Filmbesprechung: Expanse (zehnteilige Science-Fiction-Serie)

Wie sieht die Welt aus, wenn es der Menschheit gelingt, das Sonnensystem zu besiedeln? Von dieser Frage handelt die Science-Fiction-Serie Expanse, und ihre Antwort stimmt eher nachdenklich.

Vor knapp zwei Monaten, am 27. September 2016, stellte Elon Musk seine Vision eines Interplanetary Transport Systems vor. Mit gigantischen Raumschiffen möchte er bis zu hundert Menschen zum Mars transportieren. Die Menschheit, so meint er, muss eine multiplanetare Spezies werden. Nur wird sie überleben.

Die zehnteilige Fernsehserie The Expanse (übersetzt: die Weite, wie in die Weite des Ozeans) spielt im 23. Jahrhundert. Musks Vision ist Wirklichkeit geworden. Raumschiffe mit Fusionsantrieb verbinden die Siedlungen der Menschen auf den Planeten und Monden des Sonnensystems. Die enorme Anstrengung hat die Menschheit aber nicht etwa geeint. Ähnlich wie heute herrscht kalter Krieg, nur die Fronten haben sich verschoben.

Die UNO regiert eine übervölkerte Erde, Nationalstaaten existieren nicht mehr. Der Mars hat seine Unabhängigkeit erkämpft. Die beiden hoch aufgerüsteten Machtblöcke belauern sich voller Misstrauen, jeder Funke kann einen interplanetaren Krieg auslösen. Im Planetoidengürtel, dem Belt, haben sich Bergwerkskolonien angesiedelt; sie bauen Metalle, Minerale und das wertvolle Wasser ab. Bisher stehen die meisten Kolonien unter der Herrschaft der Erde, aber der Mars kämpft darum, seinen Einfluss auszuweiten. Die Belter (in der deutschen Fassung etwas unglücklich als Gürtler bezeichnet) leben unter schwierigsten Bedingungen. Die große Erd-Kolonie auf dem Planetoiden Ceres leidet unter Wassermangel, weil die Eisvorkommen in der Umgebung fast vollständig erschöpft sind. Nur der Sitz des Gouverneurs hat einen großzügig bewässerten Garten …

Die Schwerkraft auf Ceres erreicht nur 3 % der Erdanziehung, auf allen anderen Planetoiden ist sie noch schwächer. Deshalb leiden die im Gürtel geborenen Menschen unter brüchigen Knochen und kraftlosen Muskeln. Auf der Erde und dem Mars drohen sie zu ersticken, weil sie es kaum schaffen, gegen die ungewohnte Schwerkraft ihren Brustkorb zu dehnen. Wie die Leibeigenen früherer Jahrhunderte sind sie deshalb an ihre Geburtsstätten gebunden. Erde und Mars machen sich das zunutze und pressen die Kolonien gnadenlos aus. Die Untergrundorganisation OPA (Outer Planets Alliance) bereitet einen Aufstand vor und betrachtet einen Krieg zwischen Erde und Mars als ideale Gelegenheit zum Losschlagen.

Vor diesem Hintergrund spinnt die Serie drei parallele Handlungsfäden. Der zynische Polizist Joe Miller auf Ceres eine vermisste junge Frau finden. Sie stammt von der Erde und ist auf dem Planetoiden verschwunden. Ihre schwer reiche Familie zahlt viel Geld für die Suche.

Gleichzeitig stößt die Besatzung des Eisfrachters Canterbury im Saturnorbit auf das verlassene Raumschiff Scopuli, das einen automatischen Hilferuf aussendet. Der zweite Offizier Jim Holden führt eine Rettungsmission an. Noch während das Team die Scopuli durchsucht, erscheint ein getarntes Kriegsschiff und zerstört die Canterbury.

Auf der Erde nimmt die Polizei einen Belter fest, der Pläne für militärische Tarntechnologie schmuggeln will. Die stellvertretende Ministerin Chrisjen Avasarala vermutet, dass die OPA damit einen Krieg zwischen Erde und Mars provozieren will.

Unabhängig voneinander kommen die drei Protagonisten einer gigantischen Verschwörung auf die Spur, die mit einer geheimnisvollen biologischen Waffe zusammenhängen.

Mehr sei nicht verraten. Der Plot ist spannend, der Hintergrund realistisch. Die Ceres-Kolonisten leben im Elend. Wasser und Luft sind knapp, die überalterten Lebenserhaltungssysteme stehen knapp vor dem Zusammenbruch. Die Wut der Belter ist fast mit Händen zu greifen. Im UN-Gebäude auf der Erde und im Haus der stellvertretenden Ministerin dagegen dominiert kühler Luxus; Stahl und Glas beherrschen die Szene.

Alle drei Protagonisten sind widersprüchlich und vielschichtig angelegt. Der Ceres-Polizist Miller nimmt Bestechungsgelder und prügelt Verdächtige. Aber er verbeißt sich immer in die Suche nach der vermissten Frau. Selbst als er zusammengeschlagen und beinahe umgebracht wird, forscht er weiter.

Jim Holden, der zweite Offizier der Canterbury, leidet unter einem Autoritätskomplex. Er will keine Führungsaufgaben übernehmen, aber setzt immer wieder sein Leben aufs Spiel, um Crewmitglieder zu retten.

Ministerin Chrisjen Avasarala erzieht liebevoll ihren Enkel, schreckt aber nicht davor zurück, Gefangene foltern zu lassen, um ihre Ziele zu erreichen. Zugleich verbirgt sie einen tiefen, dauerhaften Schmerz.

Die Bösen in dem Film sind dagegen etwas klischeehaft geraten. Da ist der Wissenschaftler mit dem gleichgültig-kalten Blick eines KZ-Arztes. Er tötet ohne Gewissensbisse hunderttausend Menschen, um seine biologische Waffe zu ausgiebig testen. Sein skrupelloser Auftraggeber leitet einen internationalen Großkonzern. Ungerührt opfert er Mitglieder seiner Familie für den erwarteten Profit. Was sich die beiden davon versprechen, bleibt allerdings unklar.

Die Darstellung der Raumschiffe fällt sehr viel realistischer aus als in den meisten anderen Serien und Filmen. Schwerkraft existiert nur, solange die Triebwerke Schub liefern. Wenn eine Granate die Wand eines Raumschiffs durchschlägt, bleiben den Astronauten nur Sekunden, um das Leck zu schließen, bevor sie ersticken. Im Kommandoraum eines Raumschiffs stehen keine Wohnzimmersessel, sondern fest verankerte Pilotensessel mit Sicherheitsgurten. Das habe ich bisher kaum irgendwo so wirklichkeitsgetreu dargestellt gesehen1.

Alles in allem kann ich die Serie aber ohne Einschränkungen empfehlen. Sie verquickt spannende Unterhaltung mit einem realistischen Blick auf eine multiplanetare Zukunft.

Die Serie entstand im Auftrag von Syfy, dem früheren SciFi-Channel. In Deutschland ist sie exklusiv über Netflix zu bekommen. Eine zweite Staffel ist bereits bestellt.

Anmerkungen:

[1] Ausnahme ist der zu Unrecht kaum bekannte Film „Space odyssey – Mission zu den Planeten“ der britischen BBC. Der Film ist im Stil einer Dokumentation gehalten und beschreibt eine fiktive jahrelange Forschungsreise zu den Planeten Venus, Mars, Jupiter und Saturn. Für realistische Aufnahmen in der Schwerelosigkeit buchte die Produktionsgesellschaft extra einen Parabelflug. Für Freunde realistischer SF-Filme ein absolutes Highlight!

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zitat:

    ein realistischer Blick auf eine multiplanetare Zukunft.

    zeigt also eine Welt in der die Menschen so fies und kriegerisch sind wie sie es heute sind oder gar im schlimmsten Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte waren.
    Ich habe immer gedacht, eine multiplanetare Zukunft bedeute, dass die Menschen wieder eine Aufgabe haben, nämlich den Aufbau einer neuen Welt.
    Eine Welt des Überflusses zeigt die Serie offenbar nicht – trotz fortgeschrittener Technologie mit unter anderem Fusionskraft. Eine Welt in Frieden und Harmonie ohne Ressourcenknappheit und ohne Überbevölkerung würde wohl auch nicht den Stoff für einen spannenden Science-Fiction abgeben.

  2. Naja… vielleicht sollte man noch darauf hinweisen, dass die Serie auf dem „Expanse“-Zyklus des Autoren-Duos/Kollektivs beruht, das unter dem Pseudo „James S.A. Corey“ veröffentlicht. Ist auch recht fix (ich glaube bei Heyne) auf Deutsch erschienen ab 2011 oder 12. Auf dem eBookreader habe ich zwei Rubriken: „echte SF“ und „Trivial-SF“ – „Expanse“ ist nach dem Durchlesen blitzartig unter „Trivial-SF“ einsortiert worden (aus den üblichen Gründen: permanentes Deus-ex-Machina, unglaubwürdige Unmöglichkeiten des Plots usw.).

  3. Kein Wassermangel:
    Insgesamt dürfte Ceres zu 17 bis 27 Gewichtsprozent aus Wasser bestehen.
    Die Wassermenge auf Ceres wird auf etwa das Fünffache der auf der Erde vorhandenen Süßwasservorräte geschätzt.
    Die Masse von Ceres beträgt 9,393 mal 10 hoch 20 Kilogramm.

    • Die Fallbeschleunigung auf dem Nullniveau von Ceres beträgt nur 0,29 Meter pro Sekunden zum Quadrat.
      Das sind nur rund 3 Prozent der Erdanziehung.
      In welchem Universum spielt eigentlich diese Science-Fiction-Serie?

      • Der Fehler geht auf mein Konto. Ist korrigiert. Das ändert allerdings nichts an der Aussage, dass Menschen, die dort geboren sind, unter der Schwerkraft von Erde oder Mars nicht gut leben könnten.

    • Doch, Wassermangel wäre trotzdem möglich. Lassen Sie mich ein Beispiel anführen: In den Küstenwüsten der Erde dürfte eigentlich kein Wassermangel herrschen, weil der nächste Ozean nur wenige Kilometer weit entfernt ist. Trotzdem sind dort keine blühenden Landschaften entstanden. Es geht immer um die Kosten für die Aufbereitung und den Transport des Wassers. Chile könnte sicherlich die Atacamawüste begrünen, wenn die Regierung nur genügend große Meerwasserentsalzungsanlagen aufstellt. Sie könnte auch einige starke Schlepper vor einen Eisberg spannen lassen und ihn vor der Küste auf Grund setzen. Das Eis ließe sich dann leicht in die Wüste transportieren. Leider ist das alles zu teuer. Wenn man auf Ceres Wasser abbauen lässt, könnte die Bergbaukolonie unter Wassermangel leiden, wenn sich die Aufbereitung und der Transport nicht mehr lohnt.

      • Wenn man Kernfusion hat und die auch noch so gut beherrscht, dass man leichte, kompakte Anlagen für Raumschiffe bauen kann, warum dann (salziges) Wasser auf Ceres aufbereiten und hertransportieren, wenn man hier sowieso schon >10^21kg mäßig salziges Wasser hat?

        • Im Raubtierkapitalismus, wie ihn die Serie für den Asteroidengürtel annimmt, stellt sich immer nur die Frage nach dem größten Profit. Wenn es billiger ist, das Wasser zu rationieren, als eine neue Aufbereitungsanlage zu bauen, dann wird eben rationiert. Um es mal so auszudrücken: Die Arbeiter in den südafrikanischen Goldminen sind schließlich auch keine reichen Leute …

          • Auch ein raubtierkapitalistisches Monopol für die irdische Wasserversorgung macht mehr Profit, wenn es das Wasser auf der Erde aufbereitet und zum gebeutelten Verbraucher transportiert, anstatt es von irgendwelchen Asteroiden zu holen. Egal wieviel technischen Fortschritt es bis dahin geben mag.
            Rohstoffe von Asteroiden werden wohl eher nicht zur Irdischen Verwendung gefördert werden, sondern für den interplanetarischen Raum, z.B. zum Aufbau gigantischer Teleskope und dergleichen.

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