Wie der Sparkurs die Griechen krank macht

Mehrere Veröffentlichungen befassen sich inzwischen mit den Folgen der Wirtschaftskrise. Sie zeichnen ein düsteres Bild.

Auch die Rettungspakete von EU und Weltbank haben an der Wirtschaftskrise in Griechenland nichts geändert. Im Gegenteil, der Sparkurs, so wird es zumindest weithin wahrgenommen, haben die Krise sogar noch schlimmer gemacht und – durch allgemeine Armut und Kürzungen im Gesundheitssystem – sehr viele Menschenleben gekostet. Das klingt zuerst einmal auch plausibel, aber stimmt es auch?

Tatsächlich ist die Beziehung zwischen ökonomischen Krisen und allgemeiner Sterblichkeit in der wissenschaftlichen Literatur ziemlich umstritten. Forscher sind in den mehr als hundert Jahren, seit diese Frage erstmals systematisch untersucht wurde, zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gelangt. Oft basieren konkrete Auswirkungen von Krisen von einem Einerseits-andererseits mit ungewissem Ausgang: Während einer Rezession können sich Infektionskrankheiten ausbreiten, weil für Kontrollmaßnahmen kein Geld mehr da ist oder die Betroffenen später oder gar nicht zum Arzt gehen. Andersherum stecken sich, wenn weniger Menschen Arbeit haben, auch weniger Menschen im Büro gegenseitig an.

Mehr oder gar weniger Tote?

Dann gibt es Sachen, die man vorher schlicht nicht ahnen kann: Während der US-Immobilienkrise zum Beispiel standen plötzlich in Kalifornien haufenweise neue Häuser mit Pool leer – in den verwahrlosenden Becken vermehrten sich die Larven von Moskitos, die wiederum das West-Nil-Virus übertrugen. Nicht immer sind die Effekte leicht zu finden, besonders wenn sie spezifische Subgruppen wie Fixer, Obdachlose oder illegale Einwanderer betreffen. In einer Stichprobe aus der Gesamtbevölkerung fallen sie oft nicht auf, wenn sich in so einer Randgruppe aber zum Beispiel eine ansteckende Krankheit unbemerkt ausbreitet, kann das böse Überraschungen geben.

Wie gemischt und uneindeutig das Bild sein kann, zeigen die beiden Krisen der 90er Jahre – der Zusammenbruch des Ostblocks um 1990 und die Asienkrise von 1997. In Russland und einigen anderen Ländern stieg die Sterblichkeit nach dem Ende des Kommunismus drastisch an – in Kuba aber und einigen anderen Ländern, die aus verschiedenen Gründen wirtschaftlich vom Fall des Warschauer Paktes mitgezogen wurden, starben weniger Menschen. In den 1997 vom Währungscrash betroffenen asiatischen Ländern sank die allgemeine Sterblichkeit ebenfalls – dafür aber stiegen die Suizide an.

Die jeweiligen Anstiege sind gut erkennbar. Bild: Lancet 2014; 383: 748–53, Fig. 2

Suizide in Griechenland: Die jeweiligen Anstiege sind gut erkennbar. Bild: Lancet 2014; 383: 748–53, Fig. 2

Tatsächlich sind Selbsttötungen auch der einzige Bereich, für den man sicher weiß, dass die letzte Krise die Sterblichkeit erhöht hat. Global hat sie den Trend zu weniger Suiziden umgedreht: Nach den Zahlen haben sich seit 2008 in den Industriestaaten über zehntausend Menschen mehr selbst getötet als nach dem historischen Trend zu erwarten gewesen wäre. In Griechenland selbst haben Forscher die ökonomischen Effekte auf Suizide detailliert untersucht. Dort stiegen die Selbsttötungen mit dem Beginn der Krise 2008 um 13 Prozent und mit dem Einsetzen der Sparmaßnahmen im Juni 2011 noch einmal um 35 Prozent.

Die Griechenland-Krise ist keine normale Rezession

Selbst wenn andere Effekte nicht ganz so eindeutig sind – wie kann man anhand solcher Zahlen zu dem Schluss kommen, Wirtschaftskrisen reduzieren die Sterblichkeit? Das liegt daran, dass auch in Wirtschaftlich guten Zeiten bestimmte Effekte die Todeszahlen steigen lassen. Zwar sterben im Aufschwung weniger Menschen durch Suizid, dafür dann aber zum Beispiel durch Autounfälle – in Litauen starben auf diese Weise vor 2008 doppelt so viele Menschen pro Jahr wie nach dem Einsetzen der Krise. Verkehrsunfälle sind weit häufiger als Suizide.

Doch für Griechenland funktioniert diese Argumentation nicht. Was dort vor sich geht, kann man nicht so einfach mit einer „normalen“ Rezession gleichsetzen – und das liegt an der Sparpolitik. Die Berichte, wie sich das Sparprogramm auf Griechenlands Gesundheitssystem ausgewirkt hat, sind besonders verstörend. Die Troika hat seit 2010 im Gesundheitssektor eine Reihe von Reformen durchgesetzt, die das System mittelfristig transparenter und effizienter machen sollen. Die Sparauflagen allerdings schlagen sofort durch und konterkarieren die angestrebten Verbesserungen. Etwa um ein Viertel ist das Gesundheitsbudget nach 2009 gekürzt worden – als Bedingung für neue Kredite.

Die WHO beschreibt in ihrem Report dann auch, wie eigentlich sinnvolle Maßnahmen an der Umsetzung scheitern. Zum Beispiel die seit 1968 (!) geplante Zusammenlegung aller Krankenversicherungen in einem allgemeinen Gesundheitsfonds für die gesamte Bevölkerung. Das hat durch einen unschönen Konstruktionsfehler nicht geklappt: Der Fonds versichert Arbeitslose maximal bis zu zwei Jahre lang – bei einer Arbeitslosenquote von über 27 Prozent ist völlig absehbar, dass dadurch erhebliche Teile der Bevölkerung ihre Krankenversicherung verlieren.

Vor einem Jahr waren deswegen laut einem ausführlichen Bericht in Lancet über eine Million Menschen unversichert. Seither hat die Regierung versucht, das Problem mit einem Gutscheinsystem zu lindern. Ich habe keine Angaben über den Erfolg gefunden, habe allerdings meine Zweifel. Laut WHO versorgen Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen inzwischen nicht nur undokumentierte Migranten, sondern auch Arme, Arbeitslose und Unversicherte.

Keine Medikamente, keine Untersuchungen, Keine Behandlung

 

Bild:  aesthetics of crisis, CC BY-NC-SA 2.0

Bild: aesthetics of crisis, CC BY-NC-SA 2.0

Die Auswirkungen der Kürzungen im eigentlichen Medizinbetrieb waren nicht weniger drastisch – der zuständige Finanzminister beschrieb sie als „mit dem Schlachtermesser“. Die Ausgaben für Medikamente werden mal eben um die Hälfte reduziert, ebenfalls mit unerfreulichen Folgen: Die Apotheken kriegen ihr Geld nicht, die Lieferanten liefern nicht, weil die Apotheken nicht zahlen können, die Apotheken verlangen jetzt Vorkasse und wer arm ist, kann sich das nicht leisten. Laut einer Umfrage in einer Region können 70 Prozent der Patienten die verschriebenen Medikamente nicht bezahlen.

Die Krankenhäuser scheinen ähnliche Probleme zu haben. Griechenland hatte von Anfang an eine sehr hohe Selbstbeteiligung bei Gesundheitskosten, von denen (laut WHO!) Schmiergelder etwa ein Drittel ausmachen. Die Regierung Samaras hat seit 2011 weitere Gebühren eingeführt, um die Defizite zu senken – und damit gerade die armen Bevölkerungsteile weiter benachteiligt. Das zeigt sich unter anderem darin, dass deutlich weniger Griechen ins Krankenhaus gehen.

Dadurch fallen Vorsorgeuntersuchungen weg, und das geht oft zulasten der Kinder. Der Anteil der Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht stieg um etwa 20 Prozent, der der Totgeburten um 43 Prozent allein zwischen 2008 und 2010 – vermutlich eine Folge wegfallender Schwangerschaftsvorsorge. Man beachte: Die Zahlen sind von vor den Einschnitten der Troika. Das dürfte jetzt noch mal eine ganze Ecke schlimmer aussehen. Interessant wird, wie in ein paar Jahren die Impfquoten der Krisengeneration aussehen.

Die Mittel für die Versorgung psychisch Kranker sind in zwei Schritten um insgesamt 65 Prozent gekürzt worden – während gleichzeitig durch die Rezession und soziale Verwerfungen (wie man systematische Verarmung ja heute vornehm nennt) der Bedarf an solchen Diensten ansteigt. Direkte Effekte bei Sterblichkeit und Krankheitslast sieht man dadurch noch nicht, aber das wird, wie auch der Effekt der schlechteren Medikamentenversorgung, ein anhaltendes und teures Erbe sein.

Hausgemachte strukturelle Probleme

Zum guten Schluss kommen Infektionskrankheiten wieder, und zwar rapide. Die HIV-Zahlen habe ich erwähnt, und im Kielwasser sind die Tuberkulose-Infektionen allein zwischen 2012 und 2013 auf das Doppelte gestiegen. Und zum ersten Mal seit 40 Jahren gibt es in Griechenland wieder endemische Malaria. Das ist schon bitter.

Bild:  aesthetics of crisis, CC BY-NC-SA 2.0

Bild: aesthetics of crisis, CC BY-NC-SA 2.0

Allerdings stellen sich die Zahlen, langfristig betrachtet, etwas anders dar als es zuerst den Anschein hat. Denn es ist keineswegs das ganze Land, das gemeinsam vor die Hunde geht – die Statistik zeigt, dass Griechenland insgesamt auch nach Krise und Sparvorgaben gesundheitlich ganz passabel dasteht. Die Gesundheitsausgaben pro Kopf sind zwar gefallen, allerdings keineswegs auf Drittweltniveau, sondern auf den Stand von 2006.

Bereits 2003 war das griechische Gesundheitssystem teurer als das der meisten anderen EU-Staaten, ohne entsprechend mehr zu leisten. Bis 2009 stiegen die Ausgaben weiter um etwa 6 Prozent im Jahr, die folgende Kürzung um ein Viertel hat vor allem die exorbitanten Anstiege der Jahre davor rückgängig gemacht. Das Problem ist: Es sind die Schwachen und Verwundbaren, die einen übermäßigen Anteil dieser Kürzungen aufgebürdet bekommen.

Ähnlich sieht es bei diversen Gesundheitsindikatoren aus. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit ist zwar gestiegen, lag 2012 aber immer noch weit unter den entsprechenden Zahlen zur Euro-Einführung, die Lebenserwartung bei der Geburt liegt ebenfalls über dem Level der frühen 2000er. Auch hier betreffen die so farbenprächtig geschilderten Rückschläge der letzten Jahre bei weitem nicht alle.

Entsprechend sind die Vorgaben der Troika nur ein Teil der Geschichte – der andere Teil ist, dass die hausgemachten strukturellen Probleme, Ungleichheit und Korruption ihren Teil dazu beigetragen haben, dass die Lage so dramatisch ist – zumindest in jenen Teilen der Bevölkerung, die den größeren Teil der Lasten tragen.

Lars Fischer

Veröffentlicht von

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Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

41 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. ohne Fakelaki (Zusatzgeld) geht in Griechenland fast gar nichts. Auch kostenfreie Dienstleistungen kosten also etwas. Ein Arbeitsloser ist damit automatisch von allen Dienstleistungen ausgeschlossen inklusive jeder medizinischen Hilfestellung.
    Im Prinzip verstösst das griechische System gegen die elementarsten Menschenrechte. Man müsste es zerschlagen und Griechenland in ein Protektorat umwandeln. Nur schaffen es die griechischen Politiker sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen und alle Schuld dem Ausland zu geben. Alle fühlen sich als Griechen, doch nicht alle Griechen sind gleich. Zwar betrügen alle Griechen. Doch das täuscht nur eine Gleichheit vor, denn der Betrug lohnt sich vor allem für die mit den hohen Einkommen und Vermögen kommen sie doch weitehend um Steuern herum.

    • @ Herr Holzherr :

      Im Prinzip verstösst das griechische System gegen die elementarsten Menschenrechte. Man müsste es zerschlagen und Griechenland in ein Protektorat umwandeln.

      Huch, Ihr Kommentatorenkollege dachte bisher, dass Sie Schweizer (vs. Deutscher) sind, es folgt eine andere Sicht:
      Die Stärke Europas besteht in seiner Heterogenität, nirgendwo sonst ist in näherer Umgebung derart unkonform versammelt.
      Insofern zwingt das sozusagen unzureichend skalierende Euro-System zusammen, was nicht unbedingt monetär-fiskalisch, aber auch nicht kulturell, in Form dieses Verbundes zusammengehört.
      Ganz konkret kann in Griechenland zurzeit nicht (aus Sicht einiger: leider) gewohnte Fiskalpolitik fortgesetzt werden, der Rest, also die jetzige und im Artikel beschriebene Problematik, ergibt sich so von von selbst.

      Nach Schuldigen zu suchen, scheint aber auch nichts zu bringen.

      MFG
      Dr. W (der über die Jahre zwei bis drei Monate vor Ort in G war)

      • Ja, Europas Stärke ist die DIversität – oder es kann sie sein. Aber in einer Währungsunion ist Diversität und fehlende Gemeinsamkeit und damit fehlende Solidarität tödlich.

        Ein loser Staatenbund eignet sich nicht für eine Währungsunion.

        • @ Herr Holzherr :

          Ein loser Staatenbund eignet sich nicht für eine Währungsunion.

          Die EU ist kein ‚loser Staatenverbund‘, auch die NATO nicht, jeweils werden die Ideen und Werte gesellschaftlich derartig implementiert habender Nationalstaaten hochgehalten, eine Ausnahme gibt es allerdings mittlerweile, insofern waren die obigen kritischen Anmerkungen Ihres Kommentatorenfreundes – der bei Ihrem ‚Zwar betrügen alle Griechen.‘ fast ausgerastet wäre, sich aber bekanntlich nicht aufregen soll und zuletzt beim ‚Alle Kreter lügen!‘ verblieb, genau so haben Sie es gemeint, gell?! – eher zustimmend geplant.

          Hmm, also im Sinne eines ‚Pacta sunt servanda‘ konnte es schon versucht werden, die oben beschriebene Stärke und Heterogenität ein wenig auszubauen.

          Leider ist es in Lügerei geendet.
          Wussten Sie es vorher?

          MFG
          Dr. W

  2. Wenn eine Handelskette Filialen schließt oder ein Automobilkonzern ein Werk dicht macht, um Kosten zu sparen, rollt hierzulande sofort die Solidaritätswelle mit den entlassenen Mitarbeitern, und die Politiker kümmern sich. Warum verhalten diese sich Griechenland gegenüber nun selbst wie Vorstandsvorsitzende? Dabei müssten sie es doch besser wissen: Die DDR war 1989 ein Staat mit virtueller Vollbeschäftigung kurz vor der Pleite, bei der Wiedervereinigung wurde viel Porzellan zerschlagen, aber nicht gleich ganze Bevölkerungsschichten in die Armut gestürzt.

    • Lars Fischer

      Ja, das ist wirklich das Bemerkenswerte an der Griechenland-Geschichte: Mit welcher Gleichgültigkeit die menschlichen Kosten von Anfang an in Kauf genommen wurden, ohne auch nur den Versuch, die Folgen abzumildern.

    • Gute Beobachtung. Der DDR-Bevölkerung stand die BRD bei, Griechenland steht niemand bei. Der Grund ist wohl klar: Die EU ist ein loser Staatenbund, jeder Staat ist für sich selbst verantwortlich und zwar im Guten wie im Schlechten. Es gibt keine europäische Arbeitslosenunterstützung, keine europäische AHV, kein europäisches Sozialsystem, kein europäisches Gesundheitssystem.

      Doch die gemeinsame Währung würde mehr gemeinsame Politik, vor allem mehr gemeinsame Institutionen und mehr gleich organisierte Sozial- und Arbetisregelungen voraussetzen. Denn früher, vor der Ära des Euro konnte jedes Land bei Schwierigkeiten abwerten. Die Abwertung milderte automatisch die schlimmsten Auswirkungen einer wirtschaftlichen Schwäche und verlorener Kompetititvität, denn damit wurde das Exportieren günstiger, das Importieren teurer (was die heimische Industrie förderte) und das Land für den Tourismus attraktiver. Dieser Puffer fehlt heute. Und es gibt keinen Puffer in Form gleicher Sozialsysteme etc. Gerade in der Krise fällt die Solidarität in so einem System weg, denn jeder Einzelstaat denkt dann zuerst an sich, denkt beispielsweise daran, dass er sich Kreditausfälle nicht leisten kann und dass er ein fremdes Land nicht subventionieren will, weil er das seinen eigenen Steuer zahlenden Bürgern nicht vermitteln kann. Deshalb sind heute sogar Spanien und Portugal gegen mehr Hilfen oder gegen das Streichen von Schulden bei den Griechen.

    • @ Herr Dr. Linsmeier :

      Warum verhalten diese sich Griechenland gegenüber nun selbst wie Vorstandsvorsitzende?

      Vermutung:
      Weil es nicht mehr anders geht.

      Es ist ein wenig Zeit gewonnen worden in den letzten Jahren, indem sich nicht CEO-mäßig gegenüber Griechenland und anderen „Euro-Sündern“ verhalten worden ist; nun sind aber einerseits viele europäische Banken gestärkt (und vor allem nicht mehr in G involviert) und andererseits droht bei weiterer Güte, dass andere Länder Südeuropas ähnlich vorgehen werden.
      Was sich bspw. gegenüber den Ländern des Baltikums und gegenüber slawischen Ländern, die i.p. Wohlstand schlechter dastehen als Griechenland, nicht andauernd verargumentieren lässt.

      MFG
      Dr. W

    • Warum hilft niemand den Griechen? Der Grund ist simpel: Hilfe im benötigten Umfang ist nicht möglich und zu rechtfertigen ohne Kontrolle, ohne gemeinsames Handeln. Bei der Wiedervereinigung war das so. Im Grunde wurde die DDR von der BRD übernommen. Die DDR-Bürger und Institutionen hatten sehr wenig zu sagen. Die BRD fühlte sich aber umgekehrt in der Pflicht den DDR-Bürgern zu helfen, denn es waren ja jetzt gleichgestellte Bürger, es waren genauso Deutsche wie die Deutschen im Westen.
      Auch bei der Griechenlandkrise versuchte die EU eine Kontrolle durchzusetzen – mittels der Troika nämlich. Doch ihr Erfolg war gering. Die angemahnten Reformen wurden schlicht verschlampt. Nichts änderte sich. Griechenland blieb ein anderes, fremdes Land. Dass solche sich völlig fremden Länder in einer Währungsunion zusammenschliessen ist ein grosses Risiko. Es kann eigentlich gar nicht gut gehen.

  3. Hätte sich Griechenland rechtzeitig wie ein seriöser Staat benommen und früher angefangen, effizient zu wirtschaften, wäre auch der harte Sparkurs nicht nötig gewesen. Die menschlichen Schicksale sind dramatisch, aber es ist billig, die Schuld jetzt bei einem von außen auferlegten Sparkurs zu suchen. Die griechischen Probleme sind hausgemacht und wurden sehr lange von einem kreditfinanzierten Scheinboom verdeckt.

    Die Ursache für alles liegt ja letztlich in der (unsinnigen) Euro-Teilnahme Griechenland, gegen die es meines Wissens keineswegs Proteste der Griechen gab.

    • Ja, weder die Griechen, noch die Spanier oder Italiener waren gegen den Euro. Es war vielmehr umgekehrt. Diese wirtschaftlich nicht so florierenden Südländer fühlten sich wie neuen Partner, die durch die Aufnahme in den Euroraum in eine reiche Familie einheirateten, wie Donald Duck, den Pechvolgel, der am Freitag den 13. Geburtstag hat und von allerlei Pech – wie dem wiederholten Verlust seiner Arbeitsstelle – verfolgt wir, der aber Zugang zu Dagobert Duck hat, dem Krösus, der sich durch Kopfsprung in einen Pool voller Goldstücke erfrischt.

      Das zeigt wieder einmal, wie wenig die meisten Menschen, ja sogar ganze Länder samt ihren Regierungschefs von Ökonomie verstehen. Menschen glauben an Stories, an die Story von der Einheriat in eine reiche Familie beispielsweise. Nur gibt es in der Wirtschaft Mechanismen, die ganz anders laufen, die den gängigen Vorstellungen sogar zuwiderlaufen.

      Ein anderes ökonomisches Phänomen, das kontraintuitiv ist, ist eben das Problem der Austerität, also des staatlichen Sparens. Staatliches Sparen verbessert die Schuldensituation nicht wie man meinen könnte, sondern es verschlimmert sie fast immer, denn wenn die Ausgaben heruntergefahren werden, werden damit auch automatisch die Einnahmen heruntergefahren. Dennoch gibt es hin und wieder keine Alternative zur Austerität, vor allem dann nicht, wenn die Ausgaben vollkommen hirnrissig sind und nur dem Konsum dienen nicht aber neue Zukunftschancen eröffnen, also keine Investitionen sind, die später einmal Ertrag abwerfen.

      • @ Herr Holzherr :

        Ein anderes ökonomisches Phänomen, das kontraintuitiv ist, ist eben das Problem der Austerität, also des staatlichen Sparens. Staatliches Sparen verbessert die Schuldensituation nicht wie man meinen könnte, sondern es verschlimmert sie fast immer, denn wenn die Ausgaben heruntergefahren werden, werden damit auch automatisch die Einnahmen heruntergefahren.

        Negativ, ‚Sparen‘, ein Unwort in diesem Zusammenhang btw, denn es wird ja nicht ‚gespart‘, sondern staatlicherseits weniger ausgegeben als eingenommen, ‚verbessert die Schuldensituation‘.

        Hmm, Ältere werden diese Zusammenhänge wohl noch kennen, Helmut Schmidt, der „Schuldenkanzler“, war übrigens der Erste in der BRD, der auf die Idee kam Wahlen durch Schuldenaufnahme zu gewinnen.
        Insofern hat sich die bundesdeutsche Opposition auch seinerzeit abgearbeitet, aber mit wenig Erfolg, denn Staatsgeld war ja sexy (wobei dieser „Sexus“ auch mit der Abnahme der Fertilitätsrate in der BRD, so ca. um 1970, auf 1,4 einherging, insofern konnte Zukunft sozusagen verbrannt werden, die Wählerschaft betreffend, und auf Zustimmung gehofft werden).

        Dennoch gibt es hin und wieder keine Alternative zur Austerität, vor allem dann nicht, wenn die Ausgaben vollkommen hirnrissig sind und nur dem Konsum dienen nicht aber neue Zukunftschancen eröffnen, also keine Investitionen sind, die später einmal Ertrag abwerfen.

        Das Drucken von Geld wäre hier die nahe liegende ‚Alternative zur Austerität‘, wird auch geübt, eine hohe Inflation hätte sich dann beizeiten einzustellen und diese wäre aus Sicht einiger auch gu-ut.

        Dass hintergründige nationalstaatliche Arbeitsleistung oder Wertschöpfung so nicht überschrieben, sondern bestenfalls nur karikiert werden kann, ist natürlich auch wahr.

        MFG
        Dr. W (der hier durchaus, auch bei Ihrem Text, die allgemeingesellschaftliche Problematik, wie sie seit vielleicht 40 Jahren besteht, gut beschrieben sieht – danke)

        • Staatliches Sparen verkleinert den Staatssektor und damit die Staatsquote ( staatlich bedingte wirtschaftlichen Aktivität relativ zur Gesamtwirtschaft).
          Es werden weniger Beamte, Lehrer, PflegerInnen, ÄrztInnen etc. eingestellt, einige auch entlassen. Der Staat baut keine neuen Schulhäuser, Strassen, öffentliche Gebäude (wie Schwimmbäder, Parkanlagen etc).
          Die Staatsquote war 2012 in Griechenland bei 51%, in Deutschland bei 44%. Austerität verkleinert die Staatsquote (in Griechenland schrumpfte sie von 53% 2009 auf 51% 2012).
          Wenn der Staatssektor schrumpft schrumpfen daher auch die Einnahmen. Wichtig sind auch die indirekten Effekte, denn wenn weniger Infrastruktur gebaut wird sind erhalten auch die inländischen Bau- und Sanitärfirmen weniger Aufträge.

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  6. Der griechische Journalist, der die Lagarde-Liste an die Öffentlichkeit brachte wurde angeklagt – weil er Hochverrat begangen hatte. Hochvorrat am griechischen Staat, der den Oligarchen und Politikern gehört, die in diesem Staat an der Spitze eines Klientelsystem stehen, welches die Staatsteinnahmen primär den Politikern aushändigt und welches bei den Oligarchen nur geringe Steuereinnahmen einzieht (keine Einkommenssteuer).
    Die Politiker, die ja gewählt werden müssen, sichern sich die Wählerstimmen über versprochene Posten beim aufgeblähten Militär und über versprochene Arbeitsstellen im aufgeblähten Beamtenapparat und den Staatsfirmen.
    Das ist auch der Grund, dass die Privatisiserung in Griechenland nicht funktionieren konnte, denn sie hätte das Klientelsystem untergraben, genauso wie die von der Troika aufoktroyierte Schrumpfung des Beamtenapparats. Griechenland ist auch das einzige europäische Land ohne Kataster (Grundbuch) und hat auch heute noch keinen Kataster trotz versprochener Finanzierung durch die EU. Ein Kataster würde die Arbeit der Steuereintreiber erleichtern und ist deshalb nicht im Sinne des Klientelsystems, welches ja vor allem den Oligarchen dient.
    Erstaunlich ist, wie gut sich das Klientelsystem über die Krise hinweg halten konnte und es ist äusserst fraglich ob Tsipras daran etwas ändern kann. Jedenfalls hat Tsipras schon einmal versprochen, den Beamtenapparat wieder aufzustocken. Auch im Gesundheitswesen sollen mehr Leute eingestellt werden, obwohl nicht ein Mangel an Personal im Gesundheitsbereich ein wirkliches Problem ist (allerdings wandern sehr viele griechische Ärtze aus).
    In der Krise hat sich aber gezeigt wie brutal ein solches Klientelsystem sich auf die breite Bevölkerung auswirken kann, vor allem auf Personen, die aus dem System herausgefallen sind (Arbeitslose, Arme, die kein Fakelaki zahlen können auch wenn sie krank sind und die darum nicht behandelt werden.) Die einfache Bevölkerung gibt aber nicht dem Klientelsystem die Schuld an ihrem Elend sondern dem Ausland, dem Diktat aus der EU (Nazi-Merkel) und es gibt auch wenig Griechen, die sich einen Systemwechsel vorstellen können, einen Abschied vom Klientelsystem.
    Das griechische Klientelsystem hält sich nun schon mehr als hundert Jahre und die Tatsache, dass die jüngste Krise es nicht zu Fall gebracht hat verheisst ihm wohl noch eine lange Zukunft.

  7. Ich tippe mal die Kriese ist überwiegend durch den Euro verursacht. Erst der Euro hat es den Griechenpolitikern ermöglicht sich derart zu verschulden, da die Banken fest darauf setzten, das die EU die Schulden begleicht. Es fehlt den Griechen jetzt auch die Möglichkeit über Inflation die Arbeitskosten im internationalen Vergleich zu senken und den Tourismus konkurrenzfähig zu halten. Ein Verlassen des Euros wäre die beste Kur.

    • Zustimmung. Doch Griechenland wird den Euro kaum verlassen. Das braucht grossen Mut, denn es führt zu grossen Verwerfungen, die erst nach Monaten wieder aufgefangen werden können.
      Übrigens: Nicht nur Griechenland hat sich nach Beitritt zum Euroraum „unkontrolliert“ verhalten und übermässig Kredit aufgenommen. Letzlich gelten wohl immer noch die Überlegungen, die schon bezüglich der lateinischen Münzunion angestellt wurden:

      Theresia Theurl hielt aufgrund ihrer Forschungsarbeit zwischenstaatliche Währungsunionen für prinzipiell instabil, da die Souveränität der Einzelstaaten die Einhaltung der Regeln infrage stellt. “Alle Monetären Unionen, die keine vollständigen Politischen Unionen waren, blieben temporäre Arrangements. Sie lösten sich auf.“ Dominik Geppert schließt es aufgrund der Geschichte der lateinischen Währungsunion aus, dass machtpolitische Rivalitäten durch eine Währungsunion beendet werden könnten. Eine solche Ordnung brauche außerdem unbedingt eine Regelung zum Austritt. Die zwischenstaatlichen Vereinbarungen seien außerdem fragil und nicht unbedingt glaubwürdig

      • Übrigens: Die Zentralbanker und Finanzminister des Euroraums wussten und wissen, dass der Euro ohne politische Union kaum zu halten ist. Sie führten den Euro auch darum ein, um damit den ersten Schritt zur politischen Union zu machen.
        Wie heisst es so schön: Ein kleiner Schritt für die Erfinder des Euro, ein grosser Schritt für die Mitglieder des Euroraums – der Schritt nämlich vom Elend in einer nicht optimalen Währungsunion mit grossen Inbalancen und national orientierten Mitgliedern zu einem Währungsraum in einer erst zu schaffenden politischen Union, in der die Bürger nicht nur über die Personenfreizügigkeit verfügen, sondern in dem sie die Personenfreizügigkeit in ihrem ureigenenen Interesse wahrnehmen, wenn sie nicht arbeitslos bleiben wollen.

    • Ich tippe mal die Kriese ist überwiegend durch den Euro verursacht. Erst der Euro hat es den Griechenpolitikern ermöglicht sich derart zu verschulden, da die Banken fest darauf setzten, das die EU die Schulden begleicht.

      Geld bedeutet immer einen Schuldverweis [1], wenn Sie Geld anlegen, dann haben Sie diesen Verweis in Ihren Händen.
      Im Gewerblichen und Finanzdienstleisterischen bedeutet dies, dass Geld, insbesondere auch sozusagen elektronisches, letztlich auf sogenannte Zentralbanken verweist.
      Auch und gerade aus Sicht der Banken.

      Der Euro skaliert (das Fachwort, siehe oben) unzureichend, um unterschiedlichen Gruppen oder Völkern gruppentypisches monetäres und fiskalisches Verhalten nachhelfen oder unterstützen zu können.

      Insofern sieht es mau aus,
      MFG
      Dr. W

      [1] Materialgebundenheit von Währungen findet kaum noch statt, aber diese Gebundenheit wäre auch eine Art „Schuldverweis“.

      PS: ‚Griechenpoliiker‘ war nice.

  8. Warum zum Teufel, wurde die außerordentlich reiche Kirche Griechenlands nicht Zwangsbesteuert oder enteignet? Europa hätte so manches Problem weniger!

  9. Ist es wirklich sinnvoll , eine allgemeine Sterblichkeit als Indikator zu wählen?
    Solche Krisen haben immer die Voraussetzung einer höchst ungleichen Verteilung , ohne diese gäbe es die Krise nicht.
    Daraus folgt automatisch , daß die besser Gestellten von den Nachteilen ausgenommen sind und vielleicht noch besser gestellt werden , weil die ungleiche Verteilung nicht nur eine finanzielle ist , sondern auch eine der Macht.
    Die besseren Verhältnisse der Profiteure sind also selber ein Zeichen für eine wahrscheinlich höhere Sterblichkeit in den unteren Regionen .
    Das Argument der Korruption ist unlogisch , gerade wenn ich darauf hinweise , daß Griechenland schon immer zu diesen Verhältnissen neigte , ist das ein klarer Hinweis darauf , daß die Krise der Auslöser der jetzigen Verhältnisse ist , sonst hätten diese sich ja nun einmal schon früher einstellen müssen.
    Es greift ohnehin zu kurz , nur die unmittelbaren Folgen zu betrachten , die indirekten sind manchmal viel dramatischer.
    Die deutsche Sparpolitik der frühen 30er Jahre war ein völlig falscher Umgang mit der Deflations-Krise nach 1929 und hat aus der Rezession eine Katastrophe gemacht , und war damit ein wesentlicher Steigbügelhalter Hitlers.

    • Griechenland hat ein höheres Pro-Kopf-BIP als die Slowakei, aber momentan mehr Verarmte, Arbeitslose, Ausgesteuerte und von allen Sozialleistungen Ausgeschlossene als die Slowakei.
      Die gleiche Krise, also der gleiche tiefe Sturz in eine Rezession hat nicht in allen Ländern die gleiche Wirkung. In Ländern in denen es keine Solidarität gibt, wirkt sich eine solche Krise besonders schlimm aus.
      Ein Klientelsystem (wie es Griechenland charakterisiert) hat per se feudalistische Züge und in einem solchen System leiden immer zuerst diejenigen, die am unteren Ende der Pyramide sind.

      Die unmittebare Ursache der Kirse ist wohl jedem klar: Es waren Kredite, die nicht investiert sondern einfach verkonsumiert wurden. Sobald es ans Zurückzahlen ging oder der Kredithahn zugedreht wurde musste es zur Krise kommen. Ein solch krasser Einbruch der Wirtschaft wie in Griechenland ist in jedem Fall eine sehr schwierige Situaiton. Wenn das System Griechenland nachhaltig gewesen wäre, hätte die Krise nicht mit Austerität beantwortet werden müssen, denn Austerität in einer schon bestehenden Rezession hat immer äusserst negative Auswirkungen. Doch in Griechenland gab es kaum eine Alternative dazu, denn wer von den Geberländern, den potenziellen Kreditgebern hatte genug Vertrauen in die griechsiche Regierung um die Krise keynesianisch, also mit Investitionen zu überbrücken. Sogar jetzt besteht dieses Vertrauen nicht.

      • @Martin Holzherr

        Die Solidarität ist tatsächlich ein wesentlicher Faktor , Sie haben Recht , eine solche Krise wirkt sich speziell unter griechischen Verhältnissen stärker aus , insbesondere die fehlende Grundsicherung ist ein Problem.
        Den Zwang zur Austerität sehe ich aber nicht , die an Austerität gebundene Politik hat ideologische und machtpolitische Gründe und nichts mit den griechischen Verhältnissen zu tun, die griechische Schwäche ist da nicht Ursache , sondern wird eher schamlos ausgenutzt .

        Sparen in der Krise schwächt zusätzlich den Staatshaushalt , was ausschließlich (und gewollt) zu Ungunsten der sozial Schwächeren geht und damit die Sterblichkeit zwangsläufig erhöhen muß.
        Ich fürchte , die „menschlichen Kosten“ ( Lars Fischer ) werden nicht nur versehentlich in Kauf genommen , eher scheint so eine Art sozialdarwinistisches Weltbild dahinter zu stehen , die Wertigkeit und Selektion von Menschen nach ihrem finanziellen Status.

        • Volle Zustimmung – ausser was die Austerität betrifft. Denn ohne Austerität benötigt Griechenland frisches Geld – neue Kredite neben den Krediten, die sie bereits verspielt haben. Die Gläubiger Griechenlands sind ebenfalls Euro-Länder. Sie gehen (zuerst einmal) davon aus, dass Griechenland in der Eurozone bleibt und dass Griechenland gleichzeitig weitere Kredite benötigt, damit das übehaupt möglich bleibt. Damit besteht aber für die Euroländer die Gefahr, dass nicht nur das Geld, welches sie schon an Griechenland ausgeliehen haben, flöten geht, sondern auch noch das frische Geld, das sie jetzt nachschiessen. Deshalb zeigen sich diese Euroländer knausrig. Weil es aber niemanden sonst gibt, der ihnen neues Geld ausleiht, enden die Griechen damit automatisch in der Austerität.
          Die Schulden Griechenlands waren am 30.September 2014 folgendermassen auf die Gläubigerländer aufgeteilt:
          – Deutschland: 41.2 Milliarden
          – Frankreich: 31 Milliarden
          – Italien: 27.3 Milliarden
          – Spanien 18.1 Milliarden

          Spanien gehört aber selber zu den Krisenländer. Auch Italien steht nicht gut da. Vor diesem Hintergrund versteht man plötzlich sehr gut, warum nicht nur Deutschland ( Schäuble ), sondern auch die Spanier gar nichts vom jüngsten Vorstoss der Griechen unter Tsipras und seinem Finanzminister Varoufakis hielten.

          • Ich fürchte nur , daß die Austerität selber immer wieder für die Notwendigkeit neuer Kredite sorgt.
            Wir denken zu sehr in Kategorien der Schrumpfung , eine Parallele zu den 30er-Jahren , gottseidank in weit geringerem Ausmaß.

          • Austerität kann aus einer Rezession eine Depression machen. In Griechenland ist das passiert. Immerhin haben die Griechen noch die Möglichkeit auszuwandern. In den 1930er Jahren konnte man der Depression allerdings kaum entgehen, denn sie hatte die ganze USA und auch Europa erfasst. In der Seele der US-Amerikaner hat das tiefe Spuren hinterlassen und viele Ökonomen inklusive Ben Bernanke haben sich mit diesem Ereignis und seinen Ursachen auseinandergesetzt und sich geschworen, eine Wiederholung mit allen Mitteln zu vermeiden.

            Zur Depression gehört auch die Deflation. Nicht jede Deflation (= fortgesetzt sinkende Preise) führt jedoch zur Depression. Japan hat eine lange Phase von Deflation hinter sich und eine lange Phase sehr geringen Wachstums. Doch eine eigentliche Depression hat sich nicht entwickelt.

          • @DH 21. Februar 2015 21:30: Schuldenschnitt und/oder Grexit ist für Griechenland letztlich die einzige Lösung um wieder normal wirtschaften zu können. Denn: Griechenland ist heute wirtschaftlich kaum kompetitiv und die Attraktivität des Tourismus hat wegen dem Euro abgenommen.
            Falls Griechenland doch noch aus dem Euro austritt könnte es – nach Abwertung – den Tourismus als Sektor wiederbeleben und analog zur Türkei einen Exportsektor aufbauen (was allerdings nicht in den Genen der Griechen liegt). Falls Griechenland in der Eurozone verbleibt wird es auf Jahre hinaus kaum aus eigener Kraft wachsen, denn es ist und bleibt nicht kompetitiv. Es wäre dann ein Kandidat für Transferleistungen in der Grössenordnung von ein paar Milliarden Euros pro Jahr. Was eine Transferunion betrifft: Deutschland hat jahre- wennn nicht jahrezehntelang pro Jahr 80 Milliarden Euro in den Osten transferiert (Soli). Ungefähr der gleiche Betrag wäre auch als Transferleistung in einer gemeinsamen Währungszonen nötig um allzu starke Ungleichgewichte wenigstens etwas auszugleichen.

          • Paul Krugman erklärt in Austerity and the Costs of Internal Devaluation sehr gut warum Griechenland so schlimm dran ist und wie man es hätte besser machen können.
            Folgendes sind die Aussagen:
            – Griechenland musste die Löhne und Ausgabensenken, denn sie waren zu hoch und Abwerten konnte Griechenland nicht, weil es in der Euro-Zone ist
            – Eine stufenweise anstatt schockartige Anpassung hätte aber die Arbeitslosigkeit weniger stark steigen lassen.

            Paul Krugman empfiehlt also eine langsame Anpassung anstatt einer plötzlichen um die Arbeitslosigkeit nicht zu stark ansteigen zu lassen. Denn: Auch heute noch hat Arbeitslosigkeit fatale Auswirkungen. Nicht nur für den Einzelnen, sondern für das ganze Land: Vor allem wenn sie länger anhält, weil dann die Langzeitarbeitslosen aus dem sozialen Raster fallen und ihre Qualifikiation verlieren. Die letzten Sätze Krugmans sind eine gute Zusammenfassung seiner Aussage:

            So Greece could have avoided the bulk of its nightmare if it had had its own currency; but it could have had a much less terrible nightmare even given the euro if austerity had been less extreme and adjustment slower.

  10. Die Ausbeutung der Menschen muss ein Ende haben.
    Gewinne aus der Produktivität sind da die wandern aber
    in wenige Taschen oder nach Übersee.

  11. Höherer Selbstbehalt, massive Kürzungen im Gesundheitsbereich und wegfallende Krankenversicherung (> 2 Jahre Arbeitslosigkeit) haben die Gesundheitssituaiton in Griechenland seit 2008 auf das Niveau eines 3.Weltstaats reduziert berichtet der Artikel Malaria kehrt nach Griechenland zurück: Spardiktat hat verhängnisvolle Folgen für das Gesundheitswesen
    Dort findet man folgende Zahlen:
    – HIV-Infektionen von 15 Fälle 2009 auf 484 Fälle 2012
    – Totgeburten + 21% ( von 2008 auf 2011)
    – Kindersterblichkeit + 43% (von 2008 auf 2010 )
    – Kinder in Armut von 28,2% (2008) auf 30,4% (2011)
    – Zunehmende Mangelernährung bei Kindern
    – Zunahme der Malariafälle (keine Mückenbekämpfung mehr)
    -. +45% Suizide (von 2007 auf 2011)

    Der Artikel bezieht sich auf einen Lancet-Bericht von Ärtzen aus Oxford, Cambridge und der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Dabei gab es auch Kontakte zur griechischen Regierung

    Die Verfasser der Studie berichten, Vertreter der griechischen Regierung sowie »verständnisvolle« Kommentatoren behaupteten, die drastischen Kürzungen und tiefgreifenden Veränderungen hätten die allgemeine Gesundheit der griechischen Bevölkerung nicht negativ beeinflusst

    Das wird von Verfassern der Studie als Realitätsverleugnung bezeichnet. Dass es auch anders geht zeigen die Studienautoren am Beispiel von Finnland und Island

    Am Ende der Studie verweisen sie auf die positiveren Beispiele Finnlands und Islands. Auch diese beiden Länder wurden von der Finanzkrise schwer in Mitleidenschaft gezogen und mussten eine drastische Sparpolitik einführen. Aber sie verzichteten auf Kürzungen im Gesundheits- und Sozialwesen und sparten lieber an anderer Stelle. Einer der Autoren der Studie, David Stuckler, hatte bereits 2013 zusammen mit Sanjay Basu in dem Buch The Body Economy – Why Austerity Kills auf das positive Beispiel Islands (S. 57 ff.) hingewiesen. So stieg dort die Zahl der Selbstmorde und der Depression statistisch nicht signifikant an (37 Selbstmorde 2007, 38 Selbstmorde 2008 und 36 Selbstmorde 2009). Auch die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen (als Indikator für Stress) nahm nicht zu. Die Krise hatte sogar positive Auswirkungen. Weil die Preise für Alkohol und Zigaretten deutlich stiegen, sank deren Konsum, und als u.a. McDonald‘s das Land verließ, kehrten viele Isländer zu einer gesünderen Ernährungsweise zurück.

    .

  12. NYT: Athens did not simply squander a few hundred billion euros: Much of it was stolen schreibt GREGORY A. MANIATIS von der New York Times.

    Dass die Europäische Union so wenig dagegen unternommen habe, sei kein gutes Zeichen für die Zukunft der EU:

    To understand Syriza’s success, it’s critical to know that corruption by elites siphoned off countless billions. Practically every time Greece made a purchase — be it of medicines, highways or guns — a substantial cut went into the wrong hands. Banks issued tens of billions in loans without sufficient collateral. As a result, monopolies and oligopolies led by politically connected families choked competition and controlled much of the country’s banking, media, energy, construction and other industries.
    ..
    This is not to dismiss other problems, such as tax evasion, a bloated Civil Service, suffocating regulations and rife petty bribery. But high-level corruption has generated huge losses: The Brookings Institution in 2010 estimated that 20 billion euros ($22.8 billion) were lost every year to such corruption.

    By failing to address this problem and instead doing the bidding of European banks, the European Union took a knife to its own credibility. If the rule of law is not at the heart of the Union, then what is?

    Greece is the symptom of a broader European problem. The European Union should revive its own fortunes by focusing on its real deficit — justice. This is the debt it owes to future generations.

    Der Autor vermutet gar eine Komplizenschaft als Grund warum die EU nichts unternommen hat.

    Of the few cases prosecuted in Athens, most have involved European companies like Siemens, Daimler and Deutsche Bahn being accused of bribing Greek counterparts. If Greece were to vigorously pursue prosecutions, many blue-chip European companies could land in the headlines. With anti-establishment forces resurgent, this could eat away at support for mainstream parties in the Franco-German heartland.

    Fazit: Die EU und die Troika haben sich auf die Verschuldung Griechenlands fokussiert, sich aber nicht um das politische, nicht EU-kompatible (?) Klientel-System gekümmert. Vielleicht weil korrupte Machenschaften ausländischer Firmen nicht aufgedeckt werden sollten.Sicher aber auch,weil Griechenland ein souveränes Land ist und Eingriffe von aussen problematisch sind. Die Schulden Griechenlands boten die einzige Handhabe, denn es sind Verpflichtungen, die Griechenland gegenüber anderen europäischen Staaten und Banken eingegangen sind. Das zeigt wieder einmal wie problematisch eine Währungsunion ohne politische Union ist.

  13. Ein wesentlicher Grund für die Misere Griechenlands dürfte auch sein, dass die Superreichen bisher kaum besteuert wurden. Laut Artikel 107 der griechischen Verfassung müssen nämlich Reeder Gewinne und Einkommen nicht versteuern.
    Siehe dazu auch: http://www.rp-online.de/politik/eu/griechenland-regierung-will-griechische-millionaere-staerker-zur-kassen-bitten-aid-1.4871444

    Der neue griechische Finanzminister, Yanis Varoufakis, möchte das nun ändern. Schaun wir mal, ob er damit Erfolg hat. Varoufakis ist übrigens auch Blogger und schreibt hier (in Englisch) unregelmäßig über seine Eindrücke aus der Welt der Politik: http://yanisvaroufakis.eu/

    • Die Oligarchen werden nicht nur nicht besteuert, sie zweigen auch regelmässig bei grösseren Aufträgen, vor allem Regierungsaufträgen Gelder ab und dies oft mit dem Wissen der Politiker. Viele schätzen, dass die Hälfte der griechischen Staatsschulden als illegale Gelder auf den
      Konten der Oligarchen liegt. Der Artikel For Greece, Oligarchs are an Obstacle zeigt an Beispiele (Anekdoten) wie es in diesen Kreisen zugeht.

      • Die Oligarchen werden nicht nur nicht besteuert, sie zweigen auch regelmässig bei grösseren Aufträgen, vor allem Regierungsaufträgen Gelder ab und dies oft mit dem Wissen der Politiker.

        Empörende Zuständer, in der Tat. – Da werden schon in Europa kulturelle Unterschiede offenbar, die man sich bei Griechenland eigentlich nicht vorstellen möchte.

        Es gibt auch einige Anekdoten darüber, wie sich wichtiger Entscheider seinerzeit gefreut haben als Griechenland als „fit für den Euro“ erkannt worden ist.
        Gerne dbzgl. mal recherchieren, nach ‚Duisenberg‘ beispielsweise.

  14. @Martin Holzherr

    Die USA haben es mit dem new deal geschafft , eine andere Politik mit demokratischen Mitteln zu etablieren , wenn auch mit Verzögerung. Heute wird nicht mit derselben Konsequenz entgegengesteuert , die Fed wird quasi ersatzweise vorgeschickt , um Flickschusterei zu betreiben , ziemlich gefährlich übrigens.
    Ansonsten Zustimmung zu Ihren Aussagen , insbesondere die zu den notwendigen Transferzahlungen bei Verbleib im Euro , leider wollen nicht alle Teile der Politik und der Bevölkerung diese logische Notwendigkeit erkennen.

  15. Jeder arbeitslose Grieche sollte automatisch Asylrecht in der EU erhalten, das wäre echte Solidarität mit den Griechen und es wäre eine Anerkennung dafür, dass die griechischen Bürger genau so Europäer sind wie die Deutschen und damit über die gleichen Grundrechte verfügen. Grund- und Menschenrechte, die den griechischen Bürgern in schwieriger Lage von den griechischen Regierung verwehrt werden.

  16. Das Thema wird nun wieder aktuell und eine neue Rettung und von mir aus auch die 10te Rettung wird an der Griechenland Situation nichts ändern. Das Land ist absolut Pleite und stopft Schulden mit neuen Schulden. Mit jeder Rettung wird das Problem größer, also raus aus dem Euro und den Griechen Hilfe zur Selbsthilfe geben. Das Land ist wirtschaftlich zu schwach für eine starke Währung.

    Gruß
    Marco

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