für die Demonstration der technischen Kompetenz für eine bemannte Langzeitmission aufweisen, sollte das Anlass zu Zweifeln geben.

    Abgesehen davon, dass die behauptete oberste Priorität sich nicht mit der Aussage der Auftragnehmer verträgt, dass sie außer der Erstellung von Konzeptstudien keine weitere Arbeit für Mars One durchgeführt haben.

    Offensichtlich bestehen auch keine Verträge zwischen dem Launch Service Provider SpaceX und Mars One, obwohl schon Anfang des nächsten Jahrzehnts etlicher SpaceX-Raketen Starts für Mars One durchführen müssten und mindestens ein vorbereitender Transportflug mit einem modifizierten SpaceX-Dragon-Raumschiff stattfinden soll.

    Es wirkt schon sehr erstaunlich, dass da so ein Riesenprojekt ablaufen soll und niemand in der Industrie, die ja die Technik bereitstellen muss (wer sonst sollte das machen?) weiß etwas davon.

  7. Ich frage mich auch, hab bis jetzt noch gar nix dazu gelesen, wo die ganzen Sauerstoffreserven herkommen sollen, und die nötigen Ressourcen zum Überleben, wie z.B Ackerbau, Viehzucht etc.
    Da wir dort keine 12 Monate, 365 Tage etc haben, muss auch der Mensch sich dem anpassen. Was ist mit Krankheiten, Toilettengang? Wie wird das entsorgt?
    Und Und Und?!

    • Ja, die Bedingungen auf dem Mars sind um vieles extremer als selbst am Südpol: die Atmosphäre ist 100 mal dünner als die Irdische, entspricht also dem Druck in 40 km Höhe auf der Erde, was bedeutet, dass die Marsbewohner draussen einen Druckanzug tragen müssen. Auch die ionisierende Strahlung ist wegen der fast nicht vorhandenen Atmosphäre so stark, dass ein Habitat wohl unter der Marsoberfläche errichtet werden muss. Die Sonneneinstrahlung wiederum ist nur halb so stark wie auf der Erde. Sie als Energiequelle zu nutzen ist alles andere als ideal, besser wäre wohl ein Nuklearrektor, was aber zusätzliches Gewicht bedeutet. Die mittlere Oberflächentemperatur liegt mit -55 Celsius ebenfalls unter der Durchschnittstemperatur des Südpols. Die Mars-One Anwärter sollten vielleicht zur Vorbereitung einen Winter am Südpol in einer der Südpol- Stationen verbringen, dann würden es sich einige wohl anders überlegen.

      • Die Mars-One-Leute haben sich aber bereits von vorneherein auf Solargeneratoren festgelegt und eine nukleare Energieversorgung ausgeschlossen. Was natürlich die Frage nahe legt, was sie denn im Falle eines globalen Staubsturmereignisses machen wollen, was dort alle paar Jahre einmal geschieht und wobei die Sonnenenergie, die die Oberfläche erreicht, durchaus um mehr als 95% gegenüber den Bedingungen bei klarem Himmel geschwächt sein kann – bis zu einige Wochen oder schlimmstenfalls Monate!

        Rover oder Landeplattformen kann man während solcher Zeiten in einen Hibernationsmodus schalten. Leute auch?

    • Die Mars-One-Leute werden dazu hoffentlich Antworten haben. Es ist allerdings richtig, dass die sich öffentlich – und sie machen ja eine ganze Menge Öffentlichkeitsarbeit; ich habe Bas Lansdorp in Berlin bei der Campus Party sprechen sehen – fast ausschließlich um Aspekte kümmern, die nach meinem Dafürhalten nicht „Core“ sind. Ja, psychologische, motivationelle und finanzielle Aspekte soll man nicht ganz außen vor lassen. Aber irgendwann will man doch mal hören, wie die die ganzen technischen Probleme angehen wollen.

      Das, was Sie genannt haben, sind in der Tat Beispiele für gabz konkrete, nahe liegende Fragen, zu denen der Antworten parat haben sollte (und hoffentlich auch hat), der sich groß hinstellt und behauptet, in weniger als 10 Jahren mit dem Aufbau einer permanenten bemannten Kolonie auf eiunem anderen Planeten beginnen zu wollen.

      In Studien zu bemannten Missionen, an denen ich mitgearbeitet habe, waren solche Fragen immer zentrale Punkte. Wenn man dazu keine überzeugenden Antworten findet, dann sind das Show-Stopper. Deswegen sollte man sich besser alle Mühe geben, überzeugende Antworten zu finden.

      Sie sprechen auch die Toilettengänge an. Ich möchte den Punkt erweitern und aufgreifen. Bei allen Mars-Missionen, die ich kenne, ist „Planetary Protection“, also der Schutz des Zielplaneten vor eingeschleppten Organismen irdischen Ursprungs, der ganz zentrale Punkt.

      Jede Mission muss immer einen überzeugenden „Planetary Protection Plan“ vorlegen. Hat man keinen, sehe ich nicht, wie man einfach diese Mission trotzdem durchziehen könnte.

      Tatsache ist doch, dass wir gar nicht wissen, ob der Mars einmal Leben hervorgebracht hat und ob sich das Leben vielleicht irgendwo halten konnte. Aktuelle Missionen, angefangen bei den Viking-Landern udn bestimmt noch nicht bei dem ExoMars-Rover der ESA endend, wollen dazu beitragen, dass die Wissenschaft eine Antwort auf diese Frage finden kann. Zumindest Hinweise, die weiter helfen.

      Das Wichtigste dabei ist, dass man die Kontamination so weit wie technisch möglich ausschließt. Landemissionen dringen in Regionen vor, bei denen tatsächlich irdische Lebensformen nicht nur inaktiv, sondern reproduktionsfähig überleben könnten. Beispielsweise wenn man Bohrungen vornimmt, die in Regionen vorstoßen, die von kosmischer Strahlung oder chemisch aggressiven Substanzen wie Wasserstoffperoxid nicht mehr betroffen sind.

      Bei bemannten Missionen kann man aber solche Kontamination nicht ausschließen. Menschen kann man nicht keimfrei machen. Bemannte Missionen sollten also keiensfalls gemacht werden, solange nicht (wie beim Mond) die Existenz extraterrestrischer Lebensformen am Zielort ausgeschlossen werden kann.

      Allein schon aus diesem Grund, selbst wenn es die ganzen anderen Zweifel nicht gäbe, müsste man das Vorhaben von Mars One kritisch sehen. Deren Vorhaben ist wissenschaftliche Barbarei. Die würden, wenn sie das wirklich durchziehen können, die unwiderbringliche Zerstörung des größten und wichtigsten wissenschaftlichen Fundes aller Zeiten riskieren.

      Das ist in etwa so, als würde man die Qumran-Schriftrollen dazu benutzen, sich den Hintern zu wischen.

      Der große Meister hat dazu übrigens (wie zu allem) eine sehr treffende Kurzgeschichte geschrieben: „Before Eden„. Da geht es zwar um Venus, nicht um Mars, aber die Aussage trifft im einen wie im anderen Fall zu.

  8. „Die würden, wenn sie das wirklich durchziehen können, die unwiderbringliche Zerstörung des größten und wichtigsten wissenschaftlichen Fundes aller Zeiten riskieren.“
    Ich persönlich bin mit Superlativen immer etwas vorsichtig; meines Erachtens wäre das Aufspüren von Leben auf einem Planeten um eine andere Sonne ein grösserer und wichtigerer wissenschaftlicher Fund als das Aufspüren von Leben auf dem Mars, zumal man nun gar nicht ausschliessen kann, dass nicht gewisse resistente Bakterien in einem Meteoriten von der Erde den Flug zum Mars überlebt haben. Umgekehrt war das ja schon einmal vor Jahren ein Thema.

    Freundliche Grüsse, Ralf Kannenberg

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben