Statt Weltraumforschung – Hunger und Armut beenden! Oder so ähnlich…

Manche Leute haben schon etwas schlichte Vorstellungen, wie die Welt da draußen so funktioniert. Das hat sich auch anlässlich der Landung von Philae auf der interplanetaren Hüpfburg Tschurjumow-Gerasimenko mal wieder gezeigt: In den Kommentarspalten der größeren Nachrichtenportale und vor allem in Foren kann man auch diesmal wieder die beliebte Forderung lesen, man solle doch mit all dem Geld lieber die Probleme hier auf der Erde lösen.[1]

Nun ist das kein neues Argument, und weshalb bemannte und sonstige Raumfahrt eben auch sinnvoll und wichtig für die Menschheit ist, haben diverse Leute schon mal durchdekliniert. Mir erschließt sich auch nicht, weswegen man ausgerechnet diese beiden Bereiche gegeneinander ausspielt. Vor allem aber sollte man die unausgesprochene Grundannahme dabei hinterfragen: Nämlich dass die in Rosetta und Philae investierten etwa einskommavier Milliarden Euro bei der Bekämpfung von Hunger und Armut überhaupt einen Unterschied machen würden.
Das scheint mir gar nicht so klar zu sein, schon weil sich gezeigt hat, dass mit Geld bewerfen selten eine Lösung für komplexe Probleme ist. Im Gegenteil, seit Jahrzehnten üben speziell afrikanische Wissenschaftler und Intellektuelle Kritik an den einschlägigen Hilfsprogrammen – in diesem Interview zum Beispiel erklärt ein kenianischer Ökonom, Hilfsgelder förderten Korruption und Misswirtschaft, außerdem deutet einiges darauf hin, dass Wirtschaft und Wirtschaftspolitik in den Empfängerländern gestört werden.

Funktioniert Entwicklungshilfe?

Das lässt sich bei größeren Geldströmen nicht vermeiden und wäre auch akzeptabel, wenn der Erfolg die Nachteile rechtfertigte. Das aber ist mindestens umstritten – und das, obwohl die Forschung zur Effektivität von Entwicklungsprojekten in den letzten zehn Jahren einen enormen Aufschwung erlebt hat (der Zyniker in mir vermutet, weil die Ergebnisse in den Jahrzehnten zuvor so desaströs waren).

Dabei kommt laut dieser Meta-Analyse etwa ein Drittel der Untersuchungen zu dem Schluss, dass die Hilfen tatsächlich das Wirtschaftswachstum in einigen Staaten ankurbeln. In einem anderen Paper hängen die Erfolge von den lokalen Gegebenheiten ab, allerdings sind die Daten da eher dünn. Oberhalb eines gewissen Betrags wiederum scheinen Hilfsgelder generell Schaden anzurichten. Und so weiter. In der Summe ist es wohl fair zu sagen, dass Hilfen manchmal was bringen, allerdings weiß man nicht so genau, wann und wie viel. [2]

Trotz all dieser Unsicherheiten hat sich die Weltlage in den letzten Jahrzehnten durchaus gebessert – man braucht nur mal die Vorträge von Hans Rosling zu hören, der unermüdlich auf die Erfolge hinweist. Und auch bei den Millennium Development Goals ist das Bild zwar gemischt, aber keineswegs düster. Nur – liegt das an den Hilfsgeldern oder an allgemeineren Einflüssen? Die These ist nicht so einfach von der Hand zu weisen, dass strukturelle Faktoren wie Handelsnetzwerke, Subventionsabbau in den Industriestaaten oder auch das Ende der Stellvertreterkonflikte des Kalten Krieges letztendlich wichtiger sind als die Hilfen selbst.

Mehr Fragen als Antworten

Klären lässt sich das jedenfalls nicht so einfach. Die Fachwelt ist nach wie vor auf der Suche nach brauchbaren Indikatoren für den Erfolg, genauso wie nach Methoden, tatsächliche Effekte von allgemeinen Trends oder den Konjunkturzyklen zu trennen. Korrelationen gibt es viele – Wirkungen zu bestimmen ist schwierig. Und damit haben wir noch nicht mal solche Feinheiten diskutiert wie den Einsatz von Hilfsgeldern als politische Landschaftspflege, oder dass die Mittel teilweise in die Geberländer zurückfließen. Das Thema ist komplex, aber das Bild wird nicht hübscher, wenn man genauer hinguckt.

Zu guter Letzt kann man sich ja auch einfach mal die Dimensionen klar machen, in denen sich die globalen Probleme und die Versuche zu ihrer Lösung abspielen. Seit 2004 haben Rosetta und Philae 1,4 Milliarden Euro gekostet – 140 Millionen Euro pro Jahr. Zum Vergleich hat allein das World Food Program im gleichen Zeitraum Hilfen mit einem Wert von 32 Milliarden US-Dollar verteilt. Die EU-Staaten haben sich außerdem bereiterklärt, jährlich 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für globale Entwicklung aufzuwenden – wenn ich mit den Zahlen nicht durcheinandergekommen bin, wären das etwa 83 Milliarden Euro jährlich.

Allein das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat 2014 einen Etat von etwa sechseinhalb Milliarden Euro. Das ist das Anderthalbfache des gesamten ESA-Budgets von 2013. Eine Mission wie Rosetta einzustampfen und das Geld für Entwicklung auszugeben, würde bloß die erste Nachkommastelle ändern, bei einem Ausgabenposten, dessen Nutzen ist einem beträchtlichen Teil der Fälle durchaus umstritten ist. Die Gleichung Mehr Geld = Weniger Armut funktioniert so einfach nicht,[3] und schon gar nicht, wenn sie auf Kosten von Wissenschaft und Bildung geht.[4]

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[1] Ich hatte allerdings den Eindruck, dass es dieses mal nicht so schlimm war – möglicherweise weil die Mission und ihre Ergebnisse so augenscheinlich eindrucksvoll und relevant sind.

[2] Ohne jetzt Daten dafür zu haben, würde ich bei medizinischen Programme gegen Infektionskrankheiten und Parasiten von einem ganz erheblichen Nutzen ausgehen. Einfach weil der wirtschaftliche und soziale Schaden durch solche Krankheiten so immens ist.

[3] Korrekterweise muss man sagen: Im gegenwärtigen System. Es ist eigentlich naheliegend, Armut zu bekämpfen, indem man den Armen einfach Geld gibt – und als das mal jemand versucht hat, hat es wohl auch ganz gut funktioniert. Ich vermute aber, diese Methode kollidiert zu sehr mit Vorstellungen darüber, wie Gesellschaften funktionieren sollten.

[4] An diesem Punkt wollte ich eigentlich vorschlagen, die komplette Wirtschaftshilfe zu streichen, dafür die Agrarsubventionen der EU auch abzuschaffen, die frei werdenden Gelder der ESA zu geben und damit trotzdem noch den armen Ländern mehr zu helfen als jetzt. Leider geben die Zahlen das nicht ganz her – der Schaden durch die Agrarsubventionen ist geringer als die Hilfsgelder, und das Thema Subventionen insgesamt etwas komplexer.

Lars Fischer

Veröffentlicht von

www.fischblog.com

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

32 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Aktuell ist Entwicklungshilfe ein kolonialistisches Relikt nicht unähnlich dem Münzeinwurf in den daraufhin nickenden Mohrenkopf. Weltweit sind es 150 Milliarden Dollar jährlich, während Migranten aus den Entwicklungsländern, die in den Industrieländern arbeiten, jährlich 350 bis 550 Milliarden Dollar nach Hause schicken, Geld das zudem bei Familienmitgliedern der Migranten ankommt und damit nicht in dubiosen Projekten versickert. Weniger Zölle, bessere Handelsbeziehungen und Investitionen sind alles Dinge, die den Entwicklungsländern mehr helfen würden als Entwicklungshilfe.
    Trotzdem sind die Ausgaben für Entwicklungshilfe deutlich höher als für Raumfahrt. Aber auch die Ausgaben für Haustiere oder Kosmetika sind höher. Das war schon immer so. Mit den Gesamtausgaben für das mehrjährige Apolloprogramm (Mondlandung) hätte man seinerzeit das jährliche US-Verteidigungsbudget gerade einmal 2 Monate finanzieren können. Warum spricht man dann von Geldverschwendung wenn es um die Raumfahrt geht? Wohl weil das ein Reflex ist, der ohne Nachdenken stattfindet, ein Reflex, der gewissen Leuten das gute Gefühl verschafft auf der richtigen Seite zu stehen.

  2. „ausgerechnet diese beiden Bereiche“

    Tut man ja auch nicht – im Besonderen.
    Der Welthunger ist universelles Gegenargument. Noch nicht aufgefallen?

    Holzherr trifft mal wieder voll ins Schwarze:
    Eine Welthungersteuer auf Kosmetika. Ich glaube die wäre ergiebiger, als die Entscheidung zwischen Weltraumforschung und Hungerhilfe.
    Ich habe neulich kritisiert, dass die am Cern sich ein neues, noch größeres Spielzeug (Beschleuniger) wünschen. Das fand ich dann auch wenig kreativ und sinnvoll. Alternativ regte ich einen Fahrstuhl ins All an. Und wo der dann schon da ist, kann man dann auch einen Beschleuniger an der obersten „Etage“ bauen.
    Ich glaub, das kann noch zu einem echten Hirnwurm viraler Art werden. Den kriegen die nicht mehr aus dem Hirn raus – und vergessen im Gedanken an den Beschleuniger im All den auf der Erde.

    Das „gute Gefühl“ ist auch realität. Vor einer gewissen Zeit ist es eine gute Strategie gewesen, als Promi für Spenden zu werben. Diese Spendenindustrie ergb damals sicher eine nicht unerhebliche Summe. Aber so richtig kann ich nicht erkennen, dass – weil die Spenden einbrachen, die Welt verhungert sei. O.k., zusammengebrochen ist sie dann aber schon – seit 2008 / 2011.

    • Falls die Gelder für Weltraumforschung gestrichen werden (weil Welthunger), was passiert denn dann mit den ganzen Wissenschaftlern, Ingeniööören und studentischen Praktikanten? Werden die dann verhungern?

      • Das ist auch ein Punkt: Natürlich finanzieren Forschungsvorhaben den Lebensunterhalt der Beteiligten. Den Gedanken mit dem Weltraumfahrstuhl kann ich nur unterstreichen – aber ob das wichtiger oder zweckmäßiger als CERN, weiß ich nicht.

  3. Um es mal mit einem beliebten Internet-Buzzword zu sagen: Der Raumfahrt fehlt einfach die passende Narration.

    Wenn man Raumfahrt immer nur in eine Reihe mit anderen Forschungsvorhaben stellt, hat z.B. Rosetta es im Vergleich mit z.B. Arzneimittelforschung natürlich ziemlich schwer.

    Ich finde, Raumfahrt muß in den Kontext der Besiedlung des Universums gestellt werden. DAS ist ein Menschheitsprojekt, generationen- und völkerübergreifend.

    • Besiedelung des Universums ist etwas was kein heute lebender Mensch mehr erleben wird. Schon die dauerhafte menschliche Präsenz auf einem anderen Himmelskörper halte ich in meiner Lebensdauer (bin bei ca. 40% der Lebenserwartung meiner Alterskohorte) für nicht sehr wahrscheinlich.

      Ich halte es eher für sinnvoll, klarzumachen dass Astronomie und Raumfahrt Grundlagenforschung sind. Kein Mensch weiß heute was einmal mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen sinnvolles angestellt wird.
      Siehe Neil DeGrasse Tysons Beispiel mit dem Computertomographen. Irgendwo bei Youtube/Google zu finden.

  4. Es hört sich zwar schön einfach an, Geld aus wissenschaftlichen Projekten in wohltätige zu stecken und damit die Welt zu retten, doch es ist eine Tatsache, dass Wohltätigkeit weniger den Bedürftigen hilft als vielmehr den Spendern (für das gute Gefühl). Mal abgesehen von bürokratischen Wasserköpfen (teuer!) und ggf. Korruption in den Empfängerländern (auch teuer), die einen Teil der Gelder verschlingen, müssen wir weg vom christlichen Bild der edlen Spender und den „Armen“, denen gegeben wird. Den Armen helfen nämlich keine Almosen, selbst wenn sie als millionenschwere Entwicklungsprojekte daherkommen, sondern nur Gerechtigkeit. Und natürlich eine Eindämmung des internationalen Waffenhandels, damit dieses scheinheilige „huch, ein Bürgerkrieg/Aufstand, und sie schießen mit deutschen/amerikanischen/russischen/wasauchimmer Waffen. Wie konnte das passieren?“ endlich aufhört und die vor allem durch die Kraft der Ersten Welt verordnete Dauerarmut ausgelaugten Länder überhaupt die Möglichkeit bekommen, sich zu entwickeln.

  5. Hi,
    Ich habe mich über die Berichterstattung in den Medien aktuell ziemlich geärgert.

    Für Forschung muss man Menschen begeistern, muss Ihnen den Sinn und den Zweck erklären.
    Wenn ich sehe, mit welcher „Begeisterung“ die etablierten Medien über Wissenschaft im Allgemeinen oder jetzt speziell über die Rosetta Mission berichteten ist es nicht verwunderlich, daß die Kostenfrage von der Bevölkerung gestellt wird.
    Ob Zeit, SZ, Taz oder sonst wer, bezeichneten doch schon in der Überschrift gleich alles, was nicht nach deren vermeintlichen Sinn lief als Fehlschlag(!).
    Die SZ hatte das ganze Wochenende über unter „Rosetta Mission“ nur einen Bericht „Physiker entschuldigt sich für Hemd“.
    Nichts über das was vom MUPUS Twitteraccount berichtet wurde, keine Erklärung, was alles super lief, was an Ergebnissen erwartetet werden kann, welch technische Meisterleistung das ganze war, etc.
    Nein, es muss typisch deutsch erst mal rumgemäkelt werden.
    Meiner Meinung nach herrscht in den Redaktionsstuben der „Qualitätspresse“ völliges Desinteresse an wissenschaftlichen Themen, auch scheint kein Wille da zu sein sich über ein wissenschaftliches Thema zu informieren. Man berichtet halt das was dpa einem vorkaut.

    Somit ist es kein Wunder, daß die Bevölkerung die Kostenfrage stellt, wenn man ihnen alles als „Fehlschlag“ verkauft.

    Ich weiß noch, welche Begeisterung zur Mondlandung herrschte, da wurde die ganze Nacht darüber berichtet (Ja, ich durfte mir das als Kind auf dem Fernseher des Großvaters ansehen).

    Zur Rosetta Mission hätte sich ein Brennpunkt in der ARD oder zumindest ein Bereicht zur besten Sendezeit abgeboten. Aber nicht mal dazu waren die öffentlich rechtlichen Sender in der Lage. Will man Menschen begeistern reicht es eben nicht in einem Spartensenden oder um 23:00 zu berichten.

    Ok, genug geschimpft jetzt 😉

    Tolle Beiträge übrigens immer unter SciLogs im Allgemeinen und von Dir im Speziellen. Danke!

    Grüße
    Reinhold

    • Danke für das Lob. 🙂

      Aber hast du wirklich den Eindruck, dass viel an Rosetta/Philae rumgemäkelt wird? Ich fand die Berichterstattung über weite Strecken ordentlich, einige Sachen waren auch echt super. Insofern weiß ich nicht ob ich das so unterschreiben würde.

  6. Gut angemerkt, eine Milliarde Euro oder mehr sind zwar viel Geld -es soll darüber geredet werden-, würden aber bspw. den Leistungsempfängern in D vielleicht fünf Euro mehr in der Tasche bedeuten, monatlich und auf ein Jahr bezogen; der Vergleich mit der Entwicklungshilfe bietet sich exakt nicht an, denn dort muss ein Mehr an Zahlung nicht ein Mehr an wirklicher Hilfe bedeuten.

    MFG + einen schönen tschechischen Nationalfeiertag noch,
    Dr. W

  7. Als jemand der in Entwicklungsländern lebt, kann ich nur anmerken, dass nicht die Höhe der Hilfe entscheidend ist, sondern was nach Abzug der (exorbitanten) Gehälter der Entwicklungshelfer und ihrer Berater im Land bleibt (die ebenfalls hohen lokalen Gehälter werden wenigstens in den Konsum gesteckt). Entwicklungshilfe wird selten in Erfolg gemessen sondern meistens schlicht mit einem Report beendet.

  8. Oh keine Grundlagenforschung mehr, wir werden alle sterben.
    Am Ende dieser Forschungen steht dann wieder eine Atombombe eine Drohne ein irgendwas.
    Man kann sich in seiner Forschungsblase einrichten und das alles toll finden weil man heimlich hofft man hätte ein wenig StarTrek um sich. Am Ende wird es nur ein THX 1138. Mehr wird es nicht, wenn man sich mal umschaut.
    Tut mir leid, ich kann diese Euphorie nicht mehr teilen, die bunten SciFi Bildchen wirken bei mir nicht.

    • Dir ist aber schon aufgefallen, dass du diesen Beitrag mit Hilfe eines per Grundlagenforschung entwickelten Gerätes und eines per Grundlagenforschung entwickelten Netzwerkes liest und kommentierst? Wann endlich werden die „Grundlagenforschung ist sinnlos“-Nörgler endlich die notwendige Konsequenz ziehen?

  9. Ich kann das Argument sehr gut nachvollziehen, dass das Geld in der Entwicklungshilfe nicht viel tun würde. Aber das heißt nicht, dass alles in Ordnung wäre. Denn es gibt noch andere Möglichkeiten das Geld auszugeben. Auch in der Forschung.

    Die Mission ist zu teuer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man von den 1,4 Milliarden Euro für die Rosettamission nicht hunderte Millionen hätte einsparen können. So furchtbar neu war an der Mission eigentlich nichts. Man bringt eine Kiste mit Solarzellen, Triebwerken, Antennen und Nutzlasten ins Weltall und lässt sie dort einige Jahrzehnte fliegen. Das kennt man. Sowas nennt man Satellit. Die sind viel billiger, ohne Qualitativ etwas anderes zu sein als eine Weltraumsonde.

    Ausführlicher gibt es das auf meinem Blog:
    http://tp1024.wordpress.com/2014/11/17/ist-forschung-zu-teuer-ja/

    • Ich würde ihre Kritik an den Kosten der Mission ernst nehmen, wenn Sie zuerst einmal schauen würden wie sich diese Kosten zusammensetzen.

      So bleibt leider nur eine Sammlung von nutzlosen Vergleichen und halbgaren Ansätzen was so eine Mission kosten „darf“.

      • Wenn es eine Aufstellung darüber gibt, wie sich diese Kosten zusammensetzen, dann habe ich sie nicht gefunden. Außer der Angabe, dass der Lander Philae 200mio Euro davon ausmacht. Vielleicht habe ich falsch gesucht, das passiert mir auch ab und an. Aber das einzige das ich gefunden habe, war der Hinweis, dass andere Dinge teurer sind.

        Ich sehe auch nicht, wie der Vergleich mit anderen Raumfahrzeugen nutzlos sein kann. Indien hat gerade einen umgebauten Satelliten erfolgreich zum Mars geschickt. Die Technik ist in fast allen Belangen die gleiche, es gibt keine magische Soße die man braucht um von der Erde weiter weg zu fliegen als ein Satellit – nur die ausreichende Geschwindigkeit.

        Wenn ich das typische Budget eines Kommunikationssatelliten mit einer typischen Raumsonde vergleiche, dann sind die einizgen Unterschiede die Nutzlast und die Geschwindigkeit beim Start. Raketen sind im Vergleich zum Budget sehr billig, das kann nicht die Ursache sein. Was ist also der Unterschied? Die Durchführung der Mission kostet nicht im Ansatz hunderte Millionen von Euro, die den Kostenunterschied erklären würden. Wenn 20 Instrumente eine Milliarde Euro kosten, dann hätte man eher sagen müssen: Tut uns leid, das geht nicht. Darauf hin hätte man sich überlegen müssen, welche Instrumente in welcher Qualität brauchbare Daten liefern und nicht welche Instrumente die bestmöglichen liefern.

        Aber anstatt einer ernsthaften Diskussion woher die Kosten für solche Missionen kommen, liest man Vergleiche mt Kinokarten. Da stehe ich mit meinen „halbgaren Vergleichen“ mit Sicherheit besser da.

        Ich finde Weltraumforschung wichtig, aber ich finde es nicht in Ordnung, wenn man den Preis mit „Raumfahrt ist halt teuer“ rechtfertigt, während gut vergleichbare Instrumente mit einem Bruchteil der Kosten auskommen. Ich habe auch kein Problem damit, dass so eine Mission ein oder zwei hundert Millionen Euro mehr als ein Nachrichtensatellit kostet. Es sind hochwertige Instrument mit an Bord, das hat seinen Preis.

        Aber eine Milliarde ist verdammt viel Geld, für das man eine Rechenschaftspflicht hat, der man hier nicht nachkommt. Die meisten Erkenntnisse hätte man auch mit einfacherer und billigerer Technik gewinnen können. Geld für eine eine zweite und eine dritte Mission wäre dann noch übrig gewesen, die man mit aktuelleren Instrumenten zum gleichen Preis hätte durchführen können.

        • Joachim Schulz

          Es ist nicht fair, die Kosten einer wissenschaftlichen Mission mit denen eines kommerziellen Nachrichtensatelliten zu vergleichen. Beim Nachrichtensatelliten gehen in die Kosten die Kosten der zugekauften Komponenten, die Herstellung und anteilig die Entwicklung ein. Ist der Satellit dann in Betrieb, verdient er Geld. Der Betrieb eines Nachrichtensatelliten, seine Benutzung verursacht Einnahmen und keine Kosten mehr. Bei einer Sonde für Grundlagenforschung umfassen die Kosten dagegen das gesamte Forschungsprogramm. Die Daten werden ja nicht verkauft, sondern im Rahmen des Forschungsprogramms ausgewertet und publiziert.
          Man muss auch beachten, dass bei der Entwicklung eines Forschungssatelliten universitäre und universitätsnahe Institute beteiligt sind, die im Rahmen der Entwicklung wissenschaftlichen Nachwuchs aus- und weiterbilden. Ein nicht unerheblicher Teil der Kosten dürfte in Post-Doc-Anstellungen geflossen sein und damit dazu beigetragen haben, dass wissenschaftlicher und technischer Nachwuchs wichtige Erfahrungen gesammelt hat. Diese Post Docs sind auch an der Ausbildung von Studierenden beteiligt, so dass ein Teil der Kosten für die Satellitenentwicklung auch der Ausbildung von Studierenden dient.

          • In die Kosten von beiden gehen „in die Kosten die Kosten der zugekauften Komponenten, die Herstellung und anteilig die Entwicklung ein“. Das sind die Kosten. Punkt. Egal ob hinterher Geld damit verdient wird oder nicht.

            Es sind die Kosten und es liegt in beiden Fällen im Eigeninteresse der Betreiber die Kosten möglichst niedrig zu halten. Im einen Fall um mehr Profit zu haben, im anderen um mit dem vorhandenen Forschungbudget mehr Forschung zu betreiben.

            Wenn es stimmt, dass die Kosten dadurch entstehen, dass Postdocs Instrumente entwickeln, dann sollte man das ERNSTHAFT in Frage stellen. Es geht um Wissenschaft. Warum überlässt man das nicht Experten die ernsthafte Erfahrung damit haben oder nimmt fertig entwickelte Geräte?

            Es geht in der Wissenschaft darum möglichst viele und gute Daten zu bekommen, möglichst von verschiedenen Objekten. Man kann das kaum erreichen, wenn man nicht versucht die Kosten so niedrig wie möglich zu halten. Wir haben die Wahl ein fertiges Instrument kaufen oder Experten dessen Entwicklung zu überlassen, um möglichst schnell ein zuverlässiges Instrument mit möglichst wenig Aufwand zu bekommen. Wer lernen will, solche Instrumente selbst zu bauen, der sollte sich bei einer Entwicklungsfirma bewerben. Die Forschung ist dafür nicht da.

            Wir wollen möglichst viel über unser Sonnensystem und den Rest des Universums wissen. Es wäre wirklich dumm, wenn wir wegen einer stumpfsinnigen „aber das wollen wir hier selber machen“ Mentalität nur ein Drittel der Missionen fliegen können, bei denen noch dazu die Zuverlässigkeit fraglich ist.

            Sorry, eine Kaltgasdüse ist so ziemlich das simpelste Triebwerk überhaupt. Wenn soetwas ausfällt, wie bei Philae, dann *müssen* ernsthafte Fragen gestellt werden, wie das passieren kann. Das ist nicht unfair. Das ist man der Öffentlichkeit, die dafür gezahlt hat, genauso schuldig wie den anderen Forschern, die keine Mission fliegen konnten.

            Die Frage nach den Kosten ist keine Prinzipienreiterei von verbohrten BWLern und wissenschaftsfeindlichen Politikern die sich gefälligst aus der Wissenschaft heraus zu halten haben. Nein. Es ist die zentrale Frage, wie man aus den vorhandenen Mitteln das bestmögliche Ergebnis bekommt. Und in dieser Frage gibt es bei Rosetta und vielen anderen Missionen ganz erheblichen Verbesserungsbedarf – und nicht nur im einstelligen Prozentbereich.

          • Joachim Schulz

            tp1024: „Es geht in der Wissenschaft darum möglichst viele und gute Daten zu bekommen, möglichst von verschiedenen Objekten.“

            Sorry, aber das ist Unsinn. Die Daten sind nichts Wert, wenn sie nicht in Theorien eingeordnet und ausgewertet werden können. Deshalb steckt in den Kosten für eine Forschungssonde eben die wissenschaftliche Vorbereitung und Auswertung drin. Und Experten für soetwas sind meist junge Wissenschaftler, die bereits in ihrer Promotion ihre Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten bewiesen haben. Sogenannte Post Docs.

            „Die Frage nach den Kosten ist keine Prinzipienreiterei von verbohrten BWLern“

            Die Forderung nur auf gleichem Wege ermittelte Kosten miteinander zu vergleichen ist auch keine Prinzipienreiterei von verbohren Wissenschaftlern. Die 1,4 Milliarden Euro umfassen mehr als die Konstruktions- und Materialkosten für die Sonde. Das ist eine Tatsache. Wenn Sie sich nur für diese interessieren, wäre es fair, sich diese zu besorgen und nur sie zu vergleichen.

          • Die Theorien, in die die Ergebnisse eingebettet werden, gibt es schon vor der Mission. Die gibt es schon bevor auch nur der erste Antrag für die Finanzierung einer Mission geschrieben wird, denn genau damit wird der Antrag begründet.

            Für solche Theorien und Wege sie zu überprüfen sind junge Wissenschaftler in der Tat oft Experten. Aber nicht im Bau eines Spektrometers, einer Kamera oder anderer Instrumente. Ihre Befähigung sollten sie mit dem ersteren Nachweisen, nicht mit dem letzteren. Es seie denn es gibt tatsächlich keine bessere Möglichkeit ein solches Instrument zu bekommen, weil sie einzigartig sind und anderswo nicht genutzt werden. In den meisten Fällen möchte ich das aber bezweifeln.

            Ich interessiere mich sehr für die Kosten, aber ich habe keine Aufstellung gefunden, wie sie diese entstehen. Trotz ernsthafter Suche. Sie scheinen sich damit weitaus besser auszukennen und sind vielleicht besser in der Lage etwas derartiges zu finden.

  10. Wäre noch anzumerken, dass auch die weltweiten Krisen eine Menge Geld verschlingen. Man denke nur an die großflächigen Zerstörungen durch regionale Konflikte oder Kriege. Abgesehen vom Leid der Menschen und der Umweltbelastung durch Kriegsmunition oder der Zerstörung von Ölfeldern etc. muss die kaputte Infrastruktur ja immer wieder aufgebaut werden, was nicht nur beträchtliche Kosten verursacht, sondern auch gewaltige Ressourcen verbraucht. Leider sehen die Kritiker der Weltraumforschung hier kein Sparpotential und fordern aus diesem Grund auch keine Deeskalation oder die Erweiterung diplomatischer Anstrengungen. Dabei ist gerade in den Brandherden dieser Welt die Armut und der Hunger besonders groß.

    Es macht meines Erachtens wenig Sinn zu sagen, man solle das Geld den Armen geben anstatt zu forschen. Die Armen sind ja nicht wegen der Weltraumforschung arm, sondern weil die Volkseinkommen ungerecht verteilt sind.
    Siehe dazu auch: http://www.welt.de/finanzen/geldanlage/article131513001/Ungleichheit-kostet-Welt-Billionen-an-Wohlstand.html

    • Ja, warum soll Geld in Kriegen, Verteidigungsbudgets, Kosmetika, Pharmaforschung und diversen Freizeitaktivitäten besser angelegt sein als in der Weltraumforschung? Warum entzieht gerade die Weltraumforschung mir ihren Missionen in das leere All dem Kampf gegen Hunger und Armut die nötigen Gelder, nicht aber Krieg oder Ferienflüge auf die Malediven? Die Anwort geht wohl in folgende Richtung: Der Weltraum ist nichts für Menschen und sich damit zu beschäftigen hilft der Menschheit in keiner Weise, denn Menschen wollen essen, sich amüsieren, ein reiches Leben voller neuer Erfahrungen führen, eventuell gegen ihre Feinde und für die Freiheit kämpfen, alles Dinge, die man im kalten, leeren Weltraum nicht tun kann.
      Lieber dem Baby die Windeln wechseln als eine Sample-Return-Mission zu einem Kometen oder Mars planen und finanzieren.
      Diese Sicht spricht aber dem Menschen eine ganze Dimension ab, die Dimension der Neugierde und des Wissensdursts, die Dimension des Forschens und Grenzen Überwindens.
      Wer den menschlichen Alltag gegen die menschliche Neugier und den menschlichen Wissensdurst ausspielt und den Menschen am liebsten als Erdling sieht, der mit breiten Füssen in der Realität verwurzelt ist, der müsste konsequenterweise auch gegen Religion sein. Was soll denn die Beschäftigung mit einem übersinnlichen, transzendeten Geist, einem überempirischen Wesen dem Menschen in seinem Alltag bringen? Lenkt das nicht vom prallen Leben ab? Ist das nicht noch schlimmer als Weltraumforschung?

      • Diese Sicht spricht aber dem Menschen eine ganze Dimension ab, die Dimension der Neugierde und des Wissensdursts, die Dimension des Forschens und Grenzen Überwindens.

        Korrekt, das Mampfen ist wichtig, taugt aber nicht als Alleinbegründung aller Vorhaben und insofern ist das Gegeneinanderausspielen, wie im Artikel beschrieben, dumm bis bösartig.
        Womit auch Positives über die Religion gesagt wäre, wenn auch nicht über alles Religiöse und über alle Religionen.
        MFG
        Dr. W

      • Sie schreiben: „Wer den menschlichen Alltag gegen die menschliche Neugier und den menschlichen Wissensdurst ausspielt und den Menschen am liebsten als Erdling sieht, der mit breiten Füssen in der Realität verwurzelt ist, der müsste konsequenterweise auch gegen Religion sein.“

        Hat die bemannte Raumfahrt eine spirituelle Dimension für Sie? Weltraumforschung würde ich jetzt nicht mit Religion vergleichen wollen. Obwohl es Menschen gab, die sich mit beidem befassten, so wie der französische Jesuit und Wissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin, der den Satz prägte: „Wir entstammen dem Weltraum, wie das Leben dem Meer entstammt“. Vielleicht kehren wir ja irgendwann wieder in den Weltraum zurück. Das Ganze könnte dann so aussehen: http://www.youtube.com/watch?v=FNTMoEh6Kkw&list=PL4CB6CABCC0E19286

        • „Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir“ erfüllen nach Kant das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung. Der bestirnte Himmel steht dabei für das physische Universum in dem wir leben und das moralische Gesetz in uns will Kant mit diesem Spruch quasi auf die gleiche Stufe setzen, was doch zeigt, dass für ihn das physische Universum – das vor allem aus dem Weltall mit einigen Einsprengseln wie der Erde besteht – der Masstab ist an dem der Wichtigkeit anderer Dinge misst.
          Die allerersten astronomischen Beobachtungen wurden auch aus religiösen Gründen gemacht und sollen beispielsweise in die Positionen der Stein im Steinkreis von Stonehenge eingeflossen sein. Eine spirituelle Dimension hat die Raumfahrt aber auch in einigen kinematographischen Werken, in Odyssee 2001 beispielsweise.
          Die spirituelle Dimension des Weltalls, in das wir eingebettet sind, kommt vor allem dadurch zustande, dass der Mensch das erste Lebewesen auf der Erde ist, welches die ganze belebte und unbelebte Welt überschauen und begreifen kann und der in der Lage ist seine eigene Position darin auszumachen.

          • @Martin Holzherr:
            „Die allerersten astronomischen Beobachtungen wurden auch aus religiösen Gründen gemacht“

            Gut, die kath. Kirche hatte ja lange Zeit das Monopol auf Bildung. Mit seinem Buch „Der Mensch im Kosmos“ wollte Teilhard de Chardin Schöpfungsgeschichte und Evolutionstheorie vereinen. Die Kirche sah den Versuch jedoch als gescheitert an, bezeichnete ihn als „Ketzer“ und verbot die Veröffentlichung seiner Werke. Das oben erwähnte Buch ist voller Optimismus, denn Teilhard de Chardin war der Ansicht, der Mensch würde zu einer höheren Bewusstseinsebene hin „evolutionieren“. Deswegen war er auch der Ansicht, dass das einzige Tor in die Zukunft in Richtung einer gemeinsamen Leidenschaft, einer Konspiration, liegen müsse.

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