Hirnchips zur Rettung der Welt?

„Nur als Terminator kann der Mensch überleben“ betitelte die Welt einen dpa-Artikel über ein Interview mit dem „Medienphilosoph“ Peter Weibel. Der Vorstand des Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe ist anerkannter Künstler, einen Abschluss in Philosophie gibt er in seiner Vita nicht an, aber zweifellos philosophiert er gerne.

In einem Gespräch hat er die Überzeugung geäußert, dass der Mensch die Rechenleistung seines Gehirns und seiner Sinnesorgane verbessern müsse, um die „Informations-Revolution zu überstehen“. Ähnlich dem Brust- und Herz-Implantat könne es auch ein Gehirn-Chip-Implantat geben, meint er. Umweltkrise und Finanzkrise sieht er als Anzeichen dafür an, dass der Mensch an seiner selbst geschaffenen künstlichen Umwelt zu scheitern drohe. Menschen werden nicht mehr mit den eigenen Krisen fertig, jetzt müssen also die Übermenschen her, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Die Idee der Verbesserung des Menschen durch Neurochips ist nicht neu. Rodney Brooks, Informatikprofessor am MIT, hat bereits 2002 ein Buch darüber geschrieben (in Deutsch: Menschmaschinen, Campus Verlag, Frankfurt). Schon in naher Zukunft werde es zu einer Verschmelzung von menschlichem Körper und Maschine kommen, prophezeite er darin und konkretisiert seine Vorstellungen so:

„Sehr bald werden wir vielleicht Schulkindern mit implantierten neuralen Internetverbindungen verbieten müssen, diese einzuschalten, wenn sie ihre Abiturklausuren schreiben. Nicht allzu lange danach könnte es praktisch zwingend werden, solche Implantate zu haben, um am Internet-Abitur teilnehmen zu können.“

Einige Wissenschaftler bevorzugen allerdings die Verbesserung der Intelligenz durch eine Art chemischen Raketentreibstoff für das Gehirn. Aber mangelt es der Welt wirklich an Intelligenz? Würden beispielsweise Politiker zwar weiterhin billige Kredite annehmen, ihre Spuren aber intelligenter verwischen? Ich kenne keine seriöse Studie, die nachweist, dass intelligente Menschen weniger selbstsüchtig oder moralisch integrer sind.

 

Auch kluge Menschen glauben seltsame Sachen

In der erweiterten Auflage seines Buchs „Why people believe weird things (Warum Menschen seltsame Sachen glauben)“ widmet der amerikanischen Physiker und erklärte Skeptiker Michael Shermer ein eigenes Kapitel dem Thema „Why smart people believe weird things“. Er kommt zu dem Ergebnis: „Kluge Menschen glauben seltsame Sachen, weil sie darin geübt sind, einen Glauben zu verteidigen, den sie auf nicht-kluge Weise gewonnen haben.“

Zu den seltsamen Glaubensinhalten mit erstaunlicher Anziehungskraft für kluge Leute gehört heutzutage die angeblich segensreiche Wirkung von chemischen Intelligenzboostern oder implantierten Computerchips.

Die von Peter Weigel angesprochenen Probleme wird auch eine aufgerüstete menschliche Intelligenz nicht lösen können. Der Finanzmarkt ist ein Nicht-Nullsummen-Spiel mit unübersehbar vielen Spielern (spieltheoretisch gesehen). Seine Regeln sind teilweise obskur, und das ganze System arbeitet nichtlinear und dynamisch. Außerdem gibt es kein einheitliches Ziel, vielmehr existieren mehrere, miteinander unvereinbare Vorgaben. So wollen die meisten hohe Gewinne erzielen, aber kein Risiko dafür eingehen.

Auch der Umweltschutz hat viele Facetten, unüberschaubar viele Mitspieler, nichtlineare Regelkreise und widersprüchliche Zielvorgaben. Auch hier gilt: Eine Berechnung oder sichere Simulation ist ausgeschlossen. Bisher gibt es nicht einmal eine sichere Prognose des Weltklimas bei gleichbleibender Steigerung des CO2-Anteils der Luft.

