Volkswirtschaftlicher Entwicklungspfad von Vietnam

Während die Finanzkrise Deutschland nach wie in Atem hält, kommen aus Asien vermehrt gute Nachrichten, die auf eine wirtschaftliche Erholung der Region schließen lassen. Ein solcher Lichtblick scheint Vietnam zu sein, ein Land, das sich in den vergangenen Jahren prächtig entwickelt hat. Schätzungen zufolge erreicht die vietnamesische Wirtschaft in 2009 wieder Wachstumsraten von 3% und mehr. Ob damit die Talsohle der Krise in Vietnam durchschritten ist, bleibt abzuwarten. Obwohl das Land noch zu Beginn der 1980er zu den ärmsten Ländern Asien zählte, hat es sich bis heute zu einem weiteren asiatischen Tiger entwickelt.

Als Wendepunkt der volkswirtschaftlichen Entwicklung Vietnams gilt der 6. Parteitag der Kommunistischen Partei Vietnams (KPVN), der 1986 in Hanoi stattfand. Aufgrund ökonomischer Krisen während der 1980er Jahre war die Parteiführung der KPVN gezwungen, das Scheitern der bisherigen Politik einzugestehen und ein Reformpaket zur wirtschaftlichen Öffnung des Landes zu beschließen. Dieses Reformprogramm trug den Namen Doi Moi, was übersetzt „Erneuerung“ bedeutet und die Parteiführung im Dezember 1986 verabschiedete. Doi Moi brachte Liberalisierungen im Finanzmarkt, Konsolidierungen des Staatshaushaltes, die Reform des Eigentums- und Nutzungsrechts, eine außenwirtschaftliche Öffnung und die Einführung von marktwirtschaftlichen Elementen. Jedoch wirkte das Reformpaket erst drei Jahre nach seiner Verabschiedung mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Vietnams. TRAN und SMITH, zwei Wirtschaftswissenschaftler, argumentieren wie folgt: „If one considers 1986 the ideologic turning point, then 1989 was the economic turning point.”

Obwohl durch die Reform der Staatsunternehmen zahlreiche Arbeitnehmer entlassen wurden, stiegen in den folgenden Jahren bis 1996 die Beschäftigungszahlen in Vietnam stark an. Darüber hinaus konnte das Land im hohen Maße ausländische Direktinvestitionen (ADI) anziehen, die besonders in der Öl- und Schwerindustrie getätigt wurden. Die wichtigsten Investoren waren hierbei Japan, die Welt Bank und die Asian Development Bank (ADB). Während der 1990er beendeten zudem die USA, die Europäische Union und Australien ihre Handelsembargos, die als Folge auf die Invasion Kambodschas, Ende der 1970er Jahre verhängt wurden. Der Wegfall dieser, beschleunigte Vietnams ökonomische Integration in den Weltmarkt. Im Gegensatz zu den osteuropäischen Transformationswirtschaften gab es in Vietnam keine Wirtschaftskrisen in Folge der ökonomischen Liberalisierungsmaßnahmen.

Die rapide wirtschaftliche Entwicklung des Landes verlangsamte sich erst mit dem Beginn der Asienkrise 1997, die aber keine unmittelbaren Auswirkungen auf die vietnamesische Volkswirtschaft hatte, da der einheimische Markt nicht für kurzfristige Kapital- und Portfolioinvestitionen offen stand. Einzig die ADI’s und die Exporte in asiatische Nachbarmärkte sanken als Folge der Asienkrise stark ab. Allerdings bestanden bereits vor der Asienkrise strukturelle Probleme in der vietnamesischen Wirtschaft in Form verlustbringender Staatsunternehmen und einem überregulierten Finanzmarkt. Weitere strukturelle Hürden bestanden durch das Handelsdefizit und die starke Abhängigkeit des Landes von Importen. Im Jahre 2000 leitete die vietnamesische Regierung durch ein neues Unternehmensgesetz eine weitere Reformphase ein, das in Vietnam praktisch den Grundsatz der Gewerbefreiheit einführte und zur Folge hatte, dass in den folgenden zwei Jahren 50.000 neue Betriebe gegründet wurden. 2006 trat das Land der Welthandelsorganisation (WHO) bei und LE DANG DOANH, führender Wirtschaftsberater der vietnamesischen Regierung, bemerkte auf ZEIT ONLINE (2006), dass er hoffe, dieser Beitritt sei ein Wendepunkt für das Land und ein wesentlicher Schritt für Vietnams Eingliederung in die globale Wirtschaftsstruktur.

