Gekaufte Zitierungen? Worum es wirklich geht

Bei Spektrum hatte ich heute eine kleine Affäre um den Laborbedarf-aka-Versuchstier-Hersteller Cyagen kurz zusammengefasst. Allerdings gibt es zwischenzeitlich ein paar Stellungnahmen aus der betroffenen Branche, deren Essenz ich euch nicht vorenthalten möchte.

Der Kern der Geschichte ist schnell erzählt: In einer Rundmail an die geschätzte Kundschaft hat das Unternehmen im Juni eine Belohnung für Erwähnungen ausgelobt. Für Veröffentlichungen, in denen das Unternehmen namentlich genannt ist, gab es Einkaufsgutscheine über bis zu einige tausend Dollar (Cyagen hat die Summen seitdem auf einen Pauschalbetrag gesenkt).

Screenshot der Cyagen-Webseite mit dem Belohnungsprogramm

Screenshot der Cyagen-Webseite mit dem Belohnungsprogramm

Das hat einige Leute ein bisschen auf die Palme gebracht, denn der Verdacht liegt nahe, dass das Unternehmen damit versucht, den Inhalt von wissenschaftlichen Papers zu beeinflussen. Es hat natürlich einen erheblichen Werbewert, das eigene Produkt in einer vielzitierten Veröffentlichung zu finden.

Von der Arbeitsgruppe direkt nach Veröffentlichung benachrichtigt zu werden, ist auch sehr praktisch. Tatsächlich haben Dutzende ähnliche Firmen solche Programme, die für solche Erwähnungen Gutscheine oder Geschenke versprechen. Eine ganze Branche versucht sich da, in Veröffentlichungen einzukaufen. Oder?

So naheliegend diese Erklärung klingt, sie hat ein großes Problem. Weder das eine noch das andere ist notwendig. Welche Materialien eine Arbeitsgruppe verwendet hat, gehört in ein Paper einfach rein, und zwar auch der Hersteller oder die Bezugsquelle. Solche Angaben sind zumindest in der Mehrzahl der Journals Standard.

Und natürlich ist auch kein Unternehmen in Zeiten von Pubmed, Google Scholar und Volltextsuche auf die Mithilfe der Autorinnen und Autoren angewiesen, um solche Erwähnungen zu finden. Ich habe mal bei Unternehmen mit solchen Programmen nachgefragt, woher sie die Zitierungen so haben, die auf ihren Seiten zu finden sind. Von Novus biologicals habe ich eine konkrete Zahl bekommen:

Currently just over ~0.001% of our 35,000 citations have been submitted via our reward program. The remainder were found by sources such as Google Scholar and other search engines.

Cyagen bestätigt das im Prinzip, nur eine Handvoll Autoren hätte sich auf das Programm hin gemeldet. Die 164 Referenzen auf der Webseite des Unternehmens stammen wohl auch aus Suchmaschinen. OK, aber was soll das Ganze dann sonst??

Cyagen und Novus geben zwei verschiedene Antworten. Letzteres Unternehmen beruft sich auf den Servicegedanken:

Novus uses the publication information that researchers provide to give helpful information on the use of products in the scientific community. […] From our perspective and the scientists the more information we can provide about the use of an antibody the better chance they will have success in their experiments.

Das ist unbestreitbar richtig, aber wie oben schon erklärt, müsste man dafür kein Geld ausgeben, zumal so ein Programm ja auch nicht sicher alle Leute erreicht. Eine andere Begründung liefert Cyagen-Pressesprechers Austin Jelcick:

Despite this, we run the program for two reasons: first, to hopefully learn of new publications sooner by having the publishing authors reach out to us rather than waiting until we perform a journal search on PubMed, etc.; second, and most importantly, as a way to reach prior customers and offer a discount for being a potential repeat customer.

Das scheint mir tatsächlich die plausibelste Erklärung zu sein: ein fast normales Kundenbindungsprogramm mit dem Gutschein als Anreiz, sich beim Unternehmen zurückzumelden und auch in Zukunft da zu kaufen. Aus Sicht der Forschungsethik halte ich das für unkritisch und eher nicht offenlegungspflichtig – man schreibt ja auch keinen Mengenrabatt für Latexhandschuhe ins Paper.

Lars Fischer

Veröffentlicht von

www.fischblog.com

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nebenan bei den Scienceblogs ist das auch gerade Thema. Was ich mich frage: Wenn die Produkte der Firma Cyagen mit Latexhandschuhen vergleichbar sind, müssen sie dann im Methodenteil erwähnt werden? Man nennt ja auch nicht den Hersteller des Stuhls, auf dem man bei einem Experiment sitzt. Wenn die Produkte aber einen spezifischen methodischen Effekt haben, würde dann nicht ein erfolgreiches Belohnungsprogramm auch methodisch relevant und (wenn auch ungewollt) künftige Ergebnisse beeinflussen?

    • Lars Fischer

      Das ist in der Tat eine berechtigte Frage. Es würde davon abhängen, ob die Versuchsmäuse standardisiert sind, was ich in vielen Fällen vermute. In der Chemie gibt man die Hersteller von Chemikalien auch meistens an, und bei denen ist der Hersteller definitiv egal. Bei Antikörpern und Mäusen ist es, denke ich, auch eine Vertrauensfrage.

  2. Pingback: WR472 Kotzbot | Fotografie

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