Rodney Brooks erwartete den Internet-Chip für Schulkinder zu Beginn der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts. Inzwischen ist aber zunehmend klar geworden, wie komplex das menschliche Gehirn ist und wie wenig wir seine Funktion verstehen. Bisher sind sich die Gelehrten in keiner Weise einig, was menschliche Intelligenz eigentlich ist. Also weiß auch niemand, an welchen Stellen des Gehirns man eingreifen kann, um die Intelligenz zu verbessern, ohne hässliche Nebenwirkungen zu provozieren.

 

Keine Smartpills und kein Smart-Chip

Bisher sind keine chemischen Intelligenzverstärker in Sicht, ja nicht einmal eine Substanzklasse ist bekannt, die dafür in Frage käme. Die bisher als Smartpills gehandelten Stoffe wie Modafinil und Methylphenidat können allenfalls Müdigkeit vertreiben oder die Konzentration verbessern.

Ein Intelligenz- und Gedächtnis-Chip ist derzeit nicht einmal als Prototyp in Sicht und wird auch so schnell nicht realisiert werden. Die wirklichen Innovationen kommen fast immer unerwartet. Vor 10 Jahren hätte sich kaum jemand den durchschlagenden Erfolg von Smarthandys vorstellen können.

 

Wollen wir überhaupt den Gehirnchip?

Der deutsche Science-Fiction-Autor Andreas Eschbach hat seinem Buch Black Out 01 ein dystopisches Szenario beschrieben, in der Menschen mithilfe eines Neurochips zu Sklaven eines weltweiten Übergehirns werden. Der Autor hat die Handlung in der unmittelbaren Zukunft angesiedelt. In der Tat: wenn man die Intelligenz künstlich manipulieren kann, warum dann nicht auch die Gefühle, die Motivation, die ganze Persönlichkeit?

Ein allmächtiger Diktator könnte sich eine todesverachtende Zombiearmee zulegen, eine Firma verlangen, dass ihre Angestellten einen Chip tragen, der ihre Loyalität und maximale Arbeitskraft sichert. Wenn wir erst anfangen, die höheren Funktionen des Gehirns zu beeinflussen, ist ein Ende nicht absehbar.

 

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

28 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. IQ-Booster wie Brustimplantat

    Diktatoren, die sich eine Zombie-Armee von Cyborgs anschaffen, sind zwar denkbar, aber unwahrscheinlich, denn die meisten und stärksten Veränderungen unseres Verhaltens gehen auf unsere mehr oder wenigen geheimen, jedenfalls in uns wirkenden Wünsche zurück. Früher konnte man sich viele Wünsche nicht erfülln, man nahm also die Kinderlosigkeit oder den zu kleinen Busen einfach als Schicksal. Heute sind viele jedoch “ mutiger“, sie verändern sogar ihren Körper, wenn er ihnen nicht passt. Auch den IQ würden wohl viele ändern, wenn es denn möglich wäre.

    Noch eine Bemerkung zur Verbindung IQ und Bewältigung der
    Komplexität. Bei den oben im Text erwähnten „Führern“, den Politikern zum Beispiel würde sich nicht so viel ändern, beim Publikum, den Regierten aber schon, wenn sie intelligenter wären. Man könnte sie nämlich nicht mehr so einfach hinters Licht führen.

  2. Klug?

    „Kluge* Menschen glauben seltsame Sachen, weil sie darin geübt sind, einen Glauben zu verteidigen, den sie auf nicht-kluge Weise gewonnen haben.“
    Leider. Es werden Unmengen von Kreativität und Rhetorik verwendet um bequeme und gewohnte Weltbilder gegen Fakten zu verteidigen. Ich kann mir aber in der Tat nicht vorstellen, wie ein Neuroenhancement da Abhilfe schaffen könnte.

    *Klug würde ich das aber nicht nennen. Wie es aussieht gibt es für den deutschen Begriff auch keine exakte Übersetzung.
    http://www.dict.cc/?s=Klug

  3. Die Software macht’s

    Brustimplantat bestehen im wesentlichen aus einer Sache: der Silikonfüllungen.

    Elektronische Implantate, also Herz- oder eben auch Hirnschrittmacher und andere, zukünftige Neuroprothese bestehen aus zwei fundamental unterschiedlichen Dingen: Hardware und Software.

    Beide stellen unterschiedliche Anforderungen, aber die Software ist wohl letztlich entscheidend (jeder Mac-User wird dem zustimmen).

    Ich arbeite und verfolge die Entwicklung auf der Software-Seite seit langem. Neulich auf einer Tagung warf ich in die Diskussionsrunde ein, dass wir nur — also wenn überhaupt — heute schon Fortschritte bei Neuroprothesesn machen können im Einsatz bei neurologischen Erkrankungen des Gehirns. Aufmerksamkeit, Gedächtnis etc., also all die normalen Operationsmoden des Gehirns, seien theoretisch noch völlig unverstanden.

    Und dann guckte ich in nicht wenige, entsetzte Gesichter. Oups, viele der Kollegen arbeiten gerade auch an diesen Themen. Ich setzte noch schnell ein: Das sei nur meine Einschätzung, dahinter.

    Ich will auch nicht die fundamentalen Arbeiten zu neuronalen Netzwerken, neuronale Plastizität, usw. klein reden. Wir haben durch theoretische Arbeiten eine (grobe) Vorstellung, wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis, etc funktionieren könnten, aber wir können auch daneben liegen.

    Dagegen sind Krankheiten schon relativ gut verstanden, denn sie sind in ihrer neuronalen Dynamik um Größenordnungen weniger komplex — das ist, was sie zu krankhaften Zuständen macht, zumindest bei den neurologischen Erkrankungen, psychiatrische Störungen sind da wieder anders!

    Prognose über Schulkinder mit Hirnchips sind daher drei Schritte zu früh.

  4. Wollen wir den Gehirnchip?

    Menschen verwirklichen sich ihre machbaren Träume – im Guten wie im Schlechten.
    Den Anfängen ist nicht zu wehren.

  5. Der guten Form auf die Sprünge helfen?

    ‚Prognose über Schulkinder mit Hirnchips sind daher drei Schritte zu früh.‘

    Das meine ich auch. Aber wie sieht es mit ‚Droge‘ aus? (Drogen im Weitesten Sinne) Als ehemaliger Programmierer (und Hobbyschachspieler) habe ich gemerkt, dass bestimmte, (für mich) sehr komplexe Probleme, deren Lösung auch einen Schuss Kreativität benötigen, an manchen Tagen ‚wie von selbst‘ gelingen, an anderen Tagen jedoch sollte man es lieber sein lassen und Holz hacken gehen. Manchmal fragt man sich schon, was passiert an ‚guten‘ Tagen in meinem Gehirn? Könnte ich diesen Zustand nicht öfters haben? Für mich habe ich (wenig überraschend) mindestens diese drei Fakturen ausgemacht: Bewegung an der frischen Luft, genug Schlaf und einen lustigen geselligen Abend. Aber all das ist keineswegs eine Garantie. Andersherum ist man auch nach einer sehr kurzen Nacht manchmal in erstaunlich guter Form. Wieso? Kann man da nicht irgendwie ’stabilisierend‘ nachhelfen?

  6. Gedächtnisfilter gezielt ausschalten?

    Vor etwa 2 Jahren sah ich eine Doku bezüglich des Zusammenhangs von Autismus etc. und außergewöhnlichen Gedächtnisleistungen. Ich gebe mal wieder was davon in meinem (überhaupt nicht getunten) Gedächtnis hängengeblieben ist:
    Scheinbar hat das ‚gesunde‘ Gehirn jede Menge Filter, welche verhindern, dass es mit überflüssingen Informationen überschwemmt wird. Nun versuchte man bei Versuchspersonen bestimmte Regionen, die man als Gedächtnisfilter ausgemacht hatte, auszuschalten. (Irgendwie Elektromagnetisch, glaub ich) In der Folge konnten die Versuchspersonen sich Vokabeln aus Fremdsprachen mühelos merken. Wäre doch ganz praktisch, manchmal bestimmte Filter gezielt ausschalten zu können?

  7. @ Thomas Grüter

    Aber mangelt es der Welt wirklich an Intelligenz? […] Ich kenne keine seriöse Studie, die nachweist, dass intelligente Menschen weniger selbstsüchtig oder moralisch integrer sind.

    Das ist eine fundamentale Tatsache, die so gut wie keine Beachtung findet – was wiederum dumm ist. Nach gängigen Kriterien wird man z.B. die beiden Physik-Nobelpreisträger (sic) Lenard und Stark zweifellos als hochintelligent bezeichnen dürfen/müssen. Daß beide, wie der Volksmund treffend sagt, einen an der Waffel hatten, läßt sich ebensowenig bestreiten.

    @Markus Dahlem

    Und dann guckte ich in nicht wenige, entsetzte Gesichter. Oups, viele der Kollegen arbeiten gerade auch an diesen Themen. Ich setzte noch schnell ein: Das sei nur meine Einschätzung, dahinter.

    Warum hast Du nicht dazu gestanden? War das nun Opportunismus, ein Softwarefehler, oder war dir die treffende Bemerkung „nur so“ rausgerutscht (qua Dämon)?

  8. But that’s just me

    Ich habe dazu gestanden. Ich habe wörtlich gesagt: „ … But that’s just me„, was (nach meinem Sprachgefühl) heißt: Ich sehe es halt so. Ich habe es hier im Kommentar mit „Das sei nur meine Einschätzung“ übersetzt, was vielleicht eher nach Einschränkung klingt.

    Ich habe nun das Thema auch nochmal aufgegriffen und meinen Kommentar hier mit einem Beispiel untermauert: App ins Hirn.

  9. Hm, na ja, gut. Ich kenne es eher in der Form „Is it just me, or is someone talking bogus in here?“ Das wäre sicher eine fruchtbare Diskussion geworden.

    „But that’s just me.“ hingegen klingt ein bißchen nach Tchechow: „Oh, Verzeihung, nicht mißverstehen, so war das nicht gemeint.“ Vielleicht irre ich mich. Deshalb vielleicht noch eine aufklärende Frage: War denn das von dir zurecht aufgeworfene Thema mit deiner Bemerkung all of a sudden erledigt?

  10. Was ist u?

    @jörg schütze: Die Diskussion startete mit der Frage (Thomas, verzeih, wenn wir hier etwas off topic diskutieren, den Rest können wir dann verlegen, wenn es noch weiter abdriftetet) also nochmal: mit der Frage, was u sei und damit war die Feldvariable neuronaler Felder gemeint; ohne das nun zu erklären, fundamentaler hätte wir nicht starten können. Als das dann ausgiebigst durch war (Kurz: wir wissen nicht was wir mit u meinen!), kam mein Einwand, der dann nicht ganz so lange diskutiert wurde.

    Diskussion bei Workshops laufen nicht unähnlich der in Blogs, wenn zu viele mitmischen sind, dann wird es schnell unübersichtlich. Bei meiner Frage war die Luft schon raus.

  11. Kein Gehirnchip in Sicht

    Markus, ich stimme Dir unbedingt zu: Es gibt auf absehbare Zeit allenfalls Gehirnchips zur Linderung von Krankheiten, wie jetzt schon die tiefe Hirnstimulation zur Behandlung der Parkinson’schen Krankheit und eventuell zur Behandlung von Depressionen. Die Schnittstelle besteht aus einer langen Elektrode mit zumeist vier Polen, die in den sogenannten Nucleus subthalamicus vorgeschoben werden. Die Stimulation ist recht grob, es ist bisher nicht möglich, bestimmte Nervenzellen oder Nervenzellgruppen gezielt anzuregen oder in ihrer Aktivität zu bremsen. Sollte mal eine bessere, genauere, schonendere Schnittstelle geschaffen werden, dann ist sicherlich die Software (also der Ansteueralgorithmus) entscheiden wichtig. Vorerst haben wir aber nicht einmal eine passende Hardware. Und wie gesagt: Die Menschheitsprobleme kämen damit ihrer Lösung keinen Schritt näher.
    Das gezielte Ausschalten von Gedächtnisfiltern ist Zukunftsmusik. Das ungezielte Ausschalten ist dagegen eher kontraproduktiv. Schließlich möchte ich nicht ständig von Erinnerungen belästigt werden, die ich derzeit nicht brauche.
    Markus und Jörg, nochmal zum Thema der Diskussion auf Tagungen: Es hat wohl in der Tat wenig Sinn, bei einer Tagung ein Reizthema anzusprechen, das nicht unmittelbar zum Kontext passt. Jeder Diskussionsleiter, der sein Geld wert ist, würde die Kontroverse sofort abwürgen („Meine Damen und Herren, bitte setzen Sie diese Diskussion doch heute Abend in geselliger Runde fort …“). Aber ich finde es schon bemerkenswert, dass viele Fachleute das Wissen über die höheren Hirnfontionen offenbar gewaltig überschätzen.

  12. keinen Schritt näher

    Ich kenne die Arbeiten zur Minderung eines Tremors (bei Parkinson-Krankheit und Essentiellen Tremor) mit Tiefenhirnstimulation aus der Gruppe von Peter Tass. Coordinated reset, nennt er sein Verfahren, also die Software. Peter Tass Ansatz hat mich selber sehr beeinflusst. Dies als Bemerkung, denn ich habe ja diese Gedanken mir nicht allein im stillen Kämmerlein ausgedacht.

    Das bringt mich zu den anderen Punkt: Es war damals keine Tagung, sondern ein kleiner Workshop mit vielleicht 40 Teilnehmern und wir hatten eine Stunde Diskussion angesetzt, insofern war die Möglichkeit gegeben, aber auch unter diesen Bedingungen ist es noch zeitlich eingeschränkt.

    Wenn es dann aber abends beim Abendessen weiter geht, wird es oft noch mal interessant. Viele der dort geführten Gespräche motivieren Blogbeiträge bei mir (z.B. der Unterschied zwischen neurologischen Erkrankungen und psychischen Störungen habe ich auf Tagungen erstmal diskutiert, aber über Dornröschen.)

    Zu guter Letzt:

    Die Menschheitsprobleme kämen damit ihrer Lösung keinen Schritt näher.

    Da bin ich ganz bei Dir!

  13. Gespräche bei Tisch

    ich finde es schon bemerkenswert, dass viele Fachleute das Wissen über die höheren Hirnfunktionen offenbar gewaltig überschätzen.

    Offen gesagt (beim Abendessen, nach einem Getränk), ich kann mir kaum vorstellen, daß diese Fachleute das übersehen. Funktioniert doch die akademische Wissenschaft nicht ohne PR in eigener Sache, indem sie nicht ohne Fördermittel auskommt – und die Töpfe sind endlich. Die extreme Spezialisierung tut ihr übriges, sie ermöglicht, ausgesprochen sophisticated und brilliant im Komplexen zu agieren, und da kommt z.B. das Gehirn gerade recht. Neuroenhancement durch Implantate, regulierende Hard- und Software, Gedächtnismanipulation – alles nur pro bono. „Zukunftsmusik zwar, aber doch Musik; und man kann vielleicht schön hören, wie gut das alles klänge, wenn man uns nur weiter daran arbeiten ließe.“

    Kurzer Sinn: die Wissenschaft ist eine wunderbare Sache, aber zu ihrer methodischen Strenge zählen Behutsamkeit, Bescheidenheit und Ethik offenbar nicht. Dafür gäbe es ja auch keine Fördergelder.

  14. Neues am Horrorszenarium?

    „Ein allmächtiger Diktator könnte sich eine todesverachtende Zombiearmee zulegen, eine Firma verlangen, dass ihre Angestellten einen Chip tragen, der ihre Loyalität und maximale Arbeitskraft sichert“

    Inwiefern ist diese Dystopie denn an die beschriebenen Techniken gebunden?

    Trügt mich meine Wahrnehmung oder ließen und lassen sich nicht genau diese Szenarien immer wieder in unterschiedlichsten Gesellschaftssystemen beobachten – völlig unabhängig von Gehirnchips?
    (Nur exemplarisch seien hier – als Extremformen – japanische Flieger im 2. Weltkrieg, Fließbandarbeiter und Manager mit mehr als 80 Stunden pro Woche genannt.)

    Also ist ein solch massiv-invasiver Eingriff doch völlig unnötig. Dafür haben die Menschen schon lange geeignete Kulturtechniken entwickelt.

    Und dass morphologische Gehirn-Modifikationen nicht nur chirurgisch (z.B. via Extinktionen oder Chips) oder biochemisch (via Pillen), sondern auch sozial (z.B. mittels diverser therapeutischer Maßnahmen) bewirkt werden können, haben neurowiss. Untersuchungen in den letzten jahren vielfach eindrucksvoll bestätigt.

    Ich möchte also keineswegs den interessanten Artikel kritisieren, aber zumindest darauf hinweisen, dass die entworfene Dystopie nicht der im Artikel beschriebenen Techniken bedarf.

    In diesem Bereich ist der Mensch also der Technologie noch voraus.

  15. Wozu Intelligenz…?

    Angesichts der Zombiearmee ist Intelligenz nicht mehr nötig. Es braucht nur der individuelle Wille und Bedürfnisniveau dieser Masse minimiert/unterbunden werden und schon funktioniert alles fast wie am Schnürchen. Der Ort indem sich diese Funktion im Gehirn findet, ist sicher schon bekannt. Liegt es also nur noch an der Methode.
    Aus individuellen Menschen werden altruistische – vom Ego befreite subjekte, deren selbsternannte Hauptaufgabe darin besteht, einem „höherem“ Ziel zu dienen. Hinterfragt kann und wird dass dann auch nicht mehr. Mit dem Ego verschwanden auch die individuellen Ideen der Existenz. Und Intelligenz ist für diese Masse nicht nötig, die Hochspezialisierung macht es heute schon möglich ohne auszukommen.

    Wahrhaft traumhafte Zustände. Wie ein Alzheimer geschädigter Mensch, dem nicht bewusst ist, dass er Krank ist, weiss der Zombie auch nicht, was er ist – und was er nicht weis, dass macht ihm nicht heiss.

    Kommt mir vor, wie in einer Ameisenkollonie. Oder wie die zeit in der ich lebe…

  16. @Markus Dahlem

    Der Ansatz von Peter Tass ist wirklich sehr spannend und könnte, wenn er Erfolg hat, die Parkinsontherapie deutlich verbessern. Ich habe bei den Recherchen für mein Buch mit ihm gesprochen, und fand seine Idee sehr überzeugend. Die ersten Versuche laufen, und
    in einem Jahr werden wir vermutlich mehr wissen. Allerdings hat Peter Tass mit seiner ähnlich aufgebauten, aber nicht-invasiven Tinnitustherapie bisher nicht den großen Durchbruch geschafft.

  17. @ Jörg Schütze

    Das Zuschneiden von Forschungsprojekten zum Abgreifen von Fördermitteln ist wirklich ein Problem. Alexander Dill hat das Mitte Dezember in einem Artikel für Telepolis aufgezeigt. Mehrere Milliarden Euro an EU-Förderung für die Roboterforschung sind offenbar zum beträchtlichen für sinnlose Projekte verbraten worden.
    Beim Thema Gehirnforschung ist das leider nicht anders. Die großen Worte in den Pressemitteilungen zu den Projektanträgen zeichnen in der Öffentlichkeit ein völlig überzogenes Bild vom Forschungsstand.

  18. Zombiearmeen

    Es ist schon wahr, dass Diktatoren sich in der Vergangenheit auch ganz ohne Gehirnchips riesige Armeen zugelegt haben. Allerdings sind die meisten Diktatoren sehr um ihre eigene Sicherheit besorgt (um es vorsichtig auszudrücken) und so könnte es durchaus sein, dass sie den zusätzlichen Aufwand für Gehirnchips nicht scheuen, wenn sie damit ihren Generälen und Soldaten jeden Gedanken an einen Putsch austreiben können.

  19. Neuromodulation

    Ich kenne Peter Tass seit langen von vielen Tagungen und habe natürlich nicht nur seine (und Volker Sturms) Arbeiten zu Tiefenhirnstimulation verfolgt sondern auch die Geschichte mit Tinnitus (inklusive Spiegel-Bericht und auch G&G hatte mal dazu was, usw.).

    Was ich letztlich entscheidend finde, ist das Paradigma selbst, was er und andere mit Neuromodulation bezeichnen. Dass es auch erste Stimulationsprotokolle geben („coordinated reset“ ist ja nur der Anfang), die dann doch nicht exakt so wirken oder nur mäßig, oder sich von der einen Situation nicht auf die andere übertragen lassen, ist selbstverständlich. Die zweite Generation ist dann besser.

    Die Entwicklung cleverer Algorithmen ist ähnlich wie das Design von chemischen Substanzen.

    Der Vorteil der Neuromodulation ist, dass die Pharmakodynamik umgangen wird, der Nachteil, dass der Wirkungspunkt (bisher) allein externe elektrische und magnetische Felder sind (zukünftig wird man über Microfluidics oder allgemein „Lab-on-chip“-Techniken auch Substanzen freisetzen können, dazu habe ich mal in der Vor-SciLogs-Zeit etwas geschrieben Tissue at risk).

  20. Zukunftsmusik & Bild vom Forschungsstand

    @Jörg und Thomas

    Ja, dass ist unabhängig von der individuellen Begeisterung in der Tat ein wirklich sehr großes Problem.

    Ich hoffe aber, dass gerade durch Blogs hier langfristig Mäßigung erfolgt. Gerade wenn Wissenschaftler selber bloggen.

    Man wird ja noch in vielen Jahren lesen, was versprochen wurde. PR-Mittlungen oder externe Berichte in Zeitungen sind viel flüchtiger. Das verleitet wohl schon mal den Mittlern ein gar tolles Bild aufzumalen.

  21. Verliebt in die Zombiearmee

    Mehrere Kommentatoren hier haben sich mit Verve auf ein Nebenthema gestürzt. Als nicht der Hirnchip zur Rettung der Welt, sondern der Hirnchip zur Beherrschung der Welt:
    One Ring to rule them all, One Ring to find them,
    One Ring to bring them all and in the darkness bind them.

    Sicher sind solche Visionen auch von der Literatur und dem Film inspiriert, doch sie üben eine nicht zu unterschätzende Faszination aus.
    Doch ich wage vorauszusagen, dass all die Möchtegern-Diktatoren, die es auch unter den Lesern hier gibt, es in der nahen Zukunft schwerer und nicht besser haben werden – mit oder ohne Gehirnchip.
    Die zunehmende Macht des Menschen über die Natur gibt nämlich dem Individuum mehr Macht. Mehr Macht auch über sein eigenes Schicksal. Anstatt eine tödliche oder in die Abhängigkeit führende Krankheit anznehmen, kann das Individuum nun diesem vorbestimmten Schicksal entgegentreten. Wer seine geheimen Wünsche nach Beherrschung eines Sklavenheeres dennoch ausleben möchte, muss sich in Zukunft vielleicht eine Roboterarmee zulegen. Bis auch Robotern Rechte zugestanden werden dürfte doch einige Zeit vergehen.

    Neue technologische Möglichkeiten konnten bis jetzt noch nie exklusiv von jemanden okkupiert werden. Dem Diktator, der seine Untertanen mit Gehirnchips beherrschen will, droht vielmehr, selbst einen Gehirnchip verpasst zu kommen, eingesetzt oder mindestens verordnet vielleicht von einem zukünftigen Weltgerichtshof, der deviante Führer wieder zu wertvollen Mitgliedern der Weltgemeneinschaft machen will.

  22. Cyborgs

    Es gab vor einiger Zeit eine Doku „Evolution Cyborg“, die, wie ich finde, die Probleme dieser Forschung bzw. Technologie gut darstellt – und auch die Chancen, die damit verbunden sind. Mögliche Zombie-Armeen kommen glücklicherweise nicht vor, so weit ich mich erinnere.

    Jemand hat die Doku auch auf YouTube eingestellt. Hier der Link zum ersten von fünf Teilen:
    http://youtu.be/FzNoqL5_Fc0

  23. Martin Holzherr
    Verliebt in die Zombiearmee 20.01.2012, 09:13
    Mehrere Kommentatoren hier haben sich mit Verve auf ein Nebenthema gestürzt. Als nicht der Hirnchip zur Rettung der Welt, sondern der Hirnchip zur Beherrschung der Welt:…

    -> Nun, … eine Grundvorraussetzung zur Rettung der Welt ist erst einmal die Beherrschung der Welt. Gleichwohl bedeuted Beherrschung noch nicht Rettung.

    Und Beherrschung der Welt durch die Beherrschung der Vorgänge in der Welt. Die Vorgänge in der Welt ergeben sich durch die Aktivitäten der Menschen und jene durch die Gedanken derer. Das also hierbei der Ansatz zur Beherrschung der Welt in der Manipulation der neuronalen Aktivitäten des einzelnen seine nur logische Grundlage findet, kann nicht geleugnet werden.

    Es ist auch nicht besonders intelligent, die suggerierten guten Seiten vorab weit über die dadurch auch möglichen schlechten Seiten einer Begebenheit zu stellen – und dadurch scheinbar erfüllbare naive Visionen zu erwecken.

  24. komplexes Thema

    Zu den seltsamen Glaubensinhalten mit erstaunlicher Anziehungskraft für kluge Leute gehört heutzutage die angeblich segensreiche Wirkung von chemischen Intelligenzboostern oder implantierten Computerchips.
    Das ist Unsinn. Ich wäre ziemlich glücklich über einen eingebauten wissenschaftlichen Taschenrechner, der mir die umständliche Verwendung desselben auf manuelle Art ersparen würde.
    Ein allmächtiger Diktator könnte sich eine todesverachtende Zombiearmee zulegen

    Auch das ist Unsinn. Jeder mit ein wenig militärischem Sachverstand weiß, daß eine solche Armee ziemlich ungeeignet ist, Kriege zu gewinnen, und zwar wegen der unvermeidlich viel zu hohen Verlustrate. Rußland hatte lange etwas vergleichbares, hat aber seine gewonnenen Kriege nicht dadurch, sondern durch die faktisch nicht zu erobernde Weite seines Landes gewonnen. Im Übrigen wird damit das Thema verlassen. Sklaven verfügen nicht über höhere Intelligenz als Freie.

  25. Eingebauter Taschenrechner

    Zum eingebauten Taschenrechner: Ob nun die Folge mit-den-Händen rechnen, Rechenschieber, Taschenrechner und Taschenrechner mit Gehirnanbindung wirklich gleich zur Zombiearmee führt..

    Im übrigen gibt es ja durchaus ein paar Facetten der Umwelt, bei deren Wahrnehmung und Verarbeitung dem Menschen Unterstützung ganz gut zu Gesicht steht (zum Beispiel die Einschätzung exponentieller Verläufe, vgl. Dörners Arbeiten). Ob dafür Implantante (mit begrenzter Funktionalität) nicht hilfreich wären?

    Vergnügen

  26. Höhlengleichnis …

    Fritz Kronberg komplexes Thema 30.01.2012, 17:43

    „Sklaven verfügen nicht über höhere Intelligenz als Freie.“

    -> Und ich sprach doch schon davon, dass es dem Sklaven gar nicht bewusst ist, dass er einer ist. Ego weg … Bewusstsein neu eingestellt … und schon gibt es nur den Cyborg, welcher in seiner Aufgabe denkt und lebt. Was der nicht weiß, kann er nicht denken.

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