Gesundheitswarnungen und Nocebo-Effekt: (schlechter?) Journalismus macht krank

Wir sind ja heute von so vielen potenziellen Gefahren, Giften und schädlichen Einflüssen umgeben, da kann es sicher nicht schaden, vor neuen Verdachtsmomenten zu warnen. Entsprechend sind Massenmedien und Internet voll mit den neuesten Indizien für bisher unbekannte Risiken – getreu dem Vorsorgeprinzip: Lieber einmal zu viel warnen als einmal zu wenig.

Ob das so eine gute Idee ist? Der Placebo-Effekt, mit dem mein geneigtes Publikum sicher längst vertraut ist, hat einen fiesen, wenig bekannten Bruder, den Nocebo-Effekt. Der führt analog zum Placebo-Effekt dazu, dass eine erwartete negative Wirkung auch eintritt. Seit Jahren geht der Verdacht um, dass all die Warnungen vor Strahlung, diesen oder jenen Lebensmitteln, Industriechemikalien, Pestizidrückständen mehr tun als einfach nur zu informieren. Dass sie einen Teil der Bevölkerung über den Nocebo-Effekt überhaupt erst krank machen.

Da scheint was dran zu sein.

Ich habe über heise.de und eine Pressemitteilung der Uni Mainz von dieser nicht mehr ganz taufrischen Studie von Witthöft und Rubin erfahren. Laut der Untersuchung verursacht ein journalistischer Bericht über elektrische Felder bei vielen Probanden eben jene Symptome, vor denen er warnt.

alt147 Testpersonen aus einem universitären Probandenpool – hier bitte die bekannten Probleme mit nicht-repräsentativen Stichproben aus weißen Psychologiestudenten kurz reflektieren – sahen zuerst je eines von zwei Informationsfilmchen, und waren anschließend angeblich eine Viertelstunde lang einer neuen Art von W-LAN ausgesetzt. Vor und nach der Prozedur fragten Witthöft und Rubin per Fragebogen die werte Befindlichkeit ab. Der entscheidende Punkt: Die Versuchsgruppe aus 76 Personen sah eine (echte, wenn auch schlechte) Reportage darüber, wie krank „Elektrosmog“ angeblich macht[1], die Kontrollgruppe eine Reportage über Datensicherheit.

Um die „Strahlenbelastung“ möglichst glaubwürdig zu machen, haben die Forscher beide Gruppen vor einen Bildschirm gesetzt, auf dem ein großes WiFi-Symbol blinkte. Nach dem Versuch zeigte die Versuchsgruppe nicht nur deutlich mehr Symptome von Konzentrationsstörungen bis Kribbeln in den Fingern, viele Beteiligte waren auch sicher, dass ihre Unpässlichkeit auf jeden Fall auf die (nicht vorhandene) Strahlung zurückginge. Zwei Versuchspersonen baten sogar darum, den Versuch vorzeitig abzubrechen, so schwer waren ihre Symptome.

Die Hälfte der Probanden zeigt Symptome

Es fällt auf, dass es keine echte Kontrolle gab, also eine Probandengruppe ohne den „Bestrahlungsteil“ – so dass auch die Datensicherheits-Gruppe in Form des blinkenden WiFi-Icons auf dem Bildschirm einen ziemlich starken „Trigger“ eventueller Symptome präsentiert bekam. Und natürlich wird ihnen die Elektrosmog-These ebenso bekannt gewesen sein wie der Versuchsgruppe. Entsprechend vermeldeten auch einige Probanden aus der Gruppe mit dem Datensicherheits-Film einen Effekt – insgesamt beklagte sich über die Hälfte aller Beteiligten anschließend über vermeintliche Symptome der Strahlungsbelastung.

Umso bemerkenswerter ist deswegen der trotzdem signifikante Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Das zeigt, wie empfänglich Menschen für Manipulation durch Berichterstattung der Medien sind. Auch die pure Menge der durch die Schein-Bestrahlung erkrankten Probanden sollte zu denken geben, nicht nur vor dem Hintergrund der ausgiebigen Berichterstattung zu diesem speziellen Thema, sondern auch angesichts der permanenten Flut von Gesundheitswarnungen auf anderen Gebieten.

Damit wir uns nicht missverstehen: Es geht hier keineswegs um die Unterscheidung, ob diese Krankheiten „echt“ oder „nur eingebildet“ sind. Die Symptome sind ja real, und sie können dramatische Auswirkungen annehmen – insofern handelt es sich auch beim hypothetischen Nocebo-Syndrom um eine echte Erkrankung. Der springende Punkt ist natürlich die Ursache: Wenn bloße Information über die vermeintliche Ursache der tatsächliche Auslöser ist, dann dürfte die Suche nach Abhilfe das Problem eher verschlimmern – wenn zum Beispiel Betroffene permanent neue Informationen rund um „Elektrosmog“ suchen und immer neue potenzielle Gefahrenherde aufspüren.

Schreiben wir die Gesellschaft krank?

Aber mal über das Thema Elektrosmog hinausgedacht: Was bedeutet es vor dem Hintergrund dieser Studie eigentlich, wenn die Massenmedien inzwischen im Wochentakt Warnungen dieser oder jener Einrichtung vor immer neuen Gefahren weitergeben? In den meisten Fällen geht es ja nur um vage Verdachtsmomente. Bisher argumentiert man ja üblicherweise, die Öffentlichkeit habe ein Recht darauf, über solche Verdachtsfälle informiert zu werden, auch im Interesse der allgemeinen Sicherheit.

Was aber, wenn schon durch die Warnungen tausende oder zehntausende Menschen krank werden? Die TV-Doku in der Studie sahen bei ihrer Ausstrahlung fast fünf Millionen Menschen. Oder was, wenn zum Beispiel ein Großteil der Nebenwirkungen der Grippeimpfung schlicht darauf zurückgeht, dass die Betroffenen diese Nebenwirkungen erwarten? Was ist mit der größten aller gesamtgesellschaftlichen Neurosen, dem allgemein gestörten Verhältnis zu Nahrungsmitteln?

Dieses und frühere Ergebnisse deuten jedenfalls klar darauf hin, dass unter bestimmten Umständen schon derartige Warnungen auf breiter Front Menschen krank machen. Und damit stehen stehen nicht nur staatliche Institutionen vor einem enormen potenziellen Problem. Zusammen mit Massenmedien und Internet erzeugt der Nocebo-Effekt eine sich selbst verstärkende Rückkopplungsschleife – wenn man das mal konsequent weiterspinnt, kommt man da schnell zu recht gruseligen Szenarien.

Medialer Teufelskreis

Zum einen handelt es sich um selbsterfüllende Vorhersagen: Man kann im Extremfall eine neue Krankheit in die Welt setzen, einfach indem man penetrant genug vor ihr warnt. Besonders perfide ist, dass die gängigen Medienmechanismen das Potenzial haben, einen Teufelskreis in Gang zu setzen: Je mehr Leute krank werden, desto mehr berichten Medien – und deren Berichterstattung macht wiederum mehr Menschen krank.

Ich befürchte auch, dass solche Nocebo-Syndrome nur extrem schwer wieder wegzukriegen sind, wenn sie sich erst einmal etabliert haben. Zum einen dürften die Betroffenen ihre Erkrankung (bzw die vermeintliche Ursache) mit Zähnen und Klauen verteidigen, schon weil im weiteren Sinne psychische Erkrankungen mit einem starken Stigma behaftet sind.

Zum anderen dürfte hinter den meisten solcher Nocebo-Seuchen eine gewisse Anzahl Fälle stehen, die tatsächlich auf das vermutete Agens zurückgehen, und die im Ernstfall die rein psychosomatische Natur der meisten Erkrankungen verschleiert und ihre Bekämpfung ausgesprochen kompliziert macht. Und wenn die unterschiedlichen Nocebo-Syndrome tatsächlich so weit verbreitet ist, wie die Zahlen dieser Studie vermuten lässt, dann stellt dieser Mechanismus eine völlig neue Herausforderung für die Gesundheitssysteme und nicht zuletzt für Medien und NGOs dar, auf die keine dieser drei Sphären derzeit vorbereitet ist.

Verantwortungsbewusster warnen

Das ist natürlich bisher reine Spekulation. Wir wissen nicht, wie groß das Problem wirklich ist, nur dass es ziemlich sicher existiert. Allerdings dürfte niemandem entgangen sein, dass wir da draußen seit einiger Zeit haufenweise Unverträglichkeiten gegen alles und jeden mit oft verdächtig unspezifischen Symptomen sehen. Ich hab das Phänomen und die kuriosen Daten dazu ja in einem früheren Blogbeitrag schon mal behandelt. Vor diesem Hintergrund verdient der medial induzierte Nocebo-Effekt auf jeden Fall nähere Untersuchungen.

Was aber, wenn sich das Ergebnis bestätigt, soll man also gar nicht mehr vor irgendetwas warnen? Das ist natürlich Blödsinn, die Welt ist voller realer Gefahren, vor denen wir uns in informierter Weise schützen müssen. Aber wenn wir das Problem ernst nehmen – und das sollten wir meiner Meinung nach – dann müssen Gesundheitswarnungen in Zukunft immer das Ergebnis einer sorgfältigen Abwägung sein: Rechtfertigt es die mögliche gesundheitliche Bedrohung XY, dass wir mit einer Warnung tausenden Menschen im Wortsinne Kopfschmerzen bereiten – oder sind die Belege für die Gefahr (und ihr wahrscheinliches Ausmaß) so dünn, dass man lieber noch abwarten sollte? Auf jeden Fall müssen Medien, Institutionen und Organisationen mit Gesundheitswarnungen wesentlich verantwortungsvoller umgehen, als sie das bisher tun.

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[1] Die Frage, ob bestimmte Personen sensibel auf Handy- oder WLAN-Strahlung reagieren, wird natürlich heftig diskutiert. Allerdings können die Betroffenen in entsprechenden Studien ziemlich konsistent nicht unterscheiden, ob sie tatsächlich einem Feld ausgesetzt sind oder nicht. Die vielzitierten Studien über Tumorinzidenz zeigen, wenn überhaupt, nur winzige Effektgrößen und riechen massiv nach publication bias. Das Feld ist so abgeforscht, dass da in Zukunft kaum neue Erkenntnisse bei rumkommen werden, insofern kann man das Thema nach meinem Dafürhalten getrost unter Dinge An Denen Wir Nicht Sterben Werden ablegen und sich wichtigeren Themen widmen.

Lars Fischer

Veröffentlicht von

www.fischblog.com

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

19 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Orthorexie

    Orthorexie – ist ein schönes Beispiel, wie die Angst vor ungesunder Ernährung zu ungesunder Ernährung führt.

  2. Weiteres Problem: Wenn man versucht, die Nocebo-Opfer zu beruhigen oder gar über manche nur vermuteten Gefahren zunächst Stillschweigen bewahrt, vermutet ein Teil von ihnen womöglich noch irgendeine Verschwörung der Regierung, „Big Pharma“ oder was auch immer.

  3. Nocebo wird wenn schon unterschätzt

    „Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss“ ist im Umkehrschluss genauso übertrieben: Es ist nicht einmal nötig, dass man sich bewusst mit den potenziellen Gefahren beschäftigt. Es genügt schon das Hintergrundwissen, die tägliche Bombardierung mit Gefahrenmeldungen um eine Art toxischen, alles durchdringenden Nebel der allgemeinen Bedrohung zu erzeugen.

    Im Artikel wird zu stark auf die sogenannte Transparenz und das Informationsbedürfnis eingegangen. Der Journalismus hat vor allem die Aufgabe den Horizont zu erweitern, den informatierten Bürger zu schaffen, nicht aber die Aufgabe vor konkreten oder auch nur möglichen Gefahren zu warnen, denn dafür gibt es ja schon x Bundesbehörden.
    Warum wird dann in den Medien sogern über Elektrosmog, Strahlen, Impfnebenwirkungen usw. berichtet? Ganz einfach, weil das die Leute emotional packt, weil es sie beschäftigt, weil es unter die Haut geht. Und zwar packt es nicht nur die Wissenschafsinteressierten sondern fast jeden. Damit erreicht man weit mehr Leute als mit einem Bericht über Vor- und Nachteile verschiedenere Energieerzeugungssysteme oder über sinnvolle Hygienemassnahmen in Krankenhäusern. Die Journalisten wollen schliesslich vor allem auch gelesen werden. Was sie mit ihrer Bereichterstattung alle für üble Nebenwirkungen bewirken, das ist dann nicht mehr das Problem der Journalisten – so sehen es wohl die meisten.

  4. Aufklärung 2.0

    Was einzig und allein zu helfen scheint – hier und in anderen Situationen ist eine Art neue Aufklärung. Es muss wieder „in“ sein, sich mit Wissenschaft zu beschäftigen.

  5. @Holzherr

    Aufgabe des Journalismus ist aber unbedingt, Warnungen von Behörden und anderen aufzugreifen und unabhängig zu bewerten. Zu bilden ist nicht die eigentlich journalistische Aufgabe, sondern zu informieren. Insofern ist das Informationsbedürfnis der Allgemeinheit schon sehr zentral für dien Journalismus.

  6. @Lars Fischer: Journalisten + NGO’s

    Sie haben recht, was die Informationsaufgabe des Journalismus gegenüber der Öffentlichkeit betrifft. Ich bin vom Wissenschaftsjournalismus ausgegangen mit dem scilogs ja verbunden ist und vom Wissenschaftsjournalismus erwarte ich eine tiefere Auseinandersetzung und nicht nur die Verbreitung von Mutmassungen, die ja eben dazu führen können, dass jede Mutmassung über eine potenzielle Gefahr auch eine subjektiv wahrgenommene Gefährdung auslöst.

    Wichtig ist aber auch das Zusammenspiel zwischen Journalismus und verschiedenen Interessengruppen. Denn heute gibt es nicht nur den Staat und die Behörden, die eventuell etwas verschweigen und vertuschen möchten, sondern es gibt auch NGO’s, Bürgerinitiativen und Vereine, die sich vorwiegend mit bestimmten wahrgenommenen Gefahren beschäftigen und deren Profil in der Öffentlichkeit entscheidend davon abhängt wie gut es ihnen gelingt die Öffentlichkeit zu „sensibilisieren“. So kann eine „Studie“, welche die Gefährlichkeit von Genfood nachweist, von solchen Gruppen (etwa Greenpeace) sogar in Auftrag gegeben worden sein und diese Gruppe sorgt dann dafür, dass die Resultate in die richtigen Pressekanäle eingeschleusst werden oder sie geben sogar selbst in einer Presseerklärung die Betrachtungsweise vor. In jedem Fall wird eine solche thematisch fokussierte Gruppe oder NGO, die sich mit bestimmten Gefahren beschäftigt, aber selbst alle Agentur- und Pressemeldungen durchkämmen und Meldungen, die zu ihrer These passen könnten bewusst zu verstärken versuchen.

    Somit sind wir heute in einer völlig anderen Situation also noch vor wenigen Jahrzehnten, als dem Staat und der Industrie viele unorganisierte Bürger gegenüberstanden.

    Journalisten greifen im allgemeinen gerne Anstösse durch themenzentrierte Grupierungen auf, denn es gibt ihnen Arbeit. Typisch für die Berichtserstattung über potenzielle Gefahren ist zudem, dass es gar keiner gesicherten Erkenntnisse bedarf. Wegen einer Warnung riskiert ein Journalist fast nichts – im Gegensatz zu einer nachweisbaren Unwahrheit oder Falschdarstellung. Sollte sich dennoch ein Gegner oder Journalist aus dem anderen Lager erdreisten, die publizierten Warnungen anzufechten, so hat das oft sogar noch einen willkommenene Multiplikatoreffekt: Warnungen wirken mehr als Beruhigungsversuche.

  7. Placebo- und Noceboeffekt sind außer der unterschiedlichen Richtung der erwarteten „Befürchtungen“ ansonsten gleichen Ursachen bedingt.

    Das sich die akademische Medizin darüber wohl nicht im Klaren ist, zeigt auf, wie wenig die so aufgeblähte zu bieten hat.

    Davon können sie ausgehen:
    Wenn solche Noceboeffekte dazu führen, dass sich MEnschen schlechter fühlen und soihr Leben verbringen, werden sie früher sterben. Sie sterben an dauerhaften Stress und den Reaktionen des Körpers darauf.

    So kann man das Rentensystem auch retten und strukturel unbeliebte Mitbürger ökonomisch verträglich aus der Welt schaffen. Sozialverträglich ist es auch, denn niemand begreift es, dass es sich so verhält.

    Eine Ursache ist der „Schwarmgeist“ (als real existierende Funktionund nicht die theoretische Vision), der hergestellt werden kann. Darauf reagiert der Körper über emphatische Interaktionen mit Somatik.

    Da ist Terror mit der Bombe noch alberne Spielerei.

  8. Biowetter

    warum nur ist mir gleich das Biowetter diverser Wetterdienste eingefallen?

    Ich glaube, heute ist Kopfwehwetter.

  9. Das ist ganz und gar kein Top Bericht! 😉

    Wäre der 1. April, wäre alles klar. Doch durch die Ernsthaftigkeit des Unterfangens begibt sich der Artikel in eine double-bind-Situation oder einen performativen Selbstwiderspruch. Schließlich warnt da jemand vor den Gefahren einer neuen Erkrankung, und fordert dazu auf, sie ernst zu nehmen und weiter zu untersuchen! Ahhh! Wir werden alle sterben!!!
    Damit nicht genug: In der Fußnote wird auch noch implizit der Vergleich zum Elektro-Smog hergestellt: Bei diesem handele es sich um „Dinge An Denen Wir Nicht Sterben Werden“, man solle sich statt des Elektro-Smog „wichtigeren Themen widmen.“ Also (so nicht ausgesprochen) etwa dem Nocebo-Effekt, mit dessen Risikofaktoren Verantwortliche zumindest „wesentlich verantwortungsvoller umgehen“ müssten, „als sie das bisher tun.“

    Großes Kino! Also ich zumindest leide gerade massiv unter Nocebo-Effekt-Symptomen. Dieses unspezifische Kribbeln im linken Bein könnte natürlich daher kommen, dass ich einen Tumor habe, aber vielleicht ist es auch nur eingeschlafen – oder doch Handystrahlung, Herzinfarkt, Hypochondrie? Argh! Das ist ja zum Aus-der-Haut-Fahren, und welcher alarmistische SpOn-Artikel hat bei mir nun diese cholerischen Anfälle ausgelöst? Und das Augenjucken?

    Martin Holzherr hat’s ja schon gesagt: Es packt die Leute. Es infiziert sie mit einer medial übertragenen Seuche. So sollen die Medienkonsumenten sein: verängstigt und alarmistisch auf Neuigkeiten wartend, wie man denn das eigene Leben noch so gerade retten kann. Neuigkeiten, die ihnen nur ihr News-Dealer beschaffen kann.

    Hm, in einer so ambivalenten Situation könnte ein analytischer Ansatz helfen. Wenn man beispielsweise die, ähm, Krankheitsmeldungen von amtlichen Stellen, von Lobbygruppen, von Massenmedien und von Wissenschaftsblogs mit dem Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun untersuchen würde, kämen gewiss sehr unterschiedliche Appell-, Beziehungs- und Selbstoffenbarungs-Aspekte bei Mitteilungen über den selben Sachverhalt heraus (sogar wenn die Mitteilungen wortgleich wären).

    Vielleicht müsste man mal empirisch testen, ob der Nocebo-Effekt stärker ist als der Placebo-Effekt. Wenn nicht, könnte man einfach … naja, schon klar 😉

  10. nocebo: Desensibilisierung/Counterstrike

    Die dauernden nocebo-Einwirkungen auf uns alle könnten natürlich auch zu nocebo-Therapien führen. Für jeden Charaktertypus braucht es wahrscheinlich eine angepasste Strategie. Ein paar Vorschläge dazu:

    Desensibilisierung
    Autosuggestive Version
    Man lässt sich eine Tonspur oder ein Internet-Video abspielen auf der Worte wie Elektrosmog, Genmais, chines.Spielzeug, Strahlung, DDT vorbei-bubbeln, einmal leise, dann eindringlich, dann wieder vernuschelt und verzerrt gesprochen werden. Dazu die Aufforderung sich einen Schutzschirm, eine abwehrende Aura vorzustellen, oder aber sichen einen nocebo-Transformator vorzustellen, der die schädlichen Einwirkungen in positive umwandelt, so dass man beim Hören von Elektrosmog schliesslich ein Lächeln aufsetzen kann, weil der nocebo-Transformator den Elektrosmog in einen belebende positive Schwingung umgewandelt hat.
    Desensibilisierung mit Realgegenständen (Konditionierung)
    Ähnlich wie man bei der Behandlung von Spinnenphobien dem Probanden eine Spinne präsentiert (Reizkonfrontation), ihn also mit der „Noxe“ konfrontiert mit dem Ziel eine Extinktion, Gegenkonditionierung oder Habituation zu erreichen, würde man in dieser Form der Therapie mit „Realnoxen“ arbeiten. Beispielsweise umgibt sich der Proband/Patient/Klient mit mehreren Handies, von denen die meisten auf Weiterleitung geschaltet sind und die eine vom Masterhandy abgestrahlte Voice-Message verbreiten. Der Nocebo-Klient sollte diese Exposition mit positiven Gefühlen verbinden, (vielleicht unterstützt durch Ambient-Musik, die aus den Handies summt) um der Noxe ihren Schrecken zu nehmen.

    Counterstrike
    Das ist für die Testosteron/Adrenalin-Fraktion. Diese Therapie arbeitet ebenfalls mit Realnoxen, zum Beispiel einem Sack Genmais oder einem angreifenden Roboter, der alle nur denkbaren Noxen in seinem Körper vereint , neben Elektrosmog auch EMP-Generatoren usw. (für die Adrenalin-Fraktion braucht es etwas handfestes).
    Der zu Therapierende, unter nocebo-Symptomen Leidende, setzt nun Gegenattacken ein. Er benutzt beispielsweise einen Harry-Potter-Original-Zauberstab oder ein Jedi-Laserschwert und lässt im richtigen Moment magische Sprüche/Verwünschungen fallen oder setzt sein Jedi-Laserschwert ein.

    Auch für den Bücherwurm sollte es etwas geben: Vom Nocebo-Kompendium bis zu „1001-Nocebos“.

    Fazit: Nocebos sind ungehobene Schätze für eine neue Therapeuten- und Ratgebergeneration.

  11. @ Holzherr

    -> Meine Lösung betreffend Elektrosmog etwa war so angedacht:

    Man mache eine Schocktherapie, indem man den Patienten in einen MRT (mit zig Tesla) schiebt und nachdrücklich fragt, ob irgendwas anders sei, als noch vor einer Minute außerhalb des Raumes.

    Vielleicht aber geht das auch vollständig nach hinten los. Wenn nämlich sowieso alle Empfindungen rein aus Befürchtungen entstehen, dann kann das auch zur Verstärkung führen.

    Ansonsten gibt es ja noch das Problem von stehenden und pulsierenden Magnetfeldern – und hochfrequente Impulse (Handyfrequenzen im Gigaherzbereich = Mikrowellen).

  12. @ Holzherr

    Zitat:

    „nocebo-Transformator vorzustellen, der die schädlichen Einwirkungen in positive umwandelt,…“

    -> Das ist ja das ursächliche Übel bei der ganzen Thematik. Wenn jemand vorwirft, es werde eingebildet, wieso also die Lösung in weiterer Einbildung finden?

    Wenn das Schule macht, droht die Gefahr, dass sich die Menschen noch viel mehr einbildeten. Affirmation als Kulturtechnik …

    Außerdem ist die Methode, sich das Schlechte als Gutes denken, einfach echt irrsinnig. Obwohl ja viele (oder alle) Dinge dieser Welt mit dem Schlechten auch Gutes mitbringen.

    —-

    Desensibilisieren betreffend elektrischer Einflüsse auf den Organismus kann man auch so:

    Finger 1 Mal die Woche in die Steckdose stecken. Der Körper ist dann irgendwann für kleinstspannungspotenziale „desensibilisiert“ und das Bewusstsein stabilisiert.

    Bei Fragen zur Therapie fragen sie ihren Arzt oder Apotheker…. !

  13. Gedankendiktatur

    Die Frage stellt sich, ob wir eigentlich nicht mehr eigenverantwortlich denken und handeln können und dürfen?
    Aufgabe von Journalisten sollte sein, zu informieren – nicht aber, wissenschaftlich korrekte Informationen zu liefern; im Sinne einer Gedankendiktatur, wo es nur eine einzige korrekte Sichtweise gibt.
    Nocebo-Effekte haben wir bereits in großem Außmaße in unserer Gesellschaft, man braucht hierzu bloß die Themen ´Homöopathie´ bzw. ´Schutzimpfung´ betrachten. Was für die einen sinnvoll ist, ist für die anderen ein Teufelszeug.
    Dafür kann man nicht allein den Journalismus verantwortlich machen. Ab einem bestimmten Alter kann man Eigenverantwortung von Menschen erwarten; – und dazu gehört auch, sich selbst zu informieren, eine eigene Meinung zu bilden, denn die Konsequenzen muss man selbst tragen.

  14. @ KRichard

    -> Was soll dass denn für ein Ratschlag sein? Etwa ein Placebo, dass sich prophezeiend bei ihm selbst erfüllen soll?

    Mit deinen Tips ist gerade denen, die sich verunsichert informieren nicht geholfen, weil sie mit Verunsicherung an die Thematik herangehen und dann tausende Bestätigungen für unterschwellige Befürchtungen finden werden.

    Entwarnungen sehen dagegen einfach nur noch blass und unglaubwürdig aus.

    Das Problem von Homöophatie und Schutzimpfung betrachtet aufzuzäumen, ist eine weitere Irrsinnigekeit. Wenn er wenigstens Psychosomatik erwähnt hätte.

    Eigenverantwortung in einer hochspezialisierten Lebenswelt zu verlangen, ist wie Wasser in der Wüste unter jedem Sandkorn finden können zu erwarten.

    Was denken sich die Leute nur bei solchen Aussagen?

  15. Das ist aber

    natürlich der entscheidende Punkt: Was machen wir denn da nun?

    Mir scheint das eigentliche Problem der Versuch zu sein, Unsicherheit ganz zu beseitigen. Das ist aber prinzipiell nicht möglich, und man kann Leute, die das erwarten, weder warnen noch beruhigen, ohne ihre Unsicherheit weiter zu schüren. Insofern muss die Aufgabe nicht sein, so weit wie möglich aufzuklären, sondern zu lehren, mit Unsicherheit zu leben.

    Der Trend geht aber in die andere Richtung.

  16. Fischer schrieb:

    Was machen wir denn da nun?

    -> nichts. alles läuft nach Plan – die sich angesprochen gefühlten landen irgendwann inder Psychiatrie und werden zwangsdesensibilisiert. fertigist die Laube. Das ganze hat noch einige sehr erwünschte Nebeneffekte. Denn wer schon auf irgendwelchen hyopsbotschaften aus den Medien ausrastet, der ist sowieso instabil und gehört systematisch in psychiatrischer Therapie.
    Hat das noch keiner gewusst?
    Derjenige, der behauptet, er sei Gesund, ist nur noch nicht gründlich genug vom Arzt untersucht worden. Wir sind eigendlich potenziel „krank“ und wissen es nur noch nicht. Und wenn kein orgnaisches Problem besteht, bleiben 99+x psychische Störungen für jeden unter uns, um seine These von Gesundheit zu widerlegen. Es ist also dafür gesorgt, dass jeder seine Krankheit haben wird (können, wenn es irgend notwendig sei).

    Und dem entkommt also auch kein Mensch,der sich von den ganzen Horromeldunen in den Medien nicht beeindrucken lässt. Dann fragt man nämlich danach, warum das so ist und erfindet eine neue Störung, wenn dazu nicht schon eine passt (etwa ein Aufmerksamkeitsdefizit).

    Die Welt und das Leben ist absurd. Krankheit ist keine Last und kein Leid, sondern Therapie aus der Deprivation, aus der Schmerzfreiheit. Freilich durch Leid und Schmerz. Was sonst soll helfen, wenn man sich nicht mehr spürt?
    [Sarkasmus aus…]

  17. @chris Eigenverantwortung

    jeder Mensch muss die Verantwortung für das eigene Leben ab einem bestimmten Alter selbst übernehmen. Und dazu gehört es auch, sich gut zu informieren.
    Aufgabe von Journalisten ist es, Informationen zu liefern. Beispiel Medikamente: jedes Medikament hat dosisabhängig bestimmte Wirkungen und Nebenwirkungen, zudem wirken Mendikamente je nach Alter, Geschlecht und persönlicher Gen-Anlagen teilweise völlig unterschiedlich. D.h. wenn ein Journalist darüber berichtet, kann seine Information nie völlig korrekt sein.
    Und hier beginnt die individuelle Eigenverantwortung: jeder Mensch muss die gelieferten Infos sichten, werten, sich eventuell Rat suchen und sein Handeln vernünftig danach ausrichten.
    Unter dem Stichwort ´Wasservergiftung´ können Sie per Google viele Beispiele dafür finden, wozu unvernünftiges Handeln mit der Chemikalie HOH führt.

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