Was wollt ihr über Wissenschaft wissen – und wie?

Ich war Montag und Dienstag in Hannover auf der Tagung "Image statt Inhalt? Workshop Wissenschaftskommunikation" der VolkswagenStiftung, auf der es um euch ging. Genauer gesagt um die Leserinnen und Leser meines Blogs und all der anderen Medien, die sich mit Wissenschaft befassen. Nachlesen könnt ihr <das Programm auf der Webseite der Veranstaltung und den teilweise ziemlich turbulenten Ablauf von Tag 1 (von mir) sowie Tag 1 und Tag 2 jeweils komplett von Rainer Korbmann. Außerdem hier haufenweise Blogbeiträge zum Thema. Aber irgendwann muss man euch ja auch mal fragen, wie all die Versuche, euch etwas über Wissenschaft zu erzählen, bei euch ankommen.

Zum Beispiel steht die These im Raum, dass man das Ganze im Zweifel besser lassen sollte: Wissenschaftskommunikation – also euch etwas über Wissenschaft zu erzählen – schadet demnach der Wissenschaft.
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Der Hintergrund ist, dass „die Wissenschaft“ sich heutzutage nach außen darstellen muss, einerseits wegen der leidigen Drittmittel[1], andererseits aber auch, weil sie der Gesellschaft auch was zurückgeben soll. Und dabei helfen ihnen Profis – die Wissenschaftskommunikatoren. Und das kann durchaus zum Problem werden, wenn die dann Druck erzeugen, noch schneller noch mehr noch tollere Ergebnisse zu produzieren – zu fabrizieren. Wenn zu publish or perish auch noch communicate or perish obendrauf kommt, hat da keiner was von.

Ohne Öffentlichkeit keine Wissenschaft

Nur, ohne geht es nicht. Es geht ja schließlich um euch. Ihr bezahlt den Kram von euren Steuergeldern, zumindest den größten Teil. Die Vorstellung, dass ihr gefälligst noch am Elfenbeinturm angekrochen kommt, um zu sehen, was mit eurem Geld passiert, ist lächerlich. Wissenschaft ist ein Kulturgut, und die Vorstellung, dass sie ohne Anbindung an die Gesellschaft existieren kann, ist bizarr. Insofern ist die These so, wie sie auf der Konferenz vertreten wurde, Quatsch und wir müssen schon irgendwie möglichst vielen Leuten regelmäßig erzählen, was die Leute in der Forschung so treiben. Das nennt man dann Wissenschaftskommunikation. Aber wie man das richtig macht, darüber gehen die Meinungen auseinander.
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Das fängt schon damit an, dass gar nicht so klar ist, was das eigentlich sein soll, diese Wissenschaftskommunikation. Ich bin zum Beispiel Blogger und inzwischen auch Journalist. Bin ich damit auch gleich Wissenschaftskommunikator wie all die anderen, die so aus diesen oder jenen Gründen über Wissenschaft schreiben? Also konkret gefragt, wenn ich über ein Ergebnis schreibe oder irgendjemand in der Pressestelle des Instituts, ist das für euch das gleiche? Und wenn nicht, sind wir dann noch beide Wissenschaftskommunikatoren? Und was ist mit euch, die ihr vielleicht meine Beiträge auf Facebook teilt (hoffentlich), aber nicht die Pressemitteilung? Sind wir nicht alle ein bisschen Wissenschaftskommunikation?

Woran erkennt man gute Texte?

Und jetzt will man mit all diesen offenen Fragen hingehen und allgemeine Kriterien für gute Wissenschaftskommunikation definieren. Eigentlich müssten wir uns alle mal ganz ernsthaft zusammensetzen und ausdiskutieren, was das eigentlich ist, bevor wir sagen, wie man das am besten macht.

Wir haben da zum Beispiel immer wieder Leute (meistens mit multiplen akademischen Graden), die sich da an periphären Kriterien aufhängen wie den richtigen Autoren – also nur wirklich echte Journalisten, nech – dem richtigen Medium und natürlich „angemessener“ Sprache. Will sagen, möglichst gestelzter Kram auf Papier. Das gipfelte neulich in einem Gutachten, das im Wesentlichen Langeweile propagiert, komplett mit einem separaten Bestrafungsorgan für Journalisten, die nicht langweilig genug schreiben. Ohne Scheiß. So viel zum Thema seriös.

Aber ihr habt ja nun nichts davon, dass die Autoren einen Stock im A…llerwertesten haben, wenn sie über die neuesten Entwicklungen bei Ionenleitern berichten (das betrifft übrigens die Akkus in euren Handys). Was also ist gute Wissenschaftskommunikation, von eurer Seite aus gedacht? Dass das, was da steht, stimmt – und auch nicht durch Auslassungen oder so grob irreführend ist – ist natürlich wichtig. Aber das ist banal. Da braucht man nicht viele Worte drüber zu verlieren.

Hauptsache nicht egal!

Mir ist wichtig, dass das, was ich hier schreibe, euch nicht egal ist. Da ist es dann auch nicht so relevant, ob ihr amüsiert, empört oder angeekelt seid, oder ob ihr euch einfach einen Gedanken gehabt habt, der euch sonst nicht gekommen wäre, Hauptsache ihr verlasst meine Seite in einem anderen mentalen Zustand als ihr sie geöffnet habt. Das ist für mich das entscheidende Qualitätsmerkmal beim Schreiben über Wissenschaft: Dass man hinterher die Welt etwas anders sieht als vorher.

Klingt super, oder? Gilt leider nicht für alle meiner Texte, und noch viel weniger für all die anderen Sachen, die so tagein, tagaus im hehren Namen der Wissenschaftskommunikation produziert werden. Wie also schreibt man gut über Wissenschaft?

Meine These: Damit ein Text euch nicht egal ist, darf er vor allem mir auch nicht egal sein. Wenn ich mich für ein Thema wirklich begeistern kann, wird es euch auch nicht kalt lassen. Meine Zugriffsstatistiken bestätigen das immer wieder. Wissenschaftskommunikatoren müssten also quasi berufsbegeistert sein. Als Journalist geht das oft noch, aber die Kolleginnen und Kollegen in den Pressestellen haben ein Problem. Die können es sich nicht aussuchen. Wenn Cheffe sagt „Bringse das mal in die Zeitung“, dann ist das Begeisterungspotenzial so eher mäßig. Publish or Perish.

Neben Journalisten gibt es noch zwei Arten von Akteuren, bei denen man die nötige Begeisterung erhoffen kann. Das sind einerseits Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, und andererseits fachfremde Enthusiasten, die sich das als Hobby auf die Fahne geschrieben haben. Die erste Gruppe haben Organisationen und Kommunikatoren längst für sich entdeckt, siehe all die schönen Blogs bei Helmholtz, dem DLR und so weiter.

Wie kriegt man euch?

An die Enthusiasten tastet man sich im Moment dafür eher langsam heran. Die ersten zarten Pflänzchen in diese Richtung gedeihen bei den Science Tweetups und dort vor allem in der Raumfahrtszene, aber wenn man bedenkt, wie viele Blogs und Foren es im deutschsprachigen Raum gibt, halte ich dieses Feld für im Grunde noch völlig unbeackert.

Da ist die Privatwirtschaft viel weiter, Stichwort Blogger Relations[2], und der Grund für die Diskrepanz ist, dass sich die Wissenschaft und ihre Kommunikationsabteilungen stärker an ihrer Kontrolle über den ganzen Prozess hängen als die durchschnittliche Seepocke[3] an ihrem Stein. Und darin liegt das eigentliche Problem der Wissenschaftskommunikation.

Deswegen nämlich müssen wir uns immer und immer wieder mit reichlich unreflektierten Ideen wie einem Wissenschaftspresserat rumschlagen oder dumme Sprüche über Blogs anhören – oder eben, wie jetzt in Hannover, uns am etwa dreißigsten Kriterienkatalog für „gute“ Wissenschaftstexte abmühen. Diese Maßnahmen, ein Ergebnis nach den Vorstellungen der Wissenschaftskommunikations-Szene zu bekommen, führen in die Irre – einfach weil damit die falschen Leute angesprochen werden. Der Wurm muss, verdammt noch mal, nicht dem Angler schmecken.

Das heißt letztendlich, dass Wissenschaft und Kommunikatoren einen beträchtlichen Teil der Kontrolle über das Ergebnis abgeben müssen, wenn Wissenschaftskommunikation funktionieren soll. Und zwar an euch – ihr seid das Publikum, das letztendlich entscheidet, ob wir unsere Arbeit gut machen.

Und deswegen stelle ich jetzt einfach mal zwei Fragen in den Raum: Was erwartet ihr wirklich von Wissenschaftstexten, hier in Blogs und in anderen Medien? Und was muss ich tun, damit ihr anderen Leuten davon erzählt, was ihr hier gelesen habt?

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[1] Forscher müssen heutzutage bei Firmen und Privatpersonen um Geld betteln. Die Unis übertrumpfen sich dann gegenseitig damit, wer die besten Bettler hat. Das ist kein Scherz.

[2] Was man vor allem an den regelmäßigen Klagen diverser Spartenblogger über falsche oder unverschämte Ansprache merkt – aber immerhin.

[3] Penis!

Lars Fischer

Veröffentlicht von

www.fischblog.com

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

37 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Auf Twitter hast Du den Artikel als Gonzo-Nachtrag angekündigt. Jetzt habe ich ja einiges – wenn nicht gar alles – von Hunter S. Thompson gelesen und kann daher sagen, dass sämtliche Richtlinien, Orientierungen usw. verbieten, wenn es genau das sein soll. Sobald Menschen, die andere mit ihrer Kommunikation begeistern wollen, sich einem ganzen Katalog zur Orientierung mit 5-Punkte-Plan gegenüber sehen, gerät die ganze Geschichte so steif wie ein Schwanz im Frühling.

    Du hattest ja schon völlig richtig geschrieben, dass Begeisterung wichtig sei. Und die ist ein hervorragender Antrieb, um einfach mal zu machen. Die Menschen kommen dann schon von alleine. Irgendwann geben sich dann Fachleute und Laien gegenseitig die Maus in die Hand, um diese alte Redewendung mal zu bemühen.

    Noch was: neben Kompetenz und Begeisterung ist natürlich auch der Mensch dahinter und dessen Art der Kommunikation wichtig. Uniforme Regeln führen dann nur zu einem einheitlichen langweiligen Tonfall.

  2. Karl Urban

    Danke Lars, dein Wurm-Angler-Bild passt. Ein typisches Beispiel für die antiquierte deutsche/europäische PR-Landschaft kann man in der Raumfahrt beobachten: Beispiel Bilder von Raumsonden.

    Die NASA stellt seit mehr als zehn Jahren die meisten Rohdaten ihrer Missionen frei für jedermann ins Netz. Es gibt auch Pressemitteilungen mit schön aufbereiteten Bildern. Aber es gibt das Rohmaterial, aus dem Enthusiasten schöne Panoramen machen (Beispiel Curiosity und Mars) und sich auf Twitter darin überbieten, wer das schönste Selbstportrait eines Rovers aus über 80 Einzelbildern zusammengebaut hat (was nicht ganz einfach ist). Überhaupt sind die Bilder in Echtzeit da und nicht erst (wie Pressemitteilungen) Tage bis Wochen später. Der Hype um die Landung zeigt das – von Anfang an war jedes Rohbild online. Die Leute haben gezittert (und hätten geheult, wäre etwas schiefgelaufen).

    Die europäische Raumfahrt hat das bisher nicht erkannt: Die gerade auf einen Kometen zurasende Sonde Rosetta verschickt nun wöchentlich ein Bildchen (wow!). Rohmaterial: Fehlanzeige. Die Forscher haben Angst um ihre Ergebnisse. Wenn andere Forscher die Rohbilder abgreifen, kommen ihnen vielleicht konkurrierende Kollegen mit Veröffentlichungen zuvor! Ankündigungen von ESA-Forschern und aus einem deutschen MPI lassen vermuten, dass wohl der Großteil der Rosettabilder auch nach dem spektakulären Orbiteintritt im August wohl verschlossen bleiben müssen.

    Ich finde es das traurig: Viele Forscher haben hierzulande nicht erkannt, worum es bei Wissenschafts-PR im Netz geht. Das Netz ist eine riesige Resonanzfläche. Wenn man es füttert, mit anregenden Beiträgen (wie bei dir, Lars) oder mit astronomischen Rohbildern in Echtzeit, springen die Leute auf. Wer alles kontrollieren will, dafür fast alles zurückhält und die PR-Arbeit auf langweilige Pressemitteilungen begrenzt, hat verloren. Denn am Ende lebt die Wissenschaft von der gesellschaftlichen Begeisterung. Und die (öffentlich bezahlten) Forscher ebenso.

    • Lars Fischer

      Hallo Karl, genau das ist das Beispiel, das mir die ganze Zeit vor Augen steht: Die enorme Differenz zwischen NASA und ESA und wieviel der ESA und der Forschung durch diese fehlende Offenheit verloren geht. Danke dass du das hier noch mal so explizit ausführst.

  3. Pingback: Wer darf über Wissenschaft berichten? › Gedankenwerkstatt › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  4. Volle Zustimmung. Lediglich der Begriff „Begeisterung“ ist mir (aus journalistischer Sicht) zu positiv besetzt. Ich will vor allem auch Texte lesen, deren Autoren angeekelt oder empört sind, die Kritik üben, Misstände aufzeigen oder neue Ideen haben. Nenn‘ es Emotionen oder, bereits etwas angestaubt, Haltung. Hauptsache: nicht egal.

    • Lars Fischer

      Das stimmt, es geht mir keineswegs darum, dass man Wissenschaft bejubeln und aufs Podest heben soll. Insofern ist Begeisterung vielleicht der falsche Ausdruck. Es muss mir ein inneres Bedürfnis sein, den Text in dem Moment zu schreiben. Passt das?

  5. Pingback: Wissenschaftskommunikation heißt auch offene Arbeitsgruppe › Graue Substanz › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  6. „Das ist für mich das entscheidende Qualitätsmerkmal beim Schreiben über Wissenschaft: Dass man hinterher die Welt etwas anders sieht als vorher.“ – Das kann nicht stimmen, finde ich. Ich habe schon viele Texte gelesen, die meinen mentalen Zustand verändert haben, bloß in die falsche Richtung.

    „Wenn ich mich für ein Thema wirklich begeistern kann, wird es euch auch nicht kalt lassen. Meine Zugriffsstatistiken bestätigen das immer wieder.“ – Deine Zugriffsstatistiken können das höchstens bestätigen, wenn Du regelmäßig über Themen schreiben solltest, die Dich kalt lassen, denn sonst würde die Vergleichsgruppe fehlen.

    • Lars Fischer

      Moin Alexander,

      du wirst lachen, selbst ich muss gelegentlich mal über Dinge schreiben, die mich nicht zu sofortigen Begeisterungsstürmen hinreißen. Insofern habe ich eine Vergleichsgruppe.
      Da (fast) jeder seines eigenes Geisteszustandes Schmied ist, kannst du kaum irgendwelche Texte allein dafür verantwortlich machen, wenn du in einem „falschen“ Zustand landest. Insofern scheint mir das nicht zwangsläufig ein Argument zu sein. Aber ungeachtet dessen: Wenn die Leser sich schlicht nicht drum scheren was da steht, dann ist es egal ob ein Text gut oder schlecht nach welchen Kriterien auch immer ist.

      • Jetzt hast Du mich abgehängt. Okay, Du hast eine Vergleichsgruppe, aber die Zugriffszahlen sind nicht hoch. Was genau zeigen die dann? Und wenn ich selbst für meinen mentalen Zustand nach dem Lesen verantwortlich bin – was war nochmal Dein Argument? Ich dachte, Du versuchst hier ein Qualitätsmerkmal für das Schreiben über Wissenschaft zu etablieren. (Und ich hatte eingewendet, dass dieses Merkmal nichts taugt, weil man es für alles mögliche verwenden kann.)

        • Aaalso…
          Punkt 1, dieser Blog hat ne recht begrenzte Leserschaft, aber ich schreib ja nicht nur hier. Was ich sagen will ist das, was oben im Text steht: Wenn ich Spaß an einem Text hab, hat er tendenziell mehr Leser (mit ein paar spezifischen Ausnahmen). Das ist eigentlich eine ganz banale Erfahrung.

          Punkt 2: Du tust so, als wäre dein „falscher“ Geisteszustand ein objektives Kriterium. Ist es aber nicht. Das, was du als „falsch“ bezeichnest, kann sehr wohl Sinn der Sache sein, z.B. wenn jemand etwas schreibt, was du nicht lesen magst. Für dich möglicherweise ein „falscher“ Geisteszustand – für mich als Autor nicht zwangsläufig, Mein Kriterium ist, meinem Publikum einen bestimmten Sachverhalt nicht egal sein zu lassen, aber ich sehe es eben nicht als meine Aufgabe an, allen Lesern nach dem Mund zu reden oder gar, sie sich hinterher gut fühlen zu lassen. Wenn sich dadurch Leute in den „falschen“ Geisteszustand versetzt sehen… Das ist deren Sicht, nicht meine.

  7. Texte, die mir gefallen und die ich weiterempfehle, zeigen mir die Verbindung zwischen Wissenschaft und Leben. Sie machen entweder neugierig auf Neues oder erweitern bereits vorhandene Kenntnisse. Egal, ob es sich dabei um die Entdeckung von Planeten in anderen Sonnensytemen, um Klimaanalysen oder um die Stammzellforschung handelt. Ich will wissen: Was hat man herausgefunden? Wie kam es dazu? Welche Mittel/Werkzeuge hat man dafür benutzt? Was folgt aus den neuen Erkenntnissen? Welche Möglichkeiten (und Risiken) eröffnen sie? Wie geht es weiter, welche Fragen sind noch offen und warum?

    Je mehr Vorkenntnisse schon vorhanden sind, desto „steifer“ darf der Text von mir aus sein. Ein und der selbe Autor könnte mich also mit einem Text über z.B. Biologie faszinieren, mich aber miit einem stilistisch ganz ähnlichen über ein anderes Thema ziemlich verwirren oder gar langweilen, wenn ich von letzterem Thema bisher noch keine oder sehr wenig Ahnung habe.

    Anders herum gilt das allerdings nicht: Auch Texte für Leute mit wenig Vorkenntnissen können mich faszinieren, wenn sie z.B. so verfasst sind, als würde der Autor seinem besten Freund etwas von Grund auf erklären. Wahrscheinlich geht es nicht nur mir so. Denn wenn ich mir angucke, wieviele Erwachsene mit Begeisterung die Sendung mit der Maus oder „Wissen macht Ah!“ gucken… 😉 Wenn es überhaupt ein Beispiel für gute Wissenschaftskommunikation gibt, dann wohl diese beiden Sendungen. *g*

    • Lars Fischer

      Da sind wir natürlich wieder bei der Frage nach der Ziel/Interaktionsgruppe und ihrer korrekten Ansprache. Und dein Beispiel der beiden Kindersendungen zeigt ja: Das ist vielleicht nicht immer ganz offensichtlich, was da der beste Weg ist.

      Allerdingst fragst du schon nach einer Detailtiefe, die viele Journalistische Texte nicht erreichen und eventuell auch nicht erreichen sollen. Interessante Kombination. Sind Kindersendungen im Wissensbereich anspruchsvoller als die Erwachsenen-Varianten?

      • Wenn du dir insbes. die beiden genannten Kindersendungen mal genauer bzw. öfter anguckst, wirst du feststellen, dass sie die mir wichtigen Fragen tatsächlich fast immer alle beantworten. Nur eben in relativ einfacher Sprache, die auch für Kinder (und wenig vorgebildete Erwachsene) verständlich ist. Unterstützt von Videos, einfachen Diagrammen und oft auch von vereinfachten Modellen „zum Anfassen“, wenn komplexere und normalerweise unsichtbare Dinge erklärt werden. (Spontan fällt mir da das Thema Impfung mit Erregern und Antikörpern ein.) Das Gleiche gilt analog für den Bereich Politik bei den Kindernachrichten „Logo“. Fachbegriffe werden dabei aber eben nicht komplett vermieden, sondern mit erklärt.

        Die Sendungen sind allesamt ziemlich gut, was Detailtiefe _und_ Verständlichkeit betrifft. Und wenn du schon so fragst, habe ich den Eindruck, dass Kindersendungen und oft auch Kinderzeitschriften tatsächlich anspruchsvoller sind als z.B. Quarks & Co. Die trauen den Kindern zu, Zusammenhänge zu verstehen, ohne aber zu viele Vorkenntnisse vorauszusetzen. Wie gesagt: Die hohe Zahl von Erwachsenen, die diese Sendungen auch gerne schauen, kommt garantiert nicht von ungefähr.

  8. Vielleicht besteht das Problem der Wissenschaftskommunikation auch darin, dass die Wissenschaft oft einfach keinen Nachrichtenwert außerhalb des eigenen engen Fachbereichs der Wissenschaftler hat. Arbeitsgruppe XY hat festgestellt, dass man mit der Methode Z2 das Ergebnis G in der halben Zeit zu einem Drittel der Kosten erreicht, wie früher mit Methode Z1 – schön für sie.

    Nachrichten, die jeden interessieren, kommen hingegen aus der Anwendung, sprich Medizin und Technik. Die Relevanz ist meist offensichtlich und beides bietet Gelegenheit, grundsätzliche Sachverhalte aus Physik und Biologie zu erklären oder, wie Alexander Stirn betont, Kritik zu üben und journalistisch tätig zu werden.

    Interessant sind natürlich auch immer Pionierleistungen und Grenzüberschreitungen: So werden wir 2015 Bilder von einer Raumsonde zu sehen bekommen, die an dem Zwergplaneten Pluto vorbeifliegen wird. Wir sehen dann zum ersten Mal(!), wie Pluto wirklich aussieht. Das ist natürlich auch eine Nachricht, weil sie unser Weltbild wortwörtlich erweitert.

    Ich persönlich mag hingegen keine Meldungen aus der Grundlagenforschung mehr lesen, da mir in der Kürze eines Blogs oder Nachrichtenformats einfach oft die Einbettung in den größeren Kontext fehlt. Ich lese da lieber gedruckte Formate, die sich mehr Zeit lassen können. Diese muss man sich als wissenschaftlich interessierter Leser aber auch nehmen! Wer wissen will, was am Teilchenbeschleuniger LHC am CERN in Genf passiert, der lese das Buch „Die Weltmaschine“ von Don Lincoln. Man ist dann zwar nicht auf dem Laufenden, was gerade jetzt(!) am CERN passiert, aber ich behaupte, dass dieses JETZT auch keinen Nachrichtenwert hat. Es ist für mein Leben nämlich völlig schnuppe, was JETZT dort passiert. Die ganzen aufgeregten Wissenschaftsnachrichten über das CERN sind sinnlos (und meist von verwirrten Redakteuren geschrieben). Wenn etwas aufregendes am CERN passiert, wird das gemächlich und in wohlgesetzten Worten irgendwann in ein Buch diffundieren und das kann man dann wieder mit Genuss lesen.

    Fazit: Das Problem der Wissenschaftskommunikation ist, dass sie sich zu wichtig nimmt.

    • Lars Fischer

      Warum gilt das, was du für Anwendungen sagst, nicht in der gleichen Weise für Grundlagenforschung? Muss man da keine Kritik üben oder grundlegende Sachverhalte erklären?

      Was den Wissensinhalt angeht, stimme ich dir zu: Da sollte schon in der Wissenschaft selbst deutlich weniger kommuniziert weden. Allerdings ist das ja nicht das Einzige: Glaubst du nicht, dass es auch viele Leute gibt, die sich freuen, gelegentlich mal in Form einer kleinen Meldung vom CERN zu hören?

  9. Herr Mäder, ob Sie hinterher die Welt mit einem in die falsche Richtung veränderten mentalen Zustand sehen, ist auch nur eine Bestätigung dessen, was Herr Fscher sagt: „dass man die Welt etwas anders sieht als vorher“. Es geht um die Veränderung, nicht ob sie positiv oder negativ, falsch oder richtig ist. Und die Zugriffsstatistiken bestätigen, dass bei wirklicher Begeisterung des Autors die Begeisterung auch entsprechend ist. Eine Vergleichsgruppe ist nicht nötig m.E,, da nur der Autor selbst beurteilen kann, über welche Themen er tatsächlich begeistert geschrieben hat oder eben nur halb begeistert und die entsprechenden Zugriffsstatistiken so bewerten kann.

    Das aber nur nebenbei und wissenschaftlich gänzlich unfundiert 🙂

    Ich bin ein der regelmässigen Leserinnen dieses Blogs, ursprünglich mit weniger als verhaltener Zuneigung zu wissenschaftlichen Themen, weil diese mir schon seit der Schulzeit in einem so trockenen, schwer verdaulichen Zustand präsentiert wurden, dass ich mich eher ferngehalten habe als sie anzusteuern.

    Dieses Blog insbesondere hat mir das Interesse und auch den Spass an wissenschaftlichen Themen wiedergegeben und das hängt ursächlich mit der Aufbereitung zusammen und dass sich viele Texte auch dem nicht-wissenschaftlich kundigen Leser öffnen. Hier hatte ich nicht den Eindruck, dass absichtlich so geschrieben wird, dass sich der interessierte Laie so unzulänglich fühlt, wie das beim Lesen von vielen wissenschaftlichen Texten ist, von denen man das Gefühl hat, dass der „gemeine Leser“ ohnehin nicht interessiert und das für eine elitäre unzugängliche Gruppe geschrieben ist, in der man nichts verloren hat. Hier grenzt Wissenschaft sich nicht auf einen Olymp ab, sondern spricht auch Menschen mit durchschnittlichen Kenntnissen an und mehr noch, versteht es, durch die Art und Weise der Präsentation, den Wunsch nach mehr Wissen anzuregen.

    Das ist für mich das Wesentliche an wissenschaftlichen Texten, dass ich nicht gleich nach dem ersten Absatz verzweifelt aufgebe und mir das Gefühl vermittelt wird, das ich schlichtweg zu dumm bin, das zu verstehen. Wenn man es mir erklärt, kann ich mehr verstehen, als man glaubt und ich denke, das geht vielen so, die hier mitlesen. Deren Fähigkeiten auf anderen Gebieten liegen, die aber durchaus aufnahmefähig sind. Es ist in meinen Augen eine Gabe, schwierige Sachverhalte so darzustellen, dass auch Nicht-Insider ein Verständnis entwickeln können. Wissenschaft ist nicht, Texte so kompliziert und eilitär zu gestalten, dass sie nur eine kleine Gruppe erreicht, sondern Texte so zu gestalten, dass sie danach rufen; lies mich und lerne. Und man antwortet: ok.

    Insofern bin ich bei Herrn Stirn: Emotionen, auch in der Wissenschaft – priceless.

  10. @Jeky: Ich finde, das belegen die Zugriffsstatistiken eben nicht, denn es können auch ganz andere Ursachen sein, die in diesem Blog zu hohen Zugriffszahlen führen. Man muss schon bessere Argumente haben, um die hohen Zugriffszahlen allein mit der Leidenschaft des Autors zu erklären. Aber was mir wichtiger ist: nichts in diesem Post trifft wirklich den Punkt. Hauptsache nicht egal? Das könnte ein Verschwörungstheoretiker auch unterschreiben. Ein Text soll den mentalen Zustand des Lesers verändern? Das tun praktisch alle Texte (bis auf die, bei denen man vor Langweile einschläft).

    • Lars Fischer

      Hohe Zugriffszahlen in meinem Blog? Schön wär’s…
      Das bessere Argument, das ich habe, lautet „Vergleich von verschiedenen Artikeln und ihren Zugriffszahlen“. Ist natürlich alles anekdotisch, zugegeben. Leider ist Spaß beim Schreiben nicht wirklich quantifizierbar, sonst hätte ich schon längst eine Gerade durch die Daten gelegt.

  11. @Herr Mäder: Auch bei nochmaligem Lesen Ihres Eingangsabsatzes löst sich der Widerspruch nicht wirklich auf.

    Es ist natürlich sehr betrüblich, dass nichts in meinem Text den Punkt getroffen hat. Da erschien mir die Frage, die auch Titel des Blogposts ist, wohl doch einfacher, als sie wirklich ist. Da sieht man es mal wieder, von Wissenschaft tatsächlich nach wie vor keine Ahnung. Ich jetzt. 😉

    • Sorry, mir war nicht aufgefallen, dass man „Post“ missverstehen kann: Ich meinte den von Lars Fischer.

  12. „Und jetzt will man […] allgemeine Kriterien für gute Wissenschaftskommunikation definieren.“

    Du doch auch: „Wie kriegt man euch?“

    „Meine Zugriffsstatistiken […] “

    Wieso sollten Zugriffsstatistiken überhaupt relevant sein für gute Wissenschaftskommunikation? Von der Auflagenstärke einer Zeitung kann man ja auch kaum auf deren Qualität schließen.

    Meine Klicks kannst Du ja offensichtlich selber zählen, und dass ich hier klicke, das hat was mit Erwartung und Vertrauen zu tun – mehr wird nicht verraten.

    • Lars Fischer

      Na toll. Arkanes Geheimwissen wieder. *grummel*

      Dass Zugriffszahlen über die Qualität aussagen, habe ich nicht behauptet. Nur dass ich anhand der Zahlen sehe, dass Texte, an denen ich mehr Spaß habe, auch mehr Leser finden.

      • „Arkanes Geheimwissen wieder.“

        Arkanes Wissen, Google und Dir sei Dank, wieder was gelernt. – Was ein Pleonasmus ist, wusste ich schon.

        „*grummel*“

        Also gut, noch eine kleine Preisgabe …:

        Eiablage, rektaler Migrationshintergrund und Deppen-Syllogismus schüren bei mir die Hoffnung, hier immer mal wieder fündig zu werden.

        … und eine Zugabe:

        Wissenschaftskommunikation sollte vielfältig sein, weil es auch die unterschiedlichsten Interessenten gibt. Und jeder Interessent wird auch nicht immer nur die gleiche Art von Texten lesen wollen. Für Introvertierte sollten mehr Formeln in die Texte, für Extrovertierte sollte ein Kommentar-Button darunter angebracht werden.

  13. Wissenschaftskommunikation:
    Ich will vor Allem unterhalten werden. Trockene Spezifikationen (yeah, keine Wissenschaft, geht aber in eine ähnliche Richtung) muss ich mir berufshalber schon immer wieder reinziehen. Da möchte ich in meiner Freizeit bei allem Intersse an Allem nicht schon wieder irgendwas Trockenes lesen, wo sich nach zwei Absätzen die Augen zu kreuzen beginnen. Also muss Wissenschaft unterhaltsam und verständlich sein.

    Und das ist jetzt die ideale Gelegenheit, mal ein wenig Lob loszuwerden:
    Genau das zeichnet Dein Blog aus. Alle Themen werden unterhaltsam und verständlich aufbereitet. Das Lesen macht Spass und man langweilt sich nie. Ich würde mich eigentlich nicht per se darüber informieren wollen, wieviele Darmkeime sich auf meinem Smartphone befinden. Aber jetzt hab ich das getan und bin wieder ein bisserl schlauer 😉

  14. Nuria Cerdá-Esteban

    Für mich (selber Wissenschaftlerin) gibt es drei Gründe, weswegen ich einen Beitrag über Wissenschaft lesen würde:

    1) Es handelt sich um ein Thema, wovon ich keine Ahnung habe, es ist aber unterhaltsam geschrieben und weckt meine Neugier.

    2) Manchmal gibt es Themen, die mir in Zeitungsartikeln zu kurz kommen. Es geht dann eher um Themen, die nah an meinem Forschungsbereich sind, aber nicht direkt mein Forschungsbereich. Da ich dann in dem Thema keine Expertin bin, lese ich dann ein paar differenzierte Blog-Beiträge, die eventuell verschiedene Meinungen vertreten oder verschiedene Aspekte beleuchten. (Vor allem bei umstrittenen neuen Erkenntnissen)

    3) An sich erlauben mir Wissenschaftsblogs einen Einblick in das jetzige „Zeitgeist“ der Wissenschaft. Was ist anderen Wissenschaftlern wichtig? Welche Mankos sehen sie gerade im System, oder in deren Forschungsfeldern? Wohin bewegt sich Wissenschaft als Ganzes und auch die einzelnen Bereiche?

  15. Lars Fischer schrieb (2. Juli 2014):
    > […] ihr seid das Publikum, das letztendlich entscheidet, ob wir unsere Arbeit gut machen.

    > Was erwartet ihr wirklich von Wissenschaftstexten, hier in Blogs und in anderen Medien?

    Dabei nicht als bloßes passives Publikum gefragt zu sein, sondern wenigstens als mögliche Studenten (oder sogar als Peers bzw. Referees/Reviers), die ggf. die eine oder andere Frage beantworten oder auch selbst stellen mögen.

    > Und was muss ich tun, damit ihr anderen Leuten davon erzählt, was ihr hier gelesen habt?

    Vormachen, wo und wie man auf seine Wissenschafts-bezogenen Fragen (Begeisterungen, Drittmittel-Wünsche usw.) Antworten erhalten kann.

  16. Wer stellt sicher das Wissenschaftliche Ergebnisse speziell Physikalische Naturgesetze eingehalten werden ?

    • – Die Volks vertretende Partei macht es nicht (Sie sagt in die Wirtschaft darf ich mich nicht einmischen)
      – Das Rechtssystem schreitet nur bei Gewalt ein und wird auch erst bei Gewalt handeln
      – Die Unis betreiben wie immer schön anschaulich gemacht wird Wahnsinn
      – Das Volk selbst will davon nichts wissen

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  19. Pragmatisches Wissen ohne Emotionen zu vermitteln halte ich für wertlos. Unsere emotionale Steuerung existiert ja nicht ohne Grund. Gefühle sind, als Bewertungssystem, zuständig für unsere Entscheidungen und eine treibende Kraft in unserer Entwicklung.
    Daher wünsche ich mir in wissenschaftlichen Texten auch die Verfassung des Autors herauszulesen. Der Fischblog ist ein gutes Beispiel dafür.

  20. Wissenschaftler müssen raus aus Labor oder wo die sonst so rumhängen. Auf die Strasse, in Schulen, überall hin. Sie müssen transparent darlegen was sie tun und warum. Nichts ist so kompliziert, dass man es nicht erklären kann (wenn man es den verstanden hat) ..
    Nur sind viele Wissenschaftler glaub ich voller Angst, gegenüber der Öffentlichkeit.. und viele „Normalos“ trauen sich nicht zu fragen oder überhaupt Kritik zu üben.

    Mag diese Kritik noch so dämlich sein.. es ist wichtig das Wissenschaftler die hören.. Kommunikation ist das was daraus entsteht und eigentlich ist das Ergebnis von Kommunikation immer die Veränderung in beiden Köpfen.. und das ist doch was tolles ^^

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