Gesetze der Unvernunft

Ist Irrationalität einfach das Fehlen der Vernunft, wird das Denken einfach nur irgendwo aus der Kurve getragen? Dann würde es Sinn machen, die unfallträchtigen Stellen des Denkvorgangs zu suchen und markieren. Oder arbeitet unser Gehirn grundsätzlich nicht rational, sondern lediglich zweckmäßig?

Viele Wissenschaftsblogger (z.B. Florian Freistetter und Ulrich Berger) fragen sich regelmäßig, wieso Menschen immer wieder auf Scharlatane hereinfallen, viel Geld für Horoskope ausgeben oder an Homöopathie glauben. Richard Dawkins hält Religion gar für einen Wahn, also eine Geisteskrankheit.

Da hat er zweifellos unrecht, denn der Glaube an unsichtbare Akteure und an physikalisch unmögliche Zusammenhänge sind Bestandteil unseres normalen menschlichen Denkens.

Allerdings verbreitet sich nicht jeder beliebige Aberglauben, und nicht jede esoterische Geschäftsidee ist zum Erfolg verdammt. Es gibt auch im Bereich der Unvernunft bestimmte Regeln und Strukturen. Ende des neunzehnten Jahrhunderts trug der englische Anthropologe James George Frazer religiöses und magisches Brauchtum aus aller Welt zusammen. Er war außerordentlich fleißig und veröffentlichte die Ergebnisse seiner Sammelleidenschaft in seinem zwölfbändigen Werk Der goldene Zweig. Auch wenn seine Schlussfolgerungen heute von den meisten Wissenschaftlern nicht mehr geteilt werden, so hat sein Werk doch immer noch einen großen Wert als umfassendste Sammlung von Ritualen und Aberglauben aus allen Weltkulturen.

Frazer fand, dass nahezu alle Völker, egal welchem Kulturkreis sie angehörten, zwei Arten von magischen Beziehungen kennen: Die imitative Magie und die Übertragungsmagie. Die imitative oder homöopathische Magie beruht auf Ähnlichkeit. Menschen neigen dazu, Ähnlichkeit in einem Bereich auf andere Bereiche auszuweiten. Die menschenähnliche Form der Alraune-Wurzel führte dazu, dass man ihr magische Kräfte zuwies. Harry-Potter-Fans wissen, dass sie einen grausigen Todesschrei ausstößt, wenn man sie ausreißt. Und nicht zuletzt glauben viele Menschen daran, dass homöopathische Medizin tatsächlich wirkt. Die längst widerlegte Grundlage dieses magischen Heilverfahrens ist die Idee, dass solche Stoffe, die beim Gesunden bestimmte Symptome hervorrufen, diese auch beim Kranken lindern. Man gibt also einen Stoff, der genau die Symptome hervorruft, über die der Patient klagt.

Die Übertragungsmagie geht davon aus, dass unbelebte Gegenstände bestimmte Eigenschaften weitergeben können. So erzielen Gegenstände aus dem Haushalt von Prominenten regelmäßig bei Auktionen erstaunliche Preise, weil viele Menschen meinen, dass ein Teil des Glanzes der Berühmtheit damit auf sie übergeht.

In nahezu allen Kulturen erscheint es den Menschen auch plausibel, dass Gedanken und Worte eine direkte Wirkung auf die Materie ausüben. Man spricht nicht vom Teufel, weil man ihn damit rufen könnte. Das germanische Wort für Bär (engl. bear, schwedisch björn) stammt vermutlich von einem alten Hüllwort ab und heißt „der Braune“. Das eigentliche indogermanische Wort (Wurzel arkt, griechisch arktos) ist im Germanischen verloren gegangen. Man wollte das gefährliche Tier nicht beim „richtigen“ Namen nennen, um es nicht herbeizurufen.

Und nicht zuletzt hat Gott bekanntlich die Welt erschaffen, indem er sie befahl („Und Gott sprach: es werde Licht …“).

Das Wort ist ein Symbol für den Gegenstand, den es beschreibt, und ist deshalb damit verbunden. Aber auch Amulette oder Totempfähle sind Symbole mit bestimmten magischen Bedeutungen. Und auch hier gilt: quer durch alle Kulturen glauben Menschen daran, dass ein Symbol die Wirklichkeit verändern kann. Im bekannten Fantasy-Epos Der Herr der Ringe geht es um einen Ring, der das Böse an sich symbolisiert. Mit der Vernichtung des Rings erlischt auch die Macht des bösen Herrschers Sauron.

Der Glaube an Symbole existiert auch heute noch. Im November 2008 bot eine Firma in Frankreich eine Voodoo-Puppe an, die Nicolas Sarkozy symbolisieren sollte. Auf der Puppe waren Wahlkampfsprüche aufgedruckt und das Paket enthielten Nadeln, mit denen man die Puppe stechen konnte. Der Hersteller erklärte, die Puppe sollte Sarkozy daran hindern, noch mehr Schaden anzurichten.

Das ist schon eine ganze Menge. Aber es kommt noch mehr. So glauben viele Menschen daran, dass die Zukunft vorhersehbar ist. Auch hier gelten bestimmte Regeln. So glaubt kaum jemand, dass ein Wahrsager die Schlagzeilen der Zeitung von morgen, oder vom nächsten Jahr kennt. Auch für die Lottozahlen reicht es nicht, sonst gäbe es viele steinreiche Hellseher. Und schließlich wollen wir vom Wahrsager wissen, welche Stolpersteine wir vermeiden müssen, nicht etwa, was uns unabwendbar bevorsteht. „Man hat keinen Nutzen davon zu wissen, was notwendig geschehen wird, denn es ist ein Elend, sich vergebens zu mühen“, schrieb Cicero schon vor 2000 Jahren. Paradoxerweise wollen wir wissen, was geschehen wird, damit wir es ändern können.

Forschen wir weiter im Sumpf des weltweit verbreiteten Aberglaubens, dann fällt auf, dass alle Kulturen bestimmten Menschen eine magische Macht zutrauen. Überall gibt es Figuren wie Schamanen, Medizinmänner, Zauberer, Hexen, Geisterseher und Priester. Götter und Geister haben ihnen eine besondere Macht verliehen, oder sie haben durch Übung oder Anleitung magische Rituale gelernt.

Das alles macht nur Sinn, wenn man annimmt, dass es soetwas wie eine Geister- und Götterwelt überhaupt gibt. Darin hausen mächtige Akteure, die sich nach Belieben unsichtbar machen können und über große Macht verfügen. Darüber hinaus haben sie menschliche Gefühle. Sie können zufrieden, wütend, gnädig, ungnädig, freundlich, ärgerlich, väterlich, mütterlich, kriegerisch oder friedlich sein. Sie sind also weitgehend menschlich. Das ist schon vielen Denkern aufgefallen.

„Wenn Ochsen, Pferde und Löwen […] mit ihren Händen malen und Kunstwerke vollenden könnten wie die Menschen, so würde Pferde pferdeähnliche und Ochsen ochsenähnliche Götterbilder malen und solche Körper bilden, wie jeder selbst seine Gestalt hat“, schrieb der griechische Philosoph Xenophanes vor mehr als 2500 Jahren.

Diese Aufzählung ist erst einmal nur eine Bestandsaufnahme. Sie liefert keine Begründungen, sie kartografiert lediglich die Landschaft der Unvernunft. Aber der Aberglaube der Menschen hat sich stets an diesen Strukturen orientieren und tut es heute noch. Menschen denken nicht per se rational und vernüntig.

Ein kurzes Beispiel (das ich meinem Buch Magisches Denken näher ausgeführt habe):

Die Verbindung zwischen Symbol und Gegenstand ist für das menschliche Denken außerordentlich wichtig. Die Beschimpfung staatlicher Symbole ist deshalb fast überall strafbar. Im deutschen Strafgesetzbuch sieht das so aus:

§ 90a Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole

(1) Wer öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3)

1. die Bundesrepublik Deutschland oder eines ihrer Länder oder ihre verfassungsmäßige Ordnung beschimpft oder böswillig verächtlich macht oder

2. die Farben, die Flagge, das Wappen oder die Hymne der Bundesrepublik Deutschland oder eines ihrer Länder verunglimpft,

wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Flaggen oder Hymnen als Symbole eines Staates sind beleidigungsfähig. Berge, Flüsse oder Autos und ihre Symbole sind es nicht. Menschen betrachten eine Beschimpfung ihrer Staatssymbole als Angriff auf die Gemeinschaft, und damit auf sich selbst. Ihr Gerechtigkeitsgefühl ist verletzt und verlangt eine Strafe. Die überwiegende Mehrheit der Menschen würden also die Strafandrohung des §90a für gerecht halten. Das ist vielleicht nicht vernünftig, aber durchaus menschlich.

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vernunft/Unvernunft

    Es ist ein Jammertal. Ich will mich jetzt mal weit aus dem Fenster lehnen. Es ist ein Krampf, ständig von Vernunft und Unvernunft zu schwadronieren, wenn Vernunft (keiner weiß eigentlich, was unter diesem Begriffe eigentlich zu verstehen ist) moralisch verbrämt, mit Verstand oder gar „Wissen“ verwechselt wird. Vernunft kann nur stets eines leisten: vernehmen/hinterfragen.
    Ein anderes ist es, zur Erkenntnis zu gelangen. Wie sollen dem Menschen Begriffe eigen werden, wenn er nicht vernimmt/hinterfragt? Dumm steht er da und glaubt an Autoritäten.

  2. Homöopathie, Voodoo, Gott, Swedenborg

    Wer glaubt, um Kant einen Bogen machen zu können, muß sich nicht wundern, als „Kandidat des Hospitals“ bezeichnet zu werden. Bin ich ein Gläubiger? Glaube ich an Kant? Nö. Mir ist etwas besseres nicht eingefallen. Stimme ich mit Kant in allen Punkten überein? Nein! Da ich stets Handschuhe trage, wenn ich Bücher lese.

  3. Sinn machen…

    … tststs!
    Solange dieser Terminus selbst in den „Gedankenwissenschaften“ hier Einhalt gebiert, ergibt das keinen Sinn!

  4. Ist doch ganz einfach, magisches Denken und Unvernunft leben sich vor allen dort aus, wo sie keine Schaden anrichten. Das ist reines Entertainment, wie das Lesen eines Fantasy-Romans. Auswüchse, wie Leute, die glauben, dass sie schweben, wenn sie aus dem Fenster springen, nimmt die Evolution aus dem Spiel.

  5. Zum magischen Denken verdammt

    Mitunter denke ich, dass wir durch unser Bewusstsein, genauer: durch dessen Intentionalität schon zum magischen Denken prädestiniert sind – denn Intentionalität, also die Grundstruktur unseres Bewusstseins, stellt ja auch einen nicht-physikalischen Bezug her.

  6. Magie, Autosuggestion, Mentales Training

    Magisches Denken lebt bis heute weiter – da hat der Autor recht. Vielleicht sogar für immer. Magisches Denken, Autosuggestion und mentales Training haben letztlich einen gemeinsamen Kern, den der Gedankenverstärkung. Den meisten von uns schiessen ja viele Gedanken durch den Kopf, die meisten davon flüchtig wie Gazellen. Nicht selten aber benötigen wir als Menschen in schwierigen Situationen etwas wie Gedankenkraft. Wir müssen uns auf einen Idee, einen Gedanken einlassen und dürfen nicht einfach zum nächsten hüpfen. Das haben die Jäger und Sammler bereits erlebt. Die Jagd erforderte eine Konzentration auch der Gedanken. Gedanken bekommen aber in solchen Akten eine gewisse Selbständigkeit und Macht und wir berühren gewissermassen mit den Gedanken die Welt um uns und können tatsächlich glauben allein schon Denken sei Agieren.

  7. Dawkins Buch heißt im Original The God Delusion, der deutsche Verlag hat den Titel weiter zugespitzt. Es gibt vereinzelte Aussagen RDs, in denen er religiös organisierten und verstärkten Glauben mit Geisteskrankheit[en] vergleicht, aber grundsätzlich hat er nie ernsthaft in Frage gestellt, dass wir Menschen ganz normal an Übersinnliches glauben.

    Für ihn interessant ist vielmehr, wie der Einzelne und wie die Gemeinschaft damit umgeht.

  8. Man darfs halt nicht übertreiben

    ‚Magisches Denken‘ kann der Fokussieriung von Gedanken und Kräften beim Einzelnen – und bei Schicksalsgemeinschaften dienen.

    Der fähige Schamane (Spirituelle) weiß das, und falls die Umstände es erfordern (das bislang zielführende Dogma würde diesmal ins Verderben führen) hat er die Möglichkeit die Götter oder Geister zu befragen die ihm einen anderen Weg aufzeigen, falls es den gibt.

    Von den Scharlatanen und Industrien, die sich den angeborenen Hang zum magischen Denken zunutze machen, brauchen wir ja nicht zu reden.

  9. @Helmut Wicht

    Helmut, die Intentionalität macht zwar nicht-physikalische Bezüge möglich, aber es wäre durchaus eine Intentionalität vorstellbar, die ihre Bezüge stets kritisch hinterfragt, und sorgfältig trennt, welche Bezüge zwar geistig möglich, in der physischen Welt aber ausgeschlossen sind.
    In bestimmtem Rahmen geschieht das auch. Zum Beispiel ist Der Herr der Ringe ausreichend plausibel, um spannend zu sein. Nur die wenigsten Menschen würden aber wirklich glauben, dass die Vernichtung eines Rings das Böse aus der Welt schaffen kann. Es bleibt allerdings immer noch ein Rest, der allen möglichen esoterischen Lehren Zulauf verschafft und bei den Erfindern die Kasse klingeln lässt.

  10. @Dierk

    Richard Dawkins polemisiert gerne. Die Übersetzung von „Delusion“ mit „Wahn“ ist allerdings durchaus richtig. Ein Wahn ist ein formal richtiger Denkprozess, dessen Inhalt allerdings falsch ist. Dawkins‘ zentrale These ist, dass die Kinder diesen Wahn von ihren Eltern übernehmen, während sie unbeeinflusst eher dazu neigen würden, nicht an einen allmächtigen Gott zu glauben. Das allerdings möchte ich bezweifeln. So wie ich das sehe, irrt sich Dawkins hier.

  11. @ adenosine

    „Auswüchse, wie Leute, die glauben, dass sie schweben, wenn sie aus dem Fenster springen, nimmt die Evolution aus dem Spiel.“

    Dann müßten doch, seit es rationale Alternativen gibt, all die Menschen schon ausgestorben sein, die sich mit magischen Mitteln heilen wollen. Tatsächlich werden die aber immer mehr, jedenfalls boomt die Branche.

    Daß Gedankensysteme darüber, wie die Welt beschaffen ist, angeboren sind und darum „von der Evolution aus dem Spiel genommen“ werden können, gehört zu dem wohl verbreitetsten Aberglauben der letzten 150 Jahre, dem Biologismus. Ein Zentralbegriff des Aberglaubens, das „Schicksal“, rückte wieder ins Zentrum, nur stellt man sich darunter nicht mehr eine Göttin vor, sondern „Gene“. Aber darauf kommt es nicht an, Hauptsache, man kann sowieso nichts machen; auf einen selber und die eigenen Entscheidungen kommt es nicht an, es ist ja sowieso alles determiniert oder programmiert.

    Wahrscheinlich steht schon bei Marx, wie sich das erklärt, daß so etwas in der Moderne hochkommt. Leider habe ich den seit Jahrzehnten nicht mehr gelesen; sollte man mal wieder.

  12. Niemand denkt für sich allein. Rationalität entsteht immer dann, wenn Menschen anderen Menschen(!) Erklärungen für ihr Verhalten liefern sollen. Das oft abwertend gebrauchte Wort Rationalisierung trifft m.E. gerade den Kern des Vernunftbegriffs. Die Schwäche der Vernunftbegründungen wurde schon von F. Bacon erkannt, der die experimentelle Methode als Gegenmittel empfahl.

  13. Cassirer?

    Cassirer veröffentlichte 1944 im Exil, kurz vor Kriegsende, sein Buch „Vom Mythus des Staates“ – worin er verschiedene Formen vom Glauben an Magie diskutierte. Die letzte in modernen Tagen noch funktionierende Magie sei, so Cassirer, die „soziale Magie“ – der Glaube an den einen „Führer“, der die Macht hätte, das Schicksal zum Guten zu wenden… Auch wenn dem so gewesen sein sollte 1944 (ich denke, Cassirer war zu vernünftig, um die Überreste der primitiveren Formen von Magie zu erkennen) – heute sieht das wieder anders aus. Wo man hin sieht: Zuckerkugelmagie, channeling, Auren, Elementarwesen, Bioresonanz, Geistheiler, Waldorfschulen, Menschheitsführer und Anthroposophen… wohin soll das führen?

  14. wg. Delusion

    Thomas, ich will das nicht hijacken, aber ich sehe ‚Irreführung‘ für Dawkins Verwendung von ‚delusion‘ als richtiger an [wenn auch nicht so griffig].

    Das ganze spielt aber in deinem Argument nur eine untergeordnete Rolle, daher sollten wir es dabei belassen.

  15. Wo ist die Grenze?

    Wo ist die Grenze zwischen Naturwissenschafen und magischem Denken? Die Naturwissenschaften gingen aus dem magischen Denken hervor, d,h, das Denken in Kausalketten…

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