Lebensmittelallergien – eine Massenpsychose?

Es scheint ein gewisser Konsens zu herrschen, dass die Zahl der Allergien in den letzten Jahren sehr stark zugenommen hat. Dieser leider unbelegten Quelle zufolge „verdoppelt sich die Anzahl der Allergiker im zehn-Jahres-Rhythmus“ – oder verdoppelt sich nur die Zahl der Leute, die fest daran glauben, allergisch zu sein? Dieser Eintrag im Blog Savage Minds greift jedenfalls Zahlen[1] aus einem Report auf, nach dem zwar etwa 20 Prozent aller erwachsenen Briten nach eigenen Angaben an einer Lebensmittelallergie leiden, aber nur bei knapp zwei Prozent ein Provokationstest positiv ausfällt.

Die Zahlen stammen von zwei Wissenschaftlerinnen der Uni Portsmouth, die für das Flour Advisory Bureau einen Bericht über die Prävalenz von Weizenmehlallergien, Unverträglichkeiten und Zöliakie erstellt haben. Das FAB ist eine Lobbyorganisation, die die Verwendung von Weizenmehl promotet, und der Bericht ist auch nicht peer reviewed, insofern ist Misstrauen durchaus angebracht. Die Zahlen scheinen allerdings größenordnungsmäßig zu stimmen, es gibt eine ganze Reihe Studien mit vergleichbaren Ergebnissen. Es scheint so zu sein, dass nur etwa ein Zehntel der selbstdiagnostizierten Lebensmittelallergien einer Überprüfung standhält.

Dafür kann es natürlich verschiedene Gründe geben, zum Beispiel werden Allergien gerne mal mit nicht-immunologischen Unverträglichkeiten verramscht und es wird auch beim Provokationstest falsch-negative Resultate geben. Dass diese Effekte einen Faktor zehn erklären können, halte ich für wenig wahrscheinlich.

Ein gestörtes Verhältnis zur Nahrungsaufnahme haben jedenfalls eine ganze Menge Leute. Das Spektrum reicht von einer milden, marketinginduzierten Inhaltsstoffneurose (Ganz viele Vitamine! Rotierende Milchsäure! Low-carb!), die inzwischen fast jeder irgendwie hat, bis hin zu lebensbedrohlichen Erkrankungen wie Anorexie. Kann durchaus sein, dass ein beträchtlicher Teil der Lebensmittelallergien ebenfalls in diese Kategorie gehört.

Es lohnt sich auf jeden Fall, die Überlegungen im Blogbeitrag und dem vorausgegangenen Zeitungsartikel sorgfältig zu lesen. Die Autoren ziehen interessante Parallelen zwischen allergiebedingten Vermeidungsverhalten, religiösen Nahrungstabus und Askese. (Selbst-)Kontrolle ist jedenfalls ein bekanntes Motiv bei klassischen Essstörungen, und auch bei Allergien liegt die Verbindung einigermaßen nahe.

Interessant ist jedenfalls, dass der angeblich rapide Anstieg der Allergiezahlen immer weniger offensichtlich ist, je genauer man nachguckt. Liest man Foren, Erfahrungsberichte oder Artikel in Tageszeitungen, gewinnt man den Eindruck eines wahren Allergie-Tsunamis, der seit ein paar Jahren durchs Land rollt. Das Bild in der klinischen Literatur ist allerdings durchaus gemischt: Sowohl in dieser Studie von 1998 als auch einer von 1992 berichten etwa 15 – 20 Prozent der Befragten, eine Lebensmittelallergie zu haben, was sich bei jeweils nur etwa zwei Prozent auch bestätigt. Anfang der 80er Jahre lag der Wert nach meinen Informationen ebenfalls bei zwei Prozent. Et cetera.

Dem gegenüber stehen Zahlen, die der britische NHS kürzlich publiziert hat, und laut denen es in den letzten 15 Jahren einen scharfen Anstieg der lebensgefährlichen allergischen Reaktionen gegeben hat. Verantwortlich dafür sind unter anderem neu entwickelte Allergien im Erwachsenenalter, die sich wohl überdurchschnittlich oft in schweren Schocks manifestieren. Das ist dann aber auch nicht mehr selbst-diagnostiziert…

Schwer zu sagen, was genau da wirklich läuft. Lest auf jeden Fall die beiden Artikel, denn neben Anekdoten über asthmakranke Kinder in jeder Schulklasse und dergleichen häufen sich eben auch Geschichten wie die am Ende des Artikels im Telegraph:

Only last week, a friend with recently self-diagnosed lactose intolerance came round for a cup of tea. “Do you have any soya milk?” she asked as the kettle boiled. I confessed I hadn’t and felt awful. It was then that I realised she was on her third chocolate biscuit. “Oh, milk’s OK in chocolate biscuits,” she said hastily. How convenient, I thought.

Und da musste ich doch glatt an meinen Mitbewohner denken, der kein Geflügel vertrug – bis er herausfand, dass Huhn optimal zu seiner neuen Low-Carb-Ernährung passt.

(Dank an @zerology für den Hinweis)

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[1] Nicht wundern – die Zahlen sind im Blogeintrag falsch zitiert.

Lars Fischer

Veröffentlicht von

www.fischblog.com

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. wird Zeit,

    … dass auch solche Gedanken endlich öfter mal laut ausgeschrieben/-gesprochen werden.
    Lediglich eine diplomatische Andeutung in diese Richtung, bringt mir, als Ernährungs- und Diätberaterin, bereits haufenweise „allergische“ Blicke ein, von Kollegen und Klienten gleichermaßen. Das gilt es erstmal auszuhalten.;-) Doch ich steigere mich: so habe ich letztens in diesem Sinne einen Artikel für eine Fachzeitschrift(Naturheilkunde)geschrieben. Ganz behutsam, um dieser Gedankenrichtung auch die Möglichkeit einer Akzeptanz zu geben. Bin gespannt ob er gebracht wird. – Wichtiges Thema also, da bin und werde ich auf jeden Fall dranbleiben!

  2. In Schokoladekeksen ist aber um einiges weniger Milch enthalten als man sich in einen Tee oder Kaffee kippt. 😉
    Bei der Laktoseunverträglichkeit kommts ja auch auf die Menge an, die man zu sich nimmt. Bei ner leichten Unverträglichkeit kann man schon nen Schuß Milch in den Kaffee tun und den Keks mit Milchcremefüllung essen, aber bei nem Milchshake plus Sahnetorte wirds happig werden. Und der mit der starken Unversträglichkeit kriegt wenn er Pech hat schon von der Schokolade Probleme.
    Kommt halt immer drauf an, wie viel Laktase der Körper noch selbst produziert.
    Ich persönlich zB. versuch halt so weit es geht alles laktosehaltige das sich leicht ersetzen lässt auch zu ersetzen, da man immer noch genug Laktose durch Dinge zu sich nimmt, die man nicht so einfach ersetzen kann zB. Brot, Schokolade und ähnliches (deswegen würd ich vermutlich auch nach laktosefreier Milch fragen während ich Schokokekse esse 😉 )…

  3. So einfach geht das …

    … war jüngst wegen einer schweren Bindhehautentzündung beim Augenarzt. Hat mich bzw. mein Auge kurz untersucht. Beim Kontrollbesuch am Folgetag viel u.a. die Bemerkung “ … bei ihren Nahrungsmittelallergien …“. Auf meinen zaghaften Protest hin, wies er die Sprechstundenhilfe an in meine am Vortag angelegte Karteikarte zu schauen:“Stimmt, 5 Nahrungsmittelallergien!“. Jetzt weiß ich es, da kannste nichts machen 🙂

  4. @Konstanze
    Das ist eigentlich das Kernproblem dabei: Die religiöse Inbrunst, mit der das ganze betrieben wird. Das bleibt ja dann auch kein privates Problem. Ich vermute, dass ein beträchtlicher Teil kindlicher Ess- und Gesundheitsstörungen inzwischen anerzogen ist.

    @Kathy
    Das ist natürlich ein Argument. Laktose-Unverträglichkeit ist ja auch keine Allergie, da wird man auf Dosiseffekte achten müssen.

  5. Umweltkrank

    Laut Allergie- und umweltkrankes Kind e.V. (
    http://www.kinderklinik-gelsenkirchen.de/…bsub=0 ):
    „Immer mehr Menschen erkranken an Allergien und umweltbedingten Krankheiten.“

    Dieser Verein, der traditionell mit dem Hamer-Adepten Dr. Stemmann verbunden war und vielleicht noch ist (http://www.prof-stemmann.de/), kennt den rhetorischen Kniff, um mit dem Problem der falsch diagnostizierten Allergie umzugehen.
    „Umweltkrank“ ist als Catch-all-phrase geeignet, beliebige beleglose Behauptungen zu verbreiten.

    Tatsächlich würde mich daher der Stand der Forschung interssieren, inwieweit Allergien und Lebensmittelunverträglichkeiten erworben werden und mit welchen Zahlen die ständig wiederkehrende Behauptung belegt wird, dass dabei eine psychische Komponente wirksam sei.

  6. “Oh, milk’s OK in chocolate biscuits,” she said hastily

    Oha, das passt zu meiner Meinung zu der zugenommenen Lac-Intoleranz…

  7. Geschmacksverstärker

    Das Leben ist schon geschmacklos geworden – wie ein dreigroschenroman…

    deswegen brauchen wir immer mehr geschmacksverstärker…Ich muss gestehen, ich kann auch gut ohne leben !
    ich meine geschmacksverstärker im essen –

  8. Man muss bei angeblich gestiegenen Krankeheitszahlen auch immer berücksichtigen, dass diese manchmal mit den Zahl der Diagnosen verwechselt werden.

    Wenn (z.B. wegen gestiegenem Interesse in der Bevölkerung oder durch bessere Tests) die Zahl der Diagnosen steigt, heißt das noch lange nicht dass auch mehr Menschen als zuvor betroffen sind. Vorher wurden dann eben viele Fälle nicht erkannt.

    Paradebeispiel sind hier die psychischen Störungen. Man könnte sich leicht zu dem Schluss verleiten lassen, dass die Zahl der Depressionen, ADHS usw. in letzter Zeit stark zugenommen hat. Stimmt natürlich nicht, nur die Diagnosen nehmen zu. Denn bis vor einiger Zeit waren psychische Störungen noch deutlich stärker mit einem Tabu belegt (was sie teilweise noch immer sind), die Ärzte waren schlechter zur Diagnostizierung qualifiziert, die Hilfsangebote waren schlechter organisiert und die Betroffenen erfuhren deshalb auch viel seltener, woran sie eigentlich leiden. Schaut man sich die erheblich gesunkenen Suizidstatistiken an, sind die Depresssions-Erkrankungen tatsächlich wohl erheblich zurück gegangen, da sich (wie erwähnt) die Diagnose und vor allem auch die Bahndlung erheblich verbessert hat.

    Ich will nicht sagen dass bei den Allergien der selbe Faktor zum tragen kommen muss, jedoch sollte man diesen potentiellen Faktor bei der Interpretation verschiedener Vergleiche, die Steigerungen implizieren, immer im Hinterkopf behalten.

  9. Hausstaub

    Hallo,

    ich bin selbst Allergiker und habe vor allem mit Staub zu kämpfen. Das Staubsaugen ist für mich sehr qualvoll, vor allem beim Auswechseln des Beutels bekomme ich nicht selten starke Hustenanfälle. Habe nun gehört, dass es spezielle Staubsaugerbeutel gibt, die den Staub so dicht verschließen, dass nicht mal kleine Partikel nach Außen gelangen. Habe gehört, dass es zum Beispiel von Vorwerk Staubsaugerbeutel dieser Art gibt. Kann mit jemand sagen, ob die zu empfehlen sind?
    Und noch eine Frage: ist Parkett für Stauballergiker besser geeignet oder Teppichboden? Habe da bisher unterschiedliche Meinungen gehört?

    Viele Grüße, Gabi

  10. Oder doch?

    Das könnte auch mit der Temperatur der Zubereitung zu tun haben.
    Ich kenne von meiner (mit einfachblindem Prick- und Scratch-Tests mehrfach bestätigten) Hühnereiweißallergie einen solchen Effekt: Rohes Eiweiß produziert bei mir unangenehme Symptome. Hat das Eiweiß jedoch eine hohe Temperatur durchlaufen (Backen von Kuchen oder Pfannkuchen), dann kann ich es ohne auffallende Folgen essen. Bei guten (Pfann-)Kuchen auch in größeren Mengen 🙂 — auch wenn ich den leckeren Rohteig nicht vertragen habe.
    Es ist denkbar, das für diesen Effekt weitere Ingredienzien notwendig sind, die die allergenen Areale durch chemische Reaktionen bei der Zubereitung verändern.

  11. Gegenteil geht auch …

    Oh, so was gibts … auch mit dem Gegenteil:
    Ich vertrage nämlich Champigons roh und gekocht, aber nicht wieder aufgewärmt, und das gilt halt auch für Dosenchampignons. Vor geraumer Urzeit hat eine Freundin das mal untersucht und meinte, wobei ich leider die Details vergessen habe, dass sich ein Eiweiß verändere, das am stärksten und nur das konnte sie so in ihrer Freizeit messen. Daran lag wohl meine Unverträglichkeit. Leider scherte sich kein Arzt darum …

    Das ist allerdings keine Allergie, ich habe auch keine – nur eine ausnehmend hässliche, nervende Sojaunverträglichkeit. Die lässt sich nicht direkt nachweisen.
    Meines Erachtens hat das was mit den Darmbakterien zu tun … ist nur so eine Idee.

  12. „Krebsfördernde“ Milch

    Danke für den Artikel, er passt gerade gut, weil ich zufällig in einem Blog gelandet bin, in dem vor dem Konsum von Milch gewarnt wurde, die krebsfördernd sein könne – dann fällt einem nichts mehr zu ein.
    Man fragt sich dann schon, ob es den Wunsch gibt, dass alles doch bitte so gefährlich und schädlich sein möge – diese überzogene Schwarzmalerei soll auch vor irgendetwas schützen, vielleicht so eine Art mentaler Ablasshandel.

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