Giovanni Boccaccios Pest in Florenz. Bild: Wellcome Library, London, CC BY 4.0

Monsanto und Mikrozephalie in Brasilien

Ich wollt ja nicht… Aber nun gut, ein paar Worte von mir zu der Geschichte, dass nicht Zika für die Häufung der Mikrozephalie-Fälle in Brasilien verantwortlich sei, sondern das Pestizid Pyriproxyfen. Das Ganze sollte man, um es gleich vorweg zu sagen, mit großer Vorsicht genießen – und man braucht eigentlich kein naturwissenschaftliches Fachwissen, um die Warnsignale zu erkennen.

Orac drüben in den Scienceblogs (der das Ganze knallhart als Verschwörungstheorie einsortiert), hat sich in seinem Blog ausführlich mit der Frage befasst, wie plausibel die These mit dem Pestizid aus toxikologischer Sicht ist und wie das mit Mikrozephalie und Zika aussieht. Das ist gut, dann muss ich das nicht machen. (EDIT: Das australische Science Media Center hat jetzt ein paar Expertenstatements mit mehr Infos zum Thema)

Glauben die das eigentlich selbst?

Ich vermute aber eher, dass Zika, Mikrozephalie und Monsanto hier nur gern genommene Aufhänger sind, um Publicity für die Medicos de Pueblos Fumigados und ihr Anliegen zu generieren. Ich habe erstmal keinen Grund, an der Ernsthaftigkeit der Organisation und ihres eigentlichen Anliegens zu zweifeln. Nur, so richtig scheint die Truppe an ihre steile These ja selbst nicht zu glauben.

Zum einen steht der vermeintliche Zusammenhang mit Pyriproxifen in der Veröffentlichung, soweit ich das sehen kann, gar nicht explizit drin. Die Autoren suggerieren einen solchen Zusammenhang an mehreren Stellen, aber nie konkret genug, dass man sie auf die Aussage festnageln könnte.
Tatsächlich ist der Titel des Papiers sogar sehr zurückhaltend und verrät, dass der Fokus des Artikels eigentlich eher allgemein ist:

REPORT from Physicians in the Crop-Sprayed Town regarding Dengue-Zika, microcephaly, and massive spraying with chemical poisons

(„Dengue-Zika“? Egal…) Schon von den sieben Punkten der Zusammenfassung befassen sich selbst mit guten Willen interpretiert lediglich zwei mit dem vorgeblichen Zusammenhang zwischen Pyriproxyfen und Mikrozephalie. Man kann aber sehr schön sehen, wie die Idee in die Köpfe des Publikums gepflanzt wird. Punkt 2 der Zusammenfassung enthält zwei einigermaßen unstrittige Befunde, die erstmal kommentarlos nebeneinander stehen: Den Anstieg der Mikrozephalie-Fälle 2015 und den Einsatz des Pestizids seit anderthalb Jahren.

In Punkt 3 impliziert die Organisation immerhin noch, es gebe keinen Zusammenhang zwischen Zika und Mikrozephalie. Das hat zwar nicht direkt etwas mit dem postulierten Zusammenhang zwischen Pyriproxyfen und Mikrozephalie zu tun, klingt aber immerhin so. Ich persönlich halte das für eine ziemlich gewagte These (zu Zika und Mikrozephalie in Kolumbien gibt es hier einen Artikel), aber andererseits würde ich auch davor warnen, die Frage vorschnell als geklärt abzuhaken, wie in diesem Artikel bei Forbes. Also meinethalben kann man das so machen (Gegenargumente siehe Orac)…

Nur: Hier fehlt jede weiterführende Argumentation, weshalb diese drei hintereinander stehenden Aussagen jetzt irgendwie eine Kausalkette vom Pestizid zum Geburtsfehler ergeben. Und nicht etwa, sagen wir, der sozialistische Gouverneur der fraglichen Provinz an Mikrozephalie schuld ist, der dort 2014 gewählt wurde. Der zeitliche Zusammenhang passt genauso gut wie der mit Pyriproxyfen.

Aber in Punkt 4 kommt ja auch Monsanto. Und wenn Monsanto draufsteht, muss es ja böse sein. Allein diese Argumentationsfigur sollte eigentlich alle Bullshit-Alarmglocken angehen lassen. Trotzdem – beziehungsweise genau deswegen – wandert die Meldung wie Dünnschiss durchs Internet. Monsanto irgendwas halt. Das Tolle daran: Ohne den völlig kalkulierbaren Hirn-aus-Reflex der ganzen wohlfeilen Nachplapperer würden wir die Veröffentlichung wohl nicht mal zur Kenntnis nehmen.

Monsanto-Klickbait

Dummerweise stimmt das mit Monsanto anscheinend in dieser Form gar nicht. Und das scheinen die Autoren der Veröffentlichung auch genau zu wissen. Der Hersteller Sumitomo ist unter den Stichpunkten oben eine „Tochtergesellschaft“ von Monsanto, im Text steht schon vorsichtiger „associated to or subsidiary of“. Ein bisschen Rumgoogeln ergibt dann, dass beide Unternehmen im südamerikanischen Markt wohl – böseböse – kooperieren.

Ein unglückliches Missverständnis? Ohne diesen Monsanto-Effekt würden die Physicians in the Crop-Sprayed Villages mit ihrer Veröffentlichung jedenfalls eher keinen Blumentopf gewinnen. Der angebliche Zusammenhang zwischen Pestizid und Mikrozephalie ist so lieblos zusammengestückelt, als würden sie ihn selbst nicht glauben. Der Hauptteil des Textes – ebenso wie die Mehrzahl der Stichpunkte in der Zusammenfassung – befasst sich dann auch mit Pestiziden und Moskitobekämpfung allgemein, was auch das eigentliche Anliegen zu sein scheint. Der Abschnitt über GMO-Moskitos wirkt vor dem Hintergrund des Mikrozephalie-Themas wiederum nachgerade skurril, obwohl das für sich genommen schon ein wirklich spannendes Thema ist.

Die Truppe hinter der Meldung beschäftigt sich, ihrer Webseite nach zu urteilen, durchaus seit Jahren mit dem Thema Agrochemikalien, Geburtsfehlern und den Folgen jahrzehntelangen Pestizideinsatzes. Insofern könnte man durchaus mit detaillierten Darlegungen rechnen, weshalb ausgerechnet dieses Larvengift jetzt konkret Geburtsfehler verursacht. Aber da kommt ja gar nichts. Die machen sich nicht mal die Mühe, toxikologische Daten zu diskutieren.

Stattdessen gibt es ein paar Absätze mit allgemeinen Aussagen über Agrarchemikalien und einen vagen Verweis darauf, dass Pyriproxyfen die Entwicklung von Insektenlarven stört und Menschen ja im Grunde auch nicht so anders als Mücken sind… Naja. Es heißt ja immer, für außergewöhnliche Behauptungen brauche man auch außergewöhnliche Belege. Aber wenn man die nicht hat, reicht halt auch ein bisschen Monsanto-Klickbait.

Lars Fischer

Veröffentlicht von

www.fischblog.com

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Du hast dir echt die Mühe gemacht eine Verschwörungstheorie auseinander zu nehmen, die fast niemand kennt und du selber für unglaubwürdig hälst?
    Da muss ich mir die Frage stellen zu welchem Zweck. Wenn es eh irrelevant ist, warum solltest du dir die Mühe machen.

    • @1, Andre:
      Du hast dir echt die Mühe gemacht einen Kommentar zu der Einordnung einer Verschwörungstheorie auseinander zu nehmen, die du nicht kennst?
      Da muss ich mir die Frage stellen zu welchem Zweck. Wenn du es eh nicht kennst, warum solltest du dir die Mühe machen.

    • @1, Andre:
      Du hast dir echt die Mühe gemacht einen Kommentar zu der Einordnung einer Verschwörungstheorie zu schreiben, die du nicht kennst?
      Da muss ich mir die Frage stellen zu welchem Zweck. Wenn du es eh nicht kennst, warum solltest du dir die Mühe machen.

  2. *Was* sie schreiben, ist folgendes:

    „Malformations detected in thousands of children from pregnant women living in areas where the Brazilian state added pyriproxyfen to drinking water is not a coincidence, even though the Ministry of Health places a direct blame on Zika virus for this damage, while trying to ignore its responsibility and ruling out the hypothesis of direct and cumulative chemical damage caused by years of endocrine and immunological disruption of the affected population.“

    Das klingt für mich nur danach, als wollten die Autoren der Brasilianische Regierung unterstellen, diese würde das Zika-Virus hinhängen, damit die Pyriproxyfen-Hypothese gar nicht erst untersucht würde. Um das zu prüfen, müsste man jetzt die ganzen Presseverlautbarungen des brasilianischen Gesundheitsministeriums lesen: Sagen sie explizit, dass Pyriproxyfen nicht verantwortlich sei? Und der Zusammenhang mit Zika erwiesen?
    Weiterhin ist die Behauptung „Malformations detected in thousands of children from pregnant women living in areas where the Brazilian state added pyriproxyfen to drinking water is not a coincidence…“ eben vorerst auch nur eine Behauptung. Solange man nur diese eine Ecke in Brasilien betrachtet, befindet man sich in der Situation des „Texanischen Scharfschützen“: Bekanntlich ballert der mit einem Gewehr gegen die Scheunenwand, sucht dann die Stellen höchster Einschussdichte und malt eine Zielscheibe drumherum. Welche Erfahrungen gibt es mit Pyriproxyfen sonst? Kann man den Effekt im Tierversuch nachstellen? Was sonst könnte die Mikrocephalie verursacht haben? Ist die Häufung tatsächlich nicht mit dem Zufall zu erklären?
    Auch wenn jetzt viele sagen werden, ich gehörte (als Chemikerin sowieso) der Achse des Bösen an, so ist doch niemandem geholfen, schnell einen Sündenbock auszumachen: Schon gar nicht den unglücklichen Betroffenen. Diese Art zu Denken ist geradezu alttestamentarisch und hilft hier nicht weiter.

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