Warum habt ihr keine Angst?

Wie kann es sein, dass eine normalerweise so zur Furcht bereite Gesellschaft wie unsere, so völlig gleichgültig ihrer größten Bedrohung seit dem Schwarzen Tod entgegen driftet? Von Atomkraft bis Zucker gibt es inzwischen kaum noch etwas, das nicht breiten Kreisen der Bevölkerung Angst macht – auffällige Ausnahme ist die Bedrohung durch antibiotikaresistente Bakterien, die in den nächsten zwanzig Jahren nicht nur die Medizin auf den Stand von 1890 zurückwerfen wird, wenn wir nichts unternehmen. Warum treibt das Thema niemanden auf die Straße?

Die populärsten Bedrohungen eint, dass sie neu und fremd sind, oft auch irgendwie technisch, und dass man sie als Laie nicht wirklich begreifen kann. Be-greifen auch im Wortsinne: Angst macht, was unsichtbar und deswegen unfassbar unserer Abwehr entzieht – Strahlung, oder dieser oder jener kompliziert benannte Stoff im Essen. Mit chemischen Bezeichnungen kann man sehr gut Angst machen. Sie klingen fremd, seltsam, irgendwie komisch.. doch sind sie konkret genug, etwas zu fürchten zu haben. Das Cäsium im Brot oder der Hirntumor, den die Handystrahlung bringt: Die neuen Monster unter dem Bett. Was sind Albträume ohne Gegenstand?

Tatsachen sind sekundär

Wie stark man so eine Bedrohung empfindet, hat jedenfalls wenig damit zu tun, welche tatsächliche Gefahr von etwas ausgeht. Das wissen wir schon aus dem Alltag: Gegen Flugangst gibt es sogar professionelle Lehrgänge – aber wer hat schon mal von Auto-Angst gehört? Die Chance, im Auto zu sterben, liegt zwei bis drei Größenordnungen höher als im Flugzeug.

Zu jeder prominenten Kontroverse finden wir dutzende, wenn nicht hunderte Studien. Die Bedeutung von Wissenschaft und harten Fakten akzeptieren alle Diskutanten – zumindest rhetorisch. Aber je mehr dieser Studien existieren, desto geringer scheint mir die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwen zu einem Meinungswandel bewegen.

Tatsächlich kann man ganz gut beobachten, dass Sachargumente für politisches Engagement eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Ob ein Mensch sich persönlich für oder gegen etwas einzusetzen bereit ist, hängt vor allem an der emotionalen Reaktion. Gefühl schlägt Gehirn.

Panikmache

Ich kann ja – Probe aufs Exempel – mal versuchen, euch mit ein paar ausgewählten Fakten Angst zu machen: Schon 2015 werden in Europa etwa 15.000 Menschen allein an zwei Arten von Keimen sterben – dem lange bekannten MRSA und resistenten Varianten von E. coli, unser aller Lieblings-Darmkeim. Da sind so amüsant Sachen wie Klebsiella oder Tuberkulose gar nicht mit drin. Die US-Seuchenbehörde CDC, die reichlich Erfahrung mit Killerkeimen vorweisen kann, hat die Hosen inzwischen so voll, dass sie zu apokalyptische Sprache greift. Das sind Leute, die sich täglich mit den ekligsten bekannten Krankheiten rumschlagen. Wenn die schon in Katastrophenrhetorik verfallen, darf man anfangen, sich Sorgen zu machen.

Wusstet ihr außerdem, dass sich gefährliche Erreger in Lebensmitteln global verbreiten? Nachgewiesen hat man das gerade an Tintenfischen aus Korea, aber das ist sicher kein Einzelfall. Ein beträchtlicher Anteil unserer Import-Meeresfrüchte wie Shrimps oder Tilapia wächst in asiatischen Zuchtteichen heran. Und geneigte Leser werden sich erinnern, dass der unangenehme HUSEC-Keim von 2011 an Grünzeug klebte.

Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, kann schon eine Schnittwunde am Finger tödlich sein, oder ein entzündeter Zahn. Würdet ihr euch noch operieren lassen, wenn die Infektionsverhütung nicht mehr funktioniert und ein Zehntel aller Patienten an irgendwelchen Bakterien sterben? Operieren meint übrigens auch so was wie Zahn ziehen oder Leberfleck entfernen. So sieht die keineswegs mehr ferne Zukunft der Medizin aus, die ersten vollständig immunen Keime tauchen gerade auf. Glaubt bloß nicht, dass Heißwasser und Chlorbleiche routinemäßige Antibiotikagaben ersetzen können. Ach ja, und gegen Bleiche sind einige Bakterien auch schon resistent.

Ich könnte noch seitenlang weitermachen, aber ihr seid sicher im Bilde. Hand auf’s Herz: Kriegt ihr Angst? Habt ihr das dringende Bedürfnis, eine Bürgerbewegung zu gründen und Druck auf die Politik zu machen? Vermutlich nicht.

Zu nah und doch zu fern

Angst als politischer Impuls ist ein Phänomen der Halbdistanz. Resistenzen sind zu unkonkret, dass man sich leicht ein Bild des Feindes machen kann. Infektionskrankheiten andererseits sind uns zu nah. Wir hatten alle schon mal eine Infektion und haben sie, mal mit mal ohne medizinische Unterstützung, mühelos überstanden. Vor Infektionskrankheiten hat heutzutage kaum noch jemand Angst – es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es die Antibiotika selbst waren, die uns diese Last von den Schultern genommen haben.

Aber all diese Krankheiten sind nicht weg, sie rennen nur gegen Wälle an, die ihnen das Gesundheitssystem vor die Nase gesetzt hat. Diese Deiche bröckeln dramatisch. Die einzigen, die sich dafür interessieren, sind Fachleute – denn was Bedrohungen angeht, verlassen wir uns meist auf unser Bauchgefühl. Dies angemessen in Wallung zu bringen, sind Antibiotikaresistenzen anscheinend nicht geeignet.

Lars Fischer

Veröffentlicht von

www.fischblog.com

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

33 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich denk mir das jedes Mal, wenn ich mich (fiktiv) im 19. Jahrhundert bewege – wie lange wird’s dauern bis uns etwas so unspäktakuläres wie Cholera dahin rafft. Was man braucht ist wahrscheinlich bloss: Multiresistenzen, ein bissl Meeresspiegelanstieg der dann zum Grundwasseranstieg führt, Eindringen des Grundwassers in unsere (stetig leckenden) Abwassersysteme und dann fröhliche Verbreitung aller möglichen Antibiotika-resistenten Fäkalkeime in’s Trinkwasser.
    Da brauchen wir nichtmal unsere Hollywood-Film Phantasien bemühen (sprich, Vogelgrippe, Ebola oder was genetisch modifiziertes aus irgendwelchen Labors und dann entflüchtet).

  2. Alexander Fleming sagte in seiner Nobel Lecture am 11. Dezember 1945 „It is not difficult to make microbes resistant to penicillin in the laboratory by exposing them to concentrations not sufficient to kill them, and the same thing has occasionally happened in the body.“
    Und jetzt ist 2014.

  3. Angst als politischer Impuls ist ein Phänomen der Halbdistanz.

    Angst (vs. begründete Furcht oder Sorge) ist vor allem etwas, das angerührt werden muss, politisch.
    Die letze Welle der bundesdeutschen Angst ist übrigens im Zusammenhang mit dem Tōhoku-Erdbeben 2011 angerührt worden, es ging hier wohl darum den Atomausstieg zu induzieren.
    Sich langsam aufbauende Sorgenlagen werden zurzeit von der Mandatsträgerschaft rückstellend bearbeitet, die Tagespolitik überlagert ja einiges.,
    Ansonsten, klar, die epidemiologische Lage ist besorgniserregend, wird aber zurzeit von anderen Ängsten überlagert, soll auch überlagert werden, wie auch andere sich deutlich abzeichnende Probleme, die rückgestellt werden sollen, aus Sicht der politischen Elite, die heutzutage bestenfalls mittelfristig denkt.
    MFG
    Dr. W

  4. Naja, Infektionskrankheiten kennen wir doch alle, und so ein Schnupfen oder so ist doch total harmlos. Gefährlich sind Krebs und hoher Blutdruck (Herzinfarkt! Schlaganfall! was weiß ich!).

    Sicher, wir kennen alle die Geschichten der Seuchen aus dem Mittelalter, aber das war damals, als man auch Hexen verbrannt hat und Angst vor bösen Geistern hatte. Da stehen wir doch mittlerweile meilenweit drüber – darum müssen wir uns ja auch nicht mehr gegen Masern impfen…

  5. „Warum hat niemand Angst?“ Weil Angst vor etwas, was nicht in großem Ausmaß eingetroffen ist, nur da ist, wenn es (auch politisch) erzeugt wurde z.B. durch diesen Artikel hier. Wenn man keine Nachrichten liest, hat man weniger Angst.

  6. Das Thema der AB-Resistenzen taucht durchaus auf – aber eben „nur“ mit Fokus auf Tierhaltung, aber auch hier nicht jeglicher Tierhaltung sondern der industriellen Tierhaltung. Von der Humanmedizin, von Krankenhäusern, von Problemen bei der Behandlung simpler Probleme ist selten bis gar nicht die Rede.

    Mit dem Fokus auf Tierhaltung ist die Vereinfachung aber noch nicht beendet. Es wird dabei immer nur von Mengen gesprochen, von zig Tonnen AB ist oft die Rede. Das klingt gruselig. Dass die Anwendung über falsche Zeiträume fast noch problematischer ist als die Anwendung selbst, fällt gerne hinten runter.

    Warum fürchten wir uns nicht? Weil es irgendwie doch ziemlich distanziert ist. Wer sein Fleisch beim netten Metzger um die Ecke kauft, glaubt, er wäre fein raus. Aber so einfach ist es eben nicht.

  7. Ich denke, das ist so ähnlich wie bei der Sache mit der NSA-Überwachung, über die sich auch kaum jemand so wirklich aufregt. Das ist einfach ZU groß. Ich kann nichts dagegen tun, dass mich die amerikanischen Geheimdienste überwachen, wenn sie das wollen. Und ich kann auch nichts gegen die Antibiotikaresistenz machen. Wenn es sich um Probleme handeln würde, gegen die man konkret etwas unternehmen könnte, dann wäre das vermutlich anders. Aber was könnte man hier konkret machen? Und wenn man einer Gefahr hilflos gegenüber steht, ist es fast verständlich, dass man probiert sie zu ignorieren…

  8. Sehr guter Blogpost, leider…

    Zwar gab es etwa bei SARS & Co. schon jeweils „leichte“ Angstaufwallungen – und ich erinnere mich gut, wie deutsche Landeskabinette schnell Millionenbeträge für Unmengen von Tamiflu zur Verfügung stellten -, aber „dann war es wieder doch nichts“ und andere Ängste (Terrorismus, Atom, Klimawandel, Handystrahlen etc.) bevölkerten die Bühne. Und dass entsprechend schützende Institutionen Alarm schlagen gehört inzwischen leider zum Hintergrundrauschen – jede Institution will schließlich gehört werden und höhere Budgets zugewiesen bekommen.

    Ich denke, die Furcht würde erst kommen, wenn das Thema – was zu befürchten ist – etwa anhand von Epidemien sichtbar würde. Hilfreich wären ggf. auch wissenschaftlich informierte Bücher und Filme, damit dann wenigstens schon Handlungsszenarien vorlägen. Schreib endlich einen Thriller, Lars! 🙂

  9. Wenn die Deutschen Spitäler wegen nosokomialen Keinen so fürchten wie AKW’s, dann ist die Angst angekommen. Am wirksamsten ist eine Angst nämlich, wenn sie mit etwas sehr Konkretem in Beziehung gebracht wird. Mit dem Mobiltelefon,das man täglich benutzt, der Hochspannungsleitung, die vor dem Haus über die Felder zieht, dem AKW oder Kohlekraftwerk.
    Es gibt zwar auch Mikrobenangst und Angst vor Keimen, das ist aber meist ein Zustand, der von Psychiatern behandelt werden muss. Im Alltag sind wir ja ständig von Keimen umgeben. Die gefährlichen Keime heben sich zuerst nich von den gewöhnlichen ab, sie strahlen nicht, haben keine gefährliche Färbung oder lassen sich mit dem Geigerzähler feststellen.
    Dazu kommt das Phänomen, dass Krankheit ein Ausnahemzustand ist, an den man normalerweise gar nicht denkt. Deshalb werden Fortschritte in der Medizin von den meisten auch nicht erwähnt, wenn sie vom technischen Fortschritt sprechen.
    Das gesamte Gesunheitswesen und die Medizin ist im allgemeinen Bewusstsein ein Separatbereich und zudem wie Florian Freistetter schreibt, zu gross und zu komplex, als dass man ein bestimmtes Thema innerhalb dieses Bereichs – beispielsweise die zunehmenden Antibiotikaresistenzen – als Angstthema herauslösen könnte.

  10. Das ist wirklich reichlich merkwürdig für einen rational denkenden Menschen. Ich selber empfinde Autofahren als unangenehm und mit dem Fliegen habe ich gar keine Probleme. Wenn ich mich in größeren Menschenmengen bewege, wasche ich mir häufiger die Hände, aber hätte kein Problem damit ein Kernkraftwerk zu besuchen. Ich würde auch lieber genetisch manipulierte Erzeugnisse essen als normal produzierte oder Biosachen.

    Die Gründe sind sehr einfach: Autofahren ist gefährlicher als Flugzeugfliegen, Erreger verbreiten sich oft schnell in Menschenmengen und genetisch manipulierte Erzeugnisse sind viel besser kontrolliert worden als Züchtungen.

    Aber wenn so etwas mal zum Gespärch wird, dann halten mich viele Menschen für bescheuert.

    Die Resistenzen der Bakterien empfinde ich als furchtbar, aber solange es noch Ärzte gibt, die bei Erkältungen Antibiotika verschreiben, weiß ich nicht was man da machen soll, außer selber verantwortungsvoll mit Antibiotika umzugehen.

  11. Pingback: Das Übel der Woche | Blauer Bote Magazin

  12. Ein Programm namens CONTAGION wäre doch eine Art Antwort der Infektiologen auf das Human Brain Project der Europäer und das BRAIN-Projekt der Amerikaner. Ein Moon-Shot-Programm also um neue Mittel gegen Bakterien und Viren zu erforschen.
    Denn wenn plötzlich wieder viele Menschen an hundskommunen Infektionskrankheiten sterben, dann nützen einem die Erkenntnisse der Hirnforschung nicht mehr so viel, weil dann viele Leute gar nicht mehr so alt werden, dass sie an Alzheimer sterben oder Parkinson entwickeln.

  13. Um selber eine Petition zu starten fehlt mir das nötige Wissen – ich denke, da sind andere besser geeignet als ich. Aber mitmachen würde ich glatt – wenn also jemand von euch eine Idee hat, an wen man gescheiterweise eine Petition richten sollte und was da genau drin stehen soll – ich bin voraussichtlich dabei (natürlich nur, wenn mir der Text tatsächlich vernünftig erscheint und zusagt)

  14. Nur eine Anmerkung, weil schon vieles gesagt ist:

    Doch! Wir können etwas tun gegen die AB-Resistenzen. Wir können heute aufhören, gedankenlos einzukaufen, Fleisch & Milchprodukte aus industrieller Tierhaltung zu essen. Heute!

    Ich finde übrigens, dieser Fleischkonsum könnte auch verboten werden. Weil er wie das Rauchen Unbeteiligte mitgefährdet.

  15. Joachim Schulz

    Spannend finde ich ja, dass Antibiotikaresistenzen immer mit falscher Anwendung in Zusammenhang gebracht werden:
    …wenn es die Massentierhaltung nicht gäbe…
    …wenn Ärzte nicht so schnell Antibiotika verschrieben…
    …wenn Patienten die Antibiotika immer streng nach Rezept nähmen…

    Es stimmt ja, dass verantwortungsvoller Einsatz von Antibiotika hilft, dass sich Resistenzen nicht zu schnell bilden. Aber resistent werden einige Erreger auf jeden Fall, auch bei ausschließlich sinnvollem Einsatz von Antibiotika. So funktioniert das Leben nun mal.

    Und was ist eigentlich sinnvoller Einsatz? Im Fall einer Infektion sollte man schon rechtzeitig Antibiotika einsetzen und nicht erst kurz vor der Sepsis.

  16. Wenn ich so etwas lese, werde ich nachdenklich, was Häme und Kritik gegen über Bio/Öko/Homöopathie usw. angeht. Nein, ich halte nicht viel von Homöopathie. Jedoch könnte man jetzt diese „alternativen“ Stile auf die eine Waagschale legen. Die Kritik daran gehen von Häme bis zum Hass des Netzes. Die härtesten Vorwürfe sind, dass dass Homöopathie bei fahrlässiger Anwendung auch Todesopfer fordern kann. Stimmt. Legen wir jetzt in die andere Waagschale den Gebrauch von Antibiotika bei jeder winzigen Erkrankungen – angefangen von nicht auskurierten Blasenentzündugngen über irgenwelche „Ich habe eine Erkältung, nehme jetzt Antibiotika“, frage ich mich, welche der Waagschalen in der Langzeitwirkung die wirklich schlimmere ist. Öko/Bio usw. sagt immer wieder „Ihr kennt die Langzeitweitwirkung nicht von Euren chemischen Mitteln“. Das stimmt so vielleicht nicht – wir kennen Sie. Aber wir ignorieren sie. Wenn ich solche Texte lese bin ich zumindest jedem dankbar, der sich nicht mit Antiobiotika vollstopfen lässt oder Antiobiotika-behandelte Tiere verspeist – aus welchen Motiven auch immer.

  17. Antibiotika-Resistenzen entwickeln sich zwangsläufig wie schon Fleming erkannte, aber Antibiotika-Resistenzen können auch wieder verschwinden, Bakterienkolonien ohne Resistenzgene also wieder die Oberhand gewinnen. Denn auch die Antibiotika-Resistenz ist für das Bakterium mit gewissen Kosten verbunden und vermindert seine Fitness in anderen Bereichen. Eine sehr einfache Methode um gegen Antibiotika-Resistenzen vorzugehen wäre das Verbot für gewisse ältere Antibiotika, gegen die es schon viele Resistenzen gibt. Später könnte man zu diesen alten, obsolet gewordenen Antibiotika zurückkehren. Und man würde wieder auf unvorbereitete Bakterienkolonien stossen. Funktioniert allerdings nur, wenn man solch ein Verbot möglichst weltweit durchsetzt.
    Jan Flemings Satz aus seiner Nobelpreisrede 1945 „It is not difficult to make microbes resistant to penicillin in the laboratory by exposing them to concentrations not sufficient to kill them, and the same thing has occasionally happened in the body.“ machte von Anfang an klar, wie man die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen verlangsamen könnte: Wenn man Antibiotika nur in letaler Dosis (für die Bakterien) und nur für eine bekannte Infektion mit einem Bakterium welches auf das Antibiotika anspricht verwendet, dann verlangsamt man diie Resistenzbildung. Doch im medizinischen Alltag sind diese Bedingungen selten erfüllt. Häufig setzt man Antibiotika auf Verdacht ein ohne eine genaue Diagnose oder gar einen Nachweis des bakteriellen Missetäters erbracht zu haben.Bessere Diagnoseverfahren und spezifischere Behandlungsmethoden würden also die Situation verbessern. Vielleicht werden in der Zukunft Nanosensoren durch unseren Körper zirkulieren und in einer Ergänzung unseres Immunsystems selbstständig nach Bakterien und Viren suchen. Wie würden sie die gewonnene Erkenntnis nach aussen vermelden? Wenn diese Nanokörperchen schwarmfähig wären würden sie sich vielleicht im Urins des Patienten zu einem Wort formieren wie E COLI O157:E7.

  18. Sehr guter Artikel, Lars. Man könnte noch ergänzen, dass die Menschen auch keine Angst vor den exotischen, unbehandelbaren Viruserkrankungen haben, die durch Klimawandel und weltweiten Flugverkehr immer mehr bei uns vordringen. Angst bekommen sie erst, wenn eine Epidemie tatsächlich ausbricht. Die Angst ist wirklich etwas seltsam verteilt. In Deutschland haben viele Menschen panische Angst vor Atomkraftwerken, die Radioaktivität, die mit dem radioaktiven Edelgas Radon in die Lungen eingebracht wird, interessiert sie aber nicht. Dabei sterben mehr als Hundert Menschen in der EU jedes Jahr daran. Die These, dass Radioaktivität wegen ihrer Unsichtbarkeit Angst macht, ist also nicht zu halten. Vielleicht hat es ja im Gegenteil mit der Sichtbarkeit zu tun? Ein Atomkraftwerk ist ein Monument der Technik, Bakterien sind unsichtbar und ubiquitär. Wenn erst die ersten unbehandelbaren Seuchen ausgebrochen sind, wird sich die Gleichgültigkeit wohl legen.

    • Ja, Angst hat viele irrationale Momente. Und verbreitet sich dennoch auch bei rationalen Menschen bis hin zu Regierungsstellen. So wird der Bau von neuen AKW’s durch neue Regulierungen zunehmend erschwert bis verunmöglicht und dabei werden Regulierungen erfunden, die absolute keine rationale Basis haben.
      Der Artikel Proposed EPA Rules are Kryptonite to New Nuclear berichtet darüber, dass die US-Regulierungsbehörde einen neuen extrem tiefen Grenzwert für Krypton-85 einführen will, der es neuen AKW-Typen sehr schwierig machen wird, überhaupt eine Zulassung zu bekommen. Dabei ist Krypton ein Edelgas, welches an keinen chemischen Prozessen teilnimmt und Krypton-85 wurde noch nie als Problem für die menschliche Gesundheit betrachtet sondern diente allenfalls als Indikator für Lecks. In neueren, sehr viel sicherern Nuklearreaktoren wie dem Liquid Fluorid Thorium Reactor entsteht eher mehr Krypton-85 als in heutigen. Ein solch neuer Grenzwert könnte deshalb die Entwicklung neuer Reaktrotypen erschweren – und genau das könnte das Ziel einer solchen Regulierung sein.
      Ich jedenfalls sehe in den westlichen Ländern, also Europa, den USA; Kanada und Australien wenig Chancen für neue AKW’s in den nächsten 20 Jahren. Und der Grund dafür sind irrationale Ängste, die es inzwischen bis in Regulierungsbehörden hinein geschafft haben.

  19. Treib dich mal bei den „Skeptikern“ der evidenzbasierten Medizin rum. Also bei allem was sich irgendwas mit natürlich und ganzheitlich anbappt. Die haben alle Angst. Und vor was? Vor Antibiotika, die dem Körper so schrecklich schaden.

    Braucht noch jemand Gesichtspalmenöl?

  20. Pingback: Tödliche Superbazillen in Chinesischen Abwasseranlagen « Omnium Gatherum

  21. Pingback: Markierungen 06/17/2014 | Snippets

  22. @Spacedude: „Kaltes Plasma“ wird insbesondere in der Dermatologie für schwer zu behandelnde Wunden mit Erfolg angewendet, da es zum einen Keime tötet und zum anderen die natürliche Wundregeneration stimuliert. Das Problem ist, dass die meisten Erkrankungen nicht nur an der Oberfläche stattfinden, sondern tief im Körper. Wie soll da der Plasmastrahl hinkommen?

  23. Hallo,

    die Angst, die Du beschreibst, ist für Krankenhäuser gar nicht so selten:

    http://www.merkur-online.de/service/gesundheit/allgemein/umfrage-deutsche-haben-angst-keimen-kunstfehlern-mueden-aerzten-zr-2532440.html

    oder der Originalartikel:

    http://crisislab.de/aktuelles/

    Das Einnehmen von Antibiotika wird auch von vielen kritisch gesehen. Aus Angst, die Darmflora zu schädigen (ist nicht ganz unberechtigt) und vor den Nebenwirkungen.
    Diese kritische Herangehensweise hat den Vorteil, dass nicht bei jeder Kleinigkeit Antibiotika genommen wird. Aber den Nachteil, dass so manchmal ein Infekt, den man schnell bekämpfen könnte, sich ausbreitet oder auch dass Therapien nicht durchgezogen werden.

    Der Einsatz von Antibiotika bei der Tierhaltung wird auch von vielen (mit oder ohne Angst) kritisch gesehen. Auf der anderen Seite gibt es dann die Angst der Landwirte vor zu viel Transparenz bei Antibiotika-Einsatz 😉

    http://www.nwzonline.de/interview/landwirte-haben-angst-vor-zu-viel-transparenz-bei-antibiotika-einsatz_a_11,5,1487430449.html

    Also über mangelnde Angst, kann man sich nicht beklagen.

  24. Habe eben Ihren Kommentar im Onlinestandard gelesen und finde es gut, dass sie zu diesem Thema schreiben. Von Ihrer Conclusio bin ich aber enttäuscht!

    „Die einzigen, die sich dafür interessieren, sind Fachleute – denn was Bedrohungen angeht, verlassen wir uns meist auf unser Bauchgefühl.“

    Wer ist denn verantwortlich für falschen Antibiotikaeinsatz in Krankenhäusern und der industrialisierten Tierhaltung (zumindest in den reichen Ländern)? Im einen Fall direkt Humanmediziner_innen, im anderen indirekt Veterinäre — Fachleute also…

    Anstatt psychologisierend die fehlende Angst der breiten Öffentlichkeit (die mangels Expertise wenig Wahl hat, als genau diesen Fachleuten zu vertrauen) zu bemängeln, wäre es da nicht interessanter und realitätsnäher, mithin auch zielführender, materialistisch zu analysieren, welche Motivationen dazu geführt haben, dass wir diese Bedrohung eben jenen Fachleuten zu verdanken haben? Ich nehme an, dass es wohl nicht deren Bauchgefühl sein wird…

    PS: Ein Standardleser sind sie anscheinend nicht – sonst hätten Sie auch schon von „Auto-Angst“ vulgo Fahrangst gehört 🙂 – s. http://derstandard.at/2000001987698/Es-gibt-ein-Leben-ohne-Fahrangst

  25. LOL auch eine Möglichkeit, den Einsatz von Antibiotika zu vermindern:

    http://www.agrarheute.com/homoeopathie-milchviehhaltung

    Und richtig, weil da nichts, aber auch gar nichts drin ist in diesen „Medikamenten“ gibt es auch keine Rückstände, Nebenwirkungen und Resistenzen. Wenn es dann aber wirklich schlimm kommt, gibt es Antibiotika.
    Das interessante daran, damit die Homopatika „wirken“ muss man die Missstände (Belastung von Futter, Luft) vorher abstellen. Das ist so, wie mit den Abnehmpillen, die dann (und nur dann) gut wirken, wenn man gleichzeitig viel Sport macht und weniger isst.

    Was soll man zu solchen Leuten sagen? Machen lassen, obwohl sie sich selbst mit ihren Placebomedikamenten belügen, weil unterm Strich etwas gutes herauskommt (Tiere besser beobachten, Missstände abstellen, nur wenn nötig Antibiotika) oder aufklären, was für ein Humbug sie da veranstalten?

  26. Pingback: Asteroiden und Antibiotika › RELATIV EINFACH › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  27. Das Problem mit allen volkswirtschaftlichen Prognosen ist, dass niemand in der Lage ist zu modelieren, was der Preismechanismus hervorbringt. Den Daten von Papern vertraue ich grundsätzlich nicht. Das liegt an meiner Erfahrung aus 1./2./3. Hand.

  28. Hand aufs Herz: Es gibt bereits eine gobale Bürgerbewegung, die sich dem Thema Antibiotikaresistenzen angenommen hat: Biostrike
    Auf der Website des Prager Hackerspace eine kurze Zusammenfassung:
    http://brmlab.cz/project/biolab/biostrike
    Ende Juni hatten wir in Helsinki beimPixelache Festival dazu eine kleine Konferenz:
    http://www.pixelache.ac/blog/2014/bio-commons/
    eine Publikation über die Ergebnisse der Beratung folgt in kürze.
    Wer sich uns anschließen möchte kann sich gerne bei mir meden (und am besten unseren Verein biotinkering e.V. unterstützen)
    trojok-at-openbioprojects-dot-net

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