Formel gegen Verschwörungstheorien?

Eine Formel zur Beurteilung von Verschwörungstheorien hat der in Cambridge arbeitende Physiker David Robert Grimes Im Wissenschaftsjournal PloS ONE veröffentlicht. Anhand der Anzahl der beteiligten Verschwörer und deren Motivation zum Verrat berechnet er, wie schnell die Verschwörungen voraussichtlich auffliegen. Ein Komplott von hundert­tausend Menschen würde demnach sehr schnell enttarnt. Es wäre also ausgeschlossen, dass sich die gesamte Wissenschaftsgemeinde verabredet hat, den Klimawandel zu erfinden, oder die Existenz eines wirksamen Krebsmittels geheimzuhalten. Aber ist das wirklich so einfach?

Bei meiner langjährigen Beschäftigung mit Verschwörungstheorien habe ich immer bewundert, wie viel Fantasie die Autoren, aber auch die Gläubigen aufbringen, um ihre Ideen zu rechtfertigen. Jede Theorie ist anders, und sobald neue Tatsachen auftauchen, die sie widerlegen könnten, durchlebt sie eine amöboide Formänderung, um sich wieder perfekt anzupassen. Die einzige Konstante, die immer gleiche Grundthese aller Verschwörungstheorien lautet: „SIE wollen heimlich unsere heiligsten Werte vernichten, oder SIE planen sogar, uns ganz ausrotten.“ SIE steht dabei für einen beliebigen, von der eigenen Gruppe besonders innig gehassten Gegner. Das können beispielsweise Juden, der CIA, Klimaforscher oder moslemische Flüchtlinge sein.

Auch wirkliche Verschwörungen nehmen die sonderbarsten Formen an und tauchen an den unwahrschein­lichsten Stellen auf. Wer hätte gedacht, dass die Manager des Volkswagenkonzerns sich verschworen haben, die offiziellen Abgasprüfungen zu unterlaufen? Gegen alle Vernunft versuchten sie in den USA ihre Dieselautos als besonders umweltfreundlich zu verkaufen. Sie ignorierten dabei, dass die Abgasnormen in den USA absichtlich so ausgelegt waren, dass Diesel-PKWs sie ohne teure Abgasnachbehandlung kaum erfüllen konnten. Hätten sie mit Grimes‘ Formel berechnen können, dass ihr Komplott garantiert auffliegt? In diesem Fall wäre die Formel Milliarden wert gewesen, hätte Grimes sie nur eher veröffentlicht!

Die Verschwörungsformel

Aber hält die Formel überhaupt wissenschaftlichen Ansprüchen stand? Immerhin hat das angesehene Open-Access-Journal PLoS ONE Grimes‘ Paper begutachten lassen und zur Veröffentlichung angenommen (Link). Grimes geht zunächst davon aus, dass eine Verschwörung nur selten auffliegt. Um dieses Phänomen statistisch zu beschreiben, wendet er die Poisson-Statistik an, mit der man beispielsweise auch die Verteilung von Blitzschlägen auf verschiedene Grundstücke errechnet.1

Die Wahrscheinlichkeit p berechnet Grimes aus der Anzahl der Verschwörer N und der Wahrschein­lichkeit q, dass ein Verschwörer in einer Zeiteinheit die Verschwörung auffliegen lässt, sei es absichtlich oder durch Nachlässigkeit. Dabei nimmt Grimes an, dass bei allen Verschwörern das Risiko des Verrats gleich groß sei. Nun könnte eine Verschwörung auch durch Polizeiarbeit von außen gesprengt werden, aber dieses Variante möchte Grimes ausdrücklich nicht einbeziehen. Er betrachtet also von vornherein nur einen Ausschnitt des Problems. In der einfachen Version der Formel sind alle Werte (N, p, q) über die Zeit konstant.

An dieser Stelle gerät das Paper etwas aus dem Gleis. Grimes wollte in seiner Formel auch berücksichtigen, dass vielleicht Verschwörer sterben und sich die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns mit der Zeit ändert. Wie einer der Kommentatoren der Arbeit nachwies, ist dem Autor dabei ein Fehler unterlaufen, so dass die resultierende Formel falsch ist. Auch das Diagramm zur Veranschaulichung zeigt einen offensichtlich unsinnigen Kurvenverlauf, was dem Autor, den Gutachtern und dem betreuenden Redakteur aber nicht aufgefallen ist.

Glücklicherweise leitet Grimes aus der falschen Formel keine weiteren Schlüsse ab, sondern konzentriert sich auf die einfachste Form mit einer konstanten Zahl von Verschwörern. Sein rudimentäre Modell eignet sich aber kaum zum Nachbilden echter Verschwörungen. Kurz zusammengefasst haben die im Paper untersuchten Verschwörungen folgenden Charakter:

  • Sie werden nur durch Verrat beendet, nicht durch äußere Ereignisse.
  • Alle Verschwörer sind gleichermaßen eingeweiht.
  • Alle Verschwörer haben die gleiche Motivation, die Verschwörung aufrecht zu erhalten.
  • Diese Parameter verändern sich im Laufe der Zeit nicht.

Ein lange kursierender Witz besagt, dass ein Physiker den Ausgang von Pferderennen sicher vorausberechnen kann, sofern es sich um reibungsfrei laufende, kugelförmige Pferde im Vakuum handelt.2 Auch Grimes untersucht hier nur „ideal kugelförmige“ Verschwörungen. Das kann als Grundannahme sinnvoll sein, wenn man durch Verfeinerungen des Modells der Realität näher kommt. Weil aber keiner seiner Parameter auch nur annähernd richtig ist, wage ich das zu bezweifeln.

Wie groß denn wohl die Wahrscheinlichkeit, dass jemand plaudert (Faktor q)? Grimes zieht drei historische Verschwörungen heran, um das abzuschätzen: die von Edward Snowden angestoßene NSA-Abhöraffäre (Stichwort PRISM), die Tuskegee-Studie, und den Skandal um die jahrzehntelang extrem nachlässig und falsch arbeitenden forensischen Labore des FBI (Übersicht hier und hier). Aus der Zeit bis zum Auffliegen und der Anzahl der Mitwisser ermittelt Grimes dann einen Wert für q. Die drei ermittelten Werte unterscheiden sich allerdings fast um den Faktor 100.

Die Methode ist schon per se fragwürdig, aber seine extrem vagen Schätzungen der Personenzahl machen das Ergebnis völlig wertlos. Sein Vorgehen beschreibt Grimes z.B. so:

„Bei PRISM steht Zahl 30000 für die gesamte NSA-Belegschaft. Tatsächlich wird der Anteil von Angestellten, die über das Programm Bescheid wussten, sehr viel kleiner sein, aber wir nehmen die größtmögliche Zahl um die Schätzwert von q zu minimieren.“3

Die NSA hält ihre Mitarbeiterzahlen geheim, die Schätzungen reichen bis 40000, die letzte offizielle Statistik von 2006 wies etwas mehr als 35000 Angestellte aus.

Oder bei der Tuskegee-Studie:

„Sie fiel ursprünglich unter die Zuständigkeit der Abteilung für Geschlechtskrankheiten des United States Public Health Service (USPHS) in den frühen 1930er Jahren, bevor diese Abteilung umstrukturiert wurde. Die historischen Mitarbeiterzahlen des USPHS sind nicht einfach zu eruieren, deshalb stammt die Schätzung 6700 von den Daten für die gegenwärtigen Mitarbeiterzahlen des gesamten USPHS.“4

Das ist nicht sonderlich überzeugend.

  1. Es ist schlicht abwegig, dass die gesamte Belegschaft des USPHS von der Tuskegee-Studie gewusst haben soll.
  2. Wenn ich die Mitarbeiterzahl nicht bestimmen kann, sollte ich mir ein anderes Beispiel suchen, statt den heutigen Wert zu nehmen. Die Studie ist vor 44 Jahren aufgeflogen, und da lief sie bereits 30 Jahre.
  3. Die Tuskegee-Studie war zwar ethisch verwerflich, aber niemand hat sich je bemüht, sie geheim zu halten. Im Gegenteil: in mehreren wissenschaftlichen Veröffentlichungen haben die Beteiligten ihre Methode sogar selbst beschrieben. Deshalb würde ich sie nicht als Verschwörung einordnen, sondern als Beispiel für ein moralisches Totalversagen von Ärzten und Gesundheits-Behörden.

Kugelrunde Verschwörungen

Insgesamt ist es ziemlich aussichtslos, an den drei von Grimes ausgewählten Beispielen einen Parameter eichen zu wollen. Und ganz sicher ist es keine exakte Wissenschaft.

Eine vage Schätzung mit einer Formel ist immer noch eine vage Schätzung, mehr nicht. Daraus Ergebnisse mit drei gültigen Stellen abzuleiten, ist schlicht Unsinn.

Trotzdem setzt Grimes den kleinsten der drei ermittelten Werte für q dann ein, um gegenwärtig umlaufenden Verschwörungstheorien auf Plausibilität zu prüfen. Ist es beispielsweise tatsächlich möglich, dass 405000 Klimaforscher sich verabredet haben, eine globale Erwärmung zu erfinden? Nein, die Formel bestätigt, dass so eine Verschwörung längst aufgeflogen sein müsste. Aber brauche ich dafür wirklich eine Formel?

Vollends unsinnig wird es, wenn Grimes folgert, dass eine Verschwörung von 1257 Personen mit 95% Wahrscheinlichkeit 10 Jahre hält, und 125 Personen ihr gemeinsames Geheimnis sogar 100 Jahre wahren können.

Es wäre schlimm, wenn Politiker und Geheimdienste mit Bezug auf dieses Paper stärkere Überwachung fordern, weil die Formel schließlich bewiesen habe, dass Terrorzellen bis 100 Personen langzeitstabil seien. Noch einmal ganz deutlich: Das Paper hantiert mit Schätzwerten, die ohne weiteres mehrere Zehnerpotenzen daneben liegen können. Es beweist überhaupt nichts.

Der Autor

Der Physiker David Robert Grimes ist zumindest auf den britischen Inseln kein Unbekannter. Er arbeitet in der Krebsforschung der Universität Oxford. Daneben schreibt Kommentare für die Irish Times, den Guardian und die BBC. Darin zerfetzt er mit Vorliebe pseudowissenschaftliche Irrlehren oder populäre Vorurteile. Seine engagierten Artikel brachten ihm Morddrohungen und den John-Maddox-Preis 2014 for Standing up for Science ein. In nur wenigen Jahren hat er auch schon bemerkenswerte Anzahl von wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht. Sein Einsatz gegen Pseudowissenschaften erklärt sicherlich, warum er versucht, die Verschwörungstheorien mit einer Formel zu widerlegen. Nur ist ihm das leider gründlich misslungen.

Vielleicht tröstet es ihn ja, dass der Inhalt solcher Theorien aber sowieso nebensächlich ist. Sie entspringen dem Misstrauens gegen eine als feindlich angesehen Gruppe. In Fall der anti-wissen­schaftlichen Verschwörungstheorien sind das die Schulmediziner oder die etablierten Wissenschaftler, die von ihren Gegnern als bestochen, böswillig, charakterlos oder borniert angesehen werden. Ist ein Verdacht widerlegt, halten sie sich am nächsten fest. Sie wollen einfach daran glauben. Und dagegen hilft leider keine Formel.

Das Presseecho

Mathematische Formeln sind immer eindrucksvoll. In Deutschland und England berichteten mehrere große Internetportale respektvoll über das Paper. Die Autorin des Berichts von SPIEGEL ONLINE war offenbar nicht recht überzeugt („Glaubt man Grimes Rechnung …“), fand aber keinen rechten Ansatz für eine fundierte Kritik. Die meisten anderen, die ich gelesen habe, berichteten eher unkritisch. Nur die BBC hat wenigstens noch einem weiteren Experten befragt. STERN ONLINE schrieb, Grimes habe drei „der wenigen aufgeflogenen Verschwörungen aus der Vergangenheit“ als Vergleichsgröße gewählt. Einige der wenigen aufgeflogenen Verschwörungen?? Oder wollte der Autor schreiben: „einige der aufgeflogenen …?“ Tatsächlich haben Verschwörungen von Anfang an starke zentrifugale Tendenzen. Der Machttheoretiker Niccolò Machiavelli schrieb schon vor fast 500 Jahren: „Das einzige Mittel, der Entdeckung zu entgehen, ist es, den Mitverschwörern keine Zeit zu lassen, das Komplott zu verraten.“ und weiter „Vor der Entdeckung einer Verschwörung kann man sich nicht schützen, wenn die Zahl der Mitwisser drei oder vier übersteigt“. Wenn Sie jemals an einer Verschwörung teilnehmen, dann kann ich Ihnen nur empfehlen: Seien sie der erste, der sie anzeigt. Sonst kommt Ihnen ganz sicher irgendwer zuvor.

Anmerkungen

[1] Das ist vertretbar, wenn auch etwas kompliziert. Einfacher könnte man folgendermaßen argumentieren: Wenn die Verschwörung mit einer Wahrscheinlichkeit p pro Zeiteinheit intakt bleibt, dann wäre die Wahrscheinlichkeit nach zwei Zeiteinheiten p*p und nach t Zeiteinheiten pt. Das kann man auch als eln(p)t schreiben, was der Formel (1) von Grimes entspricht.

[2] Das Phänomen ist auch unter dem Begriff „Spherical Cow“ bekannt.

[3] Im Original: „In the PRISM case, the figure of 30,000 comes from total NSA staff. In reality, the proportion of those employed would would have knowledge of this program would likely be a lot less but we take the upper bound figure to minimize the estimate of p.“ Anmerkung: ich habe den Parameter p in meinem Beitrag als q bezeichnet.

[4] Im Original: „This originally fell under the remit of the venereal diseases division of the United States Public Health Service (USPHS) in the early 1930s, before this department was restructured in later years. Historical employment levels for the USPHS are not readily available, so the estimation of 6700 is taken from data for current officer staff levels of the entire USPHS.“

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

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  1. Was wir als Verschwörungstheorien wahrnehmen ist möglicherweise nur ein kleiner Aspekt eines viel allgemeineren Phänomens bei dem es um die wahre, richtige Sicht auf die Welt oder bestimmte Aspekte der Welt geht. Die Kommunistenhetze der Mc Carthy-Ära wäre dann an und für sich ein Verschwörungsphänomen. Die Männer, die die USA durch Kommunisten bedroht sahen wären die gutwilligen Verschwörer, die um die Wahrheit wissen und die die naiven Mitbürger vor der wirklichen oder vermeintlichen Gefahr beschützen wollen, wobei sie auch bereit sind zu lügen und zu täuschen um ihre gerechte, wahre Sorge zu transportieren.
    Gutwillige Verschwörer, die mit Angst als Kommunikationsmittel arbeiten wären dann auch diejenigen, die uns vor Gentechnik oder der Atomtechnologie warnen. Für ihre Meinung und Einstellung sind sie auch bereit, die Dinge zurechtzubiegen und ihre Mitbürger bei Bedarf zu täuschen, denn diese Täuschung kann nötig sein um das als gut wahrgenommene Ziel zu erreichen.
    Mir scheint, dass man auf psychologischer Ebene diesen erweiterten Verschwörungsbegriff benutzen muss, um die Phänomen aus diesem Bereich zu verstehen.

    • Das Wort „Verschwörung“ hat im normalen Sprachgebrauch immer eine negative Bedeutung. Es ist eine geheime Verabredung zu bösen Zwecken, die entweder direkt strafbar oder mindestens moralisch verwerflich sind. Zum Beispiel vermeidet es die Geschichtsschreibung ausdrücklich, die Attentäter vom 20. Juli 1944 als „Verschwörer“ zu bezeichnen. Die Herrschaft Hitlers war fraglos eine Tyrannei, und ein Tyrannenmord gilt nicht als moralisch verwerflich.
      Man kann zwar darüber diskutieren, ob man die Bedeutung von „Verschwörung“ erweitern kann oder soll, aber dann besteht die Gefahr, dass man missverstanden wird. Ich würde deshalb ausdrücklich davon abraten.

  2. Politikanalyse arbeitet oft mit untergeschobenen geheimen Agenden, die Verschwörungstheorien recht nahe kommen. Die Verschwörung ist so gesehen ein Topos, ein Stereotyp im politischen Denken oder sie – die Verschörungstheorie – ist einfach die Zuspitzung von vielen Gedankengängen gegenüber Akteuren mit (untergeschobenen) finsteren Absichten. Dazu ein Beispiel aus dem Artikel The Many Mideast Solutions wo Thomas L. Friedman schreibt:

    I am certain that Russia’s President Vladimir Putin is deliberately bombing anti-regime Syrians to drive them into Europe in hopes of creating a rift in the European Union, strain its resources and make it a weaker rival to Russia and a weaker ally for America.

    Die Agenda, die Thomas L. Friedman hier bei Putin vermutet – er bombt in Syrien um Europa über das Flüchtlingsproblem zu schwächen – , ist nicht eine ausgewachsene Verschwörungstheorie, kommt ihr aber sehr nahe. Die Aktion Putins wird als Verschwörung gegen Europa interpretiert, wobei es aber nur einen Verschwörer gibt – Putin nämlich. Heraufbeschworene Verschwörungen kommen sogar oft ohne konkret benannte Verschwörer aus wie etwa im Artikel It’s All a Grand Capitalist Conspiracy, indem Naomi Kleins Buch “The Shock Doctrine: The Rise of Disaster Capitalism,” vorgestellt wird als ein Buch mit der These, der postsowjetische Kapitalismus sei eine Verschwörung der Kapitalisten gegenüber dem Volk und gegenüber der Demokratie (wie sich das in Pinochets Chile zeigte) (Zitat):

    Since the fall of Communism, free markets and free people have been packaged as a single ideology that claims to be humanity’s best and only defense against repeating a history filled with mass graves, killing fields and torture chambers,” Ms. Klein writes. “Yet in the Southern Cone, the first place where the contemporary religion of unfettered free markets escaped from the basement workshops of the University of Chicago and was applied in the real world, it did not bring democracy; it was predicated on the overthrow of democracy in country after country. And it did not bring peace but required the systematic murder of tens of thousands and the torture of between 100,000 and 150,000 people.”

    Der Verschwörungs-Topos ist in der Politik letztlich so wirksam, weil er aus Politikern finstere Gestalten mit einer geheimen Agenda macht. Dadurch wird Politik emotionalisiert und zu einem Kriegsschauplatz gemacht indem auf der einen Seite Politiker, Kapitalisten etc. stehen und wo auf der anderen Seite das Volk steht.

    • Dieser Beurteilung kann ich mich nicht anschließen. Zunächst sollte man den Begriff der Verschwörung nicht weiter zerdehnen. Nicht jede von einer Staatsführung verfolgte Agenda ist eine Verschwörung. Das wäre Unsinn. Der Begriff sollte weiterhin auf kriminelle oder moralisch verwerfliche Absprachen begrenzt bleiben, sonst ist eine Diskussion darüber ganz unmöglich. Thomas L. Friedmans Analyse unterstellt auch keine Verschwörung, sie beschreibt eigentlich nur das Offensichtliche. Putins mehrfach erklärtes Ziel ist es, den militärischen und politischen Einfluss Russlands in der Welt zu stärken. Die Schwächung des (ohne als dekadent) angesehenen Europas ist dabei sicherlich ein Ziel seiner Politik. Man könnte allenfalls darüber diskutieren, welchen Stellenwert die Schwächung Europas durch den massiven syrischer Flüchtling in der russischen Syrien-Politik hat.
      Naomi Klein ist eine erklärte Gegnerin der Globalisierung und der internationalen Konzerne. Wie viele andere Menschen mit einem festgefügten Feindbild geht sie davon aus, dass ihre Feinde sich stets untereinander absprechen. Wie könnten sie sonst so erfolgreich sein? Dieser psychologische Mechanismus steht oft am Anfang der Entwicklung von komplexen Verschwörungstheorien. Die vielen antisemitischen Theorien des frühen zwanzigsten Jahrhunderts gingen wie selbstverständlich davon aus, dass alle Juden der Welt in ständiger Absprache handelten, um Christen zu unterdrücken. Dieses Topos findet man heute in den arabischen Staaten wieder. Es scheint universell gültig zu sein.

  3. Eine schöne und klare Zusammenfassung der wichtigsten Kritikpunkte. Was mir noch fehlt, ist der gewaltige Selektionsbias. Selbst wenn man bei allen anderen Kritikpunkten beide Augen zudrückt – man kann nicht das mittlere q ALLER Verschwörungen aus einer Stichprobe von AUFGEFLOGENEN Verschwörungen schätzen. (Außer natürlich, wenn man annimmt, dass alle Verschwörungen dasselbe q haben, also dass q eine Art universelle psychologische Konstante ist. Das wäre dann noch eine spherical cow…)

    • Die Arbeit ist vielerlei Sicht problematisch. David Robert Grimes ist in England als Streiter gegen anti-wissenschaftliche Verschwörungstheorien bekannt. In dieser Arbeit wollte er offenbar nachweisen, dass auch bei extremen Randbedingungen eine allgemeine Wissenschaftsverschwörung zur Täuschung der Öffentlichkeit nicht plausibel ist. Dabei hat er aber nicht sehr sauber gearbeitet. Der Bias ist schon sehr deutlich, aber möglicherweise durchaus vorgesehen. Die meisten historischen Verschwörungen sind sehr viel kleiner, mit allenfalls einige Dutzend Verschwörern. Damit wäre Grimes seinem Ziel aber nicht nähergekommen, die Unmöglichkeit sehr großer Verschwörungen zu beweisen.

      • Es geht mir nicht um den Bias in der Größe der Verschwörungen, sondern darum, dass sämtliche ermittelbaren q’s notwendigerweise nur aus aufgedeckten Verschwörungen geschätzt werden können. Nun kennen wir aber die Gesamtpopulation der Verschwörungen schlicht nicht, was in der Natur von (erfolgreichen) Verschwörungen liegt. Es könnten – innerhalb Grimes‘ Modell – hunderte noch nicht aufgeflogene Verschwörungen mit großem N und sehr kleinem q seit vielen Jahrzehnten im Gange sein. D.h. was Grimes offenbar demonstrieren will, ist aus methodologischen Gründen auf diese Weise gar nicht möglich.

        • Das hatte ich noch nicht einmal berücksichtigt, Herr Berger. Wenn man davon ausgeht, dass erfolgreiche Verschwörungen nicht bekannt werden (oder erst sehr spät), dann würde die alleinige Berücksichtigung von gescheiterten oder aufgedeckten Verschwörungen einen Bias einführen, dessen Größe man nicht einmal schätzen kann.

  4. Das paper von Grimes wird ja auf allen Kanälen auseinander genommen.
    Das müßte ihm doch schon in den Ohren klingeln, wird er Schadensbegrenzung versuchen?
    Oder warten, bis sich die Mathematikwelt wieder beruhigt hat?

  5. Hat jemand vielleicht gerade eine genaue Definition zur Verschwörungstheorie oder Konspirationstheorie zur Hand?

    Der Schreiber dieser Zeilen versucht sich wie folgt:
    Eine Verschwörung ist eine bestimmte Verabredung zwischen mehreren Verschwörern, die geheim zu bleiben hat, weil nur dann eine besondere Wirkung von den verschwörerisch Handelnden erwartet wird, auch weil die Handlungen gegen (zurzeit und regional) die Macht Besitzende gerichtet ist.
    Die Konspiration meint genau so, wobei etymologisch das „zusammen Atmen“ aus dem Lateinischen wörtlich übersetzt im Deutschen vorliegt, metaphorisch eine diskrete und geheime Handlung mehrerer Konspiranten, eben eine Verschwörung.

    Und eine Verschwörungs- oder Konspirationstheorie wäre insofern nicht etwa die Sicht („Theorie“) auf eine festgestellte Verschwörung oder Konspiration, sondern metaphorisch die Vermutung, dass eine vorliegt, wobei es vielleicht eine gewisse bestätigende Datenlage gibt, aber keinen Nachweis.

    Verschwörungen im Kleinen gibt es natürlich fortlaufend, Verschwörungstheorien leiden also nicht per se, sondern, wenn sie im Großen angelegt sind und viele Mitwisser bedingen, die alle ihr Schweigen aufrecht erhalten müssen, wobei aber die Zahl der Verschwörer nicht allzu groß sein kann, denn wäre sie unendlich groß, würde zwingend ein Verschwörer plaudern.

    Insofern kann hier analytisch mit einem mathematischen Ansatz versucht werden Verschwörungen als gänzlich unwahrscheinlich auszuschließen.
    Wobei die Kultur eine wichtige Rolle spielt, im sogenannten „Westen“ hat ein plaudernder dann Ex-Verschwörer in der Regel keine besonderen Nachteile zu befürchten, vielleicht sogar Vorteile zu erwarten, das sogenannte Whistle-Blowing gilt womöglich als tendenziell edel, in anderen Gegenden aber Verschwörungen üblich sein und somit Verschwörungstheorien nicht leicht angreifbar sein könnten.

    Ginge dies so? Auch für den hiesigen werten Inhaltegeber und „VT-Experten“?

    MFG
    Dr. Webbaer

  6. Pingback: Verschwörungstheorien im profil @ gwup | die skeptiker

  7. Das Interessante an diesem epistemologischen Vorfall ist ja der Versuch, das formal-mathematische Beweisschema der Naturwissenschaften auf soziale „Materie“ zu übertragen. Zumindest für sehr große Mengen von Menschen kann es ja tatsächlich zu überraschenden Analogien führen, z.B. wenn man die „Strömungen“ von Menschen in einem Bewegungskanal mit der Strömungsphaysik von Flüssigkeiten betrachtet. So fehlerhaft die Arbeit sein mag, so ist sie doch vielleicht wegweisend? Im Zeitalter von Big Data werden wir künftig zu allen möglichen Bereichen Datensammlungen haben, die dann vermutlich erlauben, Formeln zu erstellen, die sich anschließend in der Beobachtungspraxis als richtig erweisen oder nicht.
    Noch ein anderer Punkt: In dieser Arbeit versucht die exakte Wissenschaft, unwissenschaftliches Denken zu widerlegen. Das ist grundsätzlich ein Unterfangen, was nicht klappen kann. Während nämlich wissenschaftliche Ergebnisse falsifiziert werden können – dies ist ihr Signum schlechthin, orientieren sich Verschwörungstheoretiker genau umgekehrt an „Belegen“, nicht an Falsifikationen. Im Gegensatz zu einem Naturwissenschaftler glauben die noch an die Kraft des empirischen Beweises. Daher sind dann Falsifikationen – bei richtiger Betrachtung 😉 – selbst wieder nur Belege für die Akltivität der Verschwörer und ihre große Macht. Insofern ist die unwiderlegbar neutrale Sprache der Mathematik quasi ein Ersatzargument, weil die Anhänger von Verschwörungstheorien dem simplen vernünftigen Gedanken nicht zugänglich sind. Schon schade, dass das nicht so einfach klappt 😉

  8. Pingback: Es gibt sehr wohl Verschwörungen – nur keine großen, die ewig halten | Michael Gessat

  9. Lieber Herr Grüter – Sie haben natürlich völlig recht mit Ihrer Kritik – aber haben Sie eigentlich auch einmal die Möglichkeit erwogen, dass die Studie und die Formel und die ganze Statistik-Zaubereien vom Autor nicht völlig ernst gemeint waren? Das war jedenfalls mein Ausgangspunkt, nachdem ich das Paper gelesen hatte – die Antwort von Grimes auf meine entsprechende Frage habe ich heute noch einmal in meinem Blog http://mgessat.com/es-gibt-sehr-wohl-verschwoerungen-nur-keine-grossen-die-ewig-halten/ zitiert. Ich hatte einen Hinweis auf ein leichtes Augenzwinkern übrigens auch in meinem Manuskript für den DLF stehen, das ist dann bei der Redaktion/Kürzung entfallen – aber auch bei den launigen Ausführungen über etwaige Meuchelmorde unter den Mitwissern einer Verschwörung und der dann entstehenden Panik hört man doch heraus, dass Grimes eben nicht vorhatte, ganz ernsthaft exakte Wissenschaft zu betreiben – was eben, wie ein anderer Kommentator zurecht bemerkt, hier nicht klappen kann.

    • Vielen Dank für Ihren Beitrag, Herr Gessat. Ja, ich hatte erwogen, ob Grimes die Sache tatsächlich als Hoax geplant hat. Deshalb habe ich die Arbeit mehrfach durchgelesen, konnte aber nichts finden, was sicher darauf hindeuten würde. Es fehlte es an den eigentlich typischen Anzeichen wie beispielsweise deutliche Übertreibungen oder Auswahl von offenbar bizarren Beispiel-Verschwörungen. Davon gibt es ja nun wirklich einen großen Fundus. Der zuständige Editor Chris Bauch verteidigt die sinnlose Mathematik und den „neuartigen Ansatz“ der Arbeit in seiner Antwort auf einen Kommentar bierernst und mit ziemlicher Wut. Sollte die Arbeit ein Hoax sein, wäre er wohl eher nicht eingeweiht und stände am Ende etwas dumm dar. Auch die Antwort von Grimes auf ihre Frage lässt nicht sicher auf einen Hoax schließen. Grimes gehört im Vereinigten Königreich zu den unerschrockenen Kämpfern gegen anti-wissenschaftliche Verschwörungstheorien. Ich fürchte mal, er meint es ganz ernst und wollte nachweisen, dass selbst bei extremen Annahmen über die Stabilität von Verschwörungstheorien eine allgemeine Verschwörung der Wissenschaftler gegen die Allgemeinheit vollkommen unplausibel wäre. Ich bin sicher, dass sich Grimes über die brutal falsche Formel und Graphik ärgert, aber das hätte er längst korrigieren können, Hoax oder nicht Hoax.
      Für meine Begriffe täte er sich und der Welt in jedem Fall einen großen Gefallen, wenn er seine Arbeit als Hoax deklarieren würde, ganz gleich, ob sie am Anfang so gemeint war.
      So wie sie jetzt dasteht, hat sie einen üblen Pferdefuß. Sie behauptet, dass auch Verschwörungen mit 500 Mitwissern stabil sind. Damit leitet er Wasser auf die Mühlen der Leute, die eine stärkere Überwachung fordern. Sie könnten jetzt argumentieren, dass nach Grimes Formel auch große Terrorzellen absolut stabil sind. Und wie schon gesagt: Das ist in jedem Fall Blödsinn und ist von Grimes sicher nicht beabsichtigt.

      • Hallo Herr Grüter – ich habe jetzt noch einmal mit Herrn Grimes kommuniziert: Er hat inzwischen eine Korrektur von Formel und Grafiken verfasst (und mir auch schon beigefügt…), die in den nächsten Tagen bei PLOS One erscheinen wird.

        Aber noch einmal zu Ihren Befürchtungen: Wie gesagt sehe ich die Arbeit gar nicht als Hoax (im Sinne einer lustigen Falschmeldung…), sondern als lustige Etüde (mit aber im Kern zutreffender Aussage…), in der ein ernsthaftes wissenschaftliches Instrumentarium auf einen dafür „eigentlich“ nicht geeigneten Gegenstand angewendet wird. Meines Erachtens behauptet die Arbeit auch nicht, dass „Verschwörungen mit 500 Mitwissern stabil sind“. Alle (vermeintlich exakten…) Angaben sind ja „rein rechnerisch“ oder „rein statistisch“ zu verstehen – und wenn man da dann die Formel durchexerziert, kommt am unteren Ende eine Zahl heraus, bis zu der ein statistischer Grenzwert (für ein Scheitern der Verschwörung…) nicht überschritten wird. Aber wir alle wissen doch selbstverständlich aus unserer Alltagserfahrung, dass Verschwörungen oder Geheimnisse auch bei sehr viel weniger Beteiligten auffliegen können und dies auch tun – auch dies war für mich ein Indiz dafür, dass das Ganze eben nicht „exakt“ oder bierernst gemeint sein kann, denn Grimes ist nach allen zur Verfügung stehenden Informationen ja völlig zurechnungsfähig. Ich glaube übrigens auch, dass Behörden oder Geheimdienste ganz bestimmt nicht auf diese oder andere ernsthafte oder nicht ernsthafte Formeln gewartet haben, um irgendwelche Maßnahmen einzuleiten oder zu legitimieren. Die Argumentationen für stärkere Überwachung sind ja auch jetzt schon irrational genug 🙂 …

        • Vielen Dank, Herr Gessat, dass Sie sich so viel Mühe mit dem Paper machen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht so recht, wie weit das ganze witzig gemeint war. Nach mehrfachem Durchlesen schien mir die Aussage des Autors etwa wie folgt zu sein: „Selbst unter extremen, im Grunde schon völlig unrealistischen Annahmen kann es eine Verschwörung von mehreren hunderttausend Wissenschaftlern nicht geben.“ Also sind Verschwörungstheorien, die unterstellen, die Wissenschaft habe die globale Erwärmung nur erfunden oder unterdrücke ein universelles Krebsmittel ganz sicher falsch. Nur hätte er sich die Zahlenspiele zum Schluss besser gespart, bei denen es darum geht, wie lange Verschwörungen mit x Verschwörern mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% halten. Denn auch diese Werte sind völlig unrealistisch.

          Ich glaube übrigens auch, dass Behörden oder Geheimdienste ganz bestimmt nicht auf diese oder andere ernsthafte oder nicht ernsthafte Formeln gewartet haben, um irgendwelche Maßnahmen einzuleiten oder zu legitimieren.

          Haben sie nicht, aber sie nehmen gerne alles mit, was ihnen Unterstützung bieten könnte. Und ich bin ganz sicher, dass es Grimes fernliegt, ihnen Munition zu liefern. Seine Artikel im Guardian lassen darauf schließen, dass er sich ganz eindeutig als rationaler Wissenschaftler und Verteidiger der Vernunft versteht.

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