„Schließlich gibt es keine Tsunamis in Europa“

Mit dieser grandiosen Fehleinschätzung zitiert die taz den Atomenergieberater[1] Mycle Schneider. Ob Schneider das tatsächlich so meint oder hier nur die Argumentationslinie der Kraftwerksbetreiber wiedergibt, ist nicht ganz klar (Schneider paraphrasiert die Kraftwerksbetreiber, siehe Kommentar unten), ich muss an dieser Stelle aber wohl noch einmal daran erinnern, dass in Europa sehr wohl große Tsunamis aufgetreten sind und auch in Zukunft wieder auftreten werden.

Zunächst ist natürlich richtig, dass es im Nordatlantik keine große durchgehende Subduktionszone wie vor Japan gibt. Trotzdem gibt es auch hier Megabeben nach dem Muster von Sumatra, Chile, Sendai. Eines dieser europäischen Großbeben fand sogar in historischer Zeit statt: Das große Erdbeben von 1755, das nicht nur Lissabon großflächig zerstörte, sondern auch tiefgreifende Auswirkungen auf die europäische Geistesgeschichte hatte.

Portugal und Nordafrika

Mit einer Magnitude von wahrscheinlich deutlich über 8,5 gehörte es zu den stärksten Erdbeben überhaupt und löste einen Tsunami aus, der nach historischen Berichten Lissabon, Algier und Tanger schwer traf. Die Welle erreichte in Südwestportugal Höhen von bis zu 15 Metern, zehn Meter in Marokko und in Lissabon selbst nach Augenzeugenberichten etwa sechs Meter. Er war noch in Südengland zu spüren. Insgesamt starben etwa 10-20.000 Menschen durch Beben, Feuer und Tsunami. Portugal verlor durch das Ereignis die Hälfte seiner Wirtschaftsleistung.

Besonders beunruhigend am Lissabon-Tsunami ist, dass wir bis heute die Ursache nicht genau kennen. Ein Kandidat ist eine Scherfläche unter dem Golf von Cadiz, an der die Platten mit einer Geschwindigkeit von einem Zentimeter pro Jahr aneinander vorbei gleiten und so Spannung aufbauen. Das ist vergleichsweise langsam: Seismische Modelle deuten darauf hin, dass ein solches Erdbeben dort nur etwa alle 1000 bis 2000 Jahre auftritt.

Doch dass es sich um ein Subduktionsbeben handelte, ist keineswegs klar: auch andere Mechanismen sind im Gespräch, und dann ist diese beruhigende Interpretation natürlich hinfällig. Zusätzlich war das Beben von 1755 nicht das einzige – sechs Jahre später verursachte ein weiteres Starkbeben einen Tsunami, und auch 1969 löste ein kleineres Beben in der gleichen Region einen weiteren, weniger folgenschweren Tsunami aus – Indizien dafür, dass dort jederzeit wieder etwas passieren kann.

Rein von der geographischen Lage her könnte ein Tsunami vergleichbar dem von 1755 möglicherweise die Nuklearanlage Sacavem nördlich von Lissabon gefährden, einen 1-MW-Forschungsreaktor. Das hängt allerdings stark von den lokalen Gegebenheiten ab, die ich nicht kenne.

Bristol Channel

Definitiv Tsunami-Gefährdet sind allerdings zwei andere europäischer Standorte, nämlich das 1967 gebaute Kraftwerk Hinkley Point an der Südküste des Bristol Channels und das Oldbury-Kraftwerk im Severn-Ästuar. Fischblog-Leser werden sich erinnern, dass diese Region in historischer Zeit Schauplatz einer solchen Welle war, und zwar am 30. Januar 1607. Details kann man in meinem ausführlichen Artikel zum Thema nachlesen, der Tsunami damals war im inneren Severn-Ästuar etwa acht Meter hoch und rasierte vor Wales ganze Kalksteinklippen ab.

Die Ursache des Tsunamis von 1607 ist meines Wissens noch nicht genau bekannt. Eine aktive untermeerische Störungszone, die durch ein Erdbeben einen Tsunami auslösen kann, liegt zum Beispiel südöstlich der irischen Küste. In den 80er Jahren trat dort ein Erdbeben der Stärke 4,5 auf, weit stärkere Erschütterungen in historischer Zeit sind aber durchaus vorstellbar. Auch im Severn-Ästuar selbst liegen aktive Verwerfungen. Möglich ist allerdings auch, dass eine untermeerische Hangrutschung verantwortlich war. Der Kontinentalhang südlich von Irland ist relativ steil, und Spuren früherer Rutschungen finden sich dort am Meeresgrund überall. Wann die entstanden sind, kann aber niemand sagen. Und auch nicht wann die nächste Welle kommt. Auch das französische Kraftwerk Flamanville kann von einem Tsunami aus Richtung des westlichen Kontinentalhanges erreicht werden.

Hangrutschungen an Kontinentalrändern können nicht nur vor Irland beträchtliche Tsunamis auslösen. Im Nordatlantik liegen passive Kontinentränder, auf denen sich über die Jahrmillionen enorme Sedimentmengen angesammelt haben. Die bekannteste untermeerische Rutschung ist das Storegga-Ereignis, das vor etwa 8000 Jahren vor der Norwegischen Küste stattfand. Da bislang nicht endgültig geklärt ist, wodurch diese Masenbewegungen ausgelöst werden können, wäre es naiv zu glauben, dass wir vor dieser Tsunamiquelle sicher wären.

Tsunamihöhen durch eine Rutschung am Kontinentalhang vor Svalbard. Quelle: Robin Somes, Bernd et al., Geochemistry Geophysics Geosystems 10, 10.1029/2008GC002292, 2009

Kontinentalhang

Im Gegenteil, in einem Paper von 2009 weisen Berndt et al. darauf hin, dass die geologische Situation vor Spitzbergen der am norwegischen Kontinentalhang ähnelt. Dort stabilisieren Gashydrate die Sedimente des Kontinentalhanges, und durch die Entlastung am Ende der Eiszeit hebt sich die gesamte Region – zusätzlich wird das Bodenwasser dort wärmer. Neben Erdbeben (die in Grönland und Spitsbergen in letzter Zeit häufiger werden) gelten derartige Einflüsse, die Gashydrate destabilisieren, als wichtigste Ursache der submarinen Hangrutschungen vor Norwegen am Ende der letzten Eiszeit. Die Region ist also ein guter Kandidat für – in geologischer Zeit – baldige Tsunamis.

Simulationen im Rahmen dieser Arbeit zeigen, dass die entstehenden Wellen selbst bei einer vergleichsweise kleinen Hangrutschung Nordwesteuropa erreichen können. Direkt in der Schusslinie solcher von Hangrutschungen in Nordeuropa ausgelösten Wellen liegen die schottischen Nuklearanlage von Dounreay und – etwas weiter im Süden – Torness. Beide Standorte liegen direkt an der Küste. Wie die Grafik zeigt, wird eine Hangrutschung vor Svalbard diesen Kraftwerken nicht gefährlich, vergleichbare Ereignisse weiter südlich potentiell allerdings schon.

Zum Schluss noch der Hinweis auf den Mittelmeerraum, in dem ziemlich regelmäßig Tsunamis auftreten, zum Beispiel in der seismisch sehr aktiven Region Rhodos. Dort nach Atomkraftwerken zu gucken spare ich mir jetzt einfach mal. Ich denke die Botschaft dieser zweifellos unvollständigen Aufzählung ist klar: Es gibt Tsunamis in Europa, und dass einer von denen mal ein Atomkraftwerk zerlegt, kann man sicherlich nicht so leichthin ausschließen wie das in der letzten Woche immer wieder zu beobachten war.

(Dank an Stefan Rahmstorf für den Hinweis auf das Thema)
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[1] Was ihn zum Experten macht, konnte ich so auf die Schnelle nicht herausfinden, nur dass er als solcher reichlich Referenzen hat.

Veröffentlicht von

www.fischblog.com

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

87 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Mycle Schneider

    Guten Abend,

    Selbstverständlich bezieht sich meine Aussage auf die Argumentationslinie der AKW-Betreiber. Ein Anruf oder eine email – beides ist leicht herauszufinden – hätte dies flugs klären können.

    mit bestem Grusse,

    Mycle Schneider

  2. Zwar wohl kaum Tsunami- aber immerhin erdbebengefährdet ist Basel, das 1356 von einem Erdbeben und anschließendem Großbrand vollständig zerstört wurde.
    Im Umkreis von 50 bis 100 km um Basel gibts fünf Atomkraftwerke. Auch nicht so richtig beruhigend.
    Abgesehen davon weiß natürlich niemand, was in den nächsten 24.000 Jahren geschieht – tektonische Veränderungen, Eiszeit, Anstieg des Meeresspiegels etc. Und das ist mal gerade die Halbwertszeit von Plutonium.
    Aber da wir dann eh tot sind, ist das ja völlig egal, gelle. (Das Argument, nur in etwas weniger flapsiger Ausdrucksweise, habe ich allen Ernstes schon gelesen.)

  3. Ziemlich unheimlich was alleine an bekannten Risiken besteht…fragt sich auf was für Erdbeben und Tsunamis die genannten Kraftwerke ausgelegt sind. Fukushima war ja auf ein Erdbeben der Magnitude 8 ausgelegt und wenn ich mich nicht irre auf eine 10 Meter Tsunamiwelle…war wohl zu wenig.

  4. @Mycle Schneider

    Danke für die Klärung. Wenn es für meine Geschichte wichtig gewesen wäre, hätte ich auch nachgefragt, aber in diesem Fall ist es (mir) egal: Es gibt genug Leute die das mit Sicherheit ernst meinen, und damit hinreichend Grund, diesen Beitrag zu schreiben.

  5. @Claudia

    Das Thema Atomkraftwerke und Erdbeben ist noch mal ein ganz eigenes. Von den deutschen Atomkraftwerken stehen auch ein paar auf bekannten tektonischen Hüpfburgen rum, und da wir noch nicht wirklich viel darüber wissen, wie stark Beben werden können und warum, ist das kein schöner Gedanke…

  6. Ursachen gibt es genug

    Ich denke, es ist eigentlich zweitrangig wodurch AKW’s Probleme bekommen. Japan hat gezeigt, dass immer wieder unvorhergesehenes passieren kann, was die Sicherheit von Kraftwerken gefährdet. Man kann eben nicht alles voraus planen. Und ein Restrisiko ist bei Atomkraftwerken nicht zu akzeptieren. Punkt.

    Außerdem weiß man immer noch nicht wohin mit dem Zeug. Und billig ist es auch nicht, wenn man die Folgekosten berechnet, die aber bloß der Steuerzahler fininziert.

  7. Die Logik verstehe ich nicht

    Menschliches Versagen ist eh das größte Problem, da ist es dann auch egal ob noch ne zehn Meter hohe Wasserwand reinknallt?

    Von, sagen wir, einer Fluggesellschaft würde ich eine vergleichbare Argumentation auch nicht akzeptieren: Pilotenfehler hin oder her, die sollen bitte trotzdem zusehen, dass im Flug die Triebwerke nicht abfallen.

    Menschen machen in Krisen mehr Fehler, d.h. Naturkatastrophen erhöhen auch das Vorkommen individueller Fehleinschätzungen.

  8. @ Joachim Lidner

    „Und ein Restrisiko ist bei Atomkraftwerken nicht zu akzeptieren.“

    Warum ist ein Restrisiko bei Atomkraftwerken nicht zu akzeptieren, aber bei Chemiefabriken schon? Man sollte wirklich mal von dieser Irrationalität wegkommen und die Risiken der Atomkraft in einen vernünftigen Verhältnis zu anderen Risiken, die wir offenbar gerne eingehen, setzen.

  9. @Menschliches Versagen

    Was Markus hier anspricht, würde ich auch nicht als menschliches Versagen bezeichnen. Menschliches Versagen wäre, wenn der Operateur einen Fehler macht und dadurch ein Störfall ausgelöst wird.

    Hier (möglicherweise bekannte Schwachstelle seit 1971) liegt dann eher ein Fall von mangelnder unabhängiger Kontrolle vor. Das muss doch in den Griff zu bekommen sein.

  10. Menschliches Versagen

    In Japan gab es auch vor Fukushima schon Atomunfälle, die aber in Europa kaum bekannt wurden. Der „Spiegel“ schrieb 2008: „Der größte Nuklear-Unfall seit Tschernobyl ereignete sich 1999 in der Uranverarbeitungsanlage von Tokaimura 115 Kilometer nördlich von Tokio: Als Arbeiter per Hand Uran in einen Behälter füllten, lösten sie eine unkontrollierte nukleare Kettenreaktion aus, 310.000 Japaner wurden aufgefordert, ihre Wohnungen zu verlassen, zahlreiche Anwohner wurden verstrahlt und zwei Arbeiter starben qualvoll an den Folgen der Katastrophe.

    Quelle: http://www.spiegel.de/…and/0,1518,564432,00.html

  11. @Mona: Uranverarbeitungsanlage von Tokai

    Ja, ich erinnere mich noch an diesen Vorfall. Aber meine Frage bleibt: Warum werden Unfälle dieser Größenordnung so viel schlimmer Wahrgenommen als vergleichbare Vorfälle anderer Großindustrien.

    Wenn zum Beispiel durch Fahrlässigkeit eine Fabrikhalle irgend eines verarbeitenden Gewerbes in Brand gerät, dann passiert es auch regelmäßig, dass Menschen evakuiert werden müssen oder zumindest aufgefordert werden, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Auch bei solchen Fällen sterben Menschen unnötig und jede Menge krebsauslösende Substanzen gelangen in die Atmosphäre. Jeder Brand kann Krebs verursachen.

    Ich weiß ja, warum die Menschen mehr Angst vor Strahlung als vor Rußpartikeln in der Luft haben. Man kann beides nicht sehen, aber die Strahlung hat etwas geisthaft unheimliches. Dennoch muss man die Gefahren vernünftig miteinander vergleichen um das Gesamtrisiko unseres Handelns minimieren zu können.

  12. Design of Everyday Things und Reaktoren

    Wenn ich mangelnde unabhängige Kontrolle als menschliches Versagen bezeichnete, dann in dem Sinn, dass alle technischen Systeme letztlich bedient werden, da kommt es es dann unmittelbar bei einem Operateur zu einem Fehler oder durch komplexere Zusammenhänge.

    In diesem Kontext weise ich auf das Buch The Design of Everyday Things hin.

    Bedienungsfehler sind letztlich fast immer Designfehler und eine Entscheidung wo genau das menschliche Versagen seien Ursprung hat, sollte zweimal durchdacht sein.

    @Lars Bei einem Flugzeug bin ich bereit mit dem Risiko zu leben. Ich finde Deinen Beitrag trotzdem sehr gut. Wollte nur dies grundsätzlich zu bedenken geben.

  13. Die Chemie

    @Joachim: Natürlich haben viele Menschen auch Angst vor großen Chemieunfällen. Ich würde sogar sagen, dass kein Atomkraftkritiker völlig unbefangen neben eine einem chemischen Großbetrieb wohnen möchte.

    Deine Aussage suggeriert aber, man müsse die Existenzberechtigung der Chemieindustrie ebenso kritisch hinterfragen wie die der Kernenergie. Oder die der Kerntechnik ebenso gering wie die der Chemieindustrie. Das sehe ich nicht so, denn:
    – Kernenergie ist tatsächlich durch andere Energieformen ersetzbar (große Chemiewerke nur bedingt). Die enormen Schäden eines GAUs sind also real vermeidbar.
    – Die möglichen Schäden bei Unfällen erstrecken sich bei Chemieunfällen auf die umliegende Bevölkerung, bei Atomumfällen können sie schon mal ganze Kontinente betreffen.

    Natürlich hängt der Schaden eines Chemieunfalls stark vom Zeug ab, das da an die Umwelt gelangt. Aber generell sind Radionuklide mit hohen Halbwertszeiten für Menschen schon eines der fatalsten Umweltgifte.

  14. @Claudia

    Tsunami in der Schweiz? Nicht ganz so abwegig wie es klingt, siehe Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Tsunami

    „18. September 1601: (…) Die durch das Erdbeben ausgelösten Erdrutsche führten zu einer vermutlich bis zu 4 Meter hohen Flutwelle im Vierwaldstättersee, die in der Stadt Luzern beträchtliche Schäden anrichtete.“

    Dort finden sich auch noch weitere Beispiele von europäischen Tsunami.

  15. Karl Urban

    „Die möglichen Schäden bei Unfällen erstrecken sich bei Chemieunfällen auf die umliegende Bevölkerung, bei Atomumfällen können sie schon mal ganze Kontinente betreffen.“

    Das bezweifle ich. Die krebserregenden Aerosole bei einem Großbrand verteilen sich genau so gut über den Wind, wie Radionuklide. Sie sind nur schwerer nachzuweisen, weil die Grundbelastung an Rußpartikeln in der Luft eh hoch ist.

    Jod 131 mit seinen 8 Tagen Halbwertszeit gibt es dagegen normalerweise nicht in der Atmosphäre. Man kann es also schon in geringen Mengen gut nachweisen.

  16. @Karl Urban: Lokal begrenzte Schäden

    Sie sehen ein fast unbegrenztes Schadenpotential durch einen atomaren GAU und schreiben von der Möglichkeit kontinentweiter radioaktiver Verseuchung.

    Es muss allen klar sein, dass die Möglichkeit eines Reaktorunfalls, der beispielsweise eine ganze Grossstadt wie Tokio für längere Zeit unbewohnbar machen kann, diese Reaktortechnologie so weit diskreditiert, dass sie verschwinden muss.

    Die Frage ist also, wieviel Radioaktivität kann durch einen Unfall in einem der bestehenden Reaktoren freigesetzt werden und wie gross sind die Auswirkungen der folgenden radioaktiven Kontamination. Hier gehen die Schätzungen weit auseinander. Selbst der bisher schwerste Reaktorunfall ( Tschernobyl) hat nur 50 Menschen unmittelbar durch Strahlenexposition das Leben gekostet. Durch die radioaktive Kontaminierung grosser Bevölkerungskreise schätzt man, dass weltweit mit 9000 zusätzliche Krebserkrankungen zu rechnen ist. Das lässt sich aber nur errechnen, keinesfalls statistisch nachweisen, da Krebserkrankungen zu häufig sind. Auch die immer wieder Tschernobyl angelasteten Missbildungen von Kindern sind zwar plausibel, statistisch aber nicht nachweisbar, denn es gab keine statistisch signifikante Zunahme dieser Fälle (siehe http://de.wikipedia.org/…strophe_von_Tschernobyl ).

    Trotzdem meine ich, dass gerade der Unfall von Fukushima die verwendete Reaktortechnologie in Frage stellt.
    Wenn schon AKW’s dann inhärent sichere, also Reaktoren mit walk-away safety, die keiner Nachkühlung bedürfen und nicht katastrophal überhitzen können. Solch ein Reaktor ist beispielsweise der modulare Kugelhaufenreaktor, der in China entwickelt wird (siehe http://nextbigfuture.com/…ed-reactor-starts.html ). Der Reaktorkern des modularen Kugelhaufenreaktors ist zwar teuerer aber das Gesamtsystem kann sogar billiger sein, weil es kaum aktive Sicherheitssysteme braucht. Noch vielversprechender ist der Liquid Fluorid Thorium Reactzor (LFTR), der nur wenig hochradioaktive Abfälle erzeugt, die zudem nur 300 Jahre Lagerung benötigen (siehe http://energyfromthorium.com/ )

  17. Kernschmelze des Vertrauens

    @Martin Holzherr

    Wikipedia in allen Ehren, aber m.E. hatte Tschernobyl doch etwas größere Ausmaße, als dort beschrieben. Der „Spiegel“ hat hier nochmal eine Zusammenfasssung gebracht (Link). Insbesondere „Die Kernschmelze des Vertrauens“ kann ich nachvollziehen, denn das Erste, was bei einem Störfall auf der Strecke bleibt, ist die Wahrheit.

    Wo ich wohne ist der Waldboden immer noch vom Fallout aus Tschernobyl kontaminiert, d. h. es dürfen keine Pilze, Waldbeeren oder Wildbret verzehrt werden. In einiger Entfernung steht der Reaktor „Isar I“ , der zu den ältesten in ganz Deutschland gehört. Obwohl eine von der österreichischen Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie eklatante Mängel feststellte wurde immer wieder abgestritten, dass der Reaktor unsicher ist. Erst nach der Katastrophe in Fukushima (und vor den Wahlen) beschloss die Regierung „Isar 1“ abzuschalten. Noch näher steht das tschechische Kraftwerk Temelin, das in den letzen Jahren 130 Störfälle hatte. Auch die Betreiber von Temelin informierten die Bevölkerung nicht oder verschleierten die Zahl und die Schwere der Störfälle. Trotzdem soll Temelin weiter ausgebaut werden. Ist es da verwunderlich, wenn man kein Vertrauen in die Kernkraft und ihre Betreiber hat?

    http://www.spiegel.de/thema/tschernobyl/

  18. Verbesserung

    Soll natürlich heißen: Noch näher steht das tschechische Kernkraftwerk Temelin, das in den letzen Jahren 130 Störfälle hatte.

  19. Lieber Herr Herrholz,

    > Es muss allen klar sein, dass die
    > Möglichkeit eines Reaktorunfalls, der
    > beispielsweise eine ganze Grossstadt wie
    > Tokio für längere Zeit unbewohnbar machen
    > kann, diese Reaktortechnologie so weit
    > diskreditiert, dass sie verschwinden
    > muss.

    Ich stimme Ihrer Aussage zu, komme aber nicht zu den gleichen Schlüssen wie Sie. Es scheint ein menschlicher Reflex zu sein, offensichtlich unsicherer Technik mit neuen, „inherent sicheren“ Systemen zu begegnen. Das ist Augenwischerei. Fukushima zeigt, dass bei der „richtigen“ Verkettung von Naturkatastrophen jede menschliche Vorsichtsmaßnahme unterlaufen werden kann.

    Zudem denken Sie zu kurz, denn Kernbrennstoffe verwandeln sich ja auch nach dem Herunterfahren Ihres „inherent sicheren“ Kugelhaufenreaktors (von dem wir bisher nicht mehr kennen als eine Pressemitteilung) nicht in Wohlgefallen. In Fukushima haben die in Abklingbecken gelagerten Brennstäbe bereits abgeschalteter Reaktoren (!) Probleme gemacht. Auch die Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho lief streckenweise nur auf Notstrom, wo sich rund 3000 Tonnen gelagerter Atommüll weiterhin entzünden könnten (das sagte zumindest Mycle Schneider dem Focus: http://www.focus.de/…eberhitzung_aid_607714.html). Das ist die 25- bis 30-fache Menge, die in einzelnen Kernreaktoren lagert. Nicht auszudenken, wenn die Infrastruktur hier so stark beschädigt worden wäre wie in Fukushima.

    Zuletzt besteht nach wie vor das Problem Endlagerung. Aus meiner Sicht als Geologe gibt es leider auch kein kein „inherent sicheres“ Endlager, weil alle gehandelten Wirtsgesteine (Salz (siehe Asse), aber auch Ton und Granit) nirgendwo auf der Welt in geologischen Zeiträumen wirklich als ungefährdet deklariert werden können.

  20. @Karl Urban: Abschalten

    „Zuletzt besteht nach wie vor das Problem Endlagerung.“

    Das Problem lässt sich aber selbst durch sofortiges Abschalten aller KKW weltweit nicht lösen. Wir werden mit den Abfällen irgendwie umgehen müssen. Ob wir wollen oder nicht.

  21. @Martin Holzherr

    „Die Frage ist also, wieviel Radioaktivität kann durch einen Unfall in einem der bestehenden Reaktoren freigesetzt werden und wie gross sind die Auswirkungen der folgenden radioaktiven Kontamination.“

    So ist es. Für mich sieht es nicht so aus, als wäre es je möglich gewesen, dass Tokio unbewohnbar wird oder dass gar ganze Kontinente verseucht werden würden. Man darf auch bei worst-case-Szenarien nicht davon ausgehen, dass sich die physikalischen Gesetze plötzlich ändern und sich ein Kernkraftwerk in eine Bombe verwandelt.

  22. Erdbeben und Tsunami sind überstehbar

    Auch wenn dieses Argument vielleicht nicht überall gut ankommt: Weder das Eintreten eines schweren Erdbebens noch das Auftreffen eines großen Tsunami führen notwendigerweise zu einem schweren Reaktorunglück mit massivem Austritt von Radioaktivität.

    http://www.world-nuclear-news.org/…_2303113.html

    Auch der Standort Fukushima dai-ni wurde von einem tsunami überschwemmt. Fukushima dai-ni ist vom Epizentrum ebenso weit entfernt wie dai-ichi, wo nun die Probleme aufgetreten sind, wurde also von einem vergleichbar großen Beben getroffen. Auch die Tsunamihöhe war in beiden Lokationen vergleichbar, siehe oben zitierter Artikel.

    Dennoch ist nichts dergleichen in dai-ni geschehen. Der Status aller vier Blöcke in diesem Komplex ist stabil, siehe hier:

    http://www.grs.de/…agawa%20Tokai_25_03_13h00.pdf

    Es ist also sehr wohl möglich, ausreichende technische Vorkehrungen zu treffen, um ausreichenden Schutz gegen schwerste Erdbeben und große tsunamis zu treffen.

    Ob man Kernenergie befürwortet oder ablehnt, ist eine andere Frage, dafür mag es viele Gründe geben. Das Argument „Es ist prinzipiell zu gefährlich, weil in der Region Erdbeben und Tsunamis auftreten können“ ist allein noch nicht hinreichend, denn es ist sehr wohl möglich, dagegen ausreichenden Schutz vorzusehen.

    Es wäre sehr schwierig, angesichts der vorhandenen Daten, das Gegenteil zu beweisen.

  23. Die größte Gefahr: der Normalbetrieb

    Wie hoch die Wahrscheinlichkeit von Tsunamis oder Erdbeben in den erwähnten Gebieten ist, kann ich nicht beurteilen, ich bin keine Geologin.
    Eindeutig beziffern läßt sich hingegen die Wahrscheinlichkeit, daß im absolut störungsfreien Normalbetrieb der AKWs weiterhin permanent Unmengen an radioktivem Abfall produziert werden, von dem keiner weiß, wohin damit: Die liegt nämlich bei 100 Prozent, und dagegen helfen keine noch so sorgfältige Standortauswahl, idiotensichere Technik oder x-fach redundante Sicherheitssysteme.
    Die Atommüllproblematik gerät angesichts der Katastrophe in Japan momentan verständlicherweise in den Hintergrund; jedoch wäre sie alleine schon längst ein Grund gewesen, sich endlich von dieser Technologie aus dem letzten Jahrtausend zu verabschieden – jenseits von jenem Risiko, das uns den Rest gibt.

  24. Inhärent sicher, kaum radioakt. Abfall

    1000 Mal weniger hochradioaktiven Abfall erzeugt der Liquid Fluorid Thorium Reactor (LFTR). Er ist zudem inhärent sicher und seine radioaktiven Abfälle müssen nur 300 Jahre gelagert werden.

    @Karl Urban: Sie schreiben „Es scheint ein menschlicher Reflex zu sein, offensichtlich unsicherer Technik mit neuen, „inherent sicheren“ Systemen zu begegnen. Das ist Augenwischerei.“

    Die nachträgliche sicherheitstechnische Optimierung eines problematischen, inhärent unsicheren Systems ist tatsächlich der Kapitalfehler der heutigen kommerziellen Atomreaktortechnologie.
    Der Erfolg des Druckwasserreaktors und seine immer besser beherrschbaren Sicherheitsprobleme, denen unter anderm mit Containement und vielen aktiven Sicherheitssystemen begegnet wurde, führte in die Irre, denn einen schwerwiegenden Unfall schliessen all diese Sicherheitssysteme nicht aus. Sie machen einen solchen GAU nur unwahrscheinlicher.

    Es gibt aber verchiedene Konzepte (nicht nur den LFTR) um Nuklearenergie von vornherein inhärent sicher zu nutzen und zudem viel weniger radioaktiven Abfall zu produzieren.

    @Mona: Zitat: „Noch näher steht das tschechische Kernkraftwerk Temelin, das in den letzen Jahren 130 Störfälle hatte.“

    Eine Technologie, die alle Störfälle erfasst ist viel besser als eine, die den Begriff Störfall gar nicht kennt, dann aber einen Super-GAU produziert (Beispiel Oil-Spill im Golf von Mexiko).
    Die Störfälle in Atomkraftwerken werden nach der INES-Skala eingestuft.
    Gäbe es in einem Kernrektor über dutzende von Jahren keinen INES-Störfall der Kategorie 0 und 1, so würde ich schlicht daran zweifeln, dass in diesem Reaktor Störfälle überhaupt richtig rapportiert werden.

    Zu den radioaktiven Pilzen (in Bayern?): Strahlungsdosen können sehr genau bestimmt werden, so genau, dass man auch unter normalen Verhältnissen Zonen mit weniger oder mehr „natürlicher“ Radioaktivität unterscheiden kann. Grenzwerte für Stoffe (auch Radioaktivität) sind normalerweise so festgesetzt, dass eine 10-fache Überschreitung noch keine nachweisbaren Einflüsse auf die Gesundheit hat.

  25. Herr Khan,

    ein Reaktorkomplex gerät für zwei Wochen völlig außer Kontrolle, ein anderer nicht: Ich habe mal gelernt, dass eine wissenschaftliche These so lange Gültigkeit besitzt, bis sie durch eine widersprechende Messung widerlegt wird. Sie mögen das anders sehen, aber Fukushima I reicht mir völlig als Messergebnis.

  26. @Michael Khan

    Hallo Michael,

    sehe ich so wie Karl: Die Frage ist nicht, ob ein Werk technisch geschützt werden KANN, sondern ob es trotz dieser theoretischen Möglichkeit trotzdem zu einem Störfall kommen kann. Und das scheint mir durch diesen einen Vorfall hinreichend bewiesen.

    Nicht mehr und nicht weniger.

    Welche Folgerungen man daraus zieht, ist etwas anders.

    Gruß

    Richard

  27. Stahlende Pilze @Martin Holzherr

    Die Stiftung Warentest schrieb unter dem Titel „Pilze und Strahlung“ am 23.09.2010 folgendes: “ In getrockneten Steinpilzen aus Kaufbeuren (Bayern) wurden bis zu 11 670 Becquerel (Bq) je Kilogramm gemessen. Proben aus Russland kamen nur auf 104 bis 335 Bq pro Kilo. Maronen, Birkenröhrlinge und Semmelstoppelpilze können im Münchner Umland durchaus noch mit über 1 000 Becquerel (Bq) je Kilogramm belastet sein. Wald- und Wiesenchampignons gelten mit Werten unter 10 Bq pro Kilo selbst in Bayern als unkritisch. Zum Vergleich: Der Handelsgrenzwert für Lebensmittel liegt laut Strahlenschutzverordnung bei 600 Becquerel pro Kilo.“

  28. @Richard Zinken

    „Welche Folgerungen man daraus zieht, ist etwas anders.“

    Müsste man mit der Argumentation nicht alle technischen Großanlagen schließen?

  29. @Karl Urban, Richard


    Ja, das sehe ich in der Tat anders, und zwar recht nüchtern. Ich meine, man sollte, so wie das in Wissenschaft und Technik generell guter Usus ist, die Datenlage auswerten.

    Nicht unbedingt jetzt, spätestens aber dann, wenn der Hergang der Ereiegnisse in Fukushima 1 hinreichend genau bekannt sein wird.

    Wenn sich herausstellt, dass es durch einfache Mittel und Vermeidung von Schlamperei möglich gewesen wäre, in Fukushima 1 einen schweren Störfall ebenso zu vermeiden, wie es in Fukushima 2, Onagawa und Tokai gelang (wobei Fukushima 2 wegen der Ähnlichkeit der dort eingetretenen Bebenstärke und Tsunamihöhe am ehesten repräsentativ ist, dann ergeben sich daraus technische Schlussfolgerungen.

    Sollte sich aber herausstellen, dass es in Fukushima 2 nach menschlichem Ermessen unbedingt zur Katastrophe hätte kommen müssen, wie durch ein Wunder trat das nicht ein, dann ergeben sich daraus auch technische Schlussfolgerungen, allerdings andere. Dieser Fall erscheint mir eher unplausibel, aber das wir am Ende die Untersuchung zeigen müssen.

    Die jetzt oft gemachte Darstellung, ein schweres Erdbeben allein würde fast schon unausweichlich zu einem schweren Störfall mit massiver Freisetzung von Radioaktivität folgen, muss jedoch, wie jede Hypothese belegt werden. Diese Unausweichlichkeit wird wirklich durchwegs unterstellt, die Presse hebt in diesem Zusammenhang ausschließlich auf die Möglichkeit des Auftretens von Erdbeben ab, so als sei das allein schon hinreichend.

    Gut, wenn das belegt werden kann, dann ist es ja auch in Ordnung – aber die Mühe des Belegs muss man sich schon machen.

    @Richard: dass ein Störfall auftreten kann ist in der Tat unbestritten, aber wie du richtig sagst, was man daraus für Schlussfolgerungen steht, ist eine andere Frage. Für mich ist das eine Frage, die weiterer Daten bedarf, damit das Urteil auch belastbar ist.

    Das habe ich mal so gelernt, vielleicht ist diese Sichtweise ja heute veraltet.

  30. Nachtrag an R. Zinken

    Die Frage ist nicht, ob ein Werk technisch geschützt werden KANN

    Im Gegenteil. Das ist sogar die Kernfrage.

    Wenn die beantwortet ist, dann stellt sich ie Frage, wie solche Anlagen geschützt werden können.

    Und daraus ergeben sich weitere Fragen, z.B., wieso das nicht geschah, und wie man verhindern kann, dass das, was hier schiefging, nochmals geschieht.

  31. @Joachim

    „Jod 131 mit seinen 8 Tagen Halbwertszeit gibt es dagegen normalerweise nicht in der Atmosphäre. Man kann es also schon in geringen Mengen gut nachweisen.“

    Nun, ganz anders sieht es mit Jod 129 aus, das eine Halbwertszeit von 15,7 Mio Jahren hat. Und genau der Faktor Zeit ist meines Erachtens der entscheidende in dieser Diskussion.

    Die meisten möglichen Chemie- und Industrie-Unfälle haben eine relativ geringe Belastungsdauer für Umwelt und Anwohner, verglichen mit den riesigen Zeiträumen, die bei einem AKW und seinem Müll angerechnet werden müssen.

    Selbst wenn wir eine Laufzeit von 150 Jahren unterstellen würden, so ist die Lagerproblematik für einige Spaltprodukte doch noch jenseits der 200.000 Jahr-Grenze.

    Und selbstherrlich zukünftigen Generationen ein solches Erbe aufzubürden ist m.E. verantwortungslos und durch nichts zu rechtfertigen.

  32. @Adi: Giftmüllendlager

    Adi schreibt: „Die meisten möglichen Chemie- und Industrie-Unfälle haben eine relativ geringe Belastungsdauer für Umwelt und Anwohner, verglichen mit den riesigen Zeiträumen, die bei einem AKW und seinem Müll angerechnet werden müssen.“

    Sie bringen hier zwei Aspekte durcheinander: Der Grund, warum die akute Gesundheitsgefährdung bei Chemieunfällen und Großbränden recht kurz ist, ist dass die freigesetzten Stoffe recht schnell verdünnt werden. Das trifft aber bei radioaktiven Stoffen ebenso zu. Hier ist kein Unterschied.

    Der entscheidende Unterschied ist, dass radioaktive Stoffe tatsächlich mit der Zeit abklingen, die giftige Wirkung nicht readiaktiver Stoffe dagegen nicht. Wir müssen hier also ihre 15 Mio Jahre für Jod 129 mit unendlicher Lebensdauer nicht radioaktiver Stoffe vergleichen.

    Siehe auch: http://de.wikipedia.org/…ntioneller_Abf.C3.A4lle

  33. @Joachim:

    Das ist falsch. Auch giftige Chemikalien haben eine Halbwertzeit, die allerdings von der chemischen Umgebung abhängt. An Luft und Sonnenlicht zerfallen komplexe organische Substanzen relativ schnell, im Boden halten sie unter Umständen deutlich länger, aber sicherlich nicht unendlich lange. Giftige Metalle können sich, je nachdem wie stabil die toxischen Oxidationsstufen sind, allerdings auch über geologische Zeiträume halten.

    Grundsätzlich ist das Argument natürlich richtig: Giftige Stoffe können extrem lange vorhalten – und davon werden weitaus mehr hergestellt.

  34. In Zusammenhang mit der Frage nach dem Vorkommen von Tsunamis an europäischen Küsten und den Konsequenzen für die nukleare Sicherheit ist dieser Punkt eigentlich off-topic, aber die Argumente kommen ja in der öffentlichen Debatte auch meist im Doppelpack:

    Selbst wenn wir eine Laufzeit von 150 Jahren unterstellen würden, so ist die Lagerproblematik für einige Spaltprodukte doch noch jenseits der 200.000 Jahr-Grenze. Und selbstherrlich zukünftigen Generationen ein solches Erbe aufzubürden ist m.E. verantwortungslos und durch nichts zu rechtfertigen.

    Frage in die Runde: Gibt es noch ein anderes Spaltprodukt als Jod 129 oder ein anderes Zerfallsprodukt von Spaltprodukten, das selbst nach 1000 Jahren noch in nennenswerten Mengen in abgebrannten Brennelementen vorliegt?

    Abgesehen davon sollte man auch nicht so tun, als gäbe es erwiesenermaßen nichts, was man gegen langlebige Radionuklide unternehmen könne.

    Zum Beispiel:

    http://www.pro-physik.de/…dArticle.do?laid=13461
    http://www.pro-physik.de/…dArticle.do?laid=12664

    Vielleicht ist es ja wirklich so, dass die Leute in Mol nicht wissen, was sie dort tun. Gibt es belastbare Hinweise dafür, dass das so ist? Ich meine belastbar im Sinne von: „fundierter als die Aussagen von Atomkraftgegnern, die von vorneherein gegen solche Forschung wettern, weil sie wissen, dass mit der Verfügbarbeit solcher Technologien eines ihrer Argumente verschwindet.“

    Ich selbst weiß es nicht und stelle diese Frage einfach mal so in den Raum.

  35. @ Michael: Einige Transurane

    haben sehr lange Halbwertzeiten und machen langfristig den größten Teil der Aktivität aus. Das wichtigste ist m.E. Pu, davon entstehen vielleicht n paar Prozent oder so, jedenfalls genug um es zu extrahieren und aufzuarbeiten.

    Transmutation funktioniert, siehe u.a. hier.

    Die Sache hat drei Haken: Erstens ist die Technik noch nicht ausgereift, um sie im industriellem Maßstab zu nutzen, zweitens wird sie wohl sehr, sehr teuer und drittens muss man dazu in großem Stil mit hochgiftigen und radioaktiven Materialien rumhüsern, was riskant ist und tonnenweise schwach radioaktive Abfälle erzeugt.

    Die AKW-Betreiber dürften von derartigen Techniken auch nicht allzu begeistert sein, denn wenn die Technik da ist, werden sie sie nutzen müssen, und das wird deutlich teurer als jedes Loch im Boden.

  36. @Lars:

    Dann war mein Argument also falsch aber richtig. Danke für die Klarstellung.

    Du schreibst weiter: „Die AKW-Betreiber dürften von derartigen Techniken auch nicht allzu begeistert sein, denn wenn die Technik da ist, werden sie sie nutzen müssen, und das wird deutlich teurer als jedes Loch im Boden.“

    Genau, und deshalb darf man das Thema nicht den AKW-Betreibern überlassen. Es reicht nicht, die Kraftwerke einfach per Gesetz vom Netz zu nehmen und die Betreiber zu zwingen, die Entsorgung zu leisten. Dann werden die nämlich versuchen, die Entsorgung billigst und nicht bestens zu handhaben.

    Das Thema Kernkraft muss öffentlich und ehrlich debatiert werden, damit eine demokratische Entscheidung möglich wird. Im Moment ist die Mehrheit gegen Kernkraftwerke, gegen Endlagerung, gegen Atomtransporte und gegen Transmutation.

    Kann ich alles nachvollziehen. Nur ist es halt nicht mehr möglich. Irgendwie werden wir mit den atomaren Brennstoffen umgehen müssen. Dazu brauchen wir eine verlässliche Atomindustrie.

  37. Nüchtern sehen @Michael Kahn

    Es geht hier nicht um den Triumpf der Wissenschaft über die Kernkraftgegner, sondern es soll eine vernünftige Antwort für die Zukunft gefunden werden und da ist ein Konsens vonnöten.

  38. @Michael Khan

    Antwort auf Deine Antwort:
    Ja, das kann man so sehen. Es geschieht etwas, das nicht passieren sollte. Man analysiert den Fehler und behebt ihn. Dann passiert woanders etwas anderes, man analysiert, behebt. Dann…
    Ja, so wird die Welt sicherer. „Sicherer“ aber ist kein Synomyn für „sicher“.

    Michael, dazu kann ich nur sagen (und ich nehme an, dass Du es nicht als Beleidigung empfindest): Du bist ein Technokrat!

    Gruß

    Richard

  39. @joachim

    nein, das heißt nicht zwingend, alle Großgeräte abschalten. Es geht immer um Risikoabschätzung. In jedem einzelnen Fall und zu jeder Zeit.

    Meine Hauptkritik an der Kernenergienutzung liegt eh bei der ungeklärten Endlagerung.

  40. @Mona und @Richard Zinken

    Dann sind wir uns ja einig. Vielleicht nicht in der persönlichen Einschätzung der Lage, aber in den Zielen. Ja, es geht um vernünftige Antworten für die Zukunft. Und um die Klärung der Abfallbeseitungung kommen wir nicht mehr herum. Auch nicht, wenn heute alle AKW vom Netz gehen.

  41. @Mona

    Es geht hier nicht um den Triumpf der Wissenschaft über die Kernkraftgegner, sondern es soll eine vernünftige Antwort für die Zukunft gefunden werden und da ist ein Konsens vonnöten.

    Aha, und meinen Sie, das die aktuelle Aufgeregtheit besonders konsensfördernd ist?

    Was wollen Sie eigentlich? Hier triumphiert doch nicht die „Wissenschaft über die Kernkraftgegner“. (Übrigens ist es interessant, dass Sie damit selbst der Kernkraftgegnerschaft implizit Unwissenschaftlichkeit bescheinigen, eine Aussage, die nich nie gemacht hätte und schon gar nicht gemacht habe).

    In Deutschland haben doch die Gegner der Kernenergie auf ganzer Linie gesiegt.

  42. @Richard

    Ja, das kann man so sehen. Es geschieht etwas, das nicht passieren sollte. Man analysiert den Fehler und behebt ihn. Dann passiert woanders etwas anderes, man analysiert, behebt. Dann…
    Ja, so wird die Welt sicherer. „Sicherer“ aber ist kein Synomyn für „sicher“.

    Lieber Richard, es gibt keine sichere Technik, und deswegen auch keine sichere technische Gesellschaft. Es gibt aber auch keine sichere nicht-technische Gesellschaft.

    Ich denke, wir müssen uns mal alle der bitteren Realität stellen. Und die sieht so aus: Der Energiehunger der Welt wird mittelfristig nicht ohne Kernkraftwerke und langfristig nicht ohne Fusionskraftwerke zu stillen sein. Die aufstrebenden und immer noch rapide wachsenden Nationen werden nicht darauf verzichten, wirtschaftlich zu uns aufzuschließen.

    Um diesen Energiehunger zu stillen, gibt es nicht allzuviele Quellen, und keine von ihnen ist besonders attraktiv. Weder massive Nutzung fossiler Brennstoffe, noch massive Nutzung von Biomasse, noch massive Nutzung von Hydroelektrizität, noch massive Nutzung der Kernenergie.

    Mir gefällt, ehrlich gesagt, keiner dieser Wege. Es ist aber keine Alternative zu sehen. Da bin ich dann so ehrlich, dass ich sage: OK, dann schon lieber der Weg, der mit den wenigsten irreversiblen Nachteilen gepflastert ist. Das ist nun einmal die Kernenergie.

    Wir haben schon lange nicht mehr die Wahl, es gut und richtig zu machen. Das beste, was wir erhoffen können, ist, ohne großen Krieg, ohne verheerende Seuchen, ohne rapiden und fundamentalen Klimawandel und ohne große Umweltkatastrophen die nächsten Jahrzehnte zu überstehen.

    Dann werden Südasien und vielleicht auch schon Afrika aus dem Gröbsten ‚raus sein und dann kann es vielleicht weltweit wirklich wieder langsam aufwärts gehen.

    Aber diese 50 Jahre oder so werden hart. Da können wir jetzt nicht alle auf dem Luxus beharren, immer und überall mit dem, was uns gerade nicht passt, Recht haben zu wollen. Idealerweise machen wir gerade mal keine ganz dicken Fehler. Dann können wir uns glücklich schätzen.

    Sorry Leute. Wolkenkuckucksheim wurde gerade auf unbestimmte Zeit verschoben.

    Michael, dazu kann ich nur sagen (und ich nehme an, dass Du es nicht als Beleidigung empfindest): Du bist ein Technokrat!

    Mal im Ernst, lieber Richard. Redet so ein Technokrat?

  43. @Michael

    Nein, lieber Michael, so redet kein Technokrat 🙂 nicht so, wie im Deinem letzten Kommentar. Da kann ich vielem zustimmen. Ehrlichkeit uns selbst gegenüber vor allem was unseren Hunger nach Energie und Luxus betrifft, halte ich wirklich für das wichtigste. Und Ehrlickeit, was den Preis, will heißen das Risiko betrifft. Und da fehlt mir manchmal was bei den KKW-Befürwortern. Das geht jetzt aber nicht an Dich.
    Schade, dass wir es es in Deidesheim nicht zu einem Gespräch geschafft haben. Beim nächsten Mal…

    Gruß

    Richard

  44. Risikoabschätzung ist wissenschaftlich

    Es geht immer um Risikoabschätzung. In jedem einzelnen Fall und zu jeder Zeit.

    Und zur Risikoabschätzung erhebt man Daten und stellt Berechnungen an, also genau das, was ich vorschlage …

    Huch! Richard!! Bist du etwa auch ein Technokrat?! 😉

  45. @Michael Khan

    Mir gefällt, ehrlich gesagt, keiner dieser Wege. Es ist aber keine Alternative zu sehen. Da bin ich dann so ehrlich, dass ich sage: OK, dann schon lieber der Weg, der mit den wenigsten irreversiblen Nachteilen gepflastert ist. Das ist nun einmal die Kernenergie.

    Im Ansatz lese ich hier „alternativlos“ …

    Dein Kommentar beleuchtet schon sehr zentrale Punkte. Gerade dass
    „die aufstrebenden und immer noch rapide wachsenden Nationen werden nicht darauf verzichten, wirtschaftlich zu uns aufzuschließen.“

    Allerdings will ich nochmal darauf hinweisen: jede Risikoabschätzung ist fehlerhaft.

    Technische Anlagen haben ein Risiko, welches wir definieren und minimieren können, Menschen nicht.

    Aber das menschliche Versagen ist Teil der Gleichung, sei es beim Entwurf, der Kontrolle der Einhaltung der Sicherheitsvorschriften, im Kontrollraum, oder wann immer. Sei es aus Gier, Verblendung (Sabotage, Terrorangriff) oder Stress in der Notsituation des Unfalls.

    Deswegen sprechen wir ja auch von dem unsäglichen Restrisiko, weil wir versuchen Dinge getrennt zu halten, die wir nicht trennen können.

    Auch der Beitrag Der soziale Super-GAU beleuchtet Dinge, die in der Waagschale im Schatten liegen. Das alles verschiebt das Gleichgewicht zu Ungunsten der Kernenergie.

    Welche Schlussfolgerungen wir daraus schließen, sollte allerdings in der Tat mit mehr Nüchternheit aber auch nicht blind vor diesen menschlichen und sozialen Aspekten beschlossen werden. Alternativlos ist gar nichts.

  46. Zurück in die Zukunft @Michael Kahn

    „In Deutschland haben doch die Gegner der Kernenergie auf ganzer Linie gesiegt.“

    Befinden wir uns denn im Krieg?

    Aber sei’s drum, Ihrem Kommentar an @Richard kann ich hingegen z.T. auch zustimmen. Fakt ist aber, dass die Bundesregierung Kernenergie als Brückentechnologie ansieht. Ob man danach mit den „Erneuerbaren“ über die Runden kommt wird sich zeigen. Für Deutschland bin ich da schon optimistisch. Was „Die aufstrebenden und immer noch rapide wachsenden Nationen“ betrifft, da gebe ich Ihnen recht. M.E. lässt sich der aber Drang nach immer mehr auch mit noch so viel Technik nicht ausreichend befriedigen. Langfristig sollte man sich daher eher bescheiden, aber wer will das schon?

    Wir sind von der Werbung und der Wirtschaft gnadenlos auf einen immer höheren Verbrauch eingestimmt worden, man nennt das Wachstum. Leider leben wir schon lange über unsere Verhältnisse und richten unsere Lebensgrundlagen zugrunde. Natürlich kann man die Zeit nicht zurückdrehen und das Spiel wieder neu starten. Wir müssen weitermachen, allerdings können wir die Prämissen verändern und dazu gehört für mich ein Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit. Gerade dafür bräuchten wir aber Wissenschaftler, die uns zeigen was geht und was nicht.

  47. Wenn wir denn eine Wahl hätten…

    Wenn wir Kernkraft als Brückentechnologie nutzen können wir nicht mal ausschließen, dass die Brücke ins Nichts führt und wir irgendwann an den Punkt kommen, an dem nicht mehr beliebig viel zusätzliche Energie erzeugt werden kann. Was dann?

    Mir scheint, das eigentliche Problem ist der von Michael angesprochene Energiehunger. So lange die Menschheit gezwungen ist, mit allen verfügbaren Mitteln auf Teufel komm raus so viel Energie zu erzeugen wie möglich, laufen wir unweigerlich in die negativen Folgen der entsprechenden Verfahren. Ganz zu schweigen von der noch größeren Gefahr, dass uns der Energiemangel irgendwann den Teppich unter den Füßen weg zieht.

    Es wäre mal interessant sich zu überlegen, wie eine Energie-limitierte Welt funktionieren könnte (abgesehen von der naheliegenden Variante Hauen&Stechen).

  48. Einsparpotentiale

    „Mir scheint, das eigentliche Problem ist der von Michael angesprochene Energiehunger. So lange die Menschheit gezwungen ist, mit allen verfügbaren Mitteln auf Teufel komm raus so viel Energie zu erzeugen wie möglich, laufen wir unweigerlich in die negativen Folgen der entsprechenden Verfahren. Ganz zu schweigen von der noch größeren Gefahr, dass uns der Energiemangel irgendwann den Teppich unter den Füßen weg zieht.
    Es wäre mal interessant sich zu überlegen, wie eine Energie-limitierte Welt funktionieren könnte (abgesehen von der naheliegenden Variante Hauen&Stechen).“

    Da bin ich der gleichen Meinung. Es ist möglich Energie einzusparen und das vielleicht sogar ohne größeren Verzicht. Dazu muss allerdings über manches neu nachgedacht werden. Nur ein Beispiel: In Deutschland werden jährlich rund 20 Millionen Tonnen Essen weggeworfen, da entweder das Ablaufdatum (Supermarkt) abgelaufen ist oder das Essen nicht mehr warm ist und nicht aufgewärmt werden darf, sondern weggeschmissen werden muss (Burger-Brater). Viele Lebensmittel werden auch zu Hause weggeworfen oder schon bei den Erzeugern, die optisch unansehnliche Produkte nicht verkaufen können. Ich möchte deshalb auf den Film „Taste the Waste – Die globale Lebensmittelverschwendung“ hinweisen, der hier kurz vorgestellt wird:

    http://www.wau.boku.ac.at/17617.html

  49. @Mona

    Langfristig sollte man sich daher eher bescheiden, aber wer will das schon?

    Das Problem mit dem „sich bescheiden“ ist halt, dass jeder immer damit einverstanden ist, dass die anderen sich bescheiden sollen, um es mal auf den Punkt zu bringen.

    In weiten Teilen der Welt besteht gar keine Alternative zum Wachstum. Bei uns besteht die Alternative, aber wir sind nicht mehr wichtig genug, als dass wir allein wirklich einen Unterschied machen würden.

    Abgesehen davon herrscht bei uns noch nicht einmal Bereitschaft, mal etwas zurückzustecken. Warum haben wir kein Tempolimit, warum müssen unsere Autos die dicksten und schnellsten sein, warum bescheiden wir uns nicht auf die energieeffizienteste Art des Wohnens – relativ kleine Wohnungen in Hochhäusern?

    Angeblich ist hierzulande das Bewusstsein um die Endlichkeit der Ressourcen und die Gefährdung der Umwelt ausgeprägt. Zumindest führt jeder diese Worte im Munde.

    Aber wenn die Leute wirklich glauben würden, dass es im Klimawandel schon fünf vor zwölf ist, dann wären sie doch bereit, Opfer zu bringen, um zu verhindern, dass es zum Schlimmsten kommt … sollte man meinen.

    Das gilt für unser Land, wo die Bevölkerung nicht wächst, wo die Infrastruktur schon gut ausgebaut ist und das Wohlstandsniveau hoch.

    In weiten Teilen der Welt herrscht aber Bevölkerungswachstum, die Infrastruktur ist erbärmlich und es gibt verbreitete bittere Armut. Diese Nationen brauchen das Wachstum.

    Wir können jetzt Zeit dafür aufbringen, ihnen zu erzählen, dass sie doch bitteschön verzichten sollen. Das wird nichts bringen.

    Wir können auch versuchen, nachhaltige Prinzipien in Situationen einzuführen, die auf starkes Wachstum angewiesen sind. Das wird auch nicht gehen.

    Wir könnten aber auch die Krise als Problem begreifen, das alle angeht, die ganze Welt an einen Tisch bringen und Anwendungen entwickeln, die es ermöglichen, die nächsten Jahrzehnte mit minimierten Risiken und Schädigungen zu überstehen. Das bedarf eines hohen Forschngsaufwands, es wird keinen wirklich zufriedenstellen und man immer noch erhebliche Risiken eingehen, schon gar nicht wird das mit einem komplett erneuerbaren Energiekonzept gehen … aber es ist zumindest besser als die Alternative, die darin besteht, so weiter zu machen wie heute.

  50. I confess

    Ich, TomGard, komme in dieser Debatte auf allen Seiten so vor, als hätte ich iwie schon bei meiner Zeugung, spätestens aber mit dem ersten Schluck von der Brust meiner Mutter, die Weltwirtschaft und ihr Wachstum bestellt. Die einen sagen, ich solle mich gefälligst an diese „Bestellung“ und das Maul halten, die andern sagen, ich soll es aufmachen, um zu quäken „Das habe ich aber nicht bestellt!“

    Der „Witz“ daran:
    Das läuft so, und nur deshalb so, weil ich – wie jeder andere Mensch – mit existentiellen Drohungen daran gehindert werde, jedem, der mir zurechnungsfähigerweis so kommt, mit mechanischen oder chemisch beschleunigten Mitteln die sachgerechte Antwort zu erteilen.

    So einfach ist das.
    Echt. Denkt mal ‚drüber nach.

  51. Energiewende @Michael Kahn

    „Wir könnten aber auch die Krise als Problem begreifen, das alle angeht, die ganze Welt an einen Tisch bringen und Anwendungen entwickeln, die es ermöglichen, die nächsten Jahrzehnte mit minimierten Risiken und Schädigungen zu überstehen.“

    Ja, das könnten wir, aber ich sehe die Zukunft eher in dezentralen Lösungen. Eine große Maschine aus der jeder Energie saugt wird es mit Sicherheit nicht geben. Es ist doch auch viel vernünftiger sich regionalen Gegebenheiten anzupassen. Warum sollen die Länder der Dritten Welt z.B. nicht auf Solarenergie setzen, wenn sie sowieso in einem sonnenverwöhnten Land leben? Es gibt auch heute schon viele Lösungsansätze zum Energiesparen, warum sie nicht ausschöpfen?

    Hier ein Beispiel: http://www.welt.de/…ur-fuer-Computerzentren.html

    Wie wäre es denn mit einem Bloggewitter zum Energiekonzept der Zukunft? Da würden doch sicher auch gute Ideen und Konzepte vorgestellt werden, oder?

  52. @Mona: Dezentrale Lösungen…

    …sind ja schön und gut, aber sie haben ihre Grenzen. Man kann eine Großstadt nicht mit Solarkollektoren auf den Dächern versorgen – dazu ist der Energiebedarf im Verhältnis zur Fläche viel zu groß. Man wird also um einen Anteil an Großkraftwerken nicht wirklich herumkommen.

    Die Anmerkung mit den Lebensmitteln ist natürlich richtig. Die Verschwendung liegt da allerdings in der Struktur unserer Versorgungssysteme begründet. Wenn man da etwas dran drehen will, muss man wohl sehr stark eingreifen, bis hin zu Rationierung oder Elementen von Planwirtschaft. Da ist halt auch wieder die Frage, was da durchsetzbar ist, denn freier Markt und freie Wahl bei Gütern des täglichen Bedarfs sind die Grundlage unserer Gesellschaft.

  53. Nur technische Fragen? Machtfragen!

    Fachwissen habe ich ja nicht vorzuweisen. Vorzugsweise halte ich mich deshalb zurück. So ganz entschiedener Atomkraftgegner bin ich bis jetzt noch immer nicht. Ich finde dabei durchaus auch, dass das, was manche Atomkraftgegner schon immer so munter wussten, auch zu hinterfragen wäre.
    Aber eine Sache möchte ich jetzt doch betonen, die mir in den fachwissenschaftlichen Diskussionen sehr kurz zu kommen scheint (möglicherweise habe ich etwas überlesen):
    Vor ein paar Tagen konnte man lesen, wie schon seit Jahren die Betreibergesellschaft in Fukushima der Öffentlichkeit und der Regierung auf der Nase rumtanzt: http://www.tagblatt.de/…opiert-_arid,128211.html
    Und
    http://www.fr-online.de/…68/8238668/-/index.html

    Die Kombination von Tsunamis und Erdbeben ist vielleicht hier tatsächlich um einige Grade unwahrscheinlicher; und „Tsunami“ klingt so schön exotisch. Aber danke, dass du gezeigt hast, welche Augenwischerei mit diesem Argument verbunden sein kann.
    Das Tückische wird aber sein, dass das, was technisch (gerade noch?) verantwortbar sein könnte, auch bei uns durch entsprechende Geschäftsinteressen erst richtig gefährlich wird. Erst gestern über Störfälle in Philippsburg gelesen. Derartige Geschäftspraktiken sind also nicht so exotisch, dass sie nur in Japan geschehen könnten. Auch hierzulande tanzen sie auf der Nase von Regierungen herum, und die Bevölkerung hat gegebenenfalls das Nachsehen. Dabei können die Regierungen nicht einmal zugeben, dass sie die Macht gegen die Atomlobby längst verloren haben. Und davor habe ich Angst. Wer diktiert denn die Regeln und Auflagen? Wer setzt denn Grenzwerte fest? Das sind alles Fachleute, da haben Laien angeblich gar nichts zu sagen. Aber wer bezahlt wen, und wer bezahlt die Rechnung?
    Diese politischen Fragen müssen hartnäckig gestellt werden.
    Und was ich nie vergessen will: Die Arbeiter in den Uranbergwerken – ein auch etwas seltener genanntes Thema – die sind ja so weit weg. Unserer Sozialversicherung fallen sie nicht zur Last. Sauberer Strom aus dem Sumpf der Armut. Auch das würde zu einer politischen Diskussion gehören.

  54. @Hermann:

    Am Rande ist das hier auch schon ein- oder zweimal angesprochen worden, aber du triffst damit natürlich den entscheidenden Punkt: Für mich ist die Technik selbst nicht das Problem. Michael und Joachim haben das ja schon dargelegt, dass einiges auch für die Atomkraft spricht – eigentlich.

    Das Problem ist vielmehr, dass die Betreiber fünfzig Jahre lang einen Freibrief zum Schludern hatten und den wohl auch weidlich ausgenutzt haben. Niemand weiß, wo überall im System die aufgehäuften Nachlässigkeiten lauern und welche Folgen sie im Ernstfall haben werden. Dass die Ungereimtheiten und Dokumentationsfehler rund um die Asse nur dort und sonst nirgends aufgetreten sind, kann mir niemand erzählen.

  55. Marktwirtschaft

    Hi,
    das Problem liegt hier meines Erachtens in der gespielten Marktwirtschaft der Energietechnik. (Übrigens ganz ähnlich im Gesundheitssystem.) Was ich damit meine ist, dass die Entscheidung, Kernenergie zu betreiben, natürlich immer eine politische Entscheidung war und sein wird. Man kann nicht als Privatunternemen einfach ein Atomkraftwerk bauen und betreiben. Solche Entscheidungen werden und wurden immer politisch, also in Parlamenten und Regierungen getroffen.

    Andererseits gibt man dann aber die Lizenzten zum Betrieb dieser politisch (mehr oder weniger) gewollten Anlagen an private Unternehmer. Meist waren es ursprünclich öffentliche Energieversorger, die dann privatisiert wurden. Solche privaten Unternehmen haben aber nicht mehr primär den offentlichen Auftrag, sicher und zuverlässig Energie zu erzeugen. Ihr hauptzweck wird mit der privatisierung die Gewinnmaximierung. Dieser hat sich dann Versorgungssicherheit und Reaktorsicheheit unterzuordnen. Sicherheit ist für ein gewinnmaximierendes Unternehmen ein Kostenfaktor, der gering zu halten ist.

    Man sollte wirklich mal darüber nachdenken, ob Privatwirtschaft immer das beste ist. Es gibt noch etwas zwischen totaler Marktwirtschaft und Planwirtschaft. Man könnte versuchen, öffentlich wichtige Bereiche wie Energieversorgung und medizinische Grundversorgung aus der Marktwirtschaft herauszunehmen und durch öffentliche Unternehmungen bereitzustellen.

    Eine nicht marktwirtschaftlich geführte Kernenergie-Gesellschaft hätte also Unternehmensziel nicht mehr die Gewinnmaximierung, sondern Sicherheitsmaximierung. Die Gesellschaft müsste bereit sein, die mehrkosten für mehr Sicherheit und Kontrolle zu tragen.

  56. Größte anzunehmende Verarsche

    Während der japanische Reaktor in Fukushima immer mehr außer Kontrolle gerät und ein paar arme Kerle ihr Leben riskieren um ihn zu kühlen, die von der Journaille auch noch als „Wegwerfarbeiter“ bezeichnet werden, zeigt man den japanischen Kindern im Fernsehen solche Filmchen:
    http://www.spiegel.de/…gel/0,1518,753421,00.html

  57. Sicherheit eingebaut, nicht aufgestülpt

    Das Problem der heute vorherrschenden Reaktoren liegt bereits bei der Art der gewählten Reaktortechnologie, die Überhitzungen nicht ausschliesst und eine aktive Nachkühlung erfordert.

    Lars Fischers Kritik: „Das Problem ist vielmehr, dass die Betreiber fünfzig Jahre lang einen Freibrief zum Schludern hatten und den wohl auch weidlich ausgenutzt haben.“ betrifft also nur ein bereits inhärent unsicheres Produkt, dessen Sicherheitsprobleme dadurch abgefangen werden müssen, dass niemand schludert und man immer volle Aufmerksamkeit bewahren muss um einen schweren Störfall zu verhindern. Ein Atomreaktor darf aber kein Flugzeug sein, das bei Unaufmerksamkeit abschmiert, denn die Konsequenzen gehen weit über die Reaktoranlage hinaus.
    Auch die Anmerkungen von Joachim Zitat: „Eine nicht marktwirtschaftlich geführte Kernenergie-Gesellschaft hätte also Unternehmensziel nicht mehr die Gewinnmaximierung, sondern Sicherheitsmaximierung. „ gehen am Kernproblem vorbei, denn die Kernenergiegesellschaft, die einen Reaktor betreibt kann ihn nicht sicherer machen, sondern nur die Wahrscheinlichkeit reduzieren, dass der schlimmst mögliche Fall eintritt – der kann aber immer noch eintreten.

    Am Anfang der heutigen Reaktoren stand die Forschung mit ihren Forschungsreaktoren. Diese Phase wurde jedoch viel zu schnell beendet. Man gab sich mit den erstbesten Reaktoren zufrieden und verbesserte sie später nur noch, anstatt inhärent sichere zuerst zu konzipieren und über die Stadien Prototyp, Demoreaktor und Standardisierung schliesslich zugleich kostengünstige und sichere kommerzielle Reaktoren zu erhalten. Ein Beispiel für einene solchen inhärent sicheren Reaktortyp ist der modulare Kugelhaufenreaktor, der trotz teurerem Kern dank Massenfabrikation und dem Vezicht auf nun unnötige aktive Sicherheitssysteme insgesamt kompetitiv zu den heutigen Druckwasserreaktoren sein kann (siehe http://nextbigfuture.com/…ed-reactor-starts.html )

    Professor Daniel Spreng, hat die Geschichte des Druckwasserreaktors, der zuerst bei der Navy eingesetzt wurde, auf dem ETH-Klimablog (siehe http://blogs.ethz.ch/…ernenergie-war-uberfallig/ ) treffend so zusammengefasst: [Kaptiän] Rickover [von der US-Navy] fertige eine Blaupause eines Reaktors an und zeigte sie Weinberg. «Wird das funktionieren?», fragte er Weinberg. «Wahrscheinlich schon», meinte dieser. «Dann werden wir‘s produzieren», sage Rickover. «Nein, nein, nun geht es drum einen Prototypen zu bauen», entgegnete Weinberg. Doch Rickover erklärte: «This is not the navy way», «Das ist nicht die Art wie man in der Navy vorgeht, wir produzieren!» Der kalte Krieg schien keinen Aufschub zu erlauben. Dadurch wurde dieser Druckwasserreaktor sehr schnell entwickelt und unverzüglich auch für die Stromerzeugung eingesetzt. Dies gab ihm einen Vorsprung von mehreren Jahren, der seither von keinem anderen Reaktortyp eingeholt wurde.

    Betreiber von Kernreaktoren – seien sie nun private oder öffentliche Gesellschaften – können nur die Wahrscheinlichkeit für den maximalen Störfall reduzieren. Dabei müsste der maximale Störfall sehr viel geringer ausfallen als das bei den heutigen Reaktoren der Fall ist.

  58. @Mano

    aber ich sehe die Zukunft eher in dezentralen Lösungen. Eine große Maschine aus der jeder Energie saugt wird es mit Sicherheit nicht geben. Es ist doch auch viel vernünftiger sich regionalen Gegebenheiten anzupassen.

    Das ist doch erst einmal nur eine Vermischung von Buzzwords mit apodiktischen Behauptungen. „Große Maschinen, aus denen jeder Energie saugt“ wird es nicht nur in der Zukunft geben, es gibt sie auch jetzt schon. Hydroelektrische, thermische und nukleare Kraftwerke mit Kernspaltungstechnik.

    Jeden tag kommen neue hinzu, also ist es reichlich merkwürdig, einfach so zu verkünden die „wird es nicht geben“.

    In der Zukunft werden auch Fusionskraftwerke hinzukommen, die wesentliche Vorteile, auch und gerade in der Sicherheit, gegenüber Spaltungskraftwerken bieten und bei denen solche Begriffe wie Nachwärme, Kernschmelze und so weiter prnzipbedingt kein Thema mehr sind. Selbst wenn Deutschland sich entscheiden sollte, aus dem ITER auszusteigen, wird das die Entwicklung nicht aufhalten.

    Ja, es ist richtig, dass es erhebliches Potenzial zur Einsparung gibt, vor allem in entwickelten Ländern. Gerade in Japan wird kaum Sonnenergie genutzt, noch nicht einmal zur Brauchwassererwärmung, wo es wirklich mit geringem Aufwand fast überall realisiert werden könnte, sie Griechenland, wo auf vielen Häusern ein Sonnenkollektor aus Metall steht. Sowas sieht man in Japan kaum – es ist nicht zu erklären.

    Aber dazu möchte ich anmerken: Selbst wenn die in Japan jetzt (endlich) in die erneuerbaren Energien einsteigen, wird es immer noch so sein, dass dort die bestehenden Kraftwerke weiter genuttzt werden. Egal, wie man zur Kernenergie steht, man kommt nicht umhin, zu prüfen, wieso ein Kraftwerk einen schweren Störfall erlitt und ein anderes in derselben Situation nicht, und daraus Lehren zu ziehen. Denn dass so etwas noch einmal geschieht, will keiner.

  59. @Mona: Außer Kontrolle

    „Während der japanische Reaktor in Fukushima immer mehr außer Kontrolle gerät „

    Aus welchen Quellen entnimmst du diese Einschätzung?
    Die Datenlage legt diesen Schluss meines Erachtens nicht nahe:
    http://www.grs.de/…n-fukushima-onagawa-und-tokai

  60. @H. Aichele

    Vor ein paar Tagen konnte man lesen, wie schon seit Jahren die Betreibergesellschaft in Fukushima der Öffentlichkeit und der Regierung auf der Nase rumtanzt

    Die politische Komponente des Ganzen ist hochinteressant. Erst vor zwei Jahren gelang es, die seit dem Krieg fast ausschließlich auf die Regierung abonnierte LDP in die Opposition zu schicken, was dort schon fast als Majestätsbeleidigung aufgefasst wurde (für mich ein sicheres Zeichen, dass eine Regierung abgewählt gehört).

    Die LDP lässt nun aber keine Gelegenheit aus, gegen die jetzige Regierungspartei querzuscheißen, so als sei dies nun der Moment für politische Grabenkämpfe.

    Mag sein, dass die aktuelle Regierung Defizite im Krisenmanagement aufweist. Darüber will ich nicht urteilen, zumal sich immer die Frage stellt, wie überhaupt eine solche Krise zu meistern ist.

    Aber falls nun die japanische Regierung stürzt, es zu Neuwahlen kommt und die LDP wieder am Ruder sitzt …. dann wären genau die Leute wieder am Ruder, die über Jahrzehnte hinweg Firmen wie TEPCO zu dem haben werden lassen, was sie heute sind und die an der aktuellen Situation deutlich mehr Mitschuld tragen als die jetzige Regierung.

    Im Ausblenden von Kollateralschäden jeglicher Energiepolitik – nicht nur bei Bergwerksarbeitern – zeigen sich alle Seiten talentiert. Beispielsweise werden deutsche Einsparungen im Primärenergieverbrauch bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum auch dadurch erzielt, dass man energieintensive Produktionsteile ins Ausland verlagert. In den 80ern in die DDR, nach Ostasien und nun auch in die ehemaligen Ostblockstaaten.

    Wir exportieren dabei aber geschickterweise auch den Energieverbrauch und die Umweltverschmutzung. Die Folgeschäden tauchen in unseren deutschen Umweltbilanzen nicht mehr auf und wir können so tun, als hätten wir die Energiewende erfunden – Wachstum trotz Einsparung.

    Das ist sehr geschickt, und wenn man die so geschönten Zahlen in die Zukunft extrapoliert, kommen wir auf phänomenalen Wohlstand bei niedrigstem Primärenergieeinsatz und 100% EE – allerdings nur in Deutschland, global sieht es düster aus. Darüber können wir dann trefflich lamentieren und uns selbst anerkennend auf die Schulter klopfen, so als sei das „dort bei denen“ ja gar nicht unser eigener Energieverbrauch.

    Das nenne ich clever.

  61. Alterativen @Michael Kahn

    Sorry, da habe ich mich wohl etwas zu salopp ausgedrückt. Prinzipiell kann ich Ihnen auch gar nicht widersprechen, da ich sehr wohl sehe, dass die Energiefrage keinesfalls gelöst ist. Allerdings sollte man zukünftig eher auf umweltfreundliche Techniken setzen. Wie ich weiter oben schon schrieb könnte ich mir dazu dezentrale Lösungen vorstellen, die sich den regionalen Gegebenheiten anpassen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf das Konzept „DESERTEC“ hinwiesen und fragen, ob Sie so etwas für realisierbar oder eher für zu utopisch halten?
    http://de.wikipedia.org/wiki/Desertec

  62. @Joachim

    „Aus welchen Quellen entnimmst du diese Einschätzung?
    Die Datenlage legt diesen Schluss meines Erachtens nicht nahe“

    Inzwischen räumt Japans Regierung eine Kernschmelze ja selber ein. Ich habe nicht wirklich den Eindruck, dass man dort noch alles im Griff hat. Es geht doch eher um Schadensbebrenzung.

    Quelle: http://www.tagesschau.de/ausland/fukushima344.html

  63. @Mano

    Natürlich sollte man auf umweltfreundliche Technologien setzen. Mir ist nicht bekannt, dass irgendjemand fordert, auf umweltfeindliche Technologien zu setzen.

    Der Ärger geht aber sofort los, wo „umweltfreundlich“ definiert werden soll. „Umweltfreundlich“ ist genau wie „sicher“ ein Begriff, von dem jeder meint, dass er genau definiert sei, unter dem aber offenbar jeder etwas Anderes versteht.

    Ist ein Staudammprojekt umweltfreundlich? Wenn ja, bis zu welcher Größe? Ist der Drei-Schluchten-Damm umweltfreundlich? (Ist er sicher?)

    Ist Palmöl, angebaut in Monokulturen nach Abholzung von Urwäldern umweltfreundlich? Ist E-10 umweltfreundlich?

    Was finden Sie an einem Fusionsreaktor nicht umweltfreundlich?

    Was Desertec angeht, da verstehe ich Sie langsam wirklich nicht mehr. Erst fordern Sie kleine, dezentrale Lösungen, dann verweisen Sie ausgerechnet auf so ein Projekt mit gewaltigen Dimensionen, was genau das Gegenteil von dezentral ist, weil es die unmittelbare Abhängigkeit weiter Regionen und ihrer Menschen von ganz anderen Regionen bedingt.

    Vielleicht wird so etwas wie Desertec tatsächlich einmal realisierbar sein. Aber wohl erst, wenn die politischen Gegebenheiten in der ganzen Welt ganz andere sind. Aber wenn das so weit ist,
    werden die Wüstenstaaten auch entwickelt sein und deswegen ihren Strom zur Förderung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit als Produktionsstandorte einsetzen.

    Wenn selbst Hermann Scheer – dem man zwar alles Mögliche nachsagen konnte, aber nicht Mangel an großen Visionen, Desertec für hanebüchen hält, sollte das wirklich zu denken geben.

    PS: Ein Reaktor außer Kontrolle ist etwas anderes als ein Leck. Aber das ist nur einer der feinen Unterschiede, die der Presse eher egal sind.

  64. Monju

    Auf der anderen Seite von Japan (links oder westlich), wo gerade zufällig
    kein Erdbeben und kein Tsunami war, befindet sich der Brutreaktor Monju.

    Dort sind im Jahre 1995 ganz ohne Erdbeben und Tsunami
    versehentlich drei Tonnen flüssiges Natrium-Metall ausgelaufen.

    http://de.wikipedia.org/…um-Unfall_im_Monju_1995

    Das ist natürlich kein Grund zur Besorgnis.

    Sicherheitshinweis von Admiral Graf Frederik von Hombug:

    Brennendes Natrium löscht man am besten mit Benzin.

  65. @ mona

    Das Ausmaß, aber auch die Banalität der Täuschungs- und Vertuschungsmanöver einiger Regierungen und betroffener Industrieverbände kommt in seinen Grundzügen in einem hand-out zum Ausdruck, das die Nuklearenergieagentur bei der OECD (!) den ökonomisch und politisch verantwortlichen Laien bereits am 16.3. zur Verfügung stellte:
    http://www.oecd-nea.org/…WR-basics_Fukushima.pdf
    Bezeichnenderweise ist das Dokument gegen past / copy geschützt, wie das in „sensiblen“ Veröffentlichungen transnationaler Thinktanks zunehmend üblich wird, daher nur eine kurze Paraphrase.
    Nach ausführlicher schematischer Darstellung der betroffenen Technik heißt es dort – ich wiederhole, bereits am 16. – es sei von Kernschmelzen in allen drei zur Unglückszeit arbeitenden Reaktoren auszugehen, sowie von Beschädigungen der primären Wasserkreisläufe (suppression pools) und des Containments (Sicherheitsbehälter) der Reaktoren 2 und 3.

    Letzteres wurde allerdings nicht ergänzt um die Milchmädchenrechnung, daß die Installationen der Druckgefäße (Zuleitungen und Ventile), insbesondere im Falle des ältesten, am meisten von Strahlungskorrosion betroffenen Reaktors, die Dauerbelastung von Temperatur- und Druckschwankungen und der Injektion von Salzwasser unmöglich haben aushalten können, und leck werden mußten, sodaß nun vorliegt, was bereits damals absehbar war: Direktverbindung zwischen Reaktorinventar und Außenwelt . Vom Zustand dieses Inventars noch gar nicht zu reden.

    Immerhin mittelbar offenherzig waren in den vergangenen zwei Wochen die Veröffentlichungen der französischen Atomenergiebehörde:
    http://www.irsn.fr/…03_situation_au_japon.aspx#1
    Vor wenigen Minuten erschien das neueste Musterbeispiel:
    Sowohl im Block 1 wie 3 „bleibe die Lage sehr besorgniserregend“, heißt es da, während es für den Zustand von Block 2 heißt, der primäre Wasserkreis des Reaktors sei „wahrscheinlich schwer beschädigt“. Auch eine massive Beschädigung des Abklingbeckens wird unterstellt.
    Von der „zeitweiligen“ Kernschmelze, welche die Japaner melden, redet man in Frankreich lieber gar nicht erst, man will sich ja nicht lächerlich machen …

    Die Übersetzung: Der Zustand im Block 2 ist nicht mehr „besorgniserregend“, weil das worst case Szenario eingetreten ist – „worst case“ natürlich nicht in einem apokalyptischen, sondern technisch verständigen Sinne zu nehmen.

    Gelöscht wegen Beleidigung. L.F.

  66. Zentral versus Dezentral: Das täuscht!!

    Bei vielen Diskutanten, die für dezentrale Energieversorung, neue Erneuerbare und Stromsparen eintreten, beobachtet man eine Ablehnung der Nukleartechnologie nicht nur wegen den Gefahren, sondern aus grundsätzlichen Gründen: Sie wehren sich gegen die Grosstechnik auch weil sie eine Machtkonzentration in den Händen weniger Grosskonzerne bedeute. So gesehen wäre eine dezentrale Energieversorgung, in der jeder zum Stromproduzenten werden kann ein Gegenmodell – ähnlich wie der PC ein Gegenmodell zum Grossrechner ist.

    Doch dezentrale Stromversorgung mit nicht nur dezentraler Stromproduktion, sondern auch nur lokaler Stromkonsumation ist mehr ein Zukunftskonzept als baldige Realität, vor allem wenn man fordert, dass der dezentral erzeugte Strom auch noch klimaneutral sein soll. Lokal Energie erzeugen und auch lokal nutzen – ohne Netz, ohne Super- und ohne Smartgrid und ohen teure Speicher – ist heute nur mit Blockheizkaftwerken oder lokalen Dieselgeneratoren (schmutigste Version) möglich – und in ländlichen Gegenden von Entwicklungsländern ohne Netz sind Dieselgeneratoren tatsächlich DIE Lösung. Allerdings einen sehr fossile Lösung.

    Dezentrale Energieerzeugung mit Wind- und Sonnenkraftwerken (Solarpanels, Solarrinnen mit Dampfturbine etc.) ist jedoch heute auf eine Kombination von gut ausgebautem, Ländergrenzen überschreitendem Stromnetz und Speicher angewiesen. Die Speicher sind dabei Pumpspeicherkraftwerke, adiabatische Druckluftspeicher (die sich erst im Konzeptstadium befinden) und Wasserstoffspeicher in Salzkavernen. Weil diese Speicher nicht sehr effizient sind, bevorzugt mam wenn immer möglich den Export und Import von Strom und hofft, dass mit einem Netz, das Produktionsschwankungen von Standorten, die über ganz Europa verteilt sind, ausgegelichen werden können. Für längere Perioden von wenig Wind und Sonne über ganze Europa muss man dann aber trotzdem noch auf Speicher zurückgreifen. Das ist alles andere als eine dezentrale Lösung und zudem so teuer, dass es sich nur die reichen Länder leisten können.

    Das ist eben ein wichtiger Grund, dass es – trotz Fukushima – immer ncoh Befürworter von Atomkraftwerken gibt. Ein prominenter Verfechter der Nukleartechnologie ist George Monbiot. Im Artikel „Is nuclear power still the answer to our energy problems?“
    (siehe http://www.guardian.co.uk/…e-lucas-nuclear-power ) schreibt er treffend: “ The tougher we make the task of decarbonising the electricity supply, the more climate change is going to escalate to truly dangerous levels and cause suffering out of all proportion to that we are talking about today. Climate change is far more dangerous than any of the issues we’re talking about, and the tougher you make it, by rejecting nuclear power, the more likely it is that runaway climate change takes place.“

    Lokal Energie erzeugen und lokal nutzen mit Wind und Sonne wird erst möglich sein, wenn es billige Batterien grosser Kapazität gibt. Doch davon ist noch nichts in Sicht. Und solange die fehlen landen wir mit Wind und Sonne als primärer Energiequelle in einem Grosssystem gewaltigen Ausmasses mit tausenden von Kilometeren Stromtrasses, die den Kontinent durchgqueren, mit zusätzlichen Reservekraftwerken, die im günstigsten Fall mit Biomasse betrieben werden, mit unzähligen, noch zu erstellenden Pumpspeicherkraftwerken und mit beängstigenden Mengen von Wasserstoff, die in deutschen Salzdomen eingelagert sind.

  67. Desertec @Michael Kahn

    „Wenn selbst Hermann Scheer – dem man zwar alles Mögliche nachsagen konnte, aber nicht Mangel an großen Visionen, Desertec für hanebüchen hält, sollte das wirklich zu denken geben.“

    An dem Projekt beteiligen sich immerhin so namhafte Unternehmen wie Siemens, E.ON, Deutsche Bank und Münchner Rück. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass die ihr Geld in „hanebüchene“ Objekte stecken.
    Hier kann man sich die technische Seite von Desertec auf YouTube anschauen (2 Teile).

    http://www.youtube.com/watch?v=TR7cdB4Fv8w

  68. @Mnao

    An dem Projekt beteiligen sich immerhin so namhafte Unternehmen wie Siemens, E.ON, Deutsche Bank und Münchner Rück. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass die ihr Geld in „hanebüchene“ Objekte stecken.

    Wie Sie meinen, dann hatte Hermann Scheer halt Unrecht. Leider kann man ihn nicht mehr dierkt fragen, denn er ist tot, aber Hermann Scheer wäre nicht Hermann Scheer, hätte er seine Meinungen nicht sehr wortreich begründet. Wenn man will, kann man es nachlesen.

    Warum sind Sie so verliebt in das Projekt? Es ist riesig, ist ist zentralisiert, es stecken große Unternehmen dahinter, es macht uns in hohem Maße unmittelbar abhängig, es ist genau das Gegenteil von lokal und dezentral, also alles Sachen, die man doch ganz schlimm finden muss.

    Oder nicht?

  69. Energiemix @Michael Kahn

    Ob ich in das Projekt „verliebt“ bin oder nicht ist irrelevant. Ich versuche mir lediglich vorzustellen, wie es mit der Energieversorgung in der Zukunft weitergehen könnte. Ich fasse einmal kurz zusammen: Deutschland will langfristig aus der Atomenergie austeigen. Kernfusionskraftwerke befinden sich noch im Forschungsstadion. Diese könnten, nach Auskunft vom IPP Garching, frühestens 2050 fertiggestellt sein und Strom liefern. Regenerative Energien können nach heutigem Stand des Wissens die Energieversorgung nicht decken und unsere Kohlekraftwerke schaden der CO2- Bilanz. Also wird man auch Projekte wie Desertec in den Energiemix der Zukunft aufnehmen müssen. Selbst wenn sich das Projekt für Europa als nicht durchführbar erweisen sollte, so ist es zumindest für die Staaten des Maghreb eine umweltfreundliche Alternative.
    Siehe auch: http://www.zeit.de/…romprojekt-Desertec?page=all

  70. @Mona : D: Strom aus 100% Erneuerbaren

    Regenerative Energien können nach heutigem Stand des Wissens die Energieversorgung nicht decken und unsere Kohlekraftwerke schaden der CO2- Bilanz. Also wird man auch Projekte wie Desertec in den Energiemix der Zukunft aufnehmen müssen.

    Nach verschiedenen Studien kann Deutschland bis 2050 zu 100% mit erneuerbarem Strom versorgt werden, wobei es Varianten mit mehr Selbstversorgung (mit teurem Speicher) und Varianten mit mehr Import und Export von Strom gibt. Allein die Windenergie onshore und offshore könnte einen grossen Teil des Strombedarfs Deutschlands decken.
    Allerdings wird der Strompreis um das doppelte oder vielleicht auch mehr steigen und es steht wohl weniger Strom als jetzt zur Verfügung, denn ein grosser Stromverbrauch bedeutet bei unregelmässig anfallendem Wind+Sonnenstrom auch einen hohen Bedarf nach Stromtransport (Hochspannungsleitungen) und einen grossen Sttromspeicherbedarf – und dort liegen im Moment noch die Probleme. Alle Variantem benötigen Kurzfristspeicher in Form von Pumpspeicherkraftwerken und adiabatischen Druckspeicherwerken und allein in Deutschland bis zu 3000 km neue Hochspannungstrasses. Die Varianten mit einem grossen Selbstversorgungsgrad nutzen für längere Phasen von wenig Sonne und Wind grosse Wassesrstoffspeicher in Salzdomen, günstiger käme aber die Benutzung der grossen Wasserstaudämme in Norwegen, Schweden und der Schweiz (weniger Selbstversorgung, dafür kostengünstiger).

    Trotz der prinzipiellen Machbarkeit gilt doch, dass ein stabiles Stromversorungssystem allein mit Erneuerbaren noch viel Forschung und Entwicklung und einer gut durchdachten Auslegung bedarf, damit es nicht nur funktioniert, sondern auch bezahlbar ist.

    Siehe dazu den Bericht des Sachverständigenrats http://www.umweltrat.de/…bis_2050.html?nn=395730

    Auch eine Studie des UBA (siehe http://www.umweltdaten.de/…ionen/fpdf-l/3997.pdf ) kommt zu einem ähnlichen Schluss.

    Allerdings befassen sich beide Studien nur mit der Stromversorgung und der Strom macht weniger als 30% der verbrauchten Energie aus.

  71. Vielleicht könnte man andersherum fragen

    Welchen Energiebedarf können wir denn mit erneuerbaren Ebergien decken? Und ist es vielleicht möglich, dass auch eine industrialisierte Gesellschaft mit dieser verfügbaren Strommenge auskommt?

    Wenn man mal zurückblickt, dann ist die Technik mit einer ganzen Reihe Einschränkungen fertig geworden, ohne dass Wohlstand und Produktivität gelitten haben, im Gegenteil. Ich halte es durchaus für vorstellbar, dass wir auch – ein bisschen Zeit für die Umstellung vorausgesetzte – mit limitierter Energie und limitierten Ressourcen klarkommen.

  72. Ja, das wär schön!

    Ich halte es durchaus für vorstellbar, dass wir auch – ein bisschen Zeit für die Umstellung vorausgesetzte – mit limitierter Energie und limitierten Ressourcen klarkommen.

    (L.F.)

    Die Herangehensweise erforderte eine Inventur der Zweck – Mittel – Verhältnisse im Energieeinsatz, und es ist nun wahrlich nicht so, als ob „wir“ darüber nichts wüßten. Die technische Evaluation wäre mit der Kalkulation zu ergänzen, mit welchem Energieeinsatz „man“ in sog. „zivilisierten“ Gesellschaften aus 100 $/€ 200 $/€ zu machen trachtet, und wie die Verbräuche, die Bedürfnisse und sowas wie „Lebensqualität“ der Beteiligten dabei vorkommen. Entscheidend wäre es, in der Kalkulation die Rolle der Kapitalumschlagszeiten nicht zu vergessen: Wieviel Energie wird mit dem Zweck aufgewandt / ins All geblasen, die „Transsubstantiation“, an deren Ende die Verdoppelung einer digitalen Geldsumme stehen soll (!!), in – sage – drei Jahren, statt vier zu „vollziehen“ – und wie kommen die Zwecke, der Verbrauch, die Bedürfnisse und … ach Quatsch … „Menschen“ halt dabei vor.

  73. @Lars Fischer: Energiesparen+Wohlstand

    Ich halte es durchaus für vorstellbar, dass wir auch – ein bisschen Zeit für die Umstellung vorausgesetzt – mit limitierter Energie und limitierten Ressourcen klarkommen.

    Der Strom-und Energieverbrauch steigt mit dem Wohlstand. Der zunehmende Wohlstand ermöglicht es aber auch, den Energieverbrauch zu senken, indem man Geld in teurere energiesparende Geräte, in effizientere, aber teurere Elektromobile und in hochgedämmte und nicht ganz billige Häuser steckt. Zudem kann ein Wohlstandsland alle Produktionsprozesse, die mit Schmutz und hohem Energeiverbrauch einhergehen auslagen – eben zu den Chinesen und Indern, diesen Schmutzfinken.

    In Entwicklungs- und Schwellenländern gibt es aber weniger Sparpotential und dort ermöglicht billige Energie überhaupt erst den industriellen Aufstieg. In China werden noch heute viele Häuser mit einfachverglasten Fenstern versehen und es kommt billige Energie anstatt teure Stromspartechnik zum Einsatz. Der chinesische Konsument kauft also einen billigeren, verschwenderisch mit Energie umgehenden Kühlschrank obwohl chinesische Firmen auch Kühlschränke der höchsten Energieeffizienzkategorie herstellen – diese verkaufen sie allerdings in den Westen.

  74. Kolonialismus 2.0?

    Michael Khan: „Wir exportieren dabei aber geschickterweise auch den Energieverbrauch und die Umweltverschmutzung. Die Folgeschäden tauchen in unseren deutschen Umweltbilanzen nicht mehr auf und wir können so tun, als hätten wir die Energiewende erfunden – Wachstum trotz Einsparung.“

    Marin Holzherr: „Zudem kann ein Wohlstandsland alle Produktionsprozesse, die mit Schmutz und hohem Energeiverbrauch einhergehen auslagen.“

    Das ist auch mein Verdacht. Läßt sich dazu etwas aus den Projektionen des deutschen Energieverbrauchs herauslesen?

  75. @Amon: Projektionen in die Zukunft

    Deutschland will langfristig aus der Atomenergie austeigen. Kernfusionskraftwerke befinden sich noch im Forschungsstadion. Diese könnten, nach Auskunft vom IPP Garching, frühestens 2050 fertiggestellt sein und Strom liefern. Regenerative Energien können nach heutigem Stand des Wissens die Energieversorgung nicht decken und unsere Kohlekraftwerke schaden der CO2- Bilanz. Also wird man auch Projekte wie Desertec in den Energiemix der Zukunft aufnehmen müssen.

    „Vorhersagen sind immer dann schwierig, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen.“ Das gilt auch hier. Wer eine Prognose über 50 Jahre abgeben will, lehnt sich sehr weit aus dem Fenster. Man sehe sich die Prognosen aus dem Jahr 1950 über die Situation im Jahr 2000 an. Also lehne ich mich mal aus dem Fenster:

    Die enge Verzahnung unseres Wirtschaftssystems mit denen der arabischen Staaten halte ich unter den gegebenen und selbst der bestenfalls mittelfristig zu erwartenden politischen Rahmenbedingungen auf absehbare Zeit für illusorisch.

    Meine Meinung zu den anderen Punkten:

    1.) Was die 50 Jahre für die Kernfusion angeht, da sagen Pessimisten, dass deren großtechnische Nutzung bereits seit fast 50 Jahren immer genau 50 Jahre in der Zukunft liegt und dass dies so weitergehen wird. Optimisten sagen, dass Technologiesprünge geschafft werden, wenn sie notwendig sind und man sich wirklich dahinterklemmt. Aktuelle Prognosen für die Kernfusion basieren wohl eher auf der aktuellen Finanzierungslage. Ich behaupte, die Kernfusion wird kommen. Man wird dann feststellen, dass sie lange nicht so viele Vorteile und wenig Nachteile hat wie zunächst behauptet. Das war bei der Kernspaltungstechnik auch so, und jetzt ist das bei den EE so. Aber sie wird immer noch viel weniger probleme bereiten als die Kernspaltungstechnik.

    2.) Wir werden wahrscheinlich eine weitere Auslagerung energieintensiver Industrien ins Ausland sehen, aus denen dan Halbfertigprodukte re-importiert werden. Das wird den Primärenergieverbrauch hier scheinbar senken. Dieser Prozess ist schon seit Jahrzehnten zu beobachten. Forcierter Einsatz von EE wird die Deindustrialisierung beschleunigen, wodurch der lokale Energieverbrauch sinkt und der Anteil der EE wächst. Wer nicht allzu genau hinschaut, wird dann meinen, es sei etwas geschafft.

    3.) Auch eine Entscheidung zum Ausstieg aus der Kernenergie kann revidiert werden, wenn man sieht, dass es notwendig ist.

    4.) Mittelfristig können wir auch das machen, was schon Italien gemacht hat: Aus der Kernenergie aussteigen und dann Atomstrom aus Frankreich importieren. damit das nicht auffällt, kann man den Atomstrom nutzen, um in Pumpspeicherwerken nachts Wasser nach oben zu pumpen. Tagsüber läuft es wieder nach unten, treibt eine Turbine an und erzeugt so wundersamerweise Ökostrom aus Wasserkraft.

    Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

  76. Nachtrag

    Noch eine Option:

    5.) Auch wenn Kraftwerke, die fossile Brennstoffe verfeuern, klimaschädlich sind und dem Ziel zuwiderlaufen, den Ausstoß von Treibhausgasen signifikant zu reduzieren, ist damit zu rechnen, dass die Versuchung groß wird, diese Nachteile in Kauf zu nehmen.

    Vielleicht entsteht hier der Eindruck, ich halte von Bestrebungen zum Wandel in der Energieversorgung nicht sund mache mich darüber lustig. Das Gegenteil ist der Fall. Es macht mich krank, zu sehen, wie notwendige Reformen auf die lange Bank geschoben werden, weil man Risiko und Kosten scheut, selbst um den Preis eines steigenden Risikos und davonlaufender Kosten.

    Andererseits finde ich es aber auch bemerkenswert, wie in einem Land, wo selbst einige Windkraftwerke oder neue Hochspannungsleitungen schon auf erbitterten Widerstand stoßen, so als sei dies schon eine Frage des Untergangs des Abendlandes, einfach so mal Projekte propagiert werden, bei denen es darum geht, in vielen anderen Ländern großflächig die Landschaft mit Sonnenkraftwerken zuzukleistern und weitere Länder mit Hochspannungsleitungen zu umwickeln wie Kohlrouladen, damit der Strom zu uns kommen kann. Offenbar erwartet man, dass „die Leute dort“ das alles etwas toleranter sehen als die Deutschen.

  77. @Michael Kahn

    „Andererseits finde ich es aber auch bemerkenswert, wie in einem Land, wo selbst einige Windkraftwerke oder neue Hochspannungsleitungen schon auf erbitterten Widerstand stoßen, so als sei dies schon eine Frage des Untergangs des Abendlandes, einfach so mal Projekte propagiert werden, bei denen es darum geht, in vielen anderen Ländern großflächig die Landschaft mit Sonnenkraftwerken zuzukleistern und weitere Länder mit Hochspannungsleitungen zu umwickeln wie Kohlrouladen, damit der Strom zu uns kommen kann. Offenbar erwartet man, dass „die Leute dort“ das alles etwas toleranter sehen als die Deutschen.“

    Es ist ja nicht so, dass Ausstiegsbestrebungen in anderen Ländern gegen 0 gehen würden, aber im Zuge einer globalisierten Produktion wird es genügend Länder geben die freiwillig die AKW-freie Zone Deutschland mit Energie aus beliebigen Quellen versorgen werden. Hauptsache der Preis stimmt. Da unsere Energieerzeuger auch global ausgerichtet sind werden diese schon bald Mittel und Wege finden. („Aus der Kernenergie aussteigen und dann Atomstrom aus Frankreich importieren. Damit das nicht auffällt, kann man den Atomstrom nutzen, um in Pumpspeicherwerken nachts Wasser nach oben zu pumpen. Tagsüber läuft es wieder nach unten, treibt eine Turbine an und erzeugt so wundersamerweise Ökostrom aus Wasserkraft.“).
    Da sich aus Wind und Sonne nur sog. niedrigpotenzielle Energie (prima für die öffentliche Versorgung, nicht ausreichend für die Industrie) erzeugen lässt, wird die Schwerindustrie (vor allem Metallurgie) und energieintensive Chemie gleich mit auswandern. Genau wie Michael Kahn es geschrieben hat („Wir werden wahrscheinlich eine weitere Auslagerung energieintensiver Industrien ins Ausland sehen, aus denen dan Halbfertigprodukte re-importiert werden. Das wird den Primärenergieverbrauch hier scheinbar senken. Dieser Prozess ist schon seit Jahrzehnten zu beobachten. Forcierter Einsatz von EE wird die Deindustrialisierung beschleunigen, wodurch der lokale Energieverbrauch sinkt und der Anteil der EE wächst. Wer nicht allzu genau hinschaut, wird dann meinen, es sei etwas geschafft.“).
    Ich würde da eher sagen das der öffentliche Verbrauch im Verhältnis zum Gesamtverbrauch ansteigt und entsprechend auch der EE Anteil.

    Ist nun Fusion eine Alternative?
    In der Öffentlichkeit wird leider das „Kern“ häufig weggelassen um einen Zusammenhang mit „Kern(spaltungs)erergie“ zu vermeiden und eine „saubere“ Energieart mit grünem Siegel („die Energiequelle der Sonne“) zu vermitteln. In absehbarer Zeit werden wir aber nur die D-T (Deuterium-Tritium) Kernfusion als erstes beherrschen lernen. Bei dieser Reaktion fallen auch in erheblichem Maße schnelle (energiereiche) Neutronen an. Diese Neutronenströme bewirken Umwandlungen nichtaktiver Materialien in Radionuklide, welche eine eigene Zerfallskette besitzen und bis zu einem neuen, stabilen Nuklid, Radioaktivität, vor allem in der Form von Alpha- (He-Kerne) und Beta- (Elektronen/Positronen) Strahlung, erzeugen. Also fallen wieder radioaktive Abfälle (im Volksmund „Atommüll“ genannt) an.

    Da ca. 50% (ohne „Stillegungsmüll“) der radioaktiven Abfälle aus Forschung, Medizin, Industrie und Landwirtschaft anfallen, ist auch für diese Abfälle eine Endlagerung notwendig.

    Aus Kohlekraftwerken wird immer nur über CO2 geredet. Wöchentlich fallen jedoch aus Braukohlekraftwerken ca. 50 Waggons Asche an, welche in ihrer Hauteigenschaft hydrophob ist, also Wasser aufnimmt, und verhärtet. Diese Asche ist nur unterirdisch lagerbar, da ansonsten Schäden an der Bodenstruktur zu erwarten sind.

    Bei der Produktion von Solarelementen werden sogenannte seltene Erden benötigt. Ihr Vorkommen ist vor allem in Uranpechblende und Steinkohleabraum. Diese fallen aber im Verhältnis zu den Abraummängen nur in Spuren an. Die Energie, welche dafür aufgewendet werden muß, wird aber in der Energiebilanz vernachlässigt.

    Der Energiehunger der Welt (auch wenn im satten Deutschland nicht mehr so ausgeprägt) lässt sich auf absehbare Zeit nur mit einem gesunden Energiemix stillen und Kern(spaltungs)energie gehört nun mal dazu.

    Auch wenn diese Gesichtspunkte von (zumeist unbewußt) instrumentalisierten Mitbürgern hier in Deutschland gern mit fast religösem Eifer und am Ende (in der Regel) mit diffamierendem Gebrüll niedergeschrieen werden, wird die Zukunft zeigen, das die Menschheit in ihrer Gesamtheit einen Weg finden wird. Einseitige Ausrichtungen werden dabei, auf Grund der unterschiedlichen Gegebenheiten der nationalen Entwicklungen, global keine Rolle spielen. Kleine Naturschutzgebiete, welche von der Gutwilligkeit der sie umgebenen Landschaft abhängen, haben aber durchaus eine Chance.
    Wir sollten uns langsam mal davon verabschieden, das Deutschland der Nabel der Welt ist und wir die Weißheit mit Löffeln gefressen haben. (Da gabs doch mal was mit „Wesen“ und „genesen“).

    G.Heim

    PS:
    „Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,
    Und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt;
    Mein Pathos brächte dich gewiß zum Lachen,
    Hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt.

    Von Sonn’ und Welten weiß ich nichts zu sagen,
    Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen.
    Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
    Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.

    Ein wenig besser würd er leben,
    Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
    Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,
    Nur tierischer als jedes Tier zu sein.

    Er scheint mir, mit Verlaub von euer Gnaden,
    Wie eine der langbeinigen Zikaden,
    Die immer fliegt und fliegend springt
    Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt;
    Und läg er nur noch immer in dem Grase!
    In jeden Quark begräbt er seine Nase.“
    (J.W.Goethe)

  78. „Die englische Südküste wurde von einer 3 Meter hohen Flutwelle getroffen.“ Das ist nicht mal eine größere Stumflut -.-

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