Apollo – Was hatten wir davon?

Heute jährt sich zum vierzigsten Mal der bedeutendste Augenblick der Menschheitsgeschichte: der Moment, in dem erstmals menschliche Wesen mit einem menschengemachten Fahrzeug auf einem fremden Himmelskörper landeten.

(Read this post in English here)

Es ist erstaunlich, aber anscheinend doch so: Manchen Zeitgenossen gelingt es nicht, dieses Ereignis sowie das Programm, das es ermöglichte, entsprechend zu würdigen.

 

 

 Dieses Bild ist symbolisiert mehr als jedes andere den technischen Fortschritt des 20sten Jahrhunderts:Ein Astronaut im Raumanzug auf dem Mond (hier Buzz Aldrin, Apollo 11)

 

Nun ist es durchaus gerechtfertigt, wenn bei der größten technischen Unternehmung der Menschheitsgeschichte auch nach dem Nutzen gefragt wird. Immerhin hat das Apollo-Programm die Summe von 25 Milliarden Dollar der damaligen Zeit gekostet – nach heutiger Kaufkraft etwa das Fünffache. Eine Stange Geld; da wird man wohl fragen dürfen, was am Ende herausgeschaut hat.
Natürlich ist diese Frage legitim. Nur scheint es mir so, dass die Suche nach der Antwort sich oft so gestaltet, als lege man es förmlich darauf an, gar keine Antwort zu finden.

Wie anders ist das Aufzählen von Einzelprodukten wie Gürtelreifen, Bar-Codes, Space-Pens oder gar Teflonpfannen (die im Übrigen gar nicht der Raumfahrttechnik entsprangen) zu verstehen? Ein so breit angelegtes Programm wie Apollo kann doch nicht anhand betriebswirtschaftlicher Kriterien wie Rendite oder gar der Aufzählung einzelner Produktgruppen bemessen werden. Allein dieser Denkansatz erscheint mit dermaßen offensichtlich kleinkrämerisch, dass ich da wirklich üble Absicht unterstelle.

Der volkswirtschaftliche Nutzen kann natürlich nicht in Heller und Pfennig bemessen werden. Dennoch kommen diejenigen Studien, die sich dieses Aspekts annehmen, zu dem Schluss, dass dieser Nutzen ein Mehrfaches der investierten Summe beträgt. Dieser volkswirtschaftliche Ertrag lässt sich sehr einfach umreißen:

  • Raketentechnik, Satellitentechnik, Herstellungstechniken und Kernelemente der Informationstechnologien wie Computertechnik, Netzwerktechnik und Datenfernübertragung erfuhren dank der massiven zielgerichteten Investitionen einen gewaltigen Innovationsschub. Gerade in der Raumfahrttechnik ist auffällig, wie sie binnen kürzester Zeit den Kinderschuhen entwuchs und zu einer zuverlässigen, verfügbaren Größe wurde. Nun sind aber alle diese Punkte „enabling technologies“, d.h., sie machen vielfältige andere Technologien erst möglich, beispielsweise Satellitenkommunikation, satellitengestützte Meteorologie, Erdbeobachtung oder Satellitennavigation, von denen jede für sich schon wieder eine neue Schlüsseltechnologie mit fast endlosem Potenzial darstellt.
  • Naturwissenschaft und Technik bekamen in der Allgemeinheit einen ganz anderen Stellenwert, und junge Leute, die sich von diesen Feldern abgewandt hatten, begannen sich wieder dafür zu interessieren und diese Fächer zu studieren – etwas ganz Wesentliches für eine Industriegesellschaft. Nur eine Gesellschaft, die technisch führend ist, kann auch ihren Wohlstand garantieren und im internationalen Wettlauf mithalten. Das war bereits beim Anstoß für den „space race“ durch Präsident Eisenhower ein wesentlicher Antrieb.

Klar – niemand kann beweisen, dass das alles ohne Apollo nicht geschehen wäre. Aber dieser Beweis ist auch nicht erforderlich. Dank Apollo gab es diesen volkswirtschaftlichen Ertrag, deswegen war das Apollo-Programm gesellschaftlich gesehen nutzbringend. Soviel zu diesem Argument.

Nun kommt immer das nächste Argument, das auf einem fadenscheinigen und letztendlich sogar zynischen Humanitätsgedusel aufsetzt. Dieses Argument ist fast immer gleich formuliert, ich kann es schon mitsingen: „Wir haben auf der Erde so viele Probleme, die hätte man erst mal lösen können, bevor man zum Mond fliegt!“. Das scheint ja auf den ersten Blick ganz überzeugend, wer dagegen etwas sagt, setzt sich dem Verdacht aus, ihm seien die Probleme der Welt egal. Dabei ist das Argument in seiner Beliebigkeit völlig ohne Aussagekraft.

Denn so viel Apollo auch gekostet hat, für andere Dinge, deren Nutzen viel geringer wiegt, geben Gesellschaften ohne viel Federlesens viel  mehr Geld aus. Präsident Kennedy hat die Gelder für Apollo schon in seiner Rede an der Rice Universität selbst relativiert, indem er sie mit den Ausgaben für Tabakwaren verglich. Apollo kostete die Amerikaner weniger, als sie jährlich fürs Qualmen auszugeben bereit waren.

Ganz oben auf der Liste steht natürlich der unwiderstehliche Wunschkandidat der Menschheit, wenn es um krasse Geldverschwendung geht: Kriegführung! Der Vietnamkrieg kostete im Monat so viel wie das Apollo-Programm im Jahr – ich rede allein von den direkten Kriegskosten, nicht von den Folgekosten für den Aufbau der zerstörten Länder Vietnam, Laos und Kambodscha. Dabei sind auch noch nicht die 1.5 bis 4 Millionen Kriegstoten sowie die weiteren Millionen Invaliden und weiteren Opfer eingerechnet, denn für die kam der US-Steuerzahler nicht auf. Also – dass nun gerade die wissenschaftliche Forschung für das Elend der Welt verantwortlich sein soll, geben die Fakten nicht her. Das Argument ist einfach Müll.

Natürlich kann man nicht den Wert von allem in Geld ausdrücken. Ich habe das hier auch nur getan, weil ich mich zu bekannten Argumenten geäußert habe.

Die berühmte Rede von Präsident John F Kennedy an der Rice University („We choose to go to the Moon …“). Immer noch eine der bekanntesten und inspirierendsten politischen Reden aller Zeiten

Der wichtigste Erfolg der Apollo-Mission ist, dass praktisch die gesamte Weltgemeinschaft, außer denen, die es nicht durften oder konnten (wie die Einwohner des vom quasi-religiösen Wahn der Kulturrevolution zerrütteten China), emotional daran teilhatte. Dies war das erste Mal, dass Menschen wirklich überall, fast in Echtzeit, den Verlauf derselben menschlichen Leistung verfolgten, sodass das öffentliche Leben zeitweise zum Stillstand kam.

Nun kommt man mir üblicherweise mit dem Argument, dies sei auch bei jedem Endspiel der Fußball-WM der Fall. Die Steilvorlage, die mir die Gelegenheit gibt, darauf herumzureiten, dass auch dies ein Verdienst der Weltraumtechnik ist – denn ohne Satelliten auch keine Direktübertragungen von überall – nehme ich en passant wahr.

Ich will aber darauf hinaus, dass es einen wesentlichen Unterschied gibt.

Die Zuschauer, die einen brasilianischen Stürmer beim Elfmeter in Großaufnahme sehen, wollen nicht alle dasselbe. Die einen wollen, dass er trifft, viele – zumindest die Argentinier – wollen, dass er versagt.

Gedenkplakette am Apollo-11 LandemodulAber bei der Übertragung der Mondlandung fieberten alle Zuschauer für die beiden Menschen mit, die da ihr Leben für eine Unternehmung nie gesehener Kühnheit riskierten. Hier war es, vielleicht zum ersten Mal überhaupt – auch deswegen war dies der wichtigste Augenblick der Menschheitsgeschichte – ausnahmsweise einmal so, dass Nationalität und ethnischer und religiöser Hintergrund von Beteiligten wie Zuschauern nebensächlich wurden.

Da ging es nur noch um zwei Menschen, Menschen wie wir, und wir Zuschauer wollten nur eins: Dass sie heil auf dem Mond landeten und heil wieder zurückkamen – d.h., dass ihre Unternehmung ein Erfolg wurde. Alles andere trat in den Hintergrund.

Die auf dem Mond zurückgelassene Plakette trug die folgenden Worte:

We came in peace for all mankind.

Das war in diesem Fall weder eine Übertreibung noch Propaganda. Es stimmte einfach.

Auch das ist Teil der historischen Bedeutung von Apollo.

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

24 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hervorragendes Statement, das die große kulturelle und technologische Bedeutung des Apollo-Projekts mit guten Argumenten auf den Punkt bringt.
    Danke.

  2. Volle Zustimmung!

    Lieber Michael,
    meine volle Zustimmung zu dem Text, insbesondere der Diskussion des (unsinnigen) Humanismus-Arguments (in diesem Zusammehang).

    Bei der Diskussion des Fußball-Arguments würde ich aber auch noch anführen, dass es schon einen Unterschied in der kulturellen, technischen und intellektuellen Dimension des Ereignisses macht ob jemand auf ein Tor schießen kann oder ob man es fertig bringt, zwei Menschen auf einem 380 000 km entfernten Himmelskörper sichern landen zu können…

    Gruß,
    Leonard

  3. Going to the moon

    Ich denke der Kommentator und Präsident Kennedy haben es gut gesagt: Politik spielt im Weltraum zunächst einmal keine Rolle und die Reise zum Mond stellte eine ungeheure Herausforderung für die gesamte Menschheit dar. Und wir sehen bereits jetzt wie in der ISS Menschen vieler Natonen und unterschiedlichster politischer Systeme sehr gut zusammenarbeiten können. Das bedeutet doch: Wir müssen einfach den Horizont überwinden um zu erkennen wie kleinkariert wir Menschen oft denken und handeln. Es muss nicht gleich die Grenze zum Weltraum sein, es reicht schon die Grenze zum Nachbarland – die überschritten werden muss – aber diesen Weg muss man gehen, sonst verfestigen sich einfach nur die lang gehüteten Vorurteile. Ich denke, Astronauten gäben wirklich gute Politiker ab, denn sie haben einfach den weiteren Horizont dr uns oft fehlt…

  4. Right!

    So ist es! Wenn ich auch Leonard Burtscher zustimmen muß, daß ein präziser Torschuß eine weitaus größere Anforderung an die IT stellt als eine Mondlandung. Die kickenden Roboter sind ja bisher sehr viel weniger überzeugend als die Raumfahrzeuge.

    Übrigens empfand ich die Mondlandung wie auch später meinen ersten eigenäugigen Blick durch mein kleines Teleskop auf den Andromedanebel durchaus als spirituelles Ereignis. Das unmittelbare sinnliche Erleben der Tatsache, daß wir Bewohner eines Gesteinsbrockens sind, der im kosmischen Maßstabs völlig unbedeutendend ist, und nicht Gottes Ebenbilder im Zentrum des Universums, wirkte auf mich ebenso erschütternd wie, sagen wir, das „Über Sternen muß er wohnen“ im Schlußsatz von Beethovens Neunter Symphonie. Für mich kulminieren in der Mondlandung drei große Traditionslinien: neben der naturwissenschaftlichen und der humanistischen, die sie erwähnen, dem „bestirnten Himmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir“, um es mit Kant zu sagen, auch eine dritte, die von Stonehenge und den Pyramiden über die Kathedralen zu Apollo 11 führt. Ich stimme Ihnen zu: das bedeutendste Ereignis der Menschheitsgeschichte. Schade, daß wir die Vulkanier nicht angetroffen haben.

  5. Leonard, J. Bolt

    Ja, Zustimmung. Fußball ist etwas ganz Anderes. Wenn ich mir vorstelle, ich stehe am Elfmeterpunkt und Júlio César steht im Kasten … dann traue ich mir doch eher die komplette Missionsanalyse einer bemannten Mondmission zu als dass ich erwarten könnte, das Tor zu machen.

    (Ja, Leonard, ich hatte verstanden, was du meinst, und ich stimme zu. Ich habe da nur ein Argument aufgegriffen, was mir schon einmal so entgegengebracht wurden, von jemandem, der zu der Klasse Mensch gehört, die grundsätzlich immer alles, was groß und gelungen ist, kleinreden müssen. Solche Leute nennen das aber nicht „kleinreden“, sondern „relativieren“, das klingt besser)

    J. Bolt: Auch Ihren weiteren Punkten stimme ich zu. Das Apollo-Projekt ist *auch* eine kulturelle Leistung. So wie die Matthäuspassion von Bach, so wie die chinesische Mauer, so wie eine perfekt gearbeitete Armbanduhr, so wie Stonehenge und andere Bauwerke, die das Können ihrer Erbauer bis an die Grenzen strapazierten. Das haben wir Menschen geleistet. Bei allem Mist, den wir bauen, immerhin gibt es auch große Leistungen, auf die wir stolz sein koennen.

    Den Schock, die Erde in ihrer Fragilität und Kleinheit vor dem immensen schwarzen Hintergrund des Weltalls zu sehen, erfuhren wir schon mit Apollo 8, Es ist interessant, zu untersuchen, was dies für das Selbstverständnis der Menschen bedeutet.

    Sehr schön finde ich die Formulierung des „sinnlichen Erlebens“. Da ich selbst bekennender Mondsüchtiger bin und beim „Wandern“ über die Mondoberfläche mit dem Teleskop durchaus auch den rein sinnlichen Genuss empfinde, kann ich diesen Gedankengang absolut nachvollziehen.

    Niemand, der das Bild der kleinen blauen Murmel kennt, die man, wie Astronaut Jim Lovell sagt, vom Mond aus gesehen schon mit dem eigenen Daumen am ausgestreckten Arm verdecken kann, kann sich diesem Eindruck der Kleinheit, der Unwichtigkeit unseres Heimatplaneten entziehen. Aber ebensowenig kann man sich der Einsicht entziehen, dass diese kleine Erde nun einmal unser aller Heimat ist und dass das, was uns eint, viel stärker ist als das, was uns trennt.

    Und: Zwar hat man dort draußen die Vulkanier nicht angetroffen. Aber zumindest ist man auch nicht auf Vogonen gestoßen.

  6. @ Bednarik

    Im Spam ist er nicht gelandet. Haben Sie spitze Klammern verwendet oder über eien Stunde am Kommentar geschrieben?

  7. Befürworter der Raumfahrt

    Ich bin schon seit 1957, damals war ich 11 Jahre alt, ein Befürworter der Raumfahrt.

    Allerdings gibt es neben der Teflonpfanne noch ein paar andere Missverständnisse über die Raumfahrt.

    Weil ein normaler Kugelschreiber nicht bei Schwerelosigkeit funktioniert, wurde in den USA der Fischer Space Pen entwickelt.

    In der UDSSR verwendete man in den Raumschiffen einfach Bleistifte, und diese Bleistifte funktionierten zwischen 0 und 10 g immer einwandfrei.

    Ein Akkuschrauber ist im Garten bestimmt sehr nützlich, aber eine Steckdose an der Aussenseite eines Raumflugkörpers wäre ebenfalls keine grosse technische Herausforderung (vielleicht noch ein kleines Deckelchen mit Hitzeschild).

    Was meinen letzten Beitrag angeht:

    Bevor sich die Vulkanier für die Menschheit interessieren, muss die Menschheit noch den dritten Weltkrieg und einen Warp-Flug durchführen.

    Die Literatur dazu:

    http://de.wikipedia.org/…Trek:_Der_erste_Kontakt

  8. Akkuschrauber und andere Produkte…

    Der Punkt ist doch, dass es nicht auf Spin-Off-Produkte ankommt. Die Presse schaut viel zu oft nach einzelnen Produkten und versucht, den Wert eines Projekts daran zu bemessen. Das ist aber wenig hilfreich, weil dann die viel wichtigeren volkswirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Aspekte aus dem Blickfeld geraten.

    Den Zusammenhang zu Star Trek kann ich beim besten Willen nicht entdecken, vielleicht sollte man ihn auch nicht konstruieren.

    Da Sie aber nun doch spezifisch einzelne Produkte herausgreifen, wie den Space Pen und den Akkuschrauber, moechte ich mich dazu äußern, wenn auch kurz, da diese Diskussion eigentlich eine ganz andere ist:

    Das Beispiel von den angeblich besseren und sicher billigeren, weil bereits entwickelten Bleistiften wird oft zitiert. Hält es auch der Begutachtung stand? Immerhin verkaufen sich Kugelschreiber auf der Erde ganz gut – warum eigentlich, wenn Bleistifte alles genausogut koennen?

    Offenbar gibt es doch gute Gründe, warum Kugelschreiber eingesetzt werden. Speziell auf den Weltraum bezogen: Graphitabrieb und Krümel vom Anspitzen sind unter Schwerelosigkeit problematisch bis gefährlich. Bei 1 g sind sie vielleicht kein Problem, bei 0 g schon, wenn sie elektrische Kontakte überbrücken oder verschmutzen.

    Die Sowjets moegen, falls die Geschichte überhaupt stimmt und nicht nur eine „Urban Legend“ ist, das Risiko akzeptiert haben. Die NASA hat sich da offenbar anders entschieden, und die Gründe erscheinen mir durchaus nachvollziehbar. So wie man übrigens recht oft, wenn man sich die Details technischer Entscheidungen bei NASA-Projekten anschaut, zu dem Schluss kommt: „Mensch, die Jungs und Mädels wissen wirklich, was sie tun, es ist vielleicht kein Zufall, dass die im Weltall führend sind.“

    In Bezug auf Akkuschrauber: Wenn man sich die Dimensionen von bemannten Raumfahrzeugen anschaut und damit die theoretisch von Steckdose zu Anwendungsort zu überwindende Kabellänge, und wenn man sich überlegt, welchen Oberflächentemperaturen eventell ein Stromkabel ausgesetzt wäre und an wievielen hervorstehenden Stellen es hängenbleiben koennte, dann kommt man sehr schnell zu der Einsicht, dass ein Akku-betriebenes Gerät die bessere Loesung ist.

    Soviel zu diesen Punkten, obwohl sie eigentlich nicht zum Thema gehoeren.

    Nochmals, Apollo wurde innerhalb des Budgets und innerhalb des Zeitplans erfolgreich realisiert. Das wird heute leicht mal vergessen. Dem steht gegenüber, dass solche Kriterien heutzutage anscheinend schon bei einem neu zu pflasternden Bahnhofsvorplatz nicht mehr einzuhalten sind.

    Was auch immer man kritisiert oder besser zu wissen meint: Das sollte man auch im Hinterkopf behalten. Nur so als Denkanstoß.

  9. Saugkräftige Windeln

    Und saugkräftige Windeln.

    Als Alan Shepard zu hören bekam:

    „Do it in the suit“

    dachte er betimmt an saugkräftige Windeln, die damals noch entwickelt werden sollten.

    *****

    Versagt der Computer?

    Nein.

    Versagt der Hitzeschild?

    Nein.

    Versagt die Toilette?

    Leider ja.

  10. Ein umfassender und treffend argumentierter Beitrag Herr Khan!

    Der Schritt in den Weltraum ist eine logische Konsequenz auf der Entwicklungsleiter der Menschheit und dem Streben, sich zu verbessern. Einer der Raumfahrtpioniere aus alter Zeit, Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski, brachte damals schon den treffenden Satz hervor:

    „Es stimmt, die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber der Mensch kann nicht ewig in der Wiege bleiben. Das Sonnensystem wird unser Kindergarten.“

  11. @Karl Bednarik: Hitzeschild

    Sie haben Recht, der Hitzeschild hat bei keiner der Mercury, Gemini oder Apollo-Kapseln versagt – und auch sonst keine lebenswichtigen Komponenten. Bei der Mercury-Mission mit John Glenn (Erster bemannter orbitaler Raumflug der USA) erschien es allerdings zeitweise so, als hätte es eine zu frühe Abloesung des Hitzeschilds gegeben. Dies war aber zum Glück nicht der Fall.

    http://www.thespaceplace.com/…ury/mercury06.html

    Es hat natürlich auch viel schwerwiegendere Probleme gegeben als dies, und allemal als Alan Shepards nasse Unterwäsche, nämlich die Brandkatastrophe von Apollo 1 während eines Bodentests und die Explosion des Sauerstofftanks bei Apollo 13.

    Es spricht Bände für die Qualität des Projektmanagements, dass Apollo trotz der Apollo-1-Katastrophe dennoch letztendlich im Zeitrahmen lag, und dass Apollo 13 mit der Rettung aller drei Astronauten endete.

    Beide Fehler waren natürlich vermeidbar, aber solche Aussagen fallen im Nachhinein immer leichter.

  12. @Mark Korn: Vision

    Es ist wichtig, dass es in einer Gesellschaft auch solche gibt, die eine Vision haben, und dass diese sich von Zeit zu Zeit gegen jene durchsetzen, die keine haben und sich noch etwas darauf einbilden.

    Es war übrigens nicht so, dass die Zustimmung zum Apollo-Programm auch in den USA ungeteilt war, die Republikaner hätten das Programm lieber sofort als später gekillt. Zeitzeugen vertreten die Meinung, es sei gerade die Ermordung Kennedys und die (weitgehend unverdiente) Verklärung seiner Person und aller Dinge, die mit ihm zu tun hatten, die das Apollo-Programm weitgehend unangreifbar machten.

    Die Vision Ziolkowskis wird sich bewahrheiten. Wir Menschen neigen immer dazu, zu sehr vom Status Quo zu extrapolieren.

    Wissenschaftlicher Fortschritt verläuft aber unstetig, zwischen Phasen stetiger Zunahme gibt es singuläre Punkte, an denen alles umgestülpt wird. Dann werden die Karten neu gemischt.

    Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dies in der Zukunft anders sein wird.

  13. Bin selbst ein großer Befürworter der Weltraumfahrt, auch und gerade der bemannten, frage mich aber auch gelegentlich, wie es kommen konnte, dass die US-amerikanische derart auf den Hund gekommen ist.
    Am 28. Januar 1986 verbrannten beim Start alle sieben Astronauten des Space Shuttles. Am 1. März 2003 verglühten alle sieben Astronauten beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre.
    Selbst in der größten Hektik hatte das Apollo-Projekt nicht derartige „Ausfälle“ zu verzeichnen (einschließlich Apollo 1). Und auch in Russland gab es derartige Fehlschläge im Weltraum – IM Weltraum – nie.
    Läuft da vielleicht was schief?

  14. Sicherheit – auch konzeptbedingt

    Beim Apollo-System waren solche Unfälle wie bei Challenger 1986 oder bei Columbia 2003 prinzipbedingt ausgeschlossen. Geflügelte Raumfahrzeuge sind unsicherer als Kapselsysteme. Astronauten gehören in solche geflügelten Gefährte nicht hinein.

    Ich habe mich zu diesem Thema schon an anderer Stelle ausgelassen:

    http://www.kosmologs.de/…09-05-31/esa_raumschiff

    Natürlich war auch das Apollo-Raumschiff nicht absolut sicher, so wie kein System komplett sicher ist. Was bei Apollo 13 passierte, hätte sehr wohl zum Tod der Besatzung führen können. Da hat man einfach Glück gehabt.

    Auch die Russen mussten schmerzliches Lehrgeld zahlen, beim Tod der Mannschaft von Dobrowolski, Patsajew und Wolkow in Sojus 11, nur weil ein Ventil sich zu früh öffnete.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Sojus_11

    Der Weltraum ist halt keine Umgebung, die Fehler verzeiht. Ein Grund mehr, ein Raumschiff so robust und redundant wie möglich zu bauen.

    Was schieflief, wenn man das so sagen will, ist, dass man der Meinung war, die technische Entwicklung erlaube es, von diesem Grundsatz abzuweichen.

    Was heute aber richtig läuft, ist, dass man den Fehler korrigiert und wieder zurück zu einzig vertretbaren Bauweise findet: der bemannten Kapsel.

  15. War die Rettung der Apollo-13-Mission wirklich nur Glück?
    Der Schaden, der beim Start der Columbia entstanden war, war der Missionsleitung ja bekannt. Im Orbit hätte man ihn beheben können. Trotzdem haben sie den Wiedereintritt – mit die schwierigste Phase in der bemannten Raumfahrt – durchgezogen. Auch bei der Challenger waren die Probleme, die entstehen können, bekannt; auch hier hat man sie einfach ignoriert.
    Da scheint mir mehr schiefgelaufen zu sein als nur die mangelnde Redundanz des Shuttle-Systems – auf die man sich eingelassen hat, weil man immer weniger Geld für die Shuttles ausgeben wollte bzw. konnte.

  16. Apollo 13, Challenger und Columbia

    Die Rettung der Mannschaft von Apollo 13 war nicht einfach nur Glück, das hatte eine ganze Menge mit Professionalität zu tut.

    Die Tatsache, dass die Explosion des Sauerstofftanks auftrat, als die auftrat, nämlich auf dem Transfer zum Mond, war aber Glück, denn man konnte noch das Triebwerk der Landestufe nutzen, um in den Free-Return-Transfer zu kommen.

    Wäre so eine Fehlfunktion passiert, als das Raumschiff bereits in der Bahn um den Mond war, oder als das Landemodul auf der Oberfläche war, hätte die Mannschaft nicht gerettet werden koennen.

    An dieser Stelle war eine Menge Glück.

    Auf dem Weg zu dieser Panne lagen eine Menge Pannen und Schlamperei. Die Apollo-13-Beinahekatastrophe war keineswegs unvermeidlich, ebensowenig wie die Apollo-1-Katastrophe.

    Ihre Interpretation des Hergangs der Challenger und Columbia-Unglücke stellen eine grobe Vereinfachung dar. Da muss man schon vorsichtig sein, dass die Fakten nicht verzerrt wiedergegeben werden.

    Ganz sicher ist – das sagen auch die Untersuchungsberichte – ein Teil des Versagens bei beiden Shuttle-Unglücken im mangelhaften Management zu suchen.

    Dass aber der Schaden an der Columbia schon bekannt war und man dennoch den Wiedereintritt eingeleitet hat, ergibt sich weder aus dem Abschlussbericht des CAIB noch einer anderen mir bekannten ernstzunehmenden Quelle. Das wäre auch ein ziemlich schlimmer Vorwurf, den man dem NASA-Management nicht machen kann.

    Schlamperei, mangelhafte Prozeduren oder ungerechtfertigter Optimismus sind eine Sache, und sicher keine gute. Aber eine Manschaft wissentlich in den sicheren Tod zu schicken ist noch etwas ganz anderes.

    Wie auch immer, die Situation ist so, dass Schadensfälle wie Challenger und Clumbia bei einem Kapselsystem prinzipbedingt nicht vorkommen koennen.

  17. Okay, ich rudere etwas zurück. Das mit Apollo 13 ist wohl richtig; wäre der Tank zum „falschen“ Zeitpunkt hochgegangen, wär’s das für die Besatzung wahrscheinlich gewesen.

    Und aus der Apollo-1-Katastrophe, die sicherlich auch leichtsinnig (und unter Zeitdruck) heraufbeschworen wurde, wurden Konsequenzen gezogen. Und danach hat es derartige Probleme mit der Kapsel nicht mehr gegeben.

    Mit dem Space Shuttle hat es zwei Totalverluste gegeben (die NASA hat dafür eine neckische Abkürzung, die mir momentan nicht einfällt). Gut, sie liegen weiter auseinander, als das ganze Apollo-Programm gedauert hat, und hatten auch andere spezifische Ursachen.

    Dennoch scheint mir, obgleich ich zugeben, dass ich die Nach-Apollo-Raumfahrt der NASA nicht sehr gut kenne, am Vorwurf der mangelnden Professionalität etwas dran zu sein (oder dran sein könnte). Der Schaden an der Columbia war als solcher bekannt. Natürlich wusste man nicht, was daraus entstehen könnte (weswegen die Crew nicht „wissentlich“ in den Tod geschickt wurde, so wollte ich das auch nicht verstanden wissen). Aber man hat auch wenig getan, um das zu klären. Man hat sich auf sein Glück verlassen, obwohl man dem Glück hätte nachhelfen können. Und das nach Challenger.

    So gesehen finde ich schon, dass „Schlamperei, mangelhafte Prozeduren oder ungerechtfertigter Optimismus“ keine Kleinigkeit sind. Man könnte auch sagen – abgesehen von den „Details“, denen 14 Menschen zum Opfer fielen -, dass darin schon einer der wesentlichen Knackpunkte liegt.

  18. CAIB-Report

    Wahrscheinlich unterscheiden sich unsere Sichtweisen gar nicht so sehr.

    Hier ist der Abschlussbericht des CAIB (Columbia Accident Investigation Board).

    http://caib.nasa.gov/…port/volume1/chapters.html

    Wenn man selbst nur die „Executive Summary“ in der „Introduction“ liest …

    http://caib.nasa.gov/…/chapters/introduction.pdf

    … (dort auf Seite 9), dann sieht man, dass auch das CAIB eindeutig auch eine partielle Schuldzuweisung in Richtung der Geschichte und der „Kultur“ innerhalb des Shuttle-Programms vornimmt. Diese Worte wiegen schon schwer, man muss sie Ernst nehmen.

    Was nun speziell die Frage angeht, was man bezüglich des Schadens am Hitzeschild wusste und wie Ernst man das Problem nahm, nachdem man nach Auswertung der Aufnahmen der Startkameras wusste, dass es eine Kollision mit abgebrochenem Schaumstoffmaterial gegeben hatte, dazu macht Kapitel 2 eine Aussage (dort ab Seite 37) …

    http://caib.nasa.gov/…vol1/chapters/chapter2.pdf

    (Kapitel 2.5: Debris Strike Analysis and Requests for Imagery) Dass man wirklich ahnte, welche Dimension das Problem hatte, vor dem man stand, ergibt sich nach meiner Lesart nicht aus der Analyse, allerdings sieht man, dass die beteiligten Ingenieure und Fachleute zusätzliches Bildmaterial angefordert hatten, dieses Ansinnen aber vom Management abgelehnt wurde.

    Dem Management muss man mildernde Umstände zubilligen, weil die Aussagekraft solchen Bildmaterials eingeschränkt gewesen wäre und weil die Experten auch nicht eindeutig dargelegt hatten, dass man vor einem moeglicherweise katastrophalen Versagen stand – weil diese Experten es mangels ausreichender Information auch nicht wussten oder wissen konnten.

    Dass alle gemachten Fehler und Fehleinschätzungen keine Kleinigkeit sind, steht fast. Aber man muss auch vorsichtig sein, dass man nicht erwartet, Leute hätten damals schon auf dem Wissensstand stehen müssen, auf dem man nach Abschluss der Unfalluntersuchung steht.

    Prognosen sind ja bekanntlich schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.

    Mehr habe ich dazu eigentlich nicht zu sagen, inzwischen ist die Diskussion ohnehin beliebig weit vom Thema des allgemeinen Nutzens des Apollo-Programms abgeschweift.

  19. Apollo was hatten wir davon

    Ich war 15 als Apollo 12 landete und ich hielt das ganze für Teil eines großen Plans und siehe da, es war alles Lug und Trug. Die Politiker fielen geradezu übereinander beim Totsparen der NASA.
    Grund: Ganz einfach. Lügen und Wähler betrügen und Kriege führen kann man immer noch auf der Erde am besten. Wozu da in den Weltraum gehen.
    Und das für Kriege, aus welch lachhaften Anlaß auch immer, sofort Geld da ist, der letzte (Irak Krieg) beweist es zu genüge.

  20. „We came in peace for all mankind.“
    Das war in diesem Fall weder eine Übertreibung noch Propaganda. Es stimmte einfach.
    Auch das ist Teil der historischen Bedeutung von Apollo.

    Vielleicht sollte man im Geschichtsbuch unter „Vietnamkrieg“ und „Napalm“ nachschlagen, bevor man hier so einen Unsinn schreibt.
    [Antwort: Meine Aussage fiel aber in Bezug auf die bemannte Mondlandung und das dabei erzeugte weltweite Wir-Gefühl, das ich beschrieben habe. In Bezug auf den Vietnamkrieg wäre diese Aussage keineswegs zutreffend gewesen, aber darauf bezog sie sich ja auch nicht. Es ist nun einmal nicht so, dass, wenn eine Nation etwas Schlimmes tut, auch alles andere, was diese Nation tut, schlimm sein muss. Die Welt ist nicht so einfach. MK]

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben