Bürgerkonferenz: Die Welt retten mit Dämmstoffen

So langsam sind wir am bitteren Ende resp. Grande Finale der Bürgerkonferenz Berlin angekommen. Zu Erinnerung: Der ganze Sinn der Übung ist, ein Papier mit Forderungen und Vorschlägen zum Thema Energienutzung der Zukunft zu verabschieden. Das gute Stück soll so ein bisschen das Gegenstück zu den Empfehlungen anonymer und ungewählter Expertengremien sein und den Standpunkt der einfachen Bürger in die Politik transportieren.

Das krankt ein bisschen daran, dass die Teilnehmer überwiegend Akademiker sind, die ohne jegliche Schamesröte Imponiervokabeln wie "Intermodalitätsangebote", "Parkplatzbewirtschaftungen" und "Reurbanisierungsanreizsystem" einstreuen. Repräsentativ für die Gesamtbevölkerung sind sie damit glücklicherweise nicht, sonst müsste man dem Land die Schreibwerkzeuge wegnehmen, aus Notwehr. Auf jeden Fall standen insgesamt 39 Empfehlungen an Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zur Wahl, von denen dann elf ins Abschlussdokument gelangt sind.

Von der Wissenschaft erhoffen sich die hier versammelten Bürger konkrete Forschungsergebnisse zu Energie-relevanten Schwerpunktthemen wie Energiespeicher und Wärmedämmung. Besonders Energiesparen am Bau scheint ein Thema zu sein, das viele Bürgerkonferenzler umtreibt. Die meisten Vorschläge zur Wissenschaft sind immerhin durchaus sinnvoll. In den meisten Fällen sind die Empfehlungen sogar so sinnvoll, dass solche Forschungsprojekte bereits in Gang sind.

Der Vorschlag mit einer der höchsten Zustimmungsraten überhaupt, nämlich moderne und preiswerte Dämmstoffe zu erforschen, rennt bei den Ingenieuren offene Türen ein, wie man sich mit einer einfachen Websuche leicht überzeugen kann. An Forschungsprojekten über ökologisches Bauen mangelt es sicherlich nicht, dass man das noch mal extra fordern müsste. Ideenwettbewerbe zu Energiethemen hat man auch schon mal gesehen. Aber gut, der Gedanke zählt.

Es hat sich ja schon abgezeichnet, dass die Bürgerkonferenz einige weitreichende Vorschläge für die Energiespar-PR machen würde, was dann ja auch passiert ist. Das reicht von der gut bewerteten und vor allem durchaus sinnvollen Idee, das Thema in den Lehrplänen festzuschreiben (vom Kindergarten ist hier glücklicherweise nicht mehr die Rede) bis hin zu ausgemachten Blödsinn – glücklicherweise sind immerhin die beiden Vorschläge, Journalisten dreist für Propagandakampagnen nach dem Muster von Özkans Mediencharta zu shanghaien, glatt durchgefallen.

Die elf Vorschläge, die es dank breiter Zustimmung ins Abschlusspapier geschafft haben, kann man vollständig im Internet nachlesen. Dem Vernehmen nach finden die meisten Teilnehmer das Format Bürgerkonferenz inspirierend und konnten das eine oder andere mitnehmen – nicht zuletzt das Gefühl, am politischen Prozess beteiligt worden zu sein. Das ist im Zweifel mehr wert als das doch etwas dröge Abschlussdokument selbst. Andererseits: Retten wir die Welt mit Dämmstoffen – warum eigentlich nicht?

Lars Fischer

Veröffentlicht von

www.fischblog.com

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bürgererziehung

    Wäre der ehrliche Bezeichnung für Bürgerkonferenz nicht Bürgerweiterbildung oder Bürgererziehung.

    Nun, das ist ja nichts schlechtes. Allerdings scheinen, wie man dem Bericht entnimmt, die didaktischen Fähigkeiten der Dozenten ungenügend. Was man nicht einmal auf Studenten loslassen kann, lässt man also auf die Bürger los.

