Heimat und Identität: Großartige Trostlosigkeit

„Großartige Trostlosigkeit“ – so beschrieben die Apollo-11-Astronauten Armstrong und Aldrin spontan ihren Eindruck von der Mondoberfläche, die sie als erste Menschen im Juli 1969 betraten. Dies war die Krönung des gewagtesten Abenteuers und der größten wissenschaftlichen Unternehmung aller Zeiten.

„Großartige Trostlosigkeit“- das klingt im Original sogar noch besser: „Magnificent Desolation“ – beschreibt die lunare Szenerie erschöpfend. Mehr Worte braucht man eigentlich nicht, und besser kann man sie nicht beschreiben – schon gar nicht prägnanter.

Das ist einfach nicht unsere Welt. Dies spürt instinktiv selbst der, der sonst gar nichts über den Mond weiß. Vakuum, kosmische Strahlung, Meteoroiden, langer Tag-Nacht-Zyklus mit extremen Temperaturunterschieden, elektrostatisch geladener Staub – all das ist nebensächlich: diese Landschaft berührt den menschlichen Betrachter viel tiefer. Sie bietet in ihrer kalten, abweisenden Schönheit ganz und gar nichts von allem, was wir auf unserem blauen Paneten als gegeben voraussetzen und alle unsere Vorfahren immer als gegeben vorausgesetzt haben und ohne das wir vielleicht – mit großem Aufwand und unter erheblichen Risiken – existieren könnten, aber nicht leben.

Ich würde ganz sicher keine Sekunde zögern, hätte ich die Chance, auch auf der Mondoberfläche zu stehen und mit eigenen Augen diese Landschaft zu sehen. Aber nur, wenn am Ende der Reise der Planet steht, der im letzten der folgenden Fotos im Himmel über dem Taurus-Littrow-Tal steht: Die Erde, unsere Heimat.

Weitere Information

The Project Apollo Image Gallery

Digital Image Collection des NASA-Johnson Spaceflight Center JSC

Webseite des Lunar and Planetary Institute (LPI), Houston, TX. Hier geht es zu den Apollo-spezifischen Seiten des LPI


Im Folgenden finden Sie einige der historischen Apollo-Bilder von der Mondoberfläche. Bitte klicken Sie auf die Bilder, um größere Versionen zu laden, die Sie ggf. durch nochmaliges Klicken in Originalgröße versetzen müssen. Und schauen Sie bei Gelegenheit doch auch selbst mal in die NASA-Archive und wählen Sie dort Ihren persönlichen Favoriten. Es wird Ihnen wahrscheinlich so gehen wie mir: Der Schönheit dieser so fremden Landschaft kann man sich nicht entziehen, aber es bleibt auch eine deutliche Beklemmung. Dort fühlt man sich nicht heimisch, und daran wird sich wohl auch nichts ändern, auch wenn in der Zukunft noch viele Menschen ihre Fußspuren in diesem Staub hinterlassen werden.

Eine der ersten Landschaftsaufnahmen vom Mond im Mare Tranquillitatis während der Apollo-11-Mission, 21. Juli 1969, Quelle: NASA/JSC

Apollo-15-Aufnahme in nördlicher Richtung entlang Rima Hadley während EVA 1 am 31. Juli 1971, Quelle: NASA/JSC

Apollo-16-Aufnahme im Descartes-Hochplateau vom Shadow Rock mit dem Smoky Mountain im Hintergrund, gemacht während der dritten EVA am 23. April 1972, Quelle: NASA/JSC

Apollo-17-Aufnahme mit dem LM „Challenger“ vor einer beeindruckenden Bergkulisse, Quelle: NASA/JSC

Apollo-17-Aufnahme von Gene Cernan mit Harrison Schmitt am Rover während der EVA 2 am 13. Dezember 1972, Quelle: NASA/JSC

Panoramabild des Taurus-Littrow-Tals, zusammengesetzt aus Aufnahmen von Gene Cernan während der Apollo-17 Mission 1972. Im Bild: Astronaut Harrison Schmitt auf dem Weg zum Rover. Quelle der Originalaufnahmen: NASA/JSC. Dieses Panorama war APOD am 10.12.2006, Quelle: M. Constantine, moonpans.com

AS17-137-20957, Quelle: NASA

Apollo 17: Die Erde über Taurus-Littrow, aufgenommen während der zweiten EVA am 13. Dezember 1972, Quelle: NASA/JSC

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Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Heimat in den Mondbergen

    Die Beschreibung „Magnificent Desolation“, welche die ersten Worte von Buzz Aldrin beim Betreten der Mondoberfläche waren, trafen sehr gut auf die trostlose Ebene des Mare Tanquilitatis zu. Besonders bei den letzten drei Mondlandungen, die in landschaftlich viel abwechselungreicheren Bergregionen stattfanden und bei denen zudem noch ein Auto zur „bequemeren“ Erkundung zur Verfügung stand, fanden die Astronauten aber viel vertrautere Worte. Auch war der Aufenthalt bei diesen letzten Missionen mit drei Tagen länger als beim ersten Mal.

    Falls man mir ein Bungalow in der Mondalpen zur Verfügung stellen würde, könnte ich mir es ja mal überlegen. Dann wäre ich endlich die irdische Lichtverschmutzung los!

  2. Kinder

    Es gibt auf der Erde auch viele Menschen, die desolate Gegenden wie z.B. Wüsten als ihre Heimat betrachten. Ich denke, falls irgendwann einmal tatsächlich Kinder auf dem Mond geboren würden und dort aufwuchsen, würden sie sich dort heimisch fühlen und die Erde als fremdartig ansehen.

  3. @Gerhard Holtkamp

    Das mit dem „vertrautere Worte“-Finden könnte aber auch daran liegen, dass die späteren Apollo-Astronauten in Geologie geschult wurden. Sie haben also die sprachliche Beschreibung von geologischen Formationen auf ihrem Flug von der Erde mitgenommen. Das ist ein schönes Beispiel, wie wir uns sprachlich gar nicht von unserer Heimat lösen können und die fremdartigen Dinger mit den Worten unserer Heimtasprache belegen. Wunderbar beschrieben findet man diesen Gedanken im Roman „Solaris“ von Stanislaw Lem.

  4. Antworten

    @Gerhard: Ich habe doch mehrheitlich Aufnahmen aus den J-Missionen (Apollo 15-17) in die Bilderliste aufgenommen. Ich finde sogar, diese Bilder jagen mir eher noch mehr als die aus dem Mare Tranquillitatis einen Schauder über den Rücken. Was man dort sieht – und sicher auch spürt, wenn man dort oben ist – ist diese unvorstellbare Altertümlichkeit.

    Fast alles Gestein auf dem Mond ist mehr als dreieinhalb Milliarden Jahre alt. Selbst, wenn man die Zahl nicht kennt, sieht man doch, wie erstarrt alles ist – deswegen ist ja das Gestein so alt, weil der Mond geologisch (weitgehend) tot ist alle Verwitterungsprozesse so langsam verlaufen. Alles, was wir auf der Erde kennen und unwillkürlich erwarten, Bewegungen, Wind, Leben – die ungeheure Dynamik eines lebenden Planeten! – nichts davon gibt es dort.

    Das macht die Großartigkeit aus, aber es bedrückt doch auch. Allein das Wissen, dass sich in der Spanne unseres Lebens so gut wie gar nichts sichtbar verändert – das genaue Gegenteil von unserer irdischen Erfahrung.

    Was den Bungalow in den Mond-Appeninen angeht, ich würde da eher eine Time-Share-Vereinbarung bevorzugen, oder ich komme dich dort besuchen, denn die lunare Erfahrung möchte ich natürlich machen.

    (Tun wir mal so, als wäre ein solcher Bungalow wirklich ein Bungalow und nicht ein unter drei Meter Regolith verbuddelter Kaninchenbau)

    @Mierk Schwabe: Ich denke, der wesentliche Punkt ist, dass es nirgendwo auf der Erde Orte von solch majestätischer Trost- und Leblosigkeit gibt. Irdische Wüsten sind alles andere als leblos und alles andere als statisch. Es gibt Wind, Wasser und an die Bedingungen angepasste Pflanzen und Tiere. Auch die Erosion läuft um viele Größenordnungen schneller als auf dem Mond – deswegen gibt es ja auf dem Mond so viel ur-ur-uraltes Gestein, auf der Erde fast gar nicht.

    Sollte es dazu kommen, dass auf dem Mond Kinder geboren werden (ich glaube es kaum, aber nehmen wir das mal an), dann hoffe ich für sie, dass sie sich dort heimisch fühlen. Ob solche Menschen, gezeugt, geboren und aufgewachsen unter 1/6 g, noch ohne Gefahr zur Erde zurückkehren können? Falls nicht, tun sie mir leid und ich kann nur hoffen, dass sie das Erbe ihrer Gene abstreifen oder zumindest ignorieren können.

  5. Die Erde

    Ich finde diesen Beitrag deswegen herausragend aus diesem Gewitter, also aus dem Bloggewitter wie auch aus dem momentanen, gesellschaftlichen Gewitter, weil er mit seiner schlichten Aussage für mich alle anderen Beträge eigentlich ad absurdum führt.

    Heimat ist zuallererst und nicht zuletzt die Erde.

    Davon, von diesem urmenschlichen Gedanken als es noch keine Länder gab, müssen wir in jeder Debatte ausgehen und dann über den heutigen Sinn dieser Grenzen sehr kritisch nachdenken.

    Geht es nur mir so beim Lesen dieses Beitrages?

    Denn wenn wir uns weiter die Stimmung mit solchen Debatten versauen, würde ich vielleicht doch bald gerne auf dem Mond leben wollen.

  6. @Markus A. Dahlem

    „Heimat ist zuallererst und nicht zuletzt die Erde.“

    Ich glaube nicht, dass das ein urmenschlicher Gedanke ist, sondern das Geschenk der Raumfahrt.

    Wie immer, wenn man verreist, freut man sich, auf seine Heimat. Das besondere an der bemannten Raumfahrt ist, dass der Heimatbegriff auf die ganze Erde ausgedehnt wird. Gab es dieses Gefühl (es ist ja weniger ein Gedanke) schon vor Apollo?

  7. Letzte Worte aus dem Mondorbit

    Hier sind die Worte von Apollo 17 Kommandant Eugene Cernan, Pilot Ron Evans und Geologe Jack Schmitt beim Verlassen der Mondumlaufbahn.

    Cernan: We ‚re on our way home, guys.
    Evans: Hot dog !
    Cernan: We’re on our way home.
    Schmitt: Yes, sir.
    Cernan: I’ll tell you, it’s good to be on your way home, boy.

    Ob es mal irgendwann eine Menschen-Generation geben wird, die eine Heimat auch außerhalb unseres Blauen Planeten findet? In näherer Zukunft wohl kaum.

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