Kleine Erinnerung: Warum es eine ganz dumme Idee ist, nicht an „Superviren“ zu forschen

Ich hoffe ihr habt alle noch die Experimente von Fouchier und Kawaoka im Hinterkopf, bei denen ein H5N1-Influenzavirus entstand, das per Tröpfcheninfektion zwischen Säugetieren weitergegeben wird. Das Theater geht nämlich jetzt in die nächste Runde – nach einem Bericht der FASZ soll jetzt das bisher geltende Moratorium für die Forschung an diesem Stamm aufgehoben werden. Das heißt, wir dürfen uns mindestens die ganze nächste Woche lang von irgendwelchen Leuten erzählen lassen, wie unglaublich gefährlich diese Forschung sei. Als wenn die Viren sich magisch in Luft auflösen würden, sobald nicht mehr dran geforscht wird.

Die US-Sicherheitsbehörden hatten das Moratorium seinerzeit gefordert und durchgesetzt, weil sie befürchteten, die Erkenntnisse könnten „in die Hände von Terroristen fallen“. Die dann, wie im sprichwörtlichen schlechten B-Movie, ihr Labor im Innern eines ausgehöhlten Vulkans einrichten und eine Superwaffe züchten. Und so weiter.

Nun ist das Virus von Fouchier und Kawaoka bei näherer Betrachtung keine Superwaffe. Was nämlich in der Berichterstattung fast immer unter den Tisch fällt, ist der schlagzeilenschädigende Umstand, dass der Erreger zwar von Frettchen zu Frettchen übersprang (was bei H5N1 bisher nicht beobachtet wurde), die Tierchen die Infektion laut den Daten in der Veröffentlichung aber allesamt überstanden.[1] Ein Killervirus sieht anders aus.

Qualifiziertere Kritiker haben eh ein anderes Szenario im Blick: Demnach sei zu befürchten, dass irgendwann, irgendwo Forscher mal tatsächlich ein aggressives, leicht zu übertragendes Virus zusammenschustern, und dann könne es zu Unfällen kommen, oder irgendein Bekloppter klaut den Erreger und lässt ihn auf die Menschheit los. Von der Hand zu weisen ist das nicht.[2]

Nur, dabei übersehen sie das eigentliche Ergebnis der Versuche von Fouchier und Kawaoka – das Ergebnis, das nachdrücklich demonstriert, was für ein Irrsinn dieses Moratorium von Anfang an war. Die Teams haben nämlich keineswegs das Virus mit seinen neuen Eigenschaften zusammengebaut. Im Gegenteil, sie haben einen interessanten Startpunkt ausgewählt und den Erreger einfach mal – mit ein Bisschen Hilfe von außen, damit es schneller geht – selbst machen lassen.

Das heißt in letzter Konsequenz, dass die Gefahr nicht primär von dem ausgeht, was Forscher mit ihm machen können, sondern was es selbst zu leisten imstande ist. Nämlich sich durch natürliche Selektion unter geeigneten Bedingungen zu einem zumindest potenziell tödlichen Erreger zu wandeln, und das in nur einer Handvoll Schritten.

Anders als die Artikelautoren in FAZ und SpOn anzunehmen scheinen, braucht H5N1 dazu gerade keine bösbösen Molekularbiologen. Im Gegenteil, da draußen gibt es abermillionen Viren, die gerade in Wasservögeln und weiß der Himmel welchen anderen Wirten kreuz und quer durch die Gegend evolvieren. Genau das ist die eigentliche Botschaft der Experimente von Fouchier und Kawaoka: Es ist wirklich nur eine Frage der Zeit, bis so ein Erreger irgendwo da draußen auftaucht. Wahrscheinlich tauchen sie sogar dauernd auf und verschwinden wieder, weil gerade kein passender Säugetierwirt in der Nähe ist. So wirklich genau wissen wir das gar nicht.

Dann ist H5N1 ja auch nicht der einzige potenzielle Pandemieerreger. Die anderen Subtypen sind ja auch noch da, ganz zu schweigen von den Coronaviren, denen die Welt ja kürzlich schon einmal ganz, ganz knapp von der Schippe gesprungen ist. Oh, und grade ging wieder ein tödliches Coronavirus rum, das sich glücklicherweise nicht weiter ausgebreitet hat.

Diese Viren sind da draußen, sie scheren sich nicht um Moratorien und sie brauchen auch keine Hilfe von irgendwelchen Terroristen, um Millionenstädte in die Hölle auf Erden zu verwandeln. Das einzige was sie brauchen ist Zeit. Ihre Stunde kommt bestimmt. Und wir können davon ausgehen: Wenn das nächste Killervirus rumgeht, wird das Wissen aus Versuchen von Forschern wie Fouchier und Kawaoka und ihren Kolleginnen und Kollegen überall auf der Welt den Unterschied machen zwischen ein paar tausend Toten und ein paar Millionen.

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[1] Das heißt, die Frettchen überleben eine reine Tröpfcheninfektion. Wenn man das Virus gezielt in die unteren Atemwege einbringt, steigt die Sterblichkeit rapide an. Was das für die Gefährlichkeit des Virus für den Menschen bedeutet, ist umstritten.

[2] Die FASZ hat einen lesenswerten Kommentar zu der anhängigen Biosicherheits-Debatte und dem Moratorium übersetzt.

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www.fischblog.com

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

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