Zu viel Geschrei

Populisten leugnen wissenschaftliche Tatsachen, aber Hochschulen und Politiker verhalten sich passiv, kritisierte Joachim Müller-Jung, der Wissenschaftsredakteur der FAZ, in einem Artikel am 26. November. Einen Aufschrei vermisst er und appelliert an die Verantwortung der Wissenschaftler, dem „populistischen Kokolores“ zu widersprechen.

Würde das aber wirklich helfen? In den Medien herrscht ständig ein derart kakofonisches Empörungsgebrüll, dass keiner mehr sein eigenes Wort versteht. Nein, wenn Wissenschaftler den Populismus wirksam bekämpfen wollen, dann brauchen sie ein überlegtes, langfristiges Konzept. Der Einsatz ist hoch: Die Unabhängigkeit der Forschung steht auf dem Spiel.

Der Artikel in der FAZ hat gleich drei SciLogger auf den Plan gerufen. Henning Lobin forderte erst einmal zu einer Diskussion auf. Sind wir als Wissenschaftler vielleicht zu wenig sichtbar? Das meint Markus Pössel und sieht auch Wissenschaftsjournalisten in der Pflicht. Leonard Burtscher überlegt, ob Wissenschaft nicht auch in den Fußgängerzonen der Städte gezeigt werden sollte. Diese Diskussion geht aber, denke ich, etwas am Thema vorbei. Die organisierten Wissenschaftsleugner handeln nicht aus Unwissenheit. Sie bestreiten gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse aus genau kalkulierten Motiven.

Die Sichtbarkeit der Wissenschaft

Trotz Internet informieren sich die meisten Menschen nach wie vor im Fernsehen. Wissenschaft nimmt dort zwar weniger Raum ein als die Daily Soaps, aber zwei bis vier Stunden täglich kommen schon zusammen, wenn man die größeren Sender absucht. Wer lieber liest, hat die Auswahl zwischen mehreren guten populärwissenschaftlichen Zeitungen. Die unten stehende Tabelle zeigt die Auflage von einigen populärwissenschaftlichen Zeitschriften.

Zeitschrift Verkaufte Auflage ca.
c‘t

250.000

P.M. Magazin

160.000

Zeit Wissen

95.000

Bild der Wissenschaft

80.000

Spektrum der Wissenschaft

68.000

     Auflage von Wissenschafts- und Technik-Zeitschriften (Auswahl).

Wem das zu wenig unterhaltsam ist, kann zu einem der Science Slams gehen, die viele Universitäten regelmäßig veranstalten. Nein, wir müssen uns nicht zwischen die Heiligen der Ersten Wochen und die Anhänger des geflügelten Ravioli-Monsters in die Fußgängerzone stellen, um dem Volk die Evolution nahezubringen.1

Wogegen wir ankämpfen

Nicht alle Wissenschaften müssen sich mit hartnäckigen Gegnern plagen. Während Mediziner und Naturwissenschaftlern ihr gesichertes Wissen ständig neu verteidigen müssen, dürfen sich die Philosophen friedlich untereinander streiten. Auch Linguisten oder Psychologen bleiben weitgehend verschont. Und in vielen Gesellschaftswissenschaften leben ohnehin völlig gegensätzliche Theorien nebeneinander her, ohne sich zu schaden.

Naturwissenschaftler verlangen nicht, dass jemand etwas glaubt. Sie beobachten, schlussfolgern und bauen daraus ein Experiment, und die Richtigkeit der Schlussfolgerung zu überprüfen. Auf diese Weise gewinnt man ganz langsam ein immer genaueres Bild von den Gesetzmäßigkeiten des Universums.

Eigentlich soll jeder in der Lage sein, Experimente nachzubauen und die Ergebnisse zu überprüfen. Tatsächlich aber hat sich so viel Wissen angesammelt, dass die wenigsten Menschen die Naturwissenschaften auch nur ansatzweise vollständig verstehen. Letztlich ist man also doch darauf angewiesen, den Fachleuten Glauben zu schenken. Genau darauf bauen Populisten, Esoteriker oder medizinische Scharlatane. Und oft genug haben sie handfeste Interessen.

Politik, Ideologie und Geld

Das Arzneimittelgesetz sieht für die Zulassung von Medikamenten strenge Prüfungen vor. Ausgenommen sind homöopathische, anthroposophische und phytotherapeutische Mittel, und zwar nur solche. So dürfte eine Firma keine fluchbeladene Hasenpfote als Heilmittel verkaufen, weil keine der drei Ausnahmen darauf anwendbar ist. Sie darf aber Quecksilber in einer Verdünnung von 10-20 als Heilmittel anbieten, wenn dies der homöopathischen Lehre entspricht. Dafür müsste sie nicht einmal klinische Prüfungen vorlegen, weil Quecksilber in der extremen Verdünnung keinerlei Wirkungen entfaltet.

Homöopathische Mittel kosten in der Herstellung fast nichts, die Gewinnspannen sind astronomisch. Die Hersteller müssen auch keine teuren Schadenersatzprozesse fürchten, denn die Mittel sind garantiert frei von allen erwünschten und unerwünschten Effekten.

Man darf annehmen, dass die gut verdienenden Hersteller von Homöopathika auf das Arzneimittelgesetz beträchtlichen Einfluss genommen haben. Bei einigen esoterisch verpeilten Politikern rannten sie natürlich offene Türen ein. Hier geht es nicht um den Schutz der Gesundheit, sondern schlicht um sehr viel Geld. Selbst in der Gebührenordnung für Ärzte hat sich dieser Unsinn eingeschlichen. Für eine eingehende Beratung mit körperlicher Untersuchung sieht sie weniger als halb so viel Honorar vor wie für die Erhebung einer homöopathischen Krankengeschichte!

Bei der Bevorzugung von unwirksamen Behandlungsmethoden geht es ums Bankkonto, nicht um eine prinzipielle Frontstellung zur Wissenschaft. Kaum ein Patient lehnt aus Prinzip eine wirksame Behandlung ab, weil er der Wissenschaft misstraut. Bei den Impfgegnern sieht das anders aus.

Impfgegner: Die Ideologen

Hier spielt tatsächlich das Misstrauen gegen Ärzte und die Pharmaindustrie eine große Rolle. Dazu kommt, dass die Impfung keine erkennbare Wirkung auf die Kinder hat. Man sieht ihnen nicht an, ob sie geimpft sind oder nicht. Deshalb wurde es wohl in einigen Milieus als eine Art symbolischer Protest gegen das Establishment betrachtet, seine Kinder nicht impfen zu lassen. Im Berlin brach 2014/2015 eine Masernepidemie aus. Ein Kind starb, mehrere Hundert musste in Krankenhäusern behandelt werden. Seitdem hat die Impfbereitschaft in Berlin sehr stark zugenommen. Vielen Menschen wurde offenbar zum ersten Mal bewusst, dass Impfungen tatsächlich schwere Erkrankungen verhindern.

Man kann diesen Punkt kaum überschätzen: Die Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse hört fast schlagartig auf, wenn Menschen dafür Nachteile in Kauf nehmen müssten.

Populisten: Wissenschaftsgegner aus Opportunismus

Populisten und ihre Anhänger lehnen Wissenschaften nicht etwa generell ab. Das Internet mit seinen sozialen Netzen ist für sie ein unentbehrlicher Teil ihres Lebens. Es formt und erhält ihr Weltbild. Die dahinterstehende Hochtechnologie interessiert sie nicht. Sobald Erkenntnisse der Wissenschaft aber eine Änderung ihrer Lebensweise erfordern würde, verstehen sie keinen Spaß mehr. In ihren Augen hat die Energiewende in Deutschland nur den Strom verteuert und die Glühbirnen ausgerottet. Ab 2030 sollen nur noch Elektroautos (teuer, lange Ladezeiten, geringe Reichweite) zugelassen werden. Das gefällt ihnen nicht, also müssen die wissenschaftlichen Voraussetzungen dafür falsch sein. Jedenfalls wäre ihnen das lieber, denn dann würde der Strom wieder billiger. Und mit dem Zweifel an den „etablierten Wissenschaftlern“ punkten sie auch noch bei ihren Anhängern.

Myron Ebell, von Donald Trump zum Leiter der Umweltschutzbehörde EPA bestimmt, verkörpert diese Haltung wie kein zweiter. Vor seiner Berufung leitete er die Umwelt- und Energie-Abteilung des konservativen Competitive Enterprise Institute, das unter anderem von der Kohleindustrie finanziert wird. Ebell wettert lautstark gegen den wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel. Schon die Rohdaten hält er für getürkt. Die große Mehrzahl der Klimawissenschaftler hält er für unqualifiziert. Und er traut keiner Autorität. Sagt er und beweist es gleich: Die Klima-Enzyklika des Papstes sei „wissenschaftlich schlecht informiert“. Obendrein sei sie „theologisch zweifelhaft“. Hält sich Ebell für eine höhere theologische Autorität als den Papst? Das wäre sicher ein Grund, ihm nicht zu trauen.

Die Tabakindustrie hat eine ähnliche Strategie verfolgt, um wissenschaftliche Erkenntnisse zum Suchtpotential und zur Schädlichkeit des Passivrauchens zu unterdrücken. In den letzten Monaten wurde auch bekannt, dass die amerikanische Zuckerindustrie jahrelang Studien in Auftrag gegeben hat, um die Schädlichkeit des Zuckerkonsums herunterzuspielen.

Schlussfolgerungen

  • Die wirklich gefährlichen Angriffe auf die Wissenschaft entstehen nicht aus Unwissenheit. Dahinter stehen immer ideologische, politische und finanzielle Interessen. Wir müssen auf gezielte und unfaire Attacken gefasst sein, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen.
  • Die Akteure versuchen, verbreitete Vorurteile gegen Wissenschaftler auszubeuten und darüber die Ergebnisse ihrer Arbeit zu entwerten.

Diesen organisierten Angriffen müssen wir entschlossen entgegentreten. Ein Beispiel: Der Klimaforscher und Co-Blogger Stefan Rahmstorf setzt sich in den SciLogs und an anderer Stelle regelmäßig mit den Argumenten der Klimawandelleugner auseinander. Gleichzeitig erläutert er verständlich und überzeugend die aktuellen Ergebnisse der Klimaforschung.

Wer sich erfolgreich verteidigen will, muss zunächst recherchieren. Wer greift an, und warum? Gegen wen und was richtet sich die Attacke? Wer soll angesprochen werden? Muss man mit einer andauernden Kampagne rechnen, oder handelt es sich um ein eher kurzfristiges Problem?

Dann erst lässt sich eine wirksame Antwortstrategie entwickeln. 2

Zum Schluss noch eine deutliche Warnung: In autoritären Regimen ist unabhängige Wissenschaft nicht möglich. Ende November haben in den USA haben mehr als 2300 Wissenschaftler einen offenen Brief an Donald Trump geschickt. Sie fordern darin unter anderem, dass sie ohne Gefahr von Sanktionen forschen und veröffentlichen dürfen. Ferner möchten sie das Recht bestätigt haben, die Richtigkeit der von der Regierung veröffentlichten Informationen zu überprüfen. Diese eigentlich selbstverständlichen Werte der amerikanischen Demokratie halten sie für gefährdet. Bis heute (5. Dezember) haben sie keine Antwort erhalten.

Auch Wissenschaftler müssen ihre Rechte und ihre Werte verteidigen. Entschlossen, jederzeit und immer wieder.

Anmerkungen

[1] Trotzdem hat fast jeder Wissenschaftler das Gefühl, sein äußerst spannendes und bedeutendes Fachgebiet komme in der Öffentlichkeit (und bei der Vergabe von Fördergeldern) stets zu kurz. Daraus könnte sich eine Wahrnehmungsverzerrung (cognitive bias) ergeben, die zu dem Schluss führt, Wissenschaft werde von den normalen Menschen konsequent ignoriert.

[2] Für die immer wieder auftretenden Angriffe gegen die Evolutionstheorie habe ich in diesem Blog Argumente zusammengestellt, ebenso habe ich erklärt, wie die Homöopathie entstanden ist und warum sie wirkungslos bleiben muss.

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Diskussion in der Öffentlichkeit kommt zu spät. Wissenschaftliches Denken muß schon in den Schulen gelehrt werden: eine Art Impfung gegen Quatschdenken. Weg mit dem Religionsunterricht, her mit Unterrichtseinheiten über Logik, Debatte & Wissenschaft in allen Fächern. Ab der 3. Klasse.

  2. Ich habe schon bei Burtscher dazu erklärt, das die Wissenschaft sicher nicht ihre Inhalte in der Fußgängerzone vorstellen muß. Das „Bespaßen“ und Belehren könnte sogar negativ wirken. Als ich aus der Schule raus kam, war ich durchaus hinreichend wissenschaftlich gebildet. Das Problem dann irgendwann? Ich habe entdeckt, dass die Wissenschaft nicht wirklich so viel weiß, wie mir suggeriert wurde. Da ist noch eine Menge Wissen, gerade bezüglich Alltagsprobleme der Menschen, zu „schaffen“.

    Und die Wissenschaft muß sich vertrauensbildener in Gesellschaft und Politik einbringen/einbeziehen lassen. Wir stehen derzeit da und verstehen nicht, wozu wir uns teure (hoffentlich) unabhängige Akademie-Strukturen leisten, wenn davon aber kaum was in die Gesellschaft zu merken sei. Etwa als unabhängige Ratgeber der Politik – um Gesetzgeber-Prozesse zu begleiten und zu überwachen. Aber dazu sind derzeit offenbar freie Anwaltskanzleien die bessere Wahl!?

    Es besteht natürlich die Gefahr, dass sich Wissenschaft zu viel in politische Prozesse verstrickt, die dann, durch irgendwelche Einflüsse auch immer, selbst wieder unpopulär in der Bevölkerung sind.

    Oder die Kritik, dass Akademien nicht dazu da sind, die Politik direkt zu unterstützen, da sie einzig Bildungs- und Forschungsinstitutionen sein sollen. In diesem Falle wäre es also nur Kritik an Politik, dass sie sich, anstatt eigene Think-Tanks zu bilden (deren Mitglieder von der Uni geholt werden), bei Teilnehmern der freien Wirtschaften Gesetze in Auftrag gibt.

    Und die alten Themen, dass Scharlertane Wissenschaftserkenntnisse leugnen, ist leider ein alter Hut und aber kaum das eigendliche Problem. Wenn ich mi rdie Skeptiker ansehe, die jährlich „Überdosen“ Zuckerpillen schlucken, und dabei nur ihre Verachtung über verwirrte Menschen Ausdruck verleihen, dann hat das auch wieder nur einen gegenteiligen Effekt. Wer etwa über mich lacht, von dem wende ich mich ab. Da braucht sich keiner zu wundern.

    Und bezüglich DNM und deren Vision von Masern kann ich nur erklären, dass da was dran ist (Konfrontationsthese). Allerdings ist, soweit ich das überblicken kann, keine Argumentation darüber zu entnehmen, warum eine Impfung nicht nötig sei.
    Auch nicht zu verstehen ist, dass die anerkannte Wissenschaft aus irgendewelchen Gründen sich nicht mit den Grundthesen der opponierenden Heilkunden beschäftigt und so versucht zu argumentieren, anstatt aus groben Betrachtungen und spitzfindigen Argumenten erklärt, das sei alles vollkommener Blödsinn (Der es nicht vollkommen ist).

    In meiner eigenen Krankheitsgeschichte sind Teile meiner Symptomatik etwa mit der Vision der Deutschen neuen Medizin über die Masern gut vereinbar gewesen. Ich frage mich nun, warum davon absolut gar nichts in der anerkannten Medizin vorkommt? Oder warum davon nicht Teile zum Kulturgut gehören? Besteht eine Art Ideologie zur Verwirrung der Menschen, damit diese eben dumm bleiben? Sie wissen schon: mangelndes Wissen macht abhängig und es macht in seiner individuellen Souveränität angreifbar; manipulierbar und man kann mangels Wissen um seine eigene Situation schnell mal ausmanövriert werden und so Kaltgestellt werden. Ganz abgesehen davon, dass man gesundheitlich erheblich unter den Folgen leiden wird, wenn man unvollständig über seinen Zustand informiert wird.

  3. Homöopathie wie Kreationismus sind schlicht Esoterik, Esoterik kann nicht mit der Naturwissenschaft konkurrieren und soll auch nicht, die „modellbasierte CO2-zentrierte Klimatologie mit dem Erwärmungstrend“ ist aber ein „heißes Eisen“, und sie wird noch ein „heißeres“, wenn Klimatologen politisch werden, gar aktivistisch; Beispiele gibt es zuhauf, sollen an dieser Stelle nicht genannt, könnten aber nachgereicht werden, außer nur ganz kurz dieses kleine Dokument kurz beigebracht:
    -> http://www.wbgu.de/fileadmin/templates/dateien/veroeffentlichungen/hauptgutachten/jg2011/wbgu_jg2011_ZfE.pdf (hier in der Kurzfassung für Entscheidungsträger webverwiesen)

    Wobei dieses Dokument, mit Verlaub!, für einige partiell undemokratisch und expertokratisch ausschaut.
    (Wohl auch von der bundesdeutschen pol. Spitze vor fünf Jahren eher nachrangig bearbeitet worden, sozusagen weggehüstelt worden ist.)


    Soll heißen, dass gewisse Unsicherheiten bei der Klima-Modellerei (insbes. auch die Höhe der „Klimasensitivität“ meinend) zusammen mit Sachverhalt, dass unilateral kaum etwas am sich abzeichnenden Klimawandel zu ändern ist, bspw. so Donald J. Trump [1] populistischerweise (der Schreiber dieser Zeilen mag den Populismus-Begriff nicht sonderlich, verwendet ihn hier freundlicherweise) erlaubt zu tun, als ob kein Problem vorliege oder dieses nachrangig sei, vielleicht sogar: sehr nachrangig.
    Unilaterales Sparen am CO2-Ausstoß kann ja nicht die Lösung sein, auch Schwellenländer, Developing Countries oder mit welchen Begriffen hier gerade gearbeitet wird, können schlecht von der Industrialisierung abgehalten werden.

    MFG
    Dr. Webbaer (der insofern gerne den Klimawandel aus dieser „Dreiergesellschaft“ raus hätte, dort wird halt pol. noch stark gerungen, auch elitistisch ausschauender Sicht aus dem Klimatologenlager widersprochen, insbes. auch ins Auge gefasste Maßnahmen meinend)

    [1]
    Trump „speckt“ wohl gerade „auf“ bei diesem Thema, er hörte sich in einem kürzlichen Interview mit der NYT schon informierter und sachnäher an als in einem Tweet 2012 und im Wahlkampf (der merkwürdigerweise ganz (?) ohne diesem Thema auskam, auch Hillary war hier sparsam).

  4. @Dr.Webbaer;
    Ganz offensichtlich mögen Sie sich mit den Treibhausgasen als Ursache des Klimawandels noch nicht anfreunden. In der Tat ist es nicht nur das CO2, aber dieses Gas macht den Hauptanteil aus und es wird vom Tun der Menschheit in der Atmosphäre nachweislich angereichert. Wissenschaftlich bestätigte Fakten haben die Eigenschaft, sehr hartnäckig zu sein, was man von anderen angeblichen oder vermeintlichen Fakten oft genug nicht behaupten kann.

    Es gehört auch zu den Aufgaben von Forschern oder Wissenschaftlern, auf Gefahren und Risiken hinzuweisen, die sich aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen ergeben. Auf jedem Beipackzettel wird das erwartet! Wer sonst sollte das tun? Dagegen ist es nicht die Aufgabe der Klimatologen, politische Lösungen für das Problem des Klimawandels und entsprechende Maßnahmen anzugeben. Wohl aber ist es wieder Aufgabe von Wissenschaftlern (anderer Fachgebiete, z.B. PIK), solche Lösungen und geeignete Maßnahmen aufzuzeigen und ihre Wirkungen und Folgen zu untersuchen.

    Die Verminderung oder gar Vermeidung von CO2-Emissionen muss eine Industrialisierung keineswegs behindern oder verhindern. Die Motorisierung sieht heute anders aus als vor etwa 50 Jahren, als ein VW-Käfer noch 12l verbleites Benzin ohne Katalysator verschluckte. Wenn man keinen Ausweg hat, nützt es nichts, einfach weiter zu fahren. Man muss umdrehen, ob man will oder nicht.

    Nach meiner Ansicht liegt das Problem des Populismus nicht in einem Zuwenig an Wissenschaft in der Öffentlichkeit, sondern im Zuviel. Die Menschen werden ständig und unfreiwillig mit wissenschaftlichen Meldungen konfrontiert und traktiert. Die Paradoxie zeigt sich doch darin, dass Homöopathen, Esoteriker und sonstige Seelenverkäufer versuchen, mit Verweisen auf Wissenschaft und „wissenschaftliche Beweise“ (Gottesbeweis!) zu punkten und allen sinnlosen Schabernack zu verkaufen. Der Gipfel des Blödsinns ist die sogenannte „Quantenheilung“ mit Anleihen bei der Quantenphysik. Auch die öffentlichen Medien mit dem Hang zu Sensationen und Spektakel tragen dazu bei, die Wissenschaft zum Zirkusclown zu machen.

    • @ Herr Reutlinger :

      Nach meiner Ansicht liegt das Problem des Populismus nicht in einem Zuwenig an Wissenschaft in der Öffentlichkeit, sondern im Zuviel. Die Menschen werden ständig und unfreiwillig mit wissenschaftlichen Meldungen konfrontiert und traktiert.

      Ob ein ‚Zuviel an Wissenschaft in der Öffentlichkeit‘ vorliegt, ist unklar, zumindest werden ‚die Menschen‘ beim Thema Klimawandel (der etwas mit bes. Ausgasung zu tun hat, nicht umsonst ist es auf dem Erdtrabanten mangels Atmosphäre 55 K kälter >:-> ) pädagogisiert und mögen dies nicht durchgehend.

      Auch deshalb nicht, weil wichtige Folgen des Klimawandels jenseits ihrer Lebensperspektive und jenseits der ihrer Kinder liegen.
      Zudem ist die Frage, ob heutige Menschen bes. Verantwortung für (viel) spätere Generationen eine moralische Verantwortung tragen alles andere als klar zu beantworten, sie haben jedenfalls kein politisches Mandat für diese.
      (Es darf zumindest auch einmal angedacht werden, dass spätere Generationen dieses Problem bspw. durch die Einrichtung eines „Global-Thermostats“ beizeiten weghüsteln werden, könnte ja sein, sogar unilateral, sollte China in 2100 auf diese Idee kommen, wer weiß wie schnell das Problem dann verschwinden könnte? – Ein einziger Weltraumlift würde hier als Anstoß reichen.)

      Dann noch Modewörter wie ‚Populismus‘ und jetzt diese schreckliche Postfaktizität, gaaa!
      ‚Die Menschen‘ sehen sich durch den Populismus-Vorhalt oft herabgesetzt und wittern im Gegenzug Elitismus.

      Zudem steht dieser gesamtgesellschaftliche Vorgang vor dem Hintergrund einer allgemeinen Polarisierung (die nicht schlecht sein muss, aber eben aufheizt), unzureichend fertile Gesellschaften wie bspw. die bundesdeutsche, stehen mit einer Fruchtbarkeitskennziffer von ca. 1,4 seit ca. zwei Generationen sozusagen vor dem Abdanken.
      Müssten sich eigentlich um dieses „kleine“ Problem kümmern, konzentrieren sich aber auf neumarxistische, auch feministische Überlegung und nehmen teilweise auch die Klimawandel-Problematik als Religionsersatz, zumindest schaut dies einigen so aus.

      MFG
      Dr. Webbaer

  5. Das Thema Klimawandel ist tatsächlich anders. Bei diesem Thema sind die beteiligten Wissenschaftler teilweise extrem eng mit Politik und Wirtschaft verbunden. Dies hat dazu geführt, dass die eigentlichen wissenschaftlichen Diskurse eher versteckt stattfinden und stattdessen öffentlich auf unsachliche Art schmutzige Wäsche gewaschen wird. Dabei sind zwischen den unterschiedlichen wissenschaftlichen Lagern in der öffentlichen Wahrnehmung in Bezug auf Unsachlichkeit, Beschimpfung und Demagogie kaum Unterschiede zu erkennen. Die Wissenschaft bleibt dabei auf der Strecke.

    Ausdrücklich möchte ich in diesem Zusammenhang die Klimalounge hier auf Scilogs als eher positiv hervorheben. In den meisten Artikeln dort ist glücklicherweise eine gewisse Sachlichkeit eingekehrt, die Polemik ist nicht mehr so beleidigend (auch wenn es da immer wieder mal Ausreißer gibt und die Kommentare dann teilweise unterirdisch sind).

    Ich würde mir wünschen, dass es gerade auch auf diesem Gebiet wieder mehr wirklich inhaltlichen wissenschaftlichen Streit auch in der Öffentlichkeit gibt. Dass Wissenschaftler, deren Finanzierung ihres Arbeitsplatzes und ihrer Forschungen direkt mit der Klimahysterie zusammenhängt anderen Forschern, die von Energieerzeugern und Erdölunternehmen bezahlt werden diese finanzielle Abhängigkeit vorwerfen ist schon etwas skurril, wie vieles in der Klimadiskussion.

    Um zum Thema des Blogbeitrages zurückzukehren: Auch und gerade in der Klimadiskussion sind alle Seiten in hohem Grade durch ideologische, politische und finanzielle Interessen motiviert.

  6. Warum nicht auch Wissenschaft in der Fussgängerzone! Oder im Parlament, im Magazin, in TV-Shows, im Warteraum von Arztpraxen und bei Prominenten, die beispielsweise in Werbespots sagen: „Ich hab mich geimpft“. Letzlich geht es – wie das Thomas Grüter deutlich gemacht hat – um eine Machtfrage und um die Frage, wer zu den Verbündeten gehört, wer welche Interessen vertritt und auf was alles abzielt. Folgender Satz von Thomas Grüter

    wenn Wissenschaftler den Populismus wirksam bekämpfen wollen, dann brauchen sie ein überlegtes, langfristiges Konzept.

    stimmt natürlich und was das langfristige Konzept sein muss ist für mich klar: Es braucht Verbündete unter Politikern, Sportlern, Medienleuten, Wirtschaftsgrössen und diese Verbündeten müssen letzlich alle eines sagen: Wissenschaft bringt mich und die Menschen und Organisationen mit denen ich arbeite weiter und wissenschaftliche Ergebnisse beeinflussen meine Entscheidungsfindung: als Immobilieninvestor berücksichtige ich den zu erwartenden Meeresspiegelanstieg (sogar Donald Trump macht das, lässt er doch vor seinem schottischen Golfresort meeresseitig einen Damm aus grossen Steinen errichten), als Versicherer kümmere ich mich um zunehmende Extremwetter, als Reiseveranstalter gebe ich Impftipps, als Mediziner sage ich meinen Patienten was sie von den von mir vorgeschlagenen Therapien erwarten können und was ein Therapieabbruch oder eine Alternativtherapie für den weiteren Verlauf und die Prognose bedeuten würden.
    In bestimmten Gebieten hat diese Vorgehensweise gut gewirkt. Heute stehen auf Tabakprodukten Gesundheitswarnungen und Sportler und ihre Trainer, aber auch Ärzte, Eltern und Lehrer warnen alle vor dem Tabakgenuss. Hier haben sich also viele Menschen gegenüber einer erkannten Gesundheitsgefahr verbündet. Klar bewirkt das auch einen sozialen Zwang. Doch das ist gar nicht schlecht sind wir doch alle soziale Wesen. Der soziale Zwang wirkt letzlich nicht nur beim Rauchen, sondern auch beim Impfen oder bei der Opposition gegen Kohlekraftwerke.

  7. Was ist Populismus?

    Seit wenigen Jahren wird ein neues Schlagwort geradezu exzessiv in den politischen Debatten gebraucht: Populismus. Dieser Begriff kam erst mit dem Aufstieg der AfD so richtig in Mode und viele Forderungen dieser neuen Partei wurden mit dem neuen Schlagwort „Populismus“, oft noch mit der Vorsilbe „Rechts-“ verbal regelrecht niedergeknüppelt. Besonders bei heiklen Themen wie der Euro-Rettung, der Flüchtlingskrise und der Energiewende möchten die Politiker der etablierten Parteien und die Meinungsmacher in Rundfunk und Fernsehen am liebsten jede Diskussion mit dem Totschlagargument „Populismus“ abwürgen.
    Auch Herr Grüter nutzt dieses vielfach „bewährte“ Argument in seinem ansonsten durchaus zustimmungsfähigen Beitrag, wenn er auf die Energiewende zu sprechen kommt:
    „Sobald Erkenntnisse der Wissenschaft aber eine Änderung ihrer Lebensweise erfordern würde, verstehen sie keinen Spaß mehr. In ihren Augen hat die Energiewende in Deutschland nur den Strom verteuert und die Glühbirnen ausgerottet. Ab 2030 sollen nur noch Elektroautos (teuer, lange Ladezeiten, geringe Reichweite) zugelassen werden. Das gefällt ihnen nicht, also müssen die wissenschaftlichen Voraussetzungen dafür falsch sein.“
    Ein Blick auf die nüchternen Zahlen müsste eigentlich reichen, um die Unsinnigkeit und Wirkungslosigkeit der deutschen Energiewende deutlich zu machen. Nicht umsonst macht kein Land der Welt den deutschen Energiewende-Wahn mit!
    Im Jahr 2000 wurde das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) verabschiedet – und damit begann letztlich die deutsche Energiewende. Das wichtigste Ziel dieser Energiewende war es, den Ausstoß von Treibhausgasen, allen voran CO2, zu verringern – und genau das konnte in nennenswertem Ausmaß nicht erreicht werden:
    Das bisschen Einsparung, was 25000 Windräder, über 8000 Biogasanlagen und 35 GW installierte Solarenergieleistung erreicht haben, ist im Weltmaßstab ziemlich lächerlich: max. 100 Millionen t pro Jahr, das entspricht gut 10 % der deutschen CO2-Emissionen. Im Weltmaßstab ist diese Menge vollkommen bedeutungslos: im Jahr 2000 betrug der weltweite CO2-Aussoß 24,7 Milliarden t, gegenwärtig ca. 36 Milliarden t pro Jahr, also ein Zunahme von gut 11 Milliarden t – und die deutsche Energiewende spart in dieser Zeit gerade einmal 100 Millionen = 0,1 Milliarden t ein. Hurra, wir retten die Welt vor der globalen Klimakatastrophe!?
    Deutschlands Anteil am weltweiten CO2- beträgt ca. 2,3 %. Die Einsparung durch die deutsche Energiewende an dem globalen CO2-Ausstoß beträgt also ca. 0,3 % – und das mit dem gerade erwähnten Aufwand, der nebenbei die deutschen Verbraucher in diesem Jahr mit fast 30 Milliarden Euro belastet! Maßnahmen wie das Glühlampenverbot oder die absurd teure Förderung von Elektroautos sind reine Symbolpolitik, die für das Weltklima kaum mehr Bedeutung haben, als wenn in China der sprichwörtliche Sack Reis umfällt.
    Darauf hinzuweisen ist nicht „Populismus“ oder „Wissenschaftsgegnerschaft“, sondern ein Gebot der wissenschaftlichen Redlichkeit: gut belegte Zahlen, Daten und Fakten zu akzeptieren und nicht ins Energiewende- Wunschdenken zu fliehen!

    • Zur Energiewende

      Die sogenannte Energiewende begann längst vor dem Jahr 2000. Ein erster Versuch wurde in den 1970er Jahren bei der Ölkrise gemacht. Ernsthafter wurde dann nach der Konferenz von Rio im Jahr 1992 Klimaschutz und deswegen eine Energiewende in vielen Ländern dieser Erde propagiert. Als Rot-Grün im Jahr 1998 an die Regierung kam, hatten sie den Atomausstieg im Programm und haben auch deswegen das EEG entworfen und beschlossen. Im Kern, wenn man die frühere Finanzierung von Kraftwerken in einem stark staatlich regulierten Markt kennt, ein geniales Gesetz. Dadurch wurde unter anderem es möglich, dass entgegen der Aussage der etablierten Stromkonzerne, dass in Deutschland auch auf lange Sicht maximal vier Prozent des Stroms aus Erneuerbaren Energien erzeugt werden könnten, wir heute bereits 35 % unseres Stromverbrauchs aus Erneuerbaren Energien decken. Und dass jetzt zusätzlich zur Stromwende auch die klimaschützende Verkehrs- und Wärmewende realistisch ist.

      Eine große Leistung Deutschlands ist die durch das EEG angereizte Entwicklung der PV- und Windkrafttechnik. Das trägt weltweit zum Klimaschutz und zum Schutz vor den Atomgefahren erheblich mehr bei als der Betrieb der EE-Anlagen in Deutschland. Dies zeigen die Zahlen der Leistungsentwicklungen der verschiedenen Kraftwerke: Weltweit hatte 2000 die Atomkraft 350 GW und heute 382 GW, wovon noch viele GW für stillliegende und voraussichtlich nicht mehr in Betrieb gehende AKW in Japan abzuziehen sind. Solar hatte im Jahr 2000 nur 1 GW und 2015 dann schon 234 GW. Windkraft stieg von 2000 bereits 17 GW auf 2015 dann 433 GW.

      Raimund Kamm, Augsburg

  8. Der Artikel nennt nicht die Themen , die den Populismus stark machen.
    Impfen , Gesundheitsparanoiker , die sind nicht identisch mit RP-Wählern.
    Klimawandel ist ein rechtspopulistisches Thema , das die Populisten aber selber falsch einschätzen , würden sie sich hier als fortschrittlich gebärden , hätten sie ganz andere Möglichkeiten.
    Paradoxerweise wirkt es sogar anti-populistisch , wenn es eine laute Fraktion der Klimaleugner gibt.
    Außerdem machen Wissenschaftler einen guten Job , was die genannten Themen angeht.

    Die Probleme entstehen dort , wo sich Wissenschaftler politisch äußern:
    Nirgendwo gibt es eine so blinde Verteidigung der Politischen Korrektheit. Das ist für Wissenschaftler besonders fatal , weil hinter den Sichtweisen , die die pK vertritt , zum Teil Inhalte stehen , die schon von der Logik her unhaltbar sind und daher gerade von Wissenschaftlern infrage gestellt werden müssten(sofern sie sich dazu äußern) – oft gar nicht erst wegen der Inhalte , sondern wegen der völlig unlogischen Prämissen.

    Hinzu kommt ein oft sehr oberflächliches Analyseverhalten , gerade die amerikanische Wahl hat das sehr stark gezeigt.

    • Es geht in diesem Artikel nicht vorrangig um Populismus (dazu habe ich auch schon einiges geschrieben, z.B. hier und hier). Thema ist die Frage, ob die Wissenschaftsfeindlichkeit, die unter anderem von Populisten propagiert wird, durch bessere Aufklärung über Wissenschaft einzudämmen wäre. Meine Antwort lautet: Nein, vermutlich nicht. Wissenschaft ist gut sichtbar und Populisten sind nicht per se wissenschaftsfeindlich. Sie greifen, wie auch Esoteriker, gezielt einzelne wissenschaftliche Ergebnisse an, die ihrer Agenda im Weg stehen. Solche Angriffe müssen gezielt abgewehrt werden, weil sie durch reine Aufklärung nicht zu stoppen sind. Das gleiche gilt für Angriffe aus finanziellem Interesse. Homöopathische Mittel haben keine medizinische Wirkung, die über ein Placebo hinausgeht, bringen den Herstellern aber hohe Gewinne.

      • Hallo Herr Grüter,
        danke für den interessanten Schlagabtausch! Ich gebe Ihnen recht, dass im Prinzip genügend Wissensquellen vorhanden sind (Markus Pössel argumentierte ja auch in diese Richtung). Das Problem ist aber, dass sie nicht genutzt werden — siehe dazu Ihre Tabelle zur Auflagenstärke einiger Wissenschaftsmagazine (wobei ich c’t und PM da nur beschränkt dazu zählen würde…). Es ist eben so viel bequemer abends den Fernseher mit der Lieblingsserie einzuschalten, als nachzudenken.
        An der Stelle könnte man ansetzen und Leute für Wissenschaft begeistern, die sich normalerweise kein Spektrum am Kiosk kaufen. Daher habe ich vorgeschlagen, in die Fußgängerzonen zu gehen, um mit dem „Volk“ mehr in Kontakt zu kommen.
        Grüße,
        Leonard Burtscher

        • Hallo Herr Burtscher,
          bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ein Stand in der Fußgängerzone wird sicherlich Menschen für die Wissenschaft interessieren. Aber unserer Sache wäre damit eher wenig gedient. Die Angriffe gegen die Wissenschaft entstehen nicht aus Unwissenheit, und sie richten sich auch nicht gegen die Wissenschaft im allgemeinen. Die Forschung gerät immer dort unter Beschuss, wo ihre Ergebnisse die Geschäfte stören, die politische Agenda widerlegen, oder ideologische Vorstellungen ad absurdum führen. Als Wissenschaftler sollten wir uns klarmachen, dass hinter den Angriffen nicht Unwissenheit, sondern handfeste Interessen stehen. Nur wenn wir bei der Gegenwehr diese Interessen in unsere Überlegungen mit einbeziehen, haben wir eine reelle Chance, der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen.
          Diese Strategie betrifft natürlich im wesentlichen wissenschaftliche Verbände oder die Pressestellen der Unis. Es wäre sicher auch hilfreich, wenn Wissenschaftler auch im persönlichen Gespräch mit Freunden oder Bekannten gegen Scharlatanerie entschiedener vorgehen. Ich habe oft den Eindruck, dass vielen Kollegen solche Kontroversen einfach zu mühsam sind.

      • @Thomas Grüter;
        Kürzlich habe ich gelesen, dass wir in Deutschland derzeit 2,8 millionen Studenten haben. Die Zahl der Abiturienten ist also wohl noch größer. Wir haben zahlenmäßig mehr Wissenschaftler als jemals zuvor. Noch mehr Aufklärung könnte also kaum zu einem Erfolg führen. Das Problem liegt offenbar woanders.

        Jede Ideologie trifft heute auf den Widerstand von Wissenschaft und Medien. Daher sind beide Institutionen zu Feinden der Ideologen geworden und werden gleichermaßen bekämpft, durch Diffamierungen und Verleumdungen. Zu sachlicher Kritik sind solche Leute meist nicht willig und sachliche Kritik wäre ungenügend, um die Ideologie zu verteidigen. Worin aber liegt die Ideologie? Es gibt berechtigte Kritik und Wut gegen gesellschaftliche Erscheinungen von Ungerechtigkeit (z.B. Managergehälter), es gibt neuerdings die Angst vor Flüchtlingen und Überfremdung (Sarrazin ff.), es gibt die Globalisierung, es gibt ökologische Umwälzungen (EEG), es gibt technologische sowie kulturelle Herausforderungen und sicher noch manch andere. In der Summe sind es Gefühle der Angst, der Benachteiligung, der mangelnden Beachtung, der Machtlosigkeit gegenüber der Politik, des Anpassungsdrucks, verbunden mit beständigem Stress.

        Hinzu kommt die ständige Überfrachtung mit Information, die bruchstückhaft und aus dem Kontext gerissen als Schlagworte und Schlagzeilen beliebig deutbar ist und keine Orientierung mehr liefern kann angesichts der individuellen Freiheit, der Aufweichung traditioneller Regeln (Homoehe, Gender) und der Pluralität der Gesellschaft (Multikulti). Das Resultat ist zunehmend Verunsicherung, Widerstand und Aggressivität bei Teilen der Bevölkerung. Wir haben kein Problem der Wissenschaft oder der Medien, sondern ein generelles Gesellschaftsproblem, das sich am Verhältnis zu Wissenschaft und Medien, neben der Politik selbstverständlich, widerspiegelt.

      • Zitat: „Wissenschaft ist gut sichtbar und Populisten sind nicht per se wissenschaftsfeindlich. Sie greifen, wie auch Esoteriker, gezielt einzelne wissenschaftliche Ergebnisse an, die ihrer Agenda im Weg stehen.“

        Der Klimawandel wird von vielen Menschen als Bedrohung wahrgenommen, gleichzeitig stehen sie ihm hilflos gegenüber, weil sie zusehen müssen wie beispielsweise in Brasilien der Regenwald immer mehr abgeholzt wird. Viele weniger entwickelte Länder lassen einen Raubbau an der Umwelt bewusst zu, weil sie ansonsten Wettbewerbsnachteile hätten. Konservative stellen den Klimawandel oft aus dem Grund in Frage, weil sie drastische Maßnahmen zu dessen Eindämmung befürchten und vielleicht sogar unser ganzes Wirtschaftssystem in Frage gestellt werden müsste. Letzteres wird dann auch von der Aktivistin Naomi Klein propagiert, die ein Buch schrieb mit dem Titel „Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima“, das hier im Philosophenstübchen-Blog besprochen wird:
        https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2015/03/13/kapitalismus-und-klimawandel/

    • Das hier in scilogs zu lesen habe ich wahrhaftig nicht erwartet:

      „Die Probleme entstehen dort , wo sich Wissenschaftler politisch äußern:
      Nirgendwo gibt es eine so blinde Verteidigung der Politischen Korrektheit.
      Das ist für Wissenschaftler besonders fatal , weil hinter den Sichtweisen , die die pK vertritt , zum Teil Inhalte stehen , die schon von der Logik her unhaltbar sind und daher gerade von Wissenschaftlern infrage gestellt werden müssten(sofern sie sich dazu äußern) – oft gar nicht erst wegen der Inhalte , sondern wegen der völlig unlogischen Prämissen.“

      Erstaunlich ist es aber nicht, denn die politische Korrektheit ist die Ideologie der postmodernen Gesellschaft, und was Weltanschauungen betrifft – zumal wenn sie mit einem moralischen Anspruch daherkommen – , sind gerade Intellektuelle sehr anfällig. Mit Logik hat das nichts zu tun, eher mit Realitätsabwehr. Die Kulturwissenschaftlerin Antonella Messerschmidt schreibt in der TUMULT dazu: „Wie seit jeher herrscht dort unumschränkt ein sklerotisch gewordener ‚Linksliberalismus‘, der amorphe Verpflichtungsgefühle gegenüber einer imaginären Weltgemeinschaft propagiert, von denen immer nur das eigene Volk und die eigene Kultur ausgenommen bleiben, und der beim geringsten Widerspruch gegen seine wolkigen Ideale auf aggressiven Kampfmodus umschaltet.“

      Quelle: Antonella Messerschmidt: „Symbolische Tötung des Souveräns“ in TUMULT -Vierteljahresschrift für Konsensstörung. S. 24
      Herbst 2016

  9. @Thomas Grüter

    Ich sehe das genauso wie Sie , die Angriffe sind gewollt und reagieren auch flexibel auf wissenschaftliche Gegenwehr. Sie sind also primär politisch oder anderweitig einzudämmen , denn aus der Willkür folgt ja auch , daß rein wissenschaftliche Gegenwehr nichts bringt , wie Sie selber sagen.
    Die Themen , die Sie primär nennen , sind aber nicht sehr erfolgreich , selbst wenn dort Teilerfolge für die Populisten errungen werden , wirkt sich das nicht besonders stark auf das Wahlverhalten aus.

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