Globalisierung oder Regionalisierung?

Die Geographie ist tot! Es lebe die Geographie! In der wissenschaftlichen Diskussion bestehen zwei entgegengesetzte Thesen, die die Lage der Geographie und des Raums beschreiben. In einer globalisierten Welt, mit modernen Transport-, Informations- und Telekommunikationstechnologien wird der Raum zur Nebensache, da es möglich ist, ohne Aufwand, global zu kommunizieren. Dennoch bestehen regionale Konzentrationen wirtschaftlicher Aktivitäten, wie beispielsweise das Silicon Valley (Mikroelektronik), Hollywood (Filmindustrie) oder Köln (Medien), in denen räumliche Nähe entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg ist. 

Paradigmenwechsel zur flexiblen Produktion

In der wirtschaftlichen Produktion vollzieht sich seit einigen Dekaden ein dramatischer Wandel. In der Literatur wird dieser Wandel als Übergang zur flexiblen Produktion bezeichnet; ein Wandel vom Fordismus zum Postfordismus, von der ersten zur zweiten Arbeitsteilung sowie von der Massenproduktion zur flexiblen Produktion. Als erste Arbeitsteilung werden die Produktionsorganisationen benannt, die zum Ende des 19. bzw. Beginn des 20. Jahrhunderts eingeführt wurden. Diese damalige Produktion war geprägt von industrieller Massenproduktion homogener Produkte. Das Ziel war es durch sogenannte „economies of scale“ Stückkosten zu senken. Der Produktionsprozess war stark mechanisiert, mit dem Einsatz großer Produktionshallen und Lager. Federführend gilt die Fließbandproduktion von Henry Ford, weshalb diese Produktionsart auch die Bezeichnung Fordismus trägt. Die Organisationsstrukturen waren durch vertikale Hierarchieebenen, Spezialisierungen, Gleichförmigkeit der Arbeitsschritte sowie durch geringe individuelle Verantwortlichkeit geprägt (Taylorismus).
Die raumwirtschaftlichen Implikation dieser Produktionsart waren starke Konzentrationen der Produktion in der Nähe von Agglomerationen, die weltweite Beschaffung von Rohstoffen sowie die Verlagerung der Fertigung von Massengütern in Regionen und Ländern mit niedrigen Lohnkosten. In den 1970er Jahren kam es jedoch zu einer Krise dieser Produktionsart (Fordismuskrise), bedingt durch die Starrheit der Produktion, abnehmenden Produktivitätszuwächsen und schlechter Produktqualität.

Zu einer zweiten industriellen Arbeitsteilung kam es, durch sich rasch ändernde Kundenwünsche und immer kürzere Produktlebenszyklen. Das Ergebnis war eine Spezialisierung mittels flexibler Produktion, die Kleinserien fertigte und schnell geändert werden konnte. Die Unternehmen streben Vorteile an, die im Rahmen von Gemeinkosten durch ein ausgewogenes Produktspektrum zunutze gemacht werden können („economies of scope“). Erlangt wird dieses durch geringe Fertigungstiefen und kleine Lagerbestände. Just-in-Time Lieferungen sind ein gängiges Mittel, um Lagerbestände zu verkleinern und damit Kosten abzubauen. Die Arbeitsorganisation wird gekennzeichnet durch schlanke Hierarchien, dezentrale Koordination und Kontrolle, enge Kooperation und hohe individuelle Verantwortung der Beschäftigten.

Ob jedoch eine Überwindung des Fordismus eingetreten ist, wird in der Literatur bezweifelt, da besonders die Bedeutung von Großunternehmen in den letzten Jahren zugenommen hat. In der Realität sind fordistische und postfordistische Strukturen häufig nebeneinander anzutreffen. Bedingt werden diese Strukturen durch die dynamische Flexibilisierung, die es Großunternehmen ermöglicht, flexible Massenproduktion zu betreiben. Durch die Entwicklung moderner Kommunikations- und Informationsnetze ist es für Großunternehmen möglich, schnell und kostengünstig auf veränderte Kundenwünsche zu reagieren.

Diese Prozesse prägen den Übergang zur Wissensgesellschaft, die durch die Orientierung der Produktion in Richtung Forschung, Entwicklung und Wissensintensivierung gekennzeichnet ist. Da sich Unternehmen zunehmend auf die eigenen Kernkompetenzen konzentrieren, entstehen hochkomplexe Dienstleistungsunternehmen. Dabei entsteht, so SCHÄTZL,  eine „Verflechtung entlang der gesamten Wertschöpfungskette“. Aufgrund dieses Prozesses wird die Qualität der Bildung eine maßgebliche Determinante der regionalen Wettbewerbsfähigkeit. Regionen, die über Hochschulen mit leistungsfähigen natur-, ingenieurs-, wirtschafts- und rechtswissenschaftlichen Fächern verfügen, weisen komparative Produktionsmerkmale auf.

Globalisierung vs. Regionalisierung

Welche räumlichen Implikationen weisen nun diese oben beschriebenen Prozesse auf? Es lassen sich eine „Globalisierungsthese“ und eine „Regionalisierungsthese“ unterscheiden.
Laut Globalisierungsthese fördern moderne Informations- und Kommunikationstechnologien die Verlagerung einzelner Produktionsschritte. Besonders multinationale Großunternehmen spalten den Produktionsprozess auf und siedeln die Produktionsschritte in Regionen an, die bei der Produktion entsprechende Kostenvorteile aufweisen.
Dennoch benötigt, laut Regionalisierungsthese, die flexible Produktion räumliche Nähe betriebsinterner wie externer Dienstleistungsunternehmen und Zulieferbetrieben. Produkt- und Prozessinnovationen erfordern einen kontinuierlichen, persönlichen Informations- und Erfahrungsaustausch zwischen Fertigung, Forschung und Entwicklung, Marketing, Finanzierung sowie Kontakt zu staatlichen und privaten Forschungseinrichtungen; darüber hinaus eine intensive regionale Verflechtung zwischen Produktionsbetrieben und der Zulieferindustrie. Durch die räumliche Nähe sinken maßgeblich die unternehmerischen Transaktions- und Organisationskosten. Dieser Umstand kommt besonders bei innovativen Produkten zum Vorschein, da bei diesen noch wenig kodifiziertes, sprich dokumentiertes, Wissen vorliegt, ist impliziertes, sprich personengebundenes, Wissen von hoher Bedeutung. Dieses Wissen kann in regionalen Netzwerken schneller fließen und übt somit positive regionale Effekte (Wissensspillover) aus. Auch hier gilt, je intensiver die Netzwerkbeziehungen und Kontakte der beteiligten Akteure sind, desto schneller kann Wissen diffundieren.

Nach der vorherrschenden Meinung ist sowohl die Globalisierung als auch die Regionalisierung Teil desselben Prozesses: regionale Kompetenzzentren, die sich durch globale Netzwerke miteinander verbinden. Es bleibt abzuwarten, ob moderne Kommunikationstechnologien jemals persönliche Kontakte ersetzen können. Bis dahin werden weiterhin zahlreiche räumliche Konzentrationen spezifischer Branchen auftreten. 
 
Verwendete Literatur

HAAS, H.-D.; NEUMAIR, S.-M. 2007: Kapitel 4: Raumentwicklung und Organisation. Wirtschaftsgeographie. Darmstadt: WBG. S.74-105.
KIESE, M 2008: Stand und Perspektiven der regionalen Clusterforschung. In: KIESE, M.; SCHÄTZL, L. (Hg.): Cluster und Regionalentwicklung – Theorie, Beratung und praktische Umsetzung. Dortmund: Verlag Dorothea Rohn. S.9-50.
MALMBERG, A.; MASKELL, P. 2001: The Elusive Concept of Localization Economies: Towards a Knowledge-Based Theory of Spatial Clustering. Beitrag zur Konferenz: Annual Meeting of the Association of American Geographers: New York.
MORGAN, K. 2004: The exaggerated death of geography: learning, proximity and territorial innovation systems. In: Journal of Economic Geography, 4(1), S.3-21.
SCHÄTZL, L. 2003: Kapitel 2.4: „New Economic Geography“. Wirtschaftsgeographie. (9. Auflage). Paderborn: Schöningh. S.201-244.

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Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sicherlich ist der direkte Kontakt zwischen Menschen fast unersetzlich. Viele Wissenschaftler machen aber einen Fehler und unterschätzen das Internet als Kommunikationsplattform. Begründet liegt das darin, dass viele Wissenschaftler noch immer digitale Outsider sind (vielleicht nicht die hier bloggenden Wissenschaft).
    In Bereichen wie der Softwareentwicklung (open source) ist ein direkter Kontakt der Beteiligten Programmierer nicht mehr notwendig. Es bedarf nur noch Koodinierungsstellen. Mittlerweise stehen im Internet viele Plattformen zur Verfügung, die in irgendeinerweise Innovationen herstellen oder virtuelle Netzwerke schaffen. Natürlich bleibt es abzuwarten, ob solche virtuellen Netzwerke auch in traditionellen Bereichen funktionieren.

  2. Sicherlich hat das Internet uns alle überrascht. Wer hätte vor 15 Jahren gedacht, dass es solche Ausmaße annehmen würde. Ich denke, dass viele Menschen im täglichen Arbeitsleben normale Menschen voriehen. Aus diesem Grund wird die Region wohl immer wichtig bleiben. Aber auch da muss man abwarten, wie sich Transport und Internet entwickelt. Die neue Generation scheint ja wirklich mit den neuen Kommunikationsformen zufrieden zu sein.

  3. Kritische Betrachtung

    Die oben beschriebene Entwicklung sehe ich durchaus kritisch, da als Resultat alle Regionen in einen knallharten Standortwettbewerb treten, die Hochtechnologien befördern und traditionelle Produkte vernachlässigen. Resuktat ist eine gleichförmige Regionalstruktur, mit hochspezialisierten Regionen.

  4. @ Michael

    Ich kann deine Gedanken nachvollziehen. Seit den 1970er und 1980er Jahren werden wissenschaftliche Debatten über die Entstehung und Funktionsweise von regionalen Unternehmensnetzwerken geführt. Neben den schnell wachsenden High-Tech Industrien konnten auch traditionelle Unternehmen neue Organisationsformen herausbilden. Beobachtet und empirisch beschrieben wurde dies zuerst in kleinen und mittleren Unternehmen in Italien. Neben dem industriellen Nordwesten und dem landwirtschaftlich geprägten Süditalien, bildete sich seit den 1970er Jahren eine dritte Industrieregion in Italien heraus, die aus kleinen und mittleren Unternehmen traditioneller Branchen (Textil, Leder, Keramik) bestand. Hohe Wachstumsraten, steigende Beschäftigtenzahlen und Unternehmensgründungen waren die Kennzeichen. Im Dritten Italien wurden von SFORZI (1989) 60 unterschiedliche Branchen in mehr als 20 zusammenhängenden Teilräumen abgegrenzt.
    Die Kennzeichen dieser Industriedistrikte waren flexible Spezialisierung und Kooperation, räumliche Nähe, geringe vertikale Tiefe, Vertrauen, soziale Einbindung und „Institutional Thickness“ (Technische Weiter- und Ausbildungseinrichtungen, spezialisierte Forschungslabors, gemeinsame Einkaufs- und Handelsorganisationen, Banken).

    Neue Organisationsformen können also auch traditionelle Branchen beflügeln.

  5. Die Geographie ist tot.

    Die Geographie ist nicht der „Tod“, sondern sie ist „tot“ – gerade in der ersten Zeile sollte man sich keinen Schreibfehler erlauben.

  6. Flexible Produktion

    Gerade durch die Finanzkrise werden die Nachteile der flexiblen Produktion (just-in-time, etc.) ersichtlich. Produzenten können innerhalb weniger Tage ihre Bestellungen stornieren. Dies sorgt für einen herben Einbruch bei der Zulieferindustrie, der sehr schnell und heftig ist.
    Im Gegenzug kann sich die Wirtschaft auch schnell wieder erholen, da sehr kurzfristig neue Bestellungen aufgegeben werden. Ein zweischneidiges Schwert.

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