Die Kaffeekrise von Mittelamerika

Nicht nur bei Menschen, auch für Pflanzen sind Infektionskrankheiten eine ständige Bedrohung. Und wenn ein Erreger eine wichtige Kulturpflanze betrifft, wird das wiederum auch für uns Menschen zum Problem. Entsprechende Ausbrüche bei Weizen, Bananen und Zitrusfrüchten hatte ich ja schon früher verbloggt, und jetzt trifft es wieder eine Feldfrucht. Und zwar eine, von der ganze Länder abhängen: Kaffee.

Genauer gesagt, guter Kaffee. Der Pilz Hemileia vastatrix, verantwortlich für die aktuelle Epidemie, befällt nur Sträucher der Art Coffea arabica, deren Bohnen besseren und bekömmlicheren Kaffee liefern. Die Art C. canephora, die den weniger begehrten Robusta-Kaffee liefert, ist nicht von der Krankheit namens Kaffeerost betroffen. Die meisten etwas dekadenteren Kaffees basieren allerdings auf Arabica, und den bauen die mittelamerikanischen Kaffeebauern fast ausschließlich an. In Guatemala, Costa Rica und El Salvador sind nach Angaben der ICO 70 Prozent der Pflanzen betroffen, insgesamt könnte die Ernte Ende des Jahres um die Hälfte schrumpfen.

Das Massaker, das der Pilz im Moment bei den hochwertigen Bohnen anrichtet, ist in der Region bisher beispiellos. Aber was der Pilz anrichten kann, lehrt die Geschichte: In den 1870ern verwüstete er die Hauptanbaugebiete für den Export nach Großbritannien, und erst durch die entstehende Knappheit wurden die Briten zu den quasi sprichwörtlichen Teetrinkern.

Heute kommt Hemileia vastatrix in allen Kaffeeanbaugebieten der Welt vor. Der Pilz dringt durch die Spaltöffnung in die Blätter ein und infiziert das Gewebe. Die Infektion mit Kaffeerost zeigt sich in Form kleiner gelber Pilzkolonien, die von blassgrünen Höfen umgeben sind, in späteren Phasen sind große Teile der Blattoberfläche mit dem Pilz bedeckt. Dadurch verliert die Pflanze ihre Blätter und damit auch die Möglichkeit, genug Energie in die Früchte zu investieren – die Ernte fällt aus. Außerdem bildet der befallene Kaffeestrauch weniger neue Äste, an denen im Nächsten Jahr die Früchte wachsen können.

Die Epidemie von 2013 ist insofern ungewöhnlich, dass der Pilz aggressiver und weiter verbreitet ist als sonst. Ein Teil der Ursache ist wohl der Klimawandel, durch den der Pilz auch in höheren, früher zu kalten Lagen gedeiht, und ein überdurchschnittlich regnerischer Sommer hat wohl auch zu seiner Verbreitung beigetragen. Einen weiteren Faktor sehen Experten in Veränderungen der Anbaumethoden: Kaffee gedeiht am besten im Schatten größerer Bäume. Die seit langer Zeit sinkenden Kaffeepreise auf dem Weltmarkt motivieren Pflanzer allerdings, Kaffee immer mehr unter freiem Himmel anzupflanzen, weil man dadurch schlicht mehr Kaffee pro Hektar ernten kann.

Die zusätzliche Sonneneinstrahlung verändert das gesamte System, zum Beispiel fehlt auf solchen Plantagen ein anderer Pilz, der Kaffee vor Parasiten schützt. All diese Faktoren tragen zur Ausbreitung der Krankheit bei, zusätzlich erschweren in der Bio-Produktion schärfere Fungizid-Richtlinien die Bekämpfung der Krankheit. Dort sind nur Kupfersalze erlaubt, die vermutlich ein ganzes Stück umweltschädlicher sind als normale Fungizide und die Pflanzen zusätzlich belasten. Weshalb aber die Epidemie so massiv zuschlägt und auch Kaffeefarmer mit reichlich Erfahrung und angemessener Prävention kalt erwischt, ist insgesamt rätselhaft.

Befallenes Blatt. Blid: Smartse, CC BY-SA

Genauso unklar ist auch, wie man am besten mit dem Problem umgeht. Einige Händler befürchten, dass Arabica-Spezialitätenkaffee in Zukunft wieder eine rare Spezialität sein wird. Andererseits laufen schon seit geraumer Zeit Bemühungen, in der Heimat der Pflanze neue, gegen Rost resistente Varietäten zu finden oder sie zu züchten. Tatsächlich gibt es bereits resistente Arabicas – die aber schmecken eher wie die weniger begehrten Robusta-Kaffees und sind deswegen bei Bauern unbeliebt.

Selbst wenn es gelingt, hochwertige-Rost-resistente Varietäten zu züchten, wird es wohl noch ein paar Jahre dauern, bis sie zur Verfügung stehen. Einige Biologen kritisieren auch die Entscheidung der Industrie, auf gentechnische Methoden zu verzichten, als Hauptgrund für den langsamen Fortschritt. Ob transgener Kaffee allerdings tatsächlich einen Durchbruch bringen würde, ist gar nicht mal so klar.

Das Problem wird wohl noch ein paar Jahre bestehen. Dass es in dieser Zeit allerdings bei den Deutschen Verbrauchern ankommt, da sind die Händler unterschiedlicher Meinung. Einige sagen höhere Preise bei guten Kaffees voraus, bis hin zur Prophezeihung eines „Peak Coffee“, andere sind dagegen zuversichtlich, dass Brasilien – der weltgrößte Kaffeeproduzent – die Verluste ausgleichen kann. Brasilianische Farmer gehen sehr aggressiv gegen Schädlinge vor und haben ihre Ernten in den letzten Jahren gesteigert. Allerdings um den Preis erheblicher Umweltbelastung.

Außerdem löst das ein ganz zentrales Problem nicht: In Mittelamerika ist Kaffee einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren in Ländern wie Nicaragua, wo etwa 50.000 Familien vom Anbau abhängen. Und das sind dann eh so Nationen, die nicht für ihre politische Stabilität berühmt sind, zumindest nicht bei meiner Generation. Insofern geht es nicht nur darum, dass ordentlicher Kaffee hier teurer wird. Die Krise hat eine politische und soziale Dimension.

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Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lernen von den Ko-Ka-Kollegen

    Ich frage mich, ob die Kaffeebauern hier nicht vom Know-How der Kokabauern profitieren können – die überdachen ihre Felder ja mit Tarnnetzen, um die Ortung aus der Luft zu erschweren. Ließen sich hinreichend dichte Netze entwerfen, die genug Schatten spenden, um die Kaffeepflanzen vor direktem Sonnenlicht zu schützen? Der Ertrag pro ha sollte dadurch ja nicht nennenswert sinken.

  2. Coole Idee…

    Das wäre natürlich relativ aufwendig. Ob sich das lohnt, hängt wohl vom Preis ab. Ich weiß momentan nicht, wieviel so ein Hektar Kokapflanzen dem Bauern bringt, aber sicher weit mehr als ein Hektar Kaffee. Da ist so ne Maßnahme dann wohl schon eher finanzierbar.

  3. Ich finde es bezeichnend, dass es gerade wieder diese Menschen so hart treffen könnte. Wer ein Gewissen hat sollte heute fairen Kaffee kaufen und den Raubbau der Kaffeindustrie nicht noch mehr unterstützen. Nur so lässt sich nachhaltig und vor allem mit gutem Gewissen der tägliche Kaffee noch verantworten, ohne an der Ausbeutung ganzer Dörfer beteiligt zu sein.

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