  2. Wahlverfahren

    Ein Nachteil war das die Tische an denen keine guten Textformulierer vorhanden waren auch nicht ihre Vorschläge gut präsentieren konnten im vergleich zu den restlichen Tischen.
    Somit kamen auch überwiegend Vorschläge in die Top 10 nur aufgrund ihrer eingehenderen Schreibweise/Formulierung während durchaus realisierbare sinnvolle Vorschläge mit Defiziten in der Abschlußformulierung weit abgeschlagen waren.
    Die einfache Addition ohne Differenzierung der vollen Ja-Stimmen und der Ja,aber-Stimmen hat meiner Meinung das Endergebnis auch etwas verfälscht.
    Auch war es schwer in einem großen Raum zu kommunizieren durch den Hintergrundlärmpegel, da besteht Verbesserungsbedarf, entweder eigene Räume für die Untergruppen oder bessere Nutzung moderner technik wie z.B mehrere Laptops auf einem Tisch und ein gemeinsames Pad wo alle mitlesen können und auch mitschreiben können.
    Auch waren bestimmte Bevölkerungsgruppen stark über/unterrepresentiert zb über 43% Rentner andererseits grade mal 2% Arbeiter oder Jugendliche.

  3. Nicht die Akademiker, die Moderatoren

    Sie haben mit Ihrer Kritik absolut recht. Das pseudowissenschaftliche Geschwafel wurde nach meiner Erfahrung nicht von den Teilnehmern produziert. Der Begriff „Reurbanisierungsanreizsystem“ wurde gegen meinen erbitterten Widerstand vom Moderator durchgesetzt, weil ihm „Umwidmung der Eigenheimsubvebtionen“ nicht akzeptabel erschien. Keine einzige Formulierung wurde ja von den Bürgern geschrieben. Das Monopol hatten die Moderatoren, und entsprechend ist das Ergebnis.

  4. Formulierungen

    Ein Teil der Formulierungs- und Abstimmungsprobleme war sicherlich der knappen Zeit geschuldet. Es ist schon bemerkenswert, dass die 160 Beteiligten in nur zwei Tagen so ein Dokument zustande bekommen haben, da wundert es mich gar nicht, dass die Moderatoren das Verfahren teilweise abgekürzt haben.

    Mich stört dabei, dass die Imponiervokabeln einfach der gesamten Grundidee der Bürgerkonferenz entgegenstehen. Am Anfang heißt es, jeder kann mitmachen, aber dann wird eben über die Sprache doch wieder ein großer Teil der Bevölkerung aussortiert. Und zwar ganz gezielt. Das sind ja keine spezifischen Fachbegriffe, für die es keine sinnvolle Umschreibung gäbe, sondern einfach gestelzte Blähwörter, mit denen Status demonstriert werden soll.

  5. Sprache der Moderatoren

    Ja, es ist absolut richtig, dass diese gestelzten Blähwörter oder Imponiervokabeln Gift für die Idee einer Bürgerkonferenz sind. Es ist aber die Sprache der Veranstalter und der von ihnen geschulten Moderatoren, nicht die Sprache der aktiven Teilnehmer. Die Schuldzuweisung an die „Akademiker“ unter den Teilnehmern ist nach meiner Beobachtung als aktiver Teilnehmer völlig falsch. Zu meiner großen Freude habe ich gerade zwischen den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen Gespräche von großer Freundlichkeit und Offenheit erlebt, von den Glühbirnen bis zur Weihnachtsbeleuchtung und dem Einkaufsverhalten, von der Fischerei bis zum Elektroauto, so dass ich die Veranstaltung – abgesehen von der schließlich verabschiedeten Erklärung – für mich persönlich immer noch als Gewinn betrachten kann.
    Die Sprachverhunzung am Ende kam eindeutig durch das Formulierungsmonopol und IT-Monopol der Moderatoren und der Redaktion zustande. Deren Sprache ist in das Schlussdokument eingegangen und nicht die lebendige und klare Sprache der Teilnehmer. Dass es aber so schlimm geworden ist, wie es nunmehr ist, lag nicht am Zeitdruck, sondern an der absurden Vorgabe an die Moderatoren, irgendwie gleichverteilt insgesamt 40 Statements einzufordern, die offenbar an jedem Tisch irgendwie gleichwertig nach irgendwelchen vorher instruierten Kategorien formuliert werden mussten. Ich habe schon am Beispiel „Reurbanisierungsanreizsystem“ erklärt, wie ich mich verzweifelt gegen gewehrt habe.
    Die Teilnehmer haben es nach meinem Eindruck allesamt sehr genossen, vom Veranstalter umsorgt zu werden und mit netten Menschen zusammen zu kommen. Die Dankbarkeit dafür äußerte sich darin, dass sie dem Moderator oder der Moderatorin auch nur Freundlichkeit entgegenbringen wollten. Das ist ein für Berlin verblüffend atypisches Verhalten – ein Erfolg für den Veranstlter! – aber niemand (auch ich nicht) wollte ernsthaft die warme, freundliche Atmosphäre zerstören, die an den Tischen zustande kam, und ließ schließlich die armen Moderatoren halt machen.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben