Warum verschwindet der See von Dirty Dancing?

Im Guardian und bei Zett liest man dieser Tage die tragische Geschichte des Mountain Lake in Virginia, der einst in dem Film Dirty Dancing eine tragende Rolle spielte, nun aber durch Löcher im Boden leerläuft wie eine Badewanne. Leider erfährt man in den Artikeln nicht viel mehr darüber – dabei folgt der See anscheinend einem regelmäßigen, weltweit einzigartigen Zyklus von voll und leer.

orbojunglist bei reddit, via ze.tt

Filmszene im Mountain Lake. Bild: orbojunglist bei reddit, via ze.tt

Ein erstes Indiz, dass der cineastisch verewigte Seespiegel keineswegs zwangsläufig der Normalität entspricht, bietet schon der Bericht des britischen Landvermessers Christopher Gist, der den See 1751 als eher klein und von einer ausgedehnten Wiese umgeben beschreibt.

Aus dieser Zeit stammt auch ein ertrunkener Baumstumpf, der bei Hochstand des Wassers aus zehn Metern Tiefe geborgen wurde. Acht Meter unter dem Hochstand liegen mehrere Quellen, die den See speisen. Sie waren in den 50er Jahren noch am Ufer des Sees. Und so weiter.

Auch kurzfristigere Veränderungen des Seespiegels zeigen, dass Mountain Lake anders ist. Wenn der See hoch steht, fließt aus seinem Nordende ein kleiner Bach – genauere Rechnungen zeigen aber, dass der nur etwa die Hälfte des Wassers abführt, das durch den Regen hinzukommt. In der Trockenzeit sinkt sein Wasserspiegel, aber bei näherer Betrachtung nicht bloß durch Verdunstung. Die machte nur ein Drittel des Verlustes aus. Zwei Drittel des Wassers blieben verschollen.

Einen Teil des Rätsels lösten Geologen, die vor Jahrzehnten etwa einen Kilometer unterhalb des Sees Wasser unterirdisch vom See wegfließen hörten: Mountain Lake wird also nicht nur von Quellen im Seebecken gespeist, sondern hat auch unterirdische Abflüsse. Das aber haben andere Seen auch, ohne alle Naslang im Boden zu verschwinden. Einen wichtigen Hinweis gab ein Erdbeben im Jahr 1959. Das ließ nicht nur den Steinkamin der Mountain Lake Lodge bersten, sondern verschloss anscheinend auch die unterirdischen Abflüsse – der See blieb danach über Jahrzehnte voll.

Das Erdbeben lieferte den ersten Hinweis, dass geologische Kräfte für den Mountain Lake eine große Rolle spielen. Ein weiteres Indiz findet man an der tiefsten Stelle des Sees, nahe dessen Nordende. Während die Senke des Mountain Lake Richtung Süden flach ausläuft, findet sich im Norden neben steilen Ufern eine mehrere Meter tiefe, schmale Spalte, die von Südwesten nach Nordosten verläuft. Sie ist – untypisch für die tiefste Stelle eines Sees – nahezu frei von Schlamm, und Taucher stellten dort Strömungen fest. Dort fließt Wasser in den See und aus ihm hinaus.

Tiefenkarte des Mountain Lake. Cawley, Parker & Perren,  Earth Surf. Process. Landforms 26, 429–440 (2001)

Tiefenkarte des Mountain Lake. Eingezeichnet ist auch die Verwerfung. Cawley, Parker & Perren, Earth Surf. Process. Landforms 26, 429–440 (2001)

Die Spalte liegt auf einer Linie, die sich anhand von Flussbetten und anderen Merkmalen weit über den See hinaus verfolgen lässt. Sie folgt vermutlich der Spur einer Verwerfung – einer Bruchzone, an der zwei Bruchstücke der Erdkruste aneinander vorbeigleiten und Erdbeben auslösen können. Die Verwerfung ist der Schlüssel zum Geheimnis des Mountain Lake, denn im Jahr 1998 zeigte eine Arbeitsgruppe, dass der Bereich der Bruchzone mit Wasser gefüllt ist, das umgebende Gestein dagegen kaum welches enthält. Durch diese Klüfte fließt das fehlende Wasser aus dem See ab und tritt etwa einen Kilometer bergab wieder zutage.

Warum aber läuft der See dabei manchmal ganz leer und füllt sich dann wieder? Cawley, Perren und Parker, die 1998 das Wasser in der Bruchzone nachwiesen, schlagen folgenden Mechanismus vor: Bei hohem Seespiegel müssen die Abflüsse relativ eng sein. Im Laufe der Zeit aber schwemmt das fließende Wasser Material weg und verbreitert die Klüfte, so dass immer mehr Wasser immer mehr Material abträgt – bis die Löcher so groß sind, dass irgendwann der See nahezu leer läuft.

Dadurch aber sinkt der Wasserdruck in den nun breiten Klüften dramatisch, und die Hohlräume brechen unter dem Gebirgsdruck zusammen – das Gestein verschließt die Klüfte wieder, so dass der See langsam wieder vollläuft. Berechnungen anhand der Regenmenge zeigen, dass das etwa zwei Jahre dauert. Erst dann ist der Druck durch den See so hoch, dass wieder Wasser durch die nun verengten Spalten fließt und der Zyklus aufs Neue beginnt.

Das deutet auf eine kuriose Entstehungsgeschichte des Sees hin, die auch einigermaßen zwanglos erklärt, warum es ihn überhaupt gibt. Mountain Lake liegt an einem ziemlich unmöglichen Ort hoch in den Bergen, nahe dem Gipfel. Dort sollten keine Senken existieren, die Wasser in solchen Mengen ansammeln, und tatsächlich gibt es in Virginia nur noch einen weiteren natürlichen See. Bisher vermuteten Forscher aus purem Mangel an Alternativen, ein Erdrutsch hätte das Tal zugeschüttet – durchaus eine übliche Methode, Seen entstehen zu lassen. Doch ein Erdrutsch ist nicht nachweisbar.

Die wasserdurchströmte Verwerfung allerdings bietet einen Ausweg aus dem Problem. Demnach begann der See als Bach, der einst durch das Seetal floss und auf eine besonders durchlässige Stelle der Verwerfung traf – und in ihr verschwand. Dadurch trug er weiter weiches Material im Tal ab, der harte Sandstein am Nordende des Tals dagegen umfloss er unterirdisch, so dass eine abgeschlossene Senke entstand. Das Loch, in dem der Bach versickerte, gibt es bis heute: Es ist der Spalt am Grund des Sees.

Die Eigner des Hotels am Südende des Mountain Lake haben in den letzten Jahren mit viel Aufwand versucht, die Löcher im Grund des Sees zu stopfen. Der Versuch ist ziemlich zwecklos – nicht nur, weil der See jede Füllmasse gnadenlos wegträgt. Auch weil der See wiederkommen wird, wenn man ihn nur lässt. So wie der das in den Jahrtausenden seit seiner Entstehung tat.

Lars Fischer

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Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke Lars. Wieder mal so ein Beispiel anthropozentrischer Weltsicht, speziell im Bereich Zeitskalen. Ein See ist ein See. Da ist Wasser drin. Im Winter friert er zu. Das wars. Real ist vieles in der Natur Dynamik. Dinge verändern sich, über Jahre, Jahrzehnte, Jahrmillionen. Stabilität kann es geben, aber manchmal auf weit größeren Skalen als unserer jammernswerten Lebensspanne (oder gar: im Zyklus des sommerlichen Seetourismus). Tja.

    • Lars Fischer

      Ja, in Karstgebieten kennt man generell, dass Flüsse gerne mal im Boden verschwinden. In Virginia passiert das auf Schiefer und Sandstein, und das ist schon etwas ungewöhnlicher.

  2. Pingback: drüben (9) | eldersign.de

  3. Südöstlich von Wien liegt der Neusiedlersee. Ein Steppensee, der recht groß aber sehr flach ist. Im Laufe der Jahrhunderte ist er mehrmals komplett trocken gefallen und hat sich auch wieder gefüllt. Bei seinem letzten Verschwinden im 19.Jhdt. wurde der freiliegende Boden landwirtschaftlich genutzt. Allerdings war der Boden sehr salzhaltig und das Wasser kam wieder zurück.
    Gespeist wird der See hauptsächlich von Regenwasser, da er keinen Abfluss hat verliert der See sein Wasser über Verdunstung.
    Seen kommen, Seen gehen…

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