Open Access – das Petitionsverfahren ist abgeschlossen

Der Petitionsausschuss hat die Bearbeitung meiner Online-Petition "Kostenloser Erwerb wissenschaftlicher Publikationen" jetzt abgeschlossen. Die Eingabe war ein erstaunlicher Erfolg und hat mir ein paar ziemlich aufregende Monate beschert. Zeit für ein Fazit.  

Mitte August 2009 habe ich in meinem alten Blog[1] einen kleinen, provisorisch zusammengeschriebenen Petitionstext zur allgemeinen Diskussion eingestellt habe. Das war die Zeit, als praktisch jeder sein Lieblingsthema online verpetitioniert hat, in der Hoffnung, einen ähnlichen Coup zu landen wie Franziska Heine mit ihrer Zensursula-Petition. Ein paar Wochen später habe ich das Ding dann ohne große Erwartungen auf dem Petitionsserver des Bundestages publiziert und erstmal für eine Weile vergessen.

Jetzt habe ich von der Vorsitzenden des Petitionsausschusses, Kersten Steinke von der Linksfraktion, ein Schreiben mit einem offiziellen Fazit bekommen. Mit fast 24000 Unterstützern und 176 überwiegend zustimmenden Forumsbeiträgen gehört sie, Zitat Petitionsausschuss, "zu den bislang am meisten beachteten öffentlichen Petitionen". Die Presse hat berichtet, im Radio war ich auch und der Bundestag hat sie am 7. Juli – einen Tag nach meinem Geburtstag, beraten – und beschlossen, sie an BMBF und Justizministerium weiterzuleiten. Eigentlich kaum zu glauben.

Der Erfolg hat gerade in diesem Fall viele Väter und Mütter. Viele von ihnen sitzen auf Twitter, dort hatte ich am 9. November eine kurze Notiz gepostet, dass eine Petition von mir online sei. Mehr war nicht drin, ich war auf der Wissenswerte und praktisch vom Netz abgeschnitten. Aber die Twittergemeinde hat meine kurze Meldung aufgegriffen und tausendfach weitergereicht – und in Massen die Petition unterzeichnet. Die Lawine war längst ins Rollen gekommen, bevor ich auch nur wieder an meinem Schreibtisch saß. Und nach Twitter kamen die Blogs, und dann die Forschungsorganisationen, Wissenschaftsinitiativen und Bibliotheken. Zwischenzeitlich haben mich all die Anfragen und Vorschläge ein Bisschen überfordert. Aber es lief ja auch schon längst ohne mich.

Ich weiß bis heute nicht, warum die Petition so gut funktioniert hat. Sie hat wohl dem Zeitgeist entsprochen, und sie ist auf eine schlagkräftige Gemeinschaft von Open-Access-Befürwortern getroffen, die schon seit Jahren für dieses Thema kämpft und meiner kleinen Initiative die Unterfütterung gegeben hat, die sie brauchte.

Für eine Sache allerdings klopfe ich mir bis heute selbst auf die Schulter: Die Argumentation mit dem Steuerzahler, der ein Anrecht auf die von ihm finanzierten Forschungsergebnisse hat. Das ist der Punkt an der Petition, der von den Open-Access-Befürwortern am meisten kritisiert wurde, aber ich bin bis heute der Meinung, dass das eine verdammt gute Idee war. Denn natürlich gibt es noch haufenweise andere gute Argumente für Open Access, aber für eine öffentliche Petition braucht man ein zentrales Argument, das jeder sofort versteht. Und dem Satz "Es ist nicht angemessen, dass der Steuerzahler für die von ihm finanzierten Forschungsergebnisse erneut bezahlen muss" kann man nur schwer widersprechen. Wer bezahlt schon gerne doppelt?

Wie es jetzt weitergeht, muss man mal sehen. Die Politik ist gefragt, und derzeit arbeitet das Parlament fleißig an einer großen Reform des Urheberrechts, die unter anderem speziell auf die Bedürfnisse der Wissenschaft eingehen soll. Und die Resonanz der Petition in der Politik hat mich angenehm überrascht – aus fast allen Parteien kamen positive Reaktionen, von den Grünen, der Piratenpartei, den Linken, von der CDU, in der sich insbesondere Scienceblogger Christian Reinboth sehr um die Sache verdient gemacht hat und das immer noch tut, und jetzt auch aus der SPD. Ich bin zuversichtlich.
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[1] Der Petitionsentwurf war zugleich auch der letzte echte Beitrag in meinem alten Blog, und in gewisser Weise seine Krönung. Es freut mich, dass diese kleine Seite etwas hervorgebracht hat, das bis heute weit über die Blogosphäre hinaus wirkt. Es war eine gute Zeit, nur ich, ein paar Leser und um uns herum die unendlichen Weiten des Internet mit all seinen Möglichkeiten

Veröffentlicht von

www.fischblog.com

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Petition

    Das wäre ohne Internet nicht möglich gewesen und was mir das Internet heute als blinder Mensch als Informationsquelle bedeutet…

  2. Netzpolitik ftw

    Mit der Petition kannst du extrem stolz auf dich sein! Auch, falls sie nicht funktioniert hätte, hättest du das tun sollen; da sie so enorm gut angekommen ist, sieh es als Pflicht, dir die Lorbeeren dafür abholen zu müssen.

    Dass Kritik für das Steuerzahler-Argument gekommen ist, finde ich schon befremdlich. Leider hat sich das durch OA nicht sehr viel umverlagert (zwar gibt es in meinem Bereich viel OA, aber darin zu publizieren ist teurer, zahlt also erst wieder der Steuerzahler).
    Für mich also ebenfalls das schlagende Argument schlechthin!
    Ich würde sogar noch weitergehen und das für TV-Filme und andere, über öffentliche Fonds gesponserten Produktionen gewissermaßen beanstanden (bis vor Kurzem haben die Deutschen Steuerzahler auch Hollywood am Leben erhalten zB).

    Finde dein Engagement beneidenswert & hoffe, dass du da viele Nachahmer finden wirst. Leider scheinen viele im Wissenschafts(nahen)betrieb zwar eine überzeugte Meinung von vielem zu haben, ihnen aber am politischen/sozialen Interesse zu fehlen, den Aufwand einzugehen um der breiten Bevölkerung den Stellenwert davon zu vermitteln.

    Ich hoffe, du nervst nicht zu sehr herum, wenn du vor Stolz durh Twitter stolzierst 😉

    Reife Leitung, hoffe, das geht so noch weiter & du verlierst nicht die Motivation dich dafür einzusetzen.

  3. Danke an alle. 🙂

    Hat Spaß gemacht, kann ich nur empfehlen.

    @fatmike182:
    Ich kann mich auch des Verdachts nicht erwehren, dass dieses permanente rumgemäkel der zentrale Grund ist, weshalb Themen von Wissenschaftlern und Akademikern generell wenig politische Zugkraft haben. „Sachlich korrekt“ und „vollständig“ sind für politische Argumente schlicht nachrangige Kriterien. Was zählt ist die Wirkung.

  4. Auch von mir einen herzlichen Dank für diese Petition! Schön zu sehen, was mit dem Web 2.0 alles zu erreichen ist, insbesondere via Twitter! Beim Open Access-Day dieses Jahres gab es bei mir an der Uni einen Stand, der über die universitären Maßnahmen Open Access zu verbreiten, aufklärte. Schon seit geraumer Zeit lässt sich beobachten, dass deutsche Unis auf den Geschmack kommen sind und wissenschaftlichen Inhalte frei zugänglich machen bzw. machen wollen. Ich würde also sagen, dass der Ball ins Rollen gekommen ist. Hier in Würzburg wurden z.B. Rahmenbedingungen geschaffen, Publikationen von würzburger Wissenschaftlern auf einen bestimmten frei zugänglichen Publikationsserver (OPUS) hochzuladen, wenn sie nicht alle Nutzungsrechte ihrer Studien an Verlage abgegeben haben. Hinzu kommen zahlreiche andere Dokumente wie Forschungsberichte, studentische Ausätze oder sogar bestimmte Buchkapitel. Derzeit lassen sich so gut 4926 Dokumente in OPUS finden und 11 weitere Universitäten besitzen in Bayern ebenfalls so einen Server! Super!

    Das Gute daran ist, dass so die Forschungsergebnisse einfach besser verbreitet werden und einen Forschungsstandort transparenter machen. Jeder Autor sollte sich dafür also interessieren und engagieren, weil man so durchaus neue Kooperationspartner und Geldgeber gewinnen kann.

    Am Ende möchte ich hier nun ein paar Open Access-Links teilen, die sich jeder bookmarken sollte bzw. sowieso schon kennt:

    DIE Open Access-Informationsplattform

    Liste, die darüber Auskunft gibt, welche Verlage eine parallele Bereitstellung von Publikationen erlauben

    Open Acces für sozialwissenschaftliche Dokumente

    Open Access für Psychologie

    Open Access für Erziehungswissenschaften

    Open Access für Wirtschaftswissenschaften

    Directory of Open Access Journals

    Für Naturwissenschaftler:

    BioMed Central: Publisher of 220 peer-reviewed open access journals

    PLoS – Wohl die bekannteste Open Access-Seite für biomedizinische Journals

    PMC is a free full-text archive of biomedical and life sciences journal literature at the U.S. National Institutes of Health’s National Library of Medicine

    GenBank® is the NIH genetic sequence database, an annotated collection of all publicly available DNA sequences

    Open access to e-prints in Physics, Mathematics, Computer Science, Quantitative Biology, Quantitative Finance and Statistics

  5. Doppelt bezahlen

    Ich wollte eigene Artikel, von denen ich Sonderdrucke habe und die inzwischen online veröffentlicht sind, mir auf den Rechner kopieren. Besonders dreist finde ich von den Verlagen, dass ich dafür zahlen müsste. Selbstverständlich müssen von Steuergeldern finanzierte Forschungsergebnisse frei zugänglich sein, jedenfalls nach normalem Verstand. Dann ist es zwar leichter in den Gesellschaftswissenschaften „neue Ergebnisse“ in dicken Wälzern durchs Kopieren zu produzieren, dafür sind Plagiate noch leichter herauszufischen.
    Dank für die – eigentlich überfällige – Initiative.

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