Chemische Waffen in Syrien – ein Überblick

Syriens Chemiewaffenprogramm geht ursprünglich auf die vernichtende Niederlage der arabischen Armeen gegen Israel 1967 zurück. Der damalige Verteidigungsminister und spätere Staatschef Hafiz Al-Assad kam damals zu dem Schluss, dass Syrien ein strategisches Drohpotenzial brauchte, um Israels drückende konventionelle Überlegenheit auszugleichen. Nachdem Assad 1971 die Macht übernommen hatte, begann er, die syrische Armee mit chemischen Kampfstoffen und geeigneten Trägersystemen auszustatten.

C-Waffen: Atombombe des kleinen Mannes

Gasbombe aus dem ersten Weltkrieg. Ich vermute, sie enthielt Senfgas oder Lewisite. Bild: John Andersson, CC BY-SA 3.0

Chemische Waffen wurden ursprünglich im ersten Weltkrieg entwickelt, um Einheiten in gut befestigten Schützengräben auszuräuchern, an die man anders nicht herankam. Der Grabenkrieg spielt heute natürlich keine Rolle mehr, dafür haben chemische Kampfstoffe im Gefecht einige andere Vorteile. Sie zwingen den Gegner, Schutzanzüge anzulegen oder kontaminierte Gebiete ganz zu meiden und stören ihn so erheblich – von der reinen Beweglichkeit bis hin zu Kommunikation und Sicht beeinträchtigt das „suiting up“ eigentlich alle Aspekte militärischer Operationen. Viel wichtiger ist allerdings der Status chemischer Waffen als „Atombombe des kleinen Mannes“ (wie es der iranische Präsident Ali Rafsandschani es mal ausdrückte). Verglichen mit Atomwaffen sind C-Waffen sehr billig zu haben und stellen trotzdem in den Gefechtsköpfen von Mittelstreckenraketen eine erhebliche strategische Bedrohung für feindliche Stäte und Industriezentren dar.

Bis Mitte der 80er Jahre hatte Syrien mit freundlicher Unterstützung der Sowjetunion und einiger westeuropäischer Staaten nicht nur ein beträchtliches Arsenal moderner chemischer Waffen aufgebaut, sondern auch eigene Produktionsstätten und ein Forschungsnetzwerk, und damit das am weitesten entwickelte C-Waffen-Programm im Nahen Osten. Heute besitzt Syrien einige hundert Tonnen chemischer Kampfstoffe sowie eine große Bandbreite an Waffensystemen, die diese ins Ziel bringen können. Neben Artilleriegranaten, Raketen und Fliegerbomben tragen auch Mittelstreckenraketen wie die Scud A bis C chemische Gefechtsköpfe. Letztere waren der ursprüngliche Sinn der Übung, sie gaben Syrien eine ernstzunehmende strategische Erstschlagmöglichkeit gegen Israel.

Das ursprüngliche Senfgas reagiert mit Biomolekülen aller Art und zerstört so das Gewebe.

Welche Kampfstoffe in den syrischen Arsenalen tatsächlich vorhanden sind, ist nicht bis ins letzte Detail bekannt. Sicher ist, dass Syrien seit Ende der 80er sowohl über blister agents wie die verschiedenen Senfgase verfügte, als auch über Nervengase (die streng genommen keine Gase sind) wie Sarin, Tabun und seit Ende der 90er auch VX (Vgl die Aufzählung in diesem SpOn-Artikel). Es ist auch völlig illusorisch, diese Menge an Kampfstoffen durch Luftangriffe zu zerstören oder anderweitig unschädlich zu machen, so lange Syrien nicht stabil und selbst dazu bereit ist. Der Kram wird uns also für die Dauer des Bürgerkrieges und darüber hinaus weiter beschäftigen, so oder so.

Syriens Arsenal

Blister agents, von denen S-Lost beziehungsweise Senfgas das bekannteste ist, sind hochreaktive Chemikalien, die mit DNA und Proteinen der Zellen reagieren und so zu großflächigen Zerstörungen von Haut und Schleimhäuten führen, das allerdings mit erheblicher Verzögerung. Dagegen greifen die Nervengase wie Sarin und andere Alkylphosphonsäureester das Nervensystem an, indem sie ganz spezifisch das Enzym Acetylcholinesterase (AChE) hemmen. Nerven steuern Muskeln an, indem sie das Signalmolekül Acetylcholin ausschütten. Das wird dann von der AChE zerlegt und der Muskel kann sich wieder entspannen. Nervengase verhindern das, so dass die Muskulatur permanent angeregt wird. Das führt zur Atemlähmung und innerhalb weniger Minuten zum Tod.

Das Nervengas Sarin hemmt spezifisch ein für das Nervensystem unverzichtbares Enzym. Deswegen macht die Stereokonfiguration des chiralen Moleküls einen Unterschied: Das Hier dargestellte S-(-)-Sarin ist die aktivere Form. In C-Waffen wird allerdings ein Gemisch beider Stereoisomere verwendet.

Welcher chemische Kampfstoff jetzt im syrischen Bürgerkrieg zum Einsatz gekommen ist, weiß man schlicht noch nicht. MSF berichtet allerdings von Symptomen, die für Nervengase typisch sind: Unter anderem Krämpfe, starker Speichelfluss, Atemnot und sehr kleine Pupillen. Besonders letzteres ist sehr typisch für Nervengase. Großflächige Hautläsionen, wie sie bei Senfgas auftreten, tauchen in den Berichten dagegen nicht auf. Entsprechend vermuten die meisten Experten, dass Sarin zum Einsatz kam, das am einfachsten herzustellenden Nervengas. Zwar besitzt Syrien wohl auch Munition mit dem noch giftigeren Nervengift VX – das aber ist sehr schwer flüchtig und das Kampfgebiet wäre noch über Tage oder Wochen verseucht. Außerdem sind wahrscheinlich die meisten syrischen C-Waffen mit Sarin bestückt.

C-Waffen-Analytik: Chromatographie und Massenspektrometrie

Der US-Außenminister John Kerry behauptet, bei einer Analyse von Haaren und Blut der Opfer sei hieb- und stichfest nachgewiesen worden, dass Sarin zum Einsatz kam. Inwiefern das eine glaubwürdige Quelle ist, sei mal dahingestellt. Auf jeden Fall kann man die verschiedenen Nervengase anhand von Blut, Urin oder Gewebe der Opfer, aber auch in Umweltproben, mit Hilfe moderner chemischer Analytik sicher nachweisen.

Proben aus der Umwelt haben dabei den Vorteil, dass die Rückstände der Kampfstoffe dort länger halten als im Körper, wo sie sehr schnell abgebaut und ausgeschieden werden. Im Juni hatte man ja schon mal versucht, Sarin anhand von aus dem Land geschmuggelten biologischen Proben nachzuweisen, was letztendlich wohl an der unklaren Herkunft und Geschichte der Präparate scheiterte. Das ist auch der Grund, weshalb dieses mal UN-Inspektoren vor Ort vorstellig geworden sind, um selbst Proben zu nehmen. Nur so kann man wirklich sicher sein, woher die Materialien stammen und dass sie nicht nachträglich manipuliert sind.

Wenn man Proben gesicherter Herkunft hat, extrahiert man sie entweder mit einem Lösungsmittel oder einem speziellen Absorbermaterial, so dass die gewünschten Substanzen angereichert werden. Man konzentriert sich dabei auf die primären Abbauprodukte. Bei Sarin ist das Isopropylmethylphosphonat, bei anderen Nervengasen Phosphonsäureester mit etwas anderer Struktur. Die verestert man dann zum Beispiel mit perfluorierten organischen Verbindungen, damit sie im MS besser fliegen, trennt die Sammlung chromatographisch auf und macht ein Massenspektrum.

Man kann inzwischen auch ohne Vortrennung komplette Spektren aufnehmen, in biologischen Proben sind die Konzentrationen aber oft so gering, dass man sich auf ein einziges Molekülion beschränkt. Die so erhaltenen Chromatographie- und MS-Daten vergleicht man dann mit validierten Referenzspektren aus der Literatur, außerdem lässt man Kontrollanalysen mit und ohne die gesuchten Substanzen mitlaufen. Mit Hilfe dieses Verfahrens lassen sich die Nervengase nicht nur untereinander sicher unterscheiden, sondern auch von den vielen chemisch sehr ähnlichen Pestiziden.

Wer war’s?

Die interessante Frage ist natürlich, wer tatsächlich für den Einsatz der C-Waffen verantwortlich ist. Den einfachsten Zugriff auf diese Waffen hat die reguläre syrische Armee, die ja das Arsenal besitzt und instand hält. Man kann zwar nicht ausschließen, dass irgendeine Rebellengruppierung entsprechende Munition in einer Militärbasis oder den Produktionsstätten erobert hat, ich bezweifle aber, dass so eine Gruppe das Know-How und die logistischen Fähigkeiten hätte, solche Waffen effektiv einzusetzen. Angriffe mit chemischer Munition erfordern ja einen koordinierten, massiven Beschuss, um einen größeren Bereich mit einer tödlichen Konzentration des Kampfstoffes einzunebeln. Da muss man schon in etwa wissen, was man tut, und das auch mit dem richtigen Timing umsetzen. Das spricht dafür, dass da eine speziell ausgebildete Militäreinheit am Werk war.

Diese US-amerikanische Sarin-Clusterbombe aus den 60er Jahren war dafür konzipiert, große Flächen mit Nervengas einzunebeln. C-Waffen effektiv einzusetzen, erfordert einiges technisches und logistisches Know-How.

Es lässt sich andererseits nicht komplett ausschließen, dass eine Rebellengruppe verantwortlich ist. Erstens hat Syrien wirklich große Mengen chemischer Kampfstoffe gebunkert, so dass da leicht was wegkommen kann, zumal im Chaos eines Bürgerkriegs. Ich erinnere mich auch, dass Einheiten der regulären Armee zu den Rebellen übergelaufen sein sollen. Was die dabei an Material mitgenommen haben, wissen wir nicht.

Dummerweise braucht man im Extremfall überhaupt keinen Zugriff auf fertige chemische Waffen, um eine Stadt mit Sarin anzugreifen. Mit einer im Irak entwickelten Prozedur kann man chemische Kampfstoffe nämlich direkt vor Ort aus Vorläufersubstanzen herstellen, die wesentlich einfacher zu beschaffen sind. Bei diesem Quickmix-Verfahren kippt man Difluor (Methylphosphonsäuredifluorid) oder eine Mischung aus Difluor und Methylphosphonsäurechlorid auf bereits in der Munition enthaltene Alkohole. Die Reaktion erzeugt eine 60:40-Mischung aus Sarin und Cyclosarin, die dann direkt verwendet werden kann. Das hat den Vorteil, dass man keine fertigen C-Waffen aus irgendwelchen Depots klauen muss, der Prozess selbst ist allerdings extrem gefährlich. Es ist unwahrscheinlich, dass syrische Rebellengruppen diese Methode verwenden, ganz ausschließen kann man es nicht.

Das Chemiewaffenverbot – den Aufwand wert?

Bleibt nur noch die Frage, warum uns das überhaupt kümmern sollte. (Addendum: Eine ausführliche Diskussion dieser Frage findet sich hier im Kneipenlog) Es wird zwar immer wieder behauptet, C-Waffen seien viel grausamer und tödlicher als konventionelle Waffen. Das ist ziemlich offensichtlich Blödsinn, und war es schon nach dem ersten Weltkrieg, als dieser Mythos entstand. Tatsächlich waren damals die chemischen Kampfstoffe weit weniger tödlich als konventionelle Waffen, mit einer nach einigen Quellen um den Faktor zehn geringeren Mortalität (Details und Zitate dazu findet man u.a. in Croddy: Chemical and Biological Warfare). Insofern ist bei näherer Betrachtung erstmal nicht direkt ersichtlich, warum man in Syrien so dringend das C-Waffen-Verbot durchsetzen oder zumindest symbolisch aufrecht erhalten muss, trotz aller Nachteile einer solchen Aktion. Zumal Assads Truppen mit konventionellen Waffen bereits dutzendfach mehr Zivilisten getötet haben.

Nahezu alle Staaten der Erde haben die CWC unterzeichnet (grün). Für einen internationalen Vertrag bemerkenswert. Aber wieviel ist das wirklich wert? Bild: Allstar86, CC BY-SA 3.0

Das in der Chemical Weapons Convention festgelegte Chemiewaffenverbot dürfte ursprünglich auf zwei Effekten basieren: Einerseits die psychologische Wirkung der lautlosen und unsichtbaren Agenzien, und zum anderen der treu gepflegte Mythos vom Krieg als ritterlichen und sauberen Kampf zwischen tapferen Kriegern. Dass der Blödsinn auch heute noch en vogue ist, beweist dieser „Experte“ in National Geographic, der sogar zu glauben scheint, dass es Bomben gibt, die Frauen und Kinder gezielt verschonen. Inzwischen argumentiert man, dass C-Waffen verboten sind, weil sie sich besser für Terrorangriffe gegen Zivilisten eignen als für das Schlachtfeld. Das ist zumindest ein diskutables Argument. Ob das als ausreicht, Angriffe auf syrische Ziele zu begründen, weiß ich nicht. Zumal die möglicherweise alles noch schlimmer machen würden.

Zyniker würden wohl vermuten, dass das eigentliche Problem ein anderes ist: Stichwort „Atombombe des kleinen Mannes“. C-Waffen haben ein erhebliches Abschreckungspotenzial insbesondere gegenüber westlichen Staaten, die ungern im großen Stil Soldaten verlieren. Da interveniert es sich halt nicht so gut.

Lars Fischer

Veröffentlicht von

www.fischblog.com

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Flappsigkeit über Grausamkeit

    Vielen Dank für Ihren informativen Text zu Chemiewaffen und Syrien. Ihre Äußerungen zum Problem der „Grausamkeit“ von Chemiewaffen finde ich allerdings etwas zu flappsig. Das Problem, wie „grausam“ Chemiewaffen sind, ist wohl kaum objektiv lösbar, aber mir scheint es sinnvoller, eine Waffengattung zu ächten, als sie nicht zu ächten. Solange die Abschaffung von Krieg ein utopisches Ziel ist, ist es wenigsten erstrebenswert, Regeln zu schaffen, die die Furie Krieg zähmen, auch wenn die Regeln moralisch absurd erscheinen können und ständig gebrochen werden. Es gibt möglicherweise auch ein pragmatisches Argument gegen Chemiewaffen. Es ist, denke ich, sehr schwer für Soldaten, in Schutzanzügen längere Zeit zu kämpfen. Auch die Verhältnismäßigkeit der Mittel bei kriegerischer Gewaltanwendung sollte berücksichtigt werden. Der Einsatz gegen die Zivilibevölkerung ist allemal tabu.

  2. C-Waffenverbot durchUntätigkeitAufheben?

    Wenn der C-Waffeneinsatz von syrischen Truppen kein Grund für einen „Vergeltungsschlag“ ist, weil C-Waffen allgemein überschätzt werden, dann hebt man mit dieser Begründung das C-Waffenverbot faktisch auf. Was dann der Proliferation solcher Waffen des armen Mannes (eingesetzt meist um arme Kinder und Frauen eines andern armen Mannes ins Jenseits zu befödern) Vorschub leistet. Zudem scheinen die Chemiewaffen ja der heimliche Trumpf der syrischen Armee zu sein. Diese in einem Ernstfall nicht einzusetzen ist aus der Sicht von Assad und seiner Armee wahrscheinlich ähnlich wie wenn die USA auf den Gebrauch ihrer wirksamsten Waffen (z.B. der Drohnen) verzichten würden. Mit anderen Worten: Es muss nicht Assads letzter Chemiewaffeneinsatz geblieben sein. Die meisten Beobachter sind sich einig, dass Assad zu allem bereit ist um seine Stellung zu halten. Auch zum Giftwaffeneinsatz. So gesehen war dieser erste Einsatz wohl nur eine Art Testlauf. Wenn sich niemand resolut dagegen wendet ist ein weiterer Einsatz von Chemiewaffen von seiten der syrischen Armee sogar wahrscheinlich. Entscheidend wird wohl die Haltung nicht der USA sondern die Haltung der Verbündeten Assads zum Chemiewaffenseinsatz sein. Wenn Russland oder der Iran mit der Einstellung der Hilfe droht, falls Assad noch einmal Chemiewaffen einsetzt, so wird er es bleiben lassen, andernfalls wird er es als Mittel das eigene Überleben zu sichern wohl wieder einsetzen.

  3. Die Entwicklung bleibt abzuwarten

    Vielen Dank für den sehr detaillierten Text.
    Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie die USA, GB und Frankreich in Kürze reagieren werden.
    Viele offene Fragen stehen natürlich noch im Raum, unter anderem natürlich auch die Frage, ob die Regierung oder die Rebellen für diese grausame Tat verantwortlich sind.
    Assad bekräftigt seine Willensstärke natürlich schon, dass er mit einem zweiten Vietnam für die USA drohe – und dieser Krieg war bedauerlicherweise auch ein Krieg, der Unmengen an Zivilistenleben kostete.

  4. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich

    „Da muss man schon in etwa wissen, was man tut, und das auch mit dem richtigen Timing umsetzen.“

    Vielleicht aber auch nicht: http://www.mintpressnews.com/…al-weapons/168135/

    Zumindest Carla del Ponte hat schon früher davon berichtet, daß es Zeugen für C-Waffen bei den Rebellen geben soll. Weshalb sie, im Gegensatz zu ihrer „richtigen“ Berichterstattung im jugoslawischen Bürgerkrieg, auch nicht mehr zitierfähig ist in den Medien.

  5. Chemiewaffen bei Rebellen ?

    Vielleicht war das auch eine Fehlmeldung oder ein Patzer von Carla del Ponte. Zumindestens wurde am selben Tag, am 6. Mai 2013 von der Uno-Kommission für Menschenrechtsverletzungen in Syrien dementiert, dass es Beweise für die Benutzung von Chemiewaffen von einer der Parteien in Syrien gebe.

    http://www.ohchr.org/…?NewsID=13298&LangID=E

  6. Eskalation

    Guter Hinweis auf die überschätzte Wirkung von C-Waffen im Vergleich zu konventionellen Massakern.
    Richtig ist aber auch , daß die psychologische Komponente eine erhebliche Rolle spielt , und das geht wahrscheinlich tatsächlich noch zurück auf den Schock im ersten Weltkrieg.

    Wir wissen nicht , wie Assad reagieren wird , wenn er irgendwann vor seinem Sturz stehen wird , was über kurz oder lang zumindest wahrscheinlich sein wird.

    In diesem Moment wächst die Gefahr , daß das Regime kurz vor Schluß nochmal C-Waffen auf Israel abschießt- völlig unabhängig von einem Eingreifen des Westens birgt das eine nicht unerhebliche Gefahr der Eskalation in sich.
    Vielleicht ist eine Ächtung doch nicht so verkehrt , was aber nicht automatisch bedeutet , daß ein Militärschlag vertretbar ist.

  7. Chemiewaffenverbot den Aufwand wert

    Es sind ja inzwischen nicht nur die ABC-Waffen geächtet, sondern auch Streubomben und bestimmte Formen von Munition. Hier einen Rückschritt in Kauf nehmen heißt auch Kriege wahrscheinlicher machen in denen solche Waffen eingesetzt werden. Nach dem Syrienkrieg sollte Syrien also entwaffnet und seine chemischen Waffen zerstört werden. Und nach dem Syrienkrieg kann nur heißen nach dem Abtritt von Assad. Dass dieser sich weiter halten könnte wäre wohl einer der denkar schlimmsten Ausgänge des Krieges. Wenn gewisse Kommentatoren hier vor weiterer Eskalation warnen, muss man sich fragen was denn eine weitere Eskalation bedeuten könnte, sind doch bereits 1/3 der Syrer auf der Flucht. 2 Millionen haben das Land verlassen und 5 Millionen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Eine Eskalation könnte aber dennoch passieren indem der Krieg auf die ganze Region übergreift.
    Ein US-Militärschlag wird mit großer Wahrscheinlichkeit nichts grundsätzlich am Kriegsverlauf ändern. Es scheint aber, dass die Obama-Administration sich fast gezwungen sieht einzugreifen, weil sonst die Glaubwürdigkeit der USA schwer beschädigt würde. So mindestens sehen es die Berichterstatter der Ney York Times.

    Jedenfalls scheint es mir falsch, die Ächtung des Chemiewaffeneinsatz vom Kriegsverlauf in Syrien abhängig zu machen. Wenn das Resultat eines Krieges die Aufhebung der Ächtung vorher verbotener Waffen ist, begibt man sich auf einen gefährlichen Pfad.

  8. Nun ja…

    Nach dem Syrienkrieg sollte Syrien also entwaffnet und seine chemischen Waffen zerstört werden.

    Das halte ich für völlig unrealistisch. Von wem? Wie? Dazu müsste eine Gruppierung an die Macht kommen, die das nicht nur mitmacht, sondern auch die Armee zwingen kann. Daran glaub ich nicht. Wer sollte das sein?

    Die Islamisten sind die stärkste Fraktion, die wären wohl nach Assad am Ruder. Da würden sich die Alawiten in der Armee aber bedanken – und nie im Leben ihre C-Waffen rausrücken.

  9. Nun ja …

    „Die Islamisten sind die stärkste Fraktion, die wären wohl nach Assad am Ruder. Da würden sich die Alawiten in der Armee aber bedanken – und nie im Leben ihre C-Waffen rausrücken.“

    Dass nach Assad und unter den neuen Machthabern – wahrscheinlich (sunnitische) Islamisten – die Alawiten (affiliiert mit der Familie der Shiiten) weiterhin das dominierende Element in der syrischen Armee sind, wie oben nahegelegt, scheint mir ein Zeichen grober Realitätsverkennung und einer Fehleinschätzung des Bürgerkrieges in Syrien: Die Alawiten kämpfen um ihr Leben. Deshalb sind sie auch zu allem bereit. Assad selbst steht das Schicksals Gaddafis bevor, also die Exekution durch die Meute, die die Macht ergreift. Wenn die Islamisten die Macht übernehmen sind die Alawiten überall weg. Auch in der Armee. Es geht hier nicht nur um einen Kampf um die Macht sondern um einen Kampf um Leben und Tod. Wer die Macht ergreift eliminiert die andern. Etwas was sogar heute schon unter den verschiedenen konfessionellen Gruppen geschieht.
    Zitat SPON:Die islamistische Rebellengruppe Nusra-Front will sich an der alawitischen Minderheit für die mutmaßlichen Angriffe mit Chemiewaffen rächen. „Für jede Chemiebombe, die auf unsere Leute in Damaskus gefallen ist, wird eines ihrer Dörfer zahlen, so Gott will“, sagte der Anführer der Gruppe, Abu Mohammed al-Golani in einer im Internet veröffentlichten Audiobotschaft.

    Trotzdem ist folgendes möglich, mindestens nicht ausgeschlossen:
    „Nach dem Syrienkrieg sollte Syrien also entwaffnet und seine chemischen Waffen zerstört werden.“

    Dies könnte von den Saudis erzwungen werden, denn es sind die Saudis, welche die sunnitischen syrischen Rebellen finanzieren. Die Saudis sind an stabilen Verhältnissen interessiert und sicher nicht an einem in der Zukunft sogar für sie gefährlichen unkontrollierbaren Syrien.

    Warum aber mischen sich die Saudis überhaupt in den Syrienkrieg ein?
    Das dürfte hier in Deutschland ebenfalls nicht allen klar sein, genau so wie das Schicksal, das den Alawiten bevorsteht, wenn sie verlieren: Letztlich geht es im Syrienkrieg um einen Kampf zwischen Sunniten und Shiiten. Es geht darum ob der Iran, Syrien und die Hizbollah den shiitischen Halbmond ausbauen können und an Einfluss in der Region gewinnen oder ob die Sunniten sie zurückdrängen können. Es ist nicht zuletzt ein konfessioneller Krieg.
    Das erklärt auch einen Teil der Grausamkeit in diesem Krieg. Man erinnere sich nur an die Religionskriege in Europa, dann wird einem einiges klar.

  10. Langzeitfolgen

    Wie schaut es mit den Langzeitfolgen von C-Waffen aus? Da es sich chemisch um deutlich unterschiedliche Substanzen handelt, lässt sich da wohl keine pauschale Antwort geben. Manche Stoffe zerfallen nach wenigen Tagen vollständig und tangieren DNS lebender Organismen überhaupt nicht, andere bleiben länger in der Umwelt oder schädigen das Erbgut ganz beträchtlich. Das in Vietnam eingesetzte verunreinigte Agent Orange dürfte zu letzterer Kategorie gehören. Insofern ist eine besondere Ächtung von C-Waffen meines Erachtens gerechtfertigt.

  11. Rüstungsaltlasten

    Über die Langzeitfolgen müssen sich in der Regel andere Gedanken machen, das tangiert die Erfinder, Hersteller und „Anwender“ von konventionellen oder chemischen Kampfstoffen nicht mehr. In den Küstengewässern von Nord- und Ostsee schlummern noch massenweise Rüstungsaltlasten, die nach dem Ende des zweiten Weltkriegs dort entsorgt wurden. Die Auswirkungen wird man spätesten dann zu spüren bekommen, wenn die alten Fässer durchrosten.

    http://www.biologie.uni-rostock.de/…ng_39_54.pdf

  12. Langzeitfolgen

    Blister agents wie die verschiedenen Senfgase verursachen m.W. nur akute toxische Effekte ohne Langzeitfolgen. N-Mustards werden z.B. auch in der Krebstherapie eingesetzt. Das meiste von dem, was am Grund der Nord- und Ostsee liegt, fällt in diese Kategorie. Mustards sind außerdem sehr reaktiv und werden deswegen schnell inaktiviert, sobald die Munition durchgerostet ist.

    Nervengase dagegen verursachen teils erhebliche neurologische Schäden, die auch nach dem Ende der akuten Wirkung nachbleiben.

  13. Cui bono-

    Überlegungen sind aber auch nicht hilfreich:

    Zyniker würden wohl vermuten, dass das eigentliche Problem ein anderes ist: Stichwort „Atombombe des kleinen Mannes“. C-Waffen haben ein erhebliches Abschreckungspotenzial insbesondere gegenüber westlichen Staaten, die ungern im großen Stil Soldaten verlieren. Da interveniert es sich halt nicht so gut.

    ABC-Waffen sind Massenvernichtungsmittel, WMDs, und hauptsächlich wegen ihrer nicht zielgerichteten und starken Wirkung geächtet, nicht weil sie jemandem missfallen, der zu intervenieren gedenkt.

    Richtig ist aber, dass auch Bomben WMDs sind bzw. von einigen Institutionen so verstanden werden.
    Die ‚Atombombe des kleinen Mannes‘ ist wohl die so genannte schmutzige Bombe.

    MFG
    Dr. W

  14. Soll der Westen sich raushalten?

    Die abschliessenden Sätze dieses Beitrags

    Zyniker würden wohl vermuten, dass das eigentliche Problem ein anderes ist: Stichwort „Atombombe des kleinen Mannes“. C-Waffen haben ein erhebliches Abschreckungspotenzial insbesondere gegenüber westlichen Staaten, die ungern im großen Stil Soldaten verlieren. Da interveniert es sich halt nicht so gut.

    können als Aufforderung aufgefasst werden, der Westen solle überhaupt nicht mehr intervenieren. Die USA und Frankreich sowieso sollen sich doch raushalten. In der Bevölkerung der USA, Grossbritanniens und auch Frankreichs ist diese Haltung jetzt schon dominant und selbst die bevorstehende Intervention der USA soll ja vor allem ein symbolischer Akt sein und wird voraussichtlich Assads Position kaum schwächen.
    Der Ausgang der jüngsten Interventionen in Afghanistan und Irak legen diese „isolationistische“ Haltung nahe. Doch wenn diese Haltung bedeutet, dass es überhaupt keinen „Weltpolizisten“ mehr gibt, niemanden, der irgend eine Grenze setzt, könnte dies auch eine Eskalation über alle bis jetzt gekannten Masse erst möglich machen. Wenn sich Assad sicher ist, dass niemand eingreift, warum soll er dann nicht die Bevölkerung ganzer Städte auslöschen? Selbst wenn in den angegriffenen Städten die Zivilisten überwiegen und nur ein kleiner Bruchteil Aufständische sind? Damit könnte er einen Sieg erzwingen und wie im obigen Beitrag erwähnt, würden die eingesetzten Chemiewaffen schon nach kurzer Zeit ihre Wirkung verlieren und die nun gesäuberten Städte würden eine prima Heimstadt für Assad-Anhänger abgeben. Man muss sich klar sein, dass fast jeder längere Krieg über alle Vorstellungen hinaus eskalieren kann. Gedanken in diese Richtung gab es mehrmals. Die USA hatten sich während des Vietnam-Kriegs ernsthaft überlegt, die Atombombe einzusetzen um Nordvietnam zu besiegen. Das haben sie wohl vor allem deshalb nicht getan, weil der Ausgang des Vietnamkriegs ja keine Überlebensfrage für die USA war. Für Assad ist der Syrienkrieg aber eine Überlebensfrage.

    Besser wäre natürlich, wenn die UNO dafür sorgen würde, dass bestimmte Grenzen nicht überschritten werden. Doch bis jetzt hat sie in dieser Hinsicht mehrfach versagt. Das Srebrenica-Massaker passierte unter den Augen einer UNO-Armee und den Völkermord in Ruanda hat die UNO nicht verhindert.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben