Das Zeitalter der Antibiotika endet jetzt

Bei allen schlechten Nachrichten über die neuesten multiresistenten Krankheitserreger der letzten Jahre gab es immer auch einen Lichtblick: Egal ob NDM-1, Carbapenem-Resistenz oder ESBL – alle potentiellen Killer waren bisher verwundbar durch zwei Reserve-Antibiotika. Einerseits das schon lange bekannte Colistin[1], andererseits das neue Tigecyclin.

Jetzt schreibt Maryn McKenna bei Wired, dass sich auch gegen diese letzte Reserve Resistenzen gebildet haben. Einerseits berichtet die Uni Pittsburgh von fünf Patienten mit Colistin-resistenten Klebsiella pneumoniae innerhalb von vier Monaten, vier davon auf der Transplantationsabteilung.

Klebsiella verursacht schwere Infektionen, die Betroffenen mussten zwischen sechs Wochen und sechs Monaten stationär behandelt werden, einer ist dran gestorben. Das Ganze ist also schon für sich genommen unerfreulich, besonders unschön ist aber, dass der Keim innerhalb des Krankenhauses verschleppt wurde und plötzlich ganz woanders eine Frau infiziert hat.

Das zweite Paper, ganz frisch von gestern, berichtet von einem Fall von NDM-1 E. coli, den britische Ärzte mit Tigecyclin behandelten und der daraufhin gegen das Mittel resistent geworden ist. Die Infektion ist dann dank Colistin weggegangen, aber die Erfahrung lehrt, dass wir auch von dieser Resistenz bald mehr sehen werden.

In all diesen Fällen gab es gegen diese Stämme noch eine allerletzte wirksame Waffe. Aber die Geschwindigkeit, mit der sich Resistenzen in den letzten Jahren bei allen möglichen Bakterien ausgebreitet hat, lässt wenig Raum für die Hoffnung, dass diese Meldungen Einzelfälle oder auch nur auf die jeweiligen Arten beschränkt bleiben[2]. Der absolute Worst Case, ein pathogenes Bakterium, das gegen alle Antibiotika resistent ist, ist ab jetzt nicht mehr nur eine theoretische Möglichkeit, sondern schlicht eine Frage der Zeit.
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[1] Colistin hat ein etwas ungewöhnliches Wirkprinzip: Es wirkt wie ein Detergens und verändert die Zellmembran, und die ist evolutionär sehr stark konserviert. Deswegen hat es sehr lange gedauert, bis sich Resistenzen gebildet haben. Einzelfälle kennt man seit etwa 2009.

[2] Es sieht allerdings so aus, als sei bei der Colistin-Resistenz kein Plasmid oder vergleichbares mobiles Element involviert, was die Ausbreitung wohl deutlich verzögern wird.

Lars Fischer

Veröffentlicht von

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Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. @ Lars

    „Das Zeitalter der Antibiotika endet jetzt.“

    (Sarkasmus)
    Und wir können sagen: Wir sind dabeigewesen. Aber das macht ja garnix. Wir ham‘ ja neuerdings PRObiotika.
    (Sarkasmus)

    Als Sarkasmus (von „sarx“: das Fleisch) bezeichnet man übrigens den einem Mus nicht unähnlichen Aggregatszustand, in dem sich ein Leichnam – auch dank der bakteriellen Zersetzung – in fortgeschrittenen Stadien der Verwesung befindet.

  2. @ Lars

    Der assoziative Weg vom Bakterium über den Tod zur Verwesung und von dort zum Fleisch und zum Mus ist ja nun nicht gerade weit.

    „Wachsleichen“ – da fällt mir gerade nichts dazu ein. Habe nie eine anfassen können, ich weiss nicht, wie sich das anfühlt.

    Wär das nicht was für den Chemiker in Dir? Irgendetwas geschieht da mit den Körperfetten im sauerstoffarmer Umgebung, aber ich weiss nicht genau, was. Die Geschichte von Rosa Luxemburgs (angeblicher) Wachsleiche in der Charite hast Du mitbekommen?

    Antibiotika: dass sich Resistenzen entwickeln ist klar. Aber warum kommen wir mit der Entwicklung neuer Antibiotika nicht hinterher? Sind die möglichen Wirkprinzipien schon ausgeschöpft? Mangelt es an ökonomischem Impetus für die Neuentwicklungen?

  3. Verständnisfrage

    Wenn es bei einigen Krankheitserregern solche Resistenzen gibt, so sind doch nur diese betroffen. Das hieße ja, dass die Mehrheit der Infektionskrankheiten nach wie vor mit Antibiotika in den Griff zu bekommen sind?

    Bezieht sich die Überschrift auf den Schock, dass es plötzlich Resistenzen gibt, gegen die man erstmal gar kein Mittel hat?
    Was ist an der Situation neu?

    Dies fragt ein Gegner des unkritischen Antibiotika Einsatzes, der bisher alles was kam mit Fieber überlebt hat. Auch Dank einer willensstarken Mutter, welche Antibiotika ihren Kindern nur als ultima Ratio hätte verabreichen lassen.

  4. @RD

    Resistenzgene können zwischen unterschiedlichen Erregertypen ausgetauscht werden, das Problem wird also nicht auf dieses eine Pathogen beschränkt bleiben. Einschränkung: Siehe Fußnote 2.

  5. Wenn ich das richtig beobachte, wird ja durchaus an Alternativen zu AB zur Bekämpfung geforscht.

    Abgesehen vermute ich mal, dass der wirklich konsequente Einsatz bei AB nicht unbedingt problematisch ist, wenn zusätzlich noch desinfiziert wird, sodass keine Bakterien überleben können. Da gibt es einige Modelle in der Tierhaltung, zum Beispiel das konsequente Ein- und Ausstallen aller Tiere. In der Schweinehaltung werden ganze „sterile“ Tier-Generationen auf diese Weise gezüchtet – mit hin und wieder mal AB kommt man da nicht weiter.

  6. @Helmut:

    Dass die Antibiotikaentwicklung lange stagniert hat, liegt tatsächlich an ökonomischen Faktoren. Für ein Unternehmen ist es wesentlich lukrativer, Medikamente gegen chronische Krankheiten zu entwickeln, weil man Antibiotika ja nur kurz einnimmt. Inzwischen werden aber neue Targets erforscht, so dass möglicherweise bald neue Wirkstoffe auftauchen.

    Allerdings werden auch diese Mittel mit Resistenzen zu kämpfen haben, und die vorhandenen Resistenzen machen es auch wahrscheinlicher, dass neue entstehen. Dass die Wirkprinzipien ausgeschöpft seien, davon kann keine Rede sein, aber unsere Ausgangsposition in diesem Rennen hat sich einfach dramatisch verschlechtert.

    Wachsleichen entstehen, wenn die Körperfette nicht abgebaut, sondern verseift werden. Die Leichenwachse sind einfach die Salze dieser Fettsäuren, das ist ein ähnlicher Effekt, der in zu hartem Wasser die Seifenwirkung reduziert. Die Salze sind sehr schlecht löslich und deswegen kaum abbaubar.

  7. @Sören:

    Ich fürchte, dass Menschen gegen eine Schweine-analoge Haltungsform gewisse Vorbehalte hätten… ^^ Das Problem ist ja eben, dass man eine sachgemäße Ahntibiotikanutzung nur schwer auf breiter Front durchsetzen kann, auch aus sozialen und ökonomischen Gründen.

    Die Forschungen an Alternativen (Antimikrobielle Peptide und andere, exotische Ansätze) ist halt noch in den Kinderschuhen. Was da kommt und vor allem wann, ist noch völlig unklar. Und wir brauchen dringend was Neues.

  8. Ach die Menschen sollen sich mal nicht so anstellen^^

    Ich wollte auch eher darauf hinweisen, dass wir die Resistenzbildungen vielleicht nicht aufhalten können, aber zumindest bremsen sollte möglich sein. Mittlerweile dämmert es auch den Amerikanern, dass die dort immer noch übliche Anwendung von AB zur Leistungssteigerung vielleicht nicht ganz so optimal ist. Und an den Haltungsformen wird in unseren Breitengeraden recht emsig geforscht und einiges auch zügig umgesetzt.

  9. Biofilme, Zusammenhang bei Borreliose

    Lieber Herr Fischer,

    ich möchte meine Borreliose gerne effektiv behandeln. Dazu muss der Biofilm im Darm,(und nicht nur dort),in dem sich bekanntlich die persitierenden Bakterien Burgdorferi herumtreiben,aufgelöst werden.Da ich von Ihnen keinerlei ärztlichen Rat erwarte, (Sie sind ja leider keiner)geben Sie mir doch einfach einen Tipp mit gesundem Menschenverstand und Ihrem Wissen als Chemiefreak.:-)Ich rede nicht von Medikamenten, sondern von Wirkstoffen. Sind Sie so nett?! Danke. Ich verfolge alle Artikel mit großem Interesse. Weiter so.

  10. Hallo Tamara,

    ich muss leider passen, meine spezifischen Kenntnisse über Borreliose sind äußerst begrenzt, da kann ich zu Wirkstoffen keine Aussagen machen. Ich würde Sie da (mit gebotener Vorsicht, weil sich da auch genug Scharlatane herumtreiben) an die entsprechenden Patientenforen verweisen…

  11. Pingback: “im Wesentlichen Diebstahl” – Krebsmedikamente für Indien › Fischblog › SciLogs - Wissenschaftsblogs

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