Buchbesprechung: „Die drei Sonnen“ von Liu Cixin

Der internationale Bestseller „Die drei Sonnen“ des chinesischen Science-Fiction-Autors Liu Cixin ist vor wenigen Tagen auch auf Deutsch erschienen. Im Jahr 2015 erhielt das Buch den amerikanischen Hugo Award als bester Science-Fiction-Roman des Jahres. Es war das erste Mal, das ein chinesischer Autor diese hohe Auszeichnung erhielt. Selbst der scheidende US-Präsident Barack Obama soll das Werk im Winterurlaub gelesen. Was zeichnet diesen Science Fiction aus, und warum sollte man ihn lesen?

Die Handlung beginnt im Jahr 1967, in der Zeit der Kulturrevolution. Damals hatte Mao Tse Dong, der Vorsitzende der allein herrschenden Kommunistischen Partei, seinen Einfluss in der Partei weitgehend verloren. Deshalb rief er einen Krieg der Massen gegen Funktionäre und Intellektuelle aus. Die meisten Universitäten mussten schließen, Professoren und Studenten wurden verprügelt, umgebracht oder in weit entfernte Provinzen verbannt, wo sie harte körperliche Arbeit leisten mussten.

Die junge Astrophysikerin Ye Wenjie muss miterleben, wie ihr Vater, ein berühmter Naturwissenschaftler, von vier Mittelschülerinnen zu Tode geprügelt wird. Sie selbst wird in die Verbannung geschickt, darf aber nach einiger Zeit in einem streng geheimen Regierungsprojekt mitarbeiten. Zunächst bleibt der Zweck der großen Parabolantenne geheim, die das Militär unter höchster Geheimhaltung auf einer einsamen Bergkuppe errichtet hat. Irgendwann erfährt Ye dennoch, dass es um die Suche nach außerirdischen Intelligenzen geht.

Ein zweiter Handlungsstrang spielt in der Gegenwart. Der Physiker Wang Miao soll einer internationalen Taskforce helfen, tödliche Angriffe auf Spitzenwissenschaftler in aller Welt aufzuklären. Offenbar hat sich eine kriminelle Gruppe verschworen, jeglichen wissenschaftlichen Fortschritt zu unterbinden. Der grobe, unverschämte und distanzlose Polizist Shih Qiang soll Wang bei seinen Ermittlungen helfen.

Kaum beginnt Wang mit seiner Arbeit, häufen sich seltsame Ereignisse. Auf den Negativen von Filmrollen, die er mit seiner alten Kamera belichtet, erscheinen die Zahlen eines Countdowns. Er erhält den Hinweis, er möge die 3-Kelvin-Hintergrundstrahlung des Universums beobachten. Zum angegebenen Zeitpunkt beginnt sie plötzlich zu flackern, was eigentlich ganz unmöglich ist. Im Rhythmus der Störungen erkennt er weitere Warnungen.

Schließlich stößt er auf ein Computerspiel, das ihn in seinen Bann zieht. Es geht darin um die Geschichte intelligenter Wesen auf einem Planeten, der von drei Sonnen beschienen wird. Die Gravitation von drei oder mehr ähnlich großen Himmelskörpern bewirkt, dass die Bahnen, auf denen sie umeinander kreisen, chaotisch werden. Dieses Phänomen ist unter dem Namen „Drei-Körper-Problem“ bekannt. Jeder unglückliche Planet in einem solchen System wird in unvorhersehbarer Weise durch den trisolaren Raum geschleudert. Wenn er einer der Sonnen zu nahe kommt, verglüht seine Oberfläche, und wenn seine Bahn ihn an den Rand des Systems führt, dann erstarrt er für lange Zeit in eisiger Kälte. Sollten auf einem solchen Planeten intelligente Lebewesen wohnen, welche Philosophie oder welche Physik würden sie entwickeln? Ihre Zivilisation könnte jederzeit verbrennen oder erfrieren. Sie könnten nicht einmal Vorsorge treffen, weil sie nicht vorhersehen könnten, wohin ihr Planet sich bewegen wird. Die kurzen Phasen der Stabilität enden unvermittelt und unvorhersehbar. Jeder Versuch, ihr Universum in Formeln zu fassen, müsste scheitern.

Das Computerspiel weist Wang Miao den Weg zu einer großangelegten Verschwörung. Darin spielen die von Ye Wenjie im Rahmen ihres Forschungsprogramm entdeckten Aliens eine entscheidende Rolle, obwohl sie die Erde nie betreten haben. Aber allein das Wissen um die Existenz von fremden Intelligenzen hat gefährliche Konsequenzen für die Menschheit. Eine internationale Geheimgesellschaft will die Außerirdischen für ihre Zwecke einspannen; die aber verfolgen ganz eigene Ziele, bei denen die Menschen eher stören.

Der Autor verknüpft diese verschiedenen Handlungsstränge auf meisterhafte Weise. Wie Himmelskörper, die in einem komplexen Geflecht von Kräften gefangen sind, bewegen sich die Protagonisten des Romans auf festgelegten, aber letztlich unvorhersehbaren Bahnen.

Lius Roman orientiert sich an dem Grundsatz, dass Perfektion erst dann erreicht ist, wenn man nichts mehr weglassen kann.1 Alle Szenen, Dialoge, Figuren haben ihren exakten Platz und sind für den Verlauf der Erzählung absolut unentbehrlich.

Beispielsweise hat die Kulturrevolution die Seele der Astrophysikerin Ye Wenjie so schwer verletzt, dass die Wunde niemals heilt. Und genau daraus ergeben sich später schwerwiegende Folgen. Der Intellektuelle Wang Miao, von Zweifeln an der Gültigkeit der physikalischen Gesetze geplagt, kann das große Rätsel nur lösen, weil er sich mit dem ungebildeten, aber scharfsinnigen Polizeiinspektor Shih Qiang zusammenrauft.

Diese stringente Gesamtkomposition macht das Buch ausgesprochen lesenswert. Ich würde es zu den herausragenden Titeln der Science-Fiction-Literatur des 21. Jahrhunderts rechnen. Das heißt aber nicht, dass es keine Kritikpunkte gäbe. Der Autor hat die physikalische Wirklichkeit in einigen Kapiteln sehr weit gedehnt, und verschiedene Fakten schlicht verfälscht. Beispielsweise lässt sich die Sonne nicht dafür nutzen, Radiowellen-Botschaften an Aliens um sechs Zehnerpotenzen zu verstärken. Die quantenphysikalische Verschränkung von zwei Teilchen macht es nicht möglich, ohne Zeitverlust über kosmische Distanzen hinweg zu kommunizieren. Und schließlich man kann Elementarteilchen nicht in eine beliebige Untermenge von 11 Dimensionen einzwängen und dann beliebig manipulieren.

Das alles wäre durchaus verzeihlich, wenn es nicht zu einem unentbehrlichen Bestandteil der Gesamtkomposition würde. Dadurch gerät der Roman, der als Meilenstein des Hard-SF beworben wird, sehr in die Nähe des Quantenmystizismus. Wenn man das Buch aber nicht als Hard-SF, sondern als Metapher auf irdische Verhältnisse und als Kritik an der chinesischen Gegenwart liest, hätte ich keine Einwände dagegen. Aber diese Interpretation schloss der Autor auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober ausdrücklich aus. „Ich schreibe Science-Fiction, um Science-Fiction zu schreiben, nicht um über Bande die Realität zu kritisieren“, erklärte er auf Anfrage.2

Natürlich ist es möglich, das Liu nicht die ganze Wahrheit sagt. Auch für eine nationale Berühmtheit wie ihn wäre offene Kritik an der Pekinger Führung ausgesprochen riskant.

Bewertung:

Das Buch spricht viele tiefschürfende philosophische Fragen an und gibt nebenbei einen seltenen Einblick in die Verheerungen der chinesischen Kulturrevolution. Die Gesamtkomposition ist meisterhaft. Allerdings muss man über die teilweise abstrusen Verzerrungen physikalischer Tatsachen hinwegsehen können. Gesamturteil: Lesenswert.

Cixin Liu3: Die drei Sonnen, München 2017. Zuerst erschienen als Fortsetzungsroman in der chinesischen Zeitschrift Science Fiction World im Jahr 2006. Die englische Übersetzung erschien 2014 unter dem Titel „The three-body-problem“.

Anmerkungen

[1] „Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“ Antoine de Saint-Exupéry, Terre des Hommes, III: L’Avion, p. 60 (1939)

[2] Quelle: „Die drei Sonnen“: Der Science-Fiction-Erfolg von Liu Cixin. Spiegel online. 14.12.2016

[3] Der Vorname des Autors ist Cixin, der Familienname Liu. In China steht der Familienname üblicherweise vorne. Der Verlag hat aber beschlossen, auf dem Buchtitel den Familiennamen nach hinten zu setzen. Auf dem Innentitel steht als Autor aber wieder „Liu Cixin“.

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. 550 Astronomische Einheiten von der Sonne entfernt fokussiert die Sonne als Gravitationslinse das Licht ferner Sterne und verstärkt es um den Faktor 100 Millionen.
    Ein Teleskop an dieser Stelle könnte das Universum in nie gekannter Auflösung beobachten.
    Dies eröffnet neue Perspektiven, auch für die Radioastronomie und SETI.
    http://www.final-frontier.ch/der_ring_der_stimmen

    Beinahe off Topic, die Weltraum-Schmetterlinge;
    http://www.e-stories.de/view-kurzgeschichten.phtml?40271

    • Der Gravitationslinseneffekt der Sonne ließe sich vielleicht nutzen, wenn das auch nicht ganz einfach wäre. Einige Arbeitsgruppen haben den sogenannten Microlensing-Effekt schon erfolgreich bei der Planetensuche eingesetzt. Aber die gefundenen Planeten kreisten jeweils um den Vordergrundstern, also denjenigen, der eigentlich als Linse fungierte. Wenn man die Sonne als Mikrolinse (Micro im Vergleich zu den Galaxien oder Galaxienhaufen, die die großen Linseneffekte erzeugen) verwendet, dann müsste man ihr Licht komplett ausblenden. Und dann hätte man immer doch das Problem, das schwache Licht eines eventuellen Planeten von dem sehr viel stärkeren Licht des Sterns zu trennen. Außerdem würde sich ein Satellit in 550 AE natürlich auch um die Sonne bewegen, so dass die Beobachtungsobjekte nur kurz vor der Linse auftauchen. Die Bewegung würde etwa 100 Bogensekunden im Jahr ausmachen, wenn meine hastige Berechnung richtig ist. Damit bliebe jedes Objekt nur maximal einige Tage im Fokus.
      Liu Cixin hat aber in seinem Buch einen ganz anderen Effekt postuliert.
      — Achtung Spoiler! —
      Er postuliert, dass die Sonne quasi zwiebelschalenartig aufgebaut ist. Jede der Schichten soll durch eine Membran von den anderen getrennt sein. Ein Radiosignal passender Wellenlänge würde Schwingungen in der Membran anregen, so dass die angeregte Membran wie eine Art Lautsprecher die empfangenen Signal vielfach verstärkt zurückstrahlt.
      — Ende Spoiler —
      Liu ging wohl zu Recht davon aus, dass die Signale, die Menschen in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in All senden konnten, in kosmischen Entfernungen kaum noch zu empfangen sind. Also musste er sich einen Verstärkungsmechanismus ausdenken. Nur: so wie er das beschreibt, kann das nicht funktionieren.

    • Ein hochspezialisiertes Teleskop im gravitationellen Fokus der Erde 550 astronomische Einheiten von der Sonne entfernt, könnte einen einzelnen Exoplaneten tatsächlich bis auf Objektgrössen des Central Parks auflösen, wäre allerdings mit heutiger Technologie noch nicht realisierbar, wie der auf einem arxiv-Papier basierende MIT-Artikel A Space Mission to the Gravitational Focus of the Sun ausführt.
      Hier ein paar der Schwierigkeiten, die ein solches Teleskop für die Abbildung eines Exoplaneten mit sich bringen würde:
      1)

      Finding a planet of diameter ~10^4 km at a distance of 10^14 km requires a pointing knowledge and pointing accuracy of 0.1 nanoradians,” says Landis. State-of-the-art pointing accuracy is today about 10 nanoradians.

      2)

      The exoplanet will be moving as it orbits its star. Landis analyses what would happen if the exoplanet has the same orbital velocity as the Earth, 30 km/sec. In that case, a one-kilometer section of the planet will traverse a one-meter detector in just 33 milliseconds and the entire planet will slip past in 42 seconds.

      3)

      Another major problem is filtering out the light from the sun, not to mention the exoplanet’s parent star, which will be orders of magnitude brighter than the target. The telescope will also have to minimize interference from other sources such as zodiacal light. Much effort has been out into this for the current generation of planet hunting telescopes. Nevertheless, Landis says, this is not a trivial problem.

      Fazit: Wenn einmal eine zweite Erde gefunden wurde, könnte sich ein speziell für die Beobachtung dieser zweiten Erde gebautes Teleskop im gravitationellen Fokus der Sonne, als nützlich erweisen, wären doch Details bis hinunter zum Central Park auflösbar. Solch ein Teleskop wäre heute weder technisch realisierbar noch finanzierbar.

      • Ergänzung: das im gravitationellen Fokus der Sonne sitzende Teleskop hätte noch keine optimalen Beobachtungsbedingungen. Besser wäre es, solch ein Teleskop anstatt in 500 AU Entfernung in 2000 AU Entfernung zu platzieren.

        To ensure that the Einstein ring is larger than the corona and not obscured by it, the mission would have to sit even further, at a distance of more than 2,000 AU, says Landis. That’s much further than the 550 AU that previous analyses have suggested.

  2. Obama, Clinton, Mark Zuckerberg und Bill Gates loben zusammen mit unzähligen Rezensenten und Lesern (Amazon-Rezensenten) „die drei Sonnen“ und zwar sowohl für seine literarisch/gestalterischen Qualitäten als auch für die Vermittlung von wissenschaftlichem Wissen (mindestens viele „gewöhnliche“ Leser tun das) und in der SPON-Kritik wird das Buch unter der Kategorie Hard Science Fiction eingeordnet, wozu man in der Wikipedia liest:

    Hard science fiction ist eine Kategorie von Science Fiction, die Wert auf wissenschaftliche Genauigkeit, detaillierte technische Darstellung oder beides legt.

    Thomas Grüters Anmerkung zu den von ihm festgestellten pseudowissenschaftlichen Aussagen im Roman :

    Dadurch [durch Pseudowissenschaftlichkeit] gerät der Roman, der als Meilenstein des Hard-SF beworben wird, sehr in die Nähe des Quantenmystizismus.

    ist in anderen Rezensionen kaum zu finden. Das könnte daran liegen, dass viele Zeitgenossen inzwischen Quantenmystizismus für die Essenz der modernen Naturwissenschaft halten.

    • Bestimmte Ideen des Buchs wären eine gelungene Satire auf die chinesische Gegenwart, hätte der Autor diese Interpretation nicht ausdrücklich verworfen. Ansonsten habe ich bei einigen Rezensionen den Eindruck, dass sie nur einen Teil des Buchs abdecken, oder anders ausgedrückt: Die Rezensenten haben bereits ihr Urteil abgegeben, bevor sie das Buch noch komplett gelesen hatten.

    • „Die drei Sonnen“ heisst in der englischen Version „The Three-Body Problem“ und in der englischen Version ist es schon etwas länger erhältlich. Es gibt unzählige Rezensionen beispielsweise auf Amazon. Einige Leser haben die wissenschaftlichen Unstimmigkeiten bemerkt. Nicht wenige geben sich jedoch tief beeindruckt vom Werk (Zitat:“Absolutely mind-blowing. Like nothing I’ve ever read“) und es gibt auch Leser, die gerade durch die Darstellung der modernen Physik beeindruckt sind. Auffallend viele Leser sind aber von der Gesamtschau, die dieses Buch vermittelt und von der Komposition beeindruckt („Poetic, complex, delicately balenced“; „So good that I mentioned it in a sermon!“)

      • Ehrlich gesagt, ich habe die Besprechungen auf amazon.com nicht gelesen. Es steht außer Frage, dass die Gesetze der Physik in dem Buch teilweise schlicht falsch dargestellt werden. Allerdings gibt sich der Autor viel Mühe, alles genau zu erklären. Das hört sich sehr gut an, selbst wenn es nicht stimmt. Die strenge Komposition des Buchs ist in der Tat außergewöhnlich, und ich kann mir vorstellen, dass gerade die amerikanischen Leser davon beeindruckt sind. Das Buch verletzt so ziemlich jede Regel des „Creative Writing“, und liest sich trotzdem spannend.

  3. Ich kann die Buchse die auch schwer empfehlen. Die englische Übersetzung war scheiße aber die Geschichte war äußerst gut. Ich hoffe die deutsche Übersetzung ist besser!

    Was den Verstärker in der Sonne angeht… Nun, irgendwo trennt sich die science von der fiction. In den Büchern werden haufenweise Dimensionen gefaltet und entfaltet und gestreckt und geplättet und gestaucht… Der Autor ist wohl Dimensionenfan.

    Meine einzige größere Kritik an dem Buch ist, dass er wirklich jedes Konzept der modernen SciFi auf ein paar Seiten im Detail erklärt. Andere Autoren nehmen sich ein ganzes Buch für ein einzelnes Konzept. Die Kritik löst sich aber in Luft auf, weil er ein ganz zentrales Konzept vorstellt, das mir als SciFi Fan doch noch komplett neu war. Im ersten Buch wird es angedeutet, im letzten Buch wirklich explizit dargestellt. Viel Spaß beim erraten!

    • Die Qualität der Übersetzung kann ich nicht beurteilen, weil ich kein Chinesisch spreche oder lese. Vermutlich geht aber einiges an Anspielungen verloren. Im Deutschen wirkt die Sprache etwas dürr, ist aber durchaus annehmbar.

  4. Pingback: Sorry, Mr. Obama, that wasn’t my thing. | brasch & buch

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