Um die Reformen der vergangenen Dekaden in Vietnam zu verstehen, ist es angebracht, diese mit den Prozessen der internationalen Integration, der globalen Arbeitsteilung und Wertschöpfungsketten in Kontext zu setzen. Die politischen Konzepte zur Umsetzung solcher Prozesse bestanden in der Deregulierung der einheimischen Wirtschaft, der Privatisierung staatliche Unternehmen und der Reduzierung von Wohlfahrtsprogrammen. Auf internationaler Ebene führte dies zu einem Abbau von Handelsbeschränkungen und einer Öffnung des Kapitalmarktes für ausländische Investoren. Der wirtschaftliche Aufstieg Vietnams seit 1989 hatte massive soziale Auswirkungen auf die vietnamesische Bevölkerung. Laut Vietnam Living Standard Survey (VLSS) verbesserten sich die Konditionen der vietnamesischen Haushalte in dieser Zeit drastisch. Der wirtschaftliche Aufstieg wurde begleitet von einer rapiden Senkung der Armutsraten. Gleichzeitig setzten divergierende Einkommensentwicklungen ein, die besonders die Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Regionen vergrößerten. Für das Jahr 2006 lag das nominelle Bruttoinlands-Produkt (BIP) für Vietnam bei 973 Billionen Dong (ca. $61 Mrd.) und einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 11,5 Millionen Dong ($722). Die Wirtschaftsstruktur Vietnams setzte sich 2006 zu 18% aus dem primären, zu 45% aus dem sekundären und zu 37% aus dem tertiären Sektor zusammen. Die reale Veränderung des BIP in 2007 betrug 8,5%. Für das Jahr 2008 wurde das Wachstum auf ca. 8,0% prognostiziert. Aufgrund der globalen Finanzkrise fiel dieser Wert allerdings bedeutend geringer aus. Vor allem in der zweite Jahreshälfte 2008 erlebte Vietnam einen starken Rückgang beim Wirtschaftswachstum. Im Jahr 2005 wuchs die vietnamesische Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft um 4,1%, die verarbeitende Industrie und das Baugewerbe um 10,7% und der Dienstleistungssektor um 8,4%. Die offizielle Arbeitslosenstatistik des Landes gibt für das Jahr 2006 einen niedrigen Wert von 4,4% an.

Welche Auswirkungen hatte nun der Vietnamkrieg auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes?

Die amerikanische Intervention in Vietnam begann am 2. März 1965 und endete im März 1973 mit dem Abzug der in Südvietnam stationierten amerikanischen Truppen. Offizielles Ende des Vietnamkrieges bildet das Jahr 1975, in dem kommunistische, nordvietnamesische Truppenverbände Saigon (heute Ho Chi Minh City) eroberten.
Die direkten Auswirkungen von Kriegen sind Vertreibung und der Tod von Teilen der Bevölkerung, Zerstörung physischen Kapitals, Gesundheits- und Ernährungskrisen sowie massive negative ökologische und ökonomische Folgen. Laut neoklassischer Theorie sind in den betroffenen Regionen schnelle Aufholprozesse zu erwarten, wie sie in Deutschland und Japan nach Ende des 2. Weltkrieges zu beobachten waren. Während des Vietnamkrieges wurde das physische Kapital des Landes erheblich geschädigt und zerstört. Zudem forderte der Krieg erhebliche Opfer innerhalb der Bevölkerung. Darüberhinaus schränkten die Kriegshandlungen die wirtschaftlichen Aktivitäten des Landes stark ein. In den Jahren nach Ende des Krieges wurde als direkte Kriegsfolge eine Absenkung des Bildungsniveaus weiter Bevölkerungsteile beobachtet, da viele Schulen zerstört sowie Lehrer und Schüler vertrieben oder getötet wurden. Das Borbardement der amerikanischen Verbände hat sich während des Krieges auf die Regionen um Hanoi, den 17. nördlichen Breitengrad und der Region um Saigon konzentriert.  

Der intensive Einsatz von Bomben und chemischen Kampfstoffen hatte keine einschneidenden langfristigen Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung Vietnams und der Untersuchungsregionen. Zum Zeitpunkt des Krieges war Vietnam überwiegend landwirtschaftlich geprägt und die Kriegsführung der Amerikaner zerstörte häufig nur Naturflächen, die sich in den Nachkriegsjahren regenerierten. Zudem startete die vietnamesische Regierung spezielle Förderprogramme für Regionen, die schwere Schäden erlitten. Diese entwickelten sich in der Folge sogar erheblich besser als andere, nicht so stark betroffene Regionen. MIGUEL und ROLAND, von der University of California, schlussfolgern, dass der Vietnamkrieg keine langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen für die betroffenen Regionen gehabt habe, räumen allerdings ein, dass viele Einflussfaktoren in ihrer Studie unberücksichtigt blieben. Vor allem die Zerstörungen, die durch nordvietnamesische Verbände verursacht wurden, fanden aufgrund mangelhafter Datenlage keinen Einzug in ihre Analysen. Vietnam würde heute sicherlich eine höhere wirtschaftliche Entwicklung aufweisen ─ und damit einen höheren Entwicklungsstand der physischen Infrastruktur ─ wenn der Krieg niemals stattgefunden hätte. Ein solches Szenario zu rekonstruieren, sehen MIGUEL und ROLAND jedoch als unmöglich an.

Verwendete Literatur

DOLLAR, D. 2004: Reform, Growth and Poverty. In: GLEWWE, P.; AGRAWAL, N.; DOLLAR, D. (Hrsg.): Economic Growth, Poverty, and Household Welfare in Vietnam. Wahington D.C.: Welt Bank, S.29-51.
DUONG, K. 2003: Regionalentwicklung in Vietnam – Ausmaß und Dynamik des regionalen Entwicklungsgefälles in den 90er Jahren. (=Materialien zur Raumordnung Band 62). Bochum: Geographisches Institut Ruhr-Universität Bochum.
GLEWWE, P. 2004: An Overview of Economic Growth and Household Welfare in Vietnam in the 1990s. In: GLEWWE, P.; AGRAWAL, N.; DOLLAR, D. (Hrsg.): Economic Growth, Poverty, and Household Welfare in Vietnam. Washington D.C.: Welt Bank, S.1-26.
MIGUEL, E.; ROLAND, G. 2005: The Long Run Impact of Bombing Vietnam. NBER Working Paper No. W11954. Washington D.C.: Welt Bank.
NEALE, J. 2004: Der amerikanische Krieg – Vietnam 1960-1975. Bremen: Atlantik Verlag; Köln: Neuer ISP Verlag.
GREINER, B. 2007: Krieg ohne Fronten – Die USA in Vietnam. Hamburg: Hamburger Edition.
TRAN, A.; SMITH, D. 2005: Cautious Reformers and Fence Breakers: Vietnam`s Economic Transition in Comparative Perspective. In: MUTZ, G.; KLUMP, R. (Hrsg.): Modernization and Social Transformation in Vietnam – Social Capital Formation and Institution Building. Hamburg: IFA.
ZEIT ONLINE 2006: „Doi Moi“ sei Dank". Erstellt: 11.11.2006, Abruf: 04.05.2009

 

Foto: www.pixelio.de

  • Veröffentlicht in: WiGeo

Veröffentlicht von

www.geographieblog.de

Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Über den Beginn der marktwirtschaftlichen Reformen existieren in der Fachwelt unterschiedliche Meinungen. Einige Autoren sehen den Beginn der wirtschaftlichen Öffnung bereits im Jahr 1979. Die ersten Reformmaßnahmen zur Öffnung des Landes waren allerdings nicht sehr erfolgreich und Vietnam kehrte 1983 zu planwirtschaftlichen Konzepten zurück. Dennoch bestanden fortan informelle Märkte, besonders in Südvietnam, die sich als Folge erster Liberalisierungen gebildet hatten. Im Gegensatz zu Südvietnam war der Norden des Landes weiterhin von Volkskommunen geprägt, die dem kommunistischen Konzept entsprachen